„Atmung ist wie ein Diagnostikum“

Der Neurowissenschaftler Ulrich Ott zur Heilkraft des Atmens

(C) Glebstock

In den pflegerischen Handlungsfeldern steht Achtsamkeit hoch im Kurs. Es geht darum, dass Menschen auf den Moment achten, die eigene Lebensqualität verbessern sowie Lebensfreude erfahren. Mit dem Buch „Gesund durch Atmen“ haben der Neurowissenschaftler Ulrich Ott und die Yoga-Lehrerin Janika Epe scheinbar Selbstverständlichem eine ganz neue Bedeutung gegeben. Christoph Müller hat den Kontakt zu Ulrich Ott gesucht.

Christoph Müller Atmen ist etwas ganz Selbstverständliches. Wieso fällt es den zeitgenössischen Menschen so schwer, dem Atmen den angemessenen Raum zu schenken?

Ulrich Ott Gerade weil das Atmen so selbstverständlich ist, achten wir die meiste Zeit nicht darauf. Das Atmen läuft im Hintergrund ab, ständig und ohne dass wir etwas tun müssten. Dadurch übersehen wir leicht das Potenzial, das uns mit einer bewussten Regulation des Atems zur Verfügung steht, um uns selbst zu beruhigen oder zu aktivieren.

Christoph Müller Sie definieren die Atmung als Bindeglied zwischen Körper und Psyche. In diesem Kontext taucht gleichzeitig Ihre Beschreibung auf, dass der Atemrhythmus und die Wahrnehmung desselben etwas damit zu tun haben, dass der Mensch bei sich ist. Wie kann das Bei-sich-Sein im Alltag gelingen?

Ulrich Ott Durch das bewusste Achten auf den eigenen Atem spüren wir zunächst unseren Körper, die Empfindungen, die das Atmen begleiten, im Bauch, im Brustraum und in der Nase. Im Alltag kann ich das jederzeit nutzen, wenn ich merke, dass ich „außer mir“ bin, wenn ich mich über etwas sehr aufrege oder meine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Umgebung gerichtet ist. Über das Achten auf den Atem erkenne ich, was gerade mit mir los ist, wie ich mich fühle und was ich jetzt brauche. Das Innehalten über ein paar bewusste Atemzüge kann ich jederzeit als Auszeit für mich nutzen.

Christoph Müller Das Erkunden und Erlernen von Atemtechniken aus dem Yoga kennzeichnen Sie als Schulung der Achtsamkeit. Diesen Übungen muss sich der zeitgenössische Mensch öffnen. Welchen Raum muss er sich dafür geben?

Ulrich Ott Sie benötigen lediglich etwas Zeit und eine gute Anleitung, um sich damit vertraut zu machen, wie verschiedene Atemrhythmen das Wohlbefinden positiv beeinflussen. Danach brauchen Sie gar keine zusätzliche Zeit zu reservieren, denn es gibt genügend Gelegenheiten im Alltag, die sich für die Praxis eigenen, beispielsweise Wartezeiten an der Kasse. Dann kann man diese nutzen, anstatt ungeduldig zu warten und sich zu ärgern. Auch beim Essen kann man bewusst atmen oder bei Sitzungen auf der Toilette. Entspannung hilft da oft immens beim „Loslassen“ …

Christoph Müller Beim Lesen des Buchs werden die Dimensionen des Atmens nachvollziehbar. So erklären Sie unter anderem das Phänomen der Hautleitfähigkeit. Damit steht nach Ihrer Aussage ein physiologisches Maß für den Erregungszustand des vegetativen Nervensystems zur Verfügung, „mit dem die Wirkungen unterschiedlicher Atemtechniken miteinander verglichen werden können“. Welche weiteren Kontexte können Sie eröffnen?

Ulrich Ott Die Atmung ist ein potentes Werkzeug, um das vegetative Nervensystem zu beeinflussen. Das zeigt sich in der Aktivität der Schweißdrüsen, die die Hautleitfähigkeit beeinflussen. Eine ruhige, tiefe Atmung reduziert aber nicht nur das stressbedingte Schwitzen, sie hat auch starke Auswirkungen auf die Schwankungen der Herzrate – die Herzratenvariabilität – und sogar auf Denkprozesse. Es wird in der Forschung immer deutlicher, wie vielschichtig die Wirkungen des Atmens auf die Gefühle und unseren Geist sind.

Christoph Müller Die Erkenntnisse über das Atmen, die Sie vorstellen, kann gerade in Gesundheitsberufen die Aufmerksamkeit verschieben. Wie können aus Ihrer Sicht beispielsweise Menschen in pflegenden Berufen dem Atmen eine andere Bedeutung geben?

Ulrich Ott Am Anfang würde ich die Selbsterfahrung in den Mittelpunkt stellen: Wie atme ich? Wie verändert sich meine Atmung, wenn ich aufgeregt oder ängstlich bin? Wann halte ich die Luft an? In der Pflege kann ich dann auch bewusster darauf achten, wie die Menschen atmen, mit denen ich arbeite. Die Atmung ist wie ein Diagnostikum, sie sagt nonverbal etwas darüber aus, wie lebendig jemand ist und wie sehr ihn oder sie etwas emotional bewegt. Wenn ich selbst etwas mehr Erfahrung damit habe, kann ich dann auch andere Menschen dazu anleiten, ihren Atem bewusst zu regulieren, um sich selbst zu entspannen oder richtig wach zu werden.

Christoph Müller Herzlichen Dank für die Einsichten in die Heilkraft des Atmens.

 

Das Buch, um das es geht

Ulrich Ott / Janika Epe: Gesund durch Atmen – Ein Neurowissenschaftler erklärt die Heilkraft der bewussten Yoga-Atmung, Verlag O. W. Barth, München 2018, ISBN 978-3-426-29276-1, 240 Seiten, 18 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 100 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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