Christophs Pflege-Café: „Die Pflege ist ein wunderschöner Berührungsberuf“

Der Ethiker Giovanni Maio über eine Rückbesinnung Pflegender

(C) Coloures-Pic

Nach einem Blick in das Buch „Werte für die Medizin“ wird deutlich, was der Medizin-Ethiker Giovanni Maio mit seiner Arbeit erreichen will. Ihm geht es bei seiner Auseinandersetzung mit dem Arzt-und dem Pflegeberuf um den Mehrwert dieser oft zu wenig geschätzten Arbeit. Ihm reicht es nicht, diese Menschenarbeit nach wirtschaftlichen Maßstäben zu beurteilen. Maio legt Medizinern wie Pflegenden nahe, sich mit der eigenen Identität und den eigenen Werten zu beschäftigen. Nicht nur an der Café-Bar, sondern vor allem in den unzähligen Handlungsfeldern wünscht sich Maio eine Rückbesinnung. In Christophs Pflege-Café hat er Rede und Antwort gestanden.

Christoph Müller Die Arbeit eines Medizin-Ethikers erscheint dem pflegerischen Praktiker suspekt. Woher kommt aus ihrer Sicht die Skepsis?

Giovanni Maio Die Ethik im Allgemeinen und die Medizinethik im Besonderen hat es mit vielen Vorurteilen zu tun. Dass Sie den anderen etwas vorschreibe oder dass sie lebensweltlich fremde Denkakrobatik betreibe oder dass sie sich illegitimerweise in fremde Bereiche einmische. Ich habe immer versucht, Ethik so zu betreiben, dass diese Vorurteile nicht bestätigt werden, denn mir geht es primär darum, Reflexionsprozesse anzustoßen, vertieft über das Grundlegende nachzudenken, um über die Generierung einer Nachdenklichkeit besser erfassen zu können, um was es eigentlich geht. Es ist mein Denkansatz, auf das Grundlegende zu verweisen. Diesen Ansatz verfolge ich nicht als Diktat von oben, sondern als gedankliches Herantasten von unten – nicht gegen die Heilberufe, sondern mit ihnen, nicht über sie hinweg, sondern von ihnen aus vertiefend. Da ich selbst aus den Heilberufen komme, ist mir die Lebenspraxis der Heilberufe die originäre Grundlage allen Denkens. Meine besondere Affinität zur Pflege resultiert schlichtweg aus meiner früheren Tätigkeit als Internist in der Klinik, in der ich die Pflegenden eigentlich darum beneidet habe, einen viel personaleren Zugang zum Patienten zu haben als wir es als Kliniker haben konnten oder durften oder wollten.

Christoph Müller In Ihrem Buch schreiben Sie, Pflege sei ein Berührungsberuf, „der über die Kunst des behutsamen Herantastens sowie sehr viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung verfügen muss“ (S. 58). Für psychiatrisch Pflegende mag dieser Gedanke noch eingängig klingen. Welche Konsequenzen muss eine solche Haltung in der neurologischen oder chirurgischen Pflege haben?

Giovanni Maio Dieser Gedanke ist für alle Formen pflegerischer Arbeit relevant, denn man muss sich einmal überlegen, was die Pflege an außerordentlicher Leistung vollbringt, wenn sie Körperpflege betreibt. Um überhaupt Zugang zu bekommen zum Körper eines anderen Menschen muss man enorme Vorleistungen vollbringen. Wenn man da nicht mit Fingerspitzengefühl vorgeht, wenn man keinen Feinsinn für die Situation entwickelt und wenn man nicht behutsam vorgeht, wird man im Patienten ein ungutes Gefühl evozieren und umgekehrt läuft man sogar Gefahr, Gewalterfahrungen zu machen, weil Patienten sich wehren.

Wenn man also als eine Person, die nicht zum Nahbereich des Patienten gehört, in seinen körperlichen Nahbereich vordringt, so kann dies nur mit Fingerspitzengefühl und mit ausreichend Erfahrung erfolgen. Die Pflegenden verwirklichen diese Kunst der respektvollen Berührung jeden Tag; sie sind Meisterinnen darin, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Das, was die Pflege jeden Tag meisterhaft leistet, ist eben eine stumme Leistung, eine Leistung, die sich nicht dokumentieren lässt, aber sie ist eine zentrale Leistung, die darin besteht, im gekonnten Berühren Intimitätsgrenzen zu respektieren und Schamgrenzen zu bewahren und trotz des körperlichen Nahekommens eine respektvolle Distanz zu wahren. Das ist gekonnte Pflege. und Sie wird hundertfach am Tag verwirklicht, ohne dass es jemand merkt, was für ein Können dem zugrunde liegt. Die Pflege ist ein wunderschöner Berührungsberuf, der ab dem Moment, da sie die taktvolle Berührung beherrscht, dem Patienten auch durch die Berührung Halt geben kann und ihm vermitteln kann, dass er ernst genommen wird und dass man sich um ihn kümmert. Das Berühren ist eben eine gefährliche Sache, aber wenn man sie professionell beherrscht, dann kann sie eine enorme Stütze sein für den Patienten.

Christoph Müller Wenn Sie die Überzeugung äußern, dass gegenwärtig kranke Menschen einem unpersönlichen Dienstleistungsbegriff überantwortet würden, dann fordern Sie ja gleichzeitig ein, Orte zu schaffen, „in denen man neu auf ihre Bedürfnisse als Bedürfnisse ganzer Menschen hört“ (S. 62). Haben Sie konkrete Ideen dazu?

Giovanni Maio Mir geht es darum, dass die Kliniken nicht als Durchschleusungsfabriken organisiert werden dürfen. Es darf keine fließbandartige Herangehensweise Einzug halten. Ich halte das für fatal, weil ein Mensch, der nur noch abgefertigt wird, wie ein Objekt wird, sich einfach nicht verstanden fühlt. Er wird sich nicht wohl fühlen, weil er das Gefühl bekommt, nur eine Nummer zu sein und deswegen in seiner Persönlichkeit gar nicht gesehen zu werden. Mir geht es darum zu verdeutlichen, dass man in den Kliniken für eine entsprechende heilende Atmosphäre sorgen muss, wenn man Patienten wirklich helfen will. Hierfür müssen wir den Pflegenden zu allererst mehr Zeit geben, mehr Zeit, um in aller Ruhe bei ihren Patienten und Bewohnern zu sein. Man muss ihnen aber auch mehr Autonomie geben; man muss auf die Pflegenden hören. Sie wissen am besten, was und wie etwas zu tun ist. Die Durchbürokratisierung und die Überkontrolle sind Gift für das gesamte System. Denn das ist einfach eine Gängelung.

Die Pflegenden haben eine gute Ausbildung hinter sich, in der sie lernen, sich auf den Einzelfall des Patienten professionell einzulassen, und dann werden sie nur noch standardisierten Vorgaben ausgesetzt, durch die sie gar nicht mehr in Anschlag bringen können, was sie in ihrer Ausbildung gelernt haben. Das ist absolut widersinnig. Daher muss man die Ausgestaltung der Pflege den Pflegenden und ihrem professionellen Selbstverständnis überlassen und darf keine Übernormierung vornehmen, keine Überbürokratisierung, keine Überregulierung, keine Überschematisierung. Pflege ist ein Beziehungsberuf. Die Beziehung braucht Freiräume, sie braucht innere Freiräume und auch äußere Freiräume. Je mehr man die Pflege in fixe regulatorische Korsetts einzwängt und je mehr man sie auf das Dokumentierbare reduziert, desto mehr verliert man aus dem Blick, was wirklich wichtig für eine gute Pflege ist, nämlich die Verbindung aus gekonnter Handfertigkeit und gelingender Interaktion. Nur wenn die Interaktion gelingt, wird auch die Handfertigkeit überhaupt zum Zuge kommen können. Deswegen ist es widersinnig, die gute Beziehung strukturell zu verunmöglichen und die Pflegenden auf die stromlinienförmige Abfertigung von Verrichtungen zu reduzieren. Dies hat mit echter Pflege einfach nichts mehr zu tun.

Christoph Müller Sind denn die Werte, die Sie einfordern, noch zeitgemäß?

Giovanni Maio Wenn ich für die Bedeutung der Beziehung und für beziehungsstabilisierende Werte wie Gesprächsbereitschaft, Zuhörbereitschaft, Geduld, Behutsamkeit und Ganzheitlichkeit plädiere, dann sind das keine überholten Werte, sondern genau die Werte, die wir für die Zukunft der Pflege brauchen, weil man Menschen nur über diese Werte wirklich gerecht werden kann und weil Pflege ohne diese Werte keine Pflege mehr ist.

Christoph Müller Sie schreiben über die Geduld als „innere Aktivität“. Uns Pflegenden fällt Geduld oft schwer. Damit nehmen wir alten, kranken und gebrechlichen Menschen Chancen. Was rufen wir ihnen zu?

Giovanni Maio Nein, Ihnen fällt Geduld nicht schwer. Das System raubt Ihnen die Freiräume, um Geduld aufkommen zu lassen. Man muss es sich eben erst leisten können, geduldig zu sein. Wenn Sie im Laufschritt arbeiten müssen und minüteln müssen, dann ist es geradezu ein Hohn, Ihnen Geduld abzuverlangen. Das System macht aus der Geduld einen Störfaktor und macht die Ungeduld zur neuen Tugend. Das finde ich nicht richtig. Ohne Geduld kann man dem Patienten nicht gerecht werden, weil der Patient sich abserviert und in einer Atmosphäre der Ungeduld nicht ernstgenommen fühlt. Die Pflegenden bringen von ihrer Grundmotivation her so viel Bereitschaft mit, sich auf ihre Patienten einzulassen, aber sie dürfen nicht, sie dürfen einfach nicht, wie sie wollen. Ich finde es einfach skandalös. Pflege ist doch kein Produktionsfaktor, sondern Pflege ist etwas Zwischenmenschliches, aber wir haben es verlernt, dies so zu sehen. Deswegen war es mir wichtig, darauf neu zu verweisen.

Christoph Müller Die Begleitung eines erkrankten Menschen wird nach einer Wirtschaftslogik dekliniert. Was können Pflegende aus Ihrer Sicht tun, um zu dieser Praxis ein Gegengewicht zu haben?

Giovanni Maio Ja, die Pflegenden sind in der Tat ein sehr, sehr heilsames Gegengewicht zur Logik der Gewinnmaximierung, wie sie überall Einzug gehalten hat. Die Pflegenden machen ihre Arbeit nicht, um Erlöse zu erwirtschaften, sondern weil sie helfen will. Sie machen ihre Arbeit nicht als Dienstleistung, sondern als Ausdruck sozialer Werte, ohne die eine Gesellschaft nicht existieren kann. Sie unterstützen die Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, und deswegen hat sie nicht mit Kunden zu tun, sondern nur mit Menschen, die ohne die Hilfe nicht gut leben könnten. Pflege darf nicht als Geschäft betrachtet werden, denn das was die Pflegenden mit ihren Patienten und Bewohnern verbindet, ist keine Geschäftsbeziehung, sondern eine Sorgebeziehung.

Christoph Müller Es erscheint schon paradox, dass Pflegende in der Ausbildung beispielsweise Carl Rogers und seine klientenzentrierte Beratung kennenlernen. In der gegenwärtigen Praxis hat das Zuhören offenbar keine Bedeutung. Was müssen Pflegende heute tun, um zu Offenheit und Feinsinn zu kommen?

Giovanni Maio Sie müssen ihre eigene Professionalität und ihre eigenen Werte mit Rückgrat und Selbstbewusstsein verteidigen und dürfen sich nicht in die Defensive drängen lassen. Die Gesellschaft muss lernen, auf die Pflegenden zu hören, statt ihnen tausend Vorschriften zu machen. Sie müssen lernen, dass sie in gute Arbeitsbedingungen für die Pflege viel mehr investieren muss, wenn sie gut leben will. Denn wir alle werden früher oder später in die Situation kommen, in der wir nur dann gut leben können, wenn es Pflegende gibt, die uns dabei helfen, uns auch in der Angewiesenheit als ganzer Mensch zu fühlen. Allein die Tatsache, dass es die Berufsgruppe der Pflegenden gibt, ist für mich ein enormer Trost. Es ist die Pflege, die mir die Hoffnung darauf gibt, auch im Kranksein und im Alter nicht abgeschrieben zu sein. Deswegen ist unsere Gesellschaft gut beraten, viel mehr in die Pflege zu investieren, statt nur an ihr zu sparen. Denn wer an den Pflegenden spart, spart am Wohlergeben der hilfsbedürftigen Menschen, und das werden wir alle einmal sein.

 

Christoph Müller Herzlichen Dank für die kritische Begleitung.

 

Das Buch, um das es geht

Giovanni Maio: Werte für die Medizin – Warum die Heilberufe ihre eigene Identität verteidigen müssen, Kösel-Verlag, München 2018, ISBN 978-3-466-34688-2, 208 Seiten, 22 Euro

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 69 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen