„Allein die Vorstellung eines gesunden Selbst bewegt das Gehirn dazu, die eigenen Heilkräfte zu aktivieren“

Der Musiker und Neurowissenschaftler Stefan Kölsch zu Gast im Pflege-Café

Mit dem Buch „Good Vibrations“ schlägt der Neurowissenschaftler und Musiker Stefan Kölsch eine Brücke zwischen der Musik und der Gesundheit. Musik hat nach seiner Idee einen vergleichbaren Effekt wie Placebo-Medikamente, die die Genesung eines Menschen begünstigen können. Musik sorge für gute Stimmungen, ist Stefan Kölsch überzeugt. Stefan Kölsch hat in Christophs Pflege-Café Platz genommen.

Christoph Müller Sie berichten davon, dass sich Menschen mit Musik in die gleiche Stimmung einfühlen – gleichzeitig und gemeinsam. Mit Musik könnten Menschen emotional mitschwingen. Wieso schlägt sich dies nicht in den unterschiedlichen Versorgungssettings nieder, wenn Menschen in den helfenden Berufen mit kranken oder gebrechlichen Betroffenen umgehen?

Stefan Kölsch Ich will ein Beispiel geben, wie Pflegende Menschen mit Demenz helfen können. Bei Menschen mit einer Demenz-Erkrankung ist es oft ein Problem, dass die Patienten die Pflegenden nicht wiedererkennen können. Sie sind sowieso schon ängstlich, deprimiert und gestresst. Die Tatsache, dass sie die Pflegenden nicht wiedererkennen, trägt zum emotionalen Stress bei. Pflegende können sich dann Musik dadurch zunutze machen, dass sie immer wieder die gleichen Musikstücke einschalten, wenn sie der Patientin oder dem Bewohner begegnen. Es geht darum, das eine oder andere Lieblingsstück des anvertrauten Menschen zu nehmen, um den einen Pflegenden oder die andere Pflegende zu identifizieren. Musik kann dann den Patienten oder die Bewohnerin beruhigen, kann den emotionalen Stress mindern und kann helfen, die Stimmung aufzuhellen. Wichtig ist es, dabei zu beachten, dass die Musik nicht zu laut ist und für den Betroffenen angenehm ist. Für die Pflegenden ist es entscheidend zu beobachten, wie der Patient oder die Bewohnerin auf die Musik reagiert.

Christoph Müller In den therapeutischen Handlungsfeldern wird immer wieder betont, dass das Entwickeln einer gemeinsamen Geschichte mit erkrankten, alten und gebrechlichen Menschen Element einer Genesungsgeschichte sein sollte. Inwieweit bietet Musik die Gelegenheit dazu?

Stefan Kölsch Ihnen geht es bei dieser Frage ja um die emotionale Bindung zwischen den Betroffenen und den Pflegenden. Dies ist in der Tat ein ganz wesentlicher Faktor der Heilungsgeschichte eines Menschen bzw. ein Faktor, der zur therapeutischen Wirkung der Interventionen beiträgt. Musik kann helfen, eine Bindung zwischen zwei oder mehreren Menschen herzustellen. Dies geschieht insbesondere dann, wenn sich die Menschen gemeinsam an Musik beteiligen, , etwa wenn Menschen gemeinsam singen oder zur Musik klatschen. Am besten natürlich mit Musik, die die Betroffenen mögen.

Christoph Müller Sie konkretisieren bei der Beschreibung des Zusammenhangs von Musik und Emotionen den Begriff der Resonanz. Klänge können nach ihrer Meinung nicht nur Resonanzen im Innenohr und in den Vibrationsrezeptoren hervorrufen, sondern auch emotionale Resonanz auf unterschiedliche Arten und auf unterschiedlichen Verarbeitungsebenen des Gehirns. Was passiert zwischen Menschen, wenn sie sich mit Hilfe der Musik emotional anstecken?

Stefan Kölsch Das gemeinsame emotionale Anstecken trägt zur menschlichen Bindung bei. Gemeinsames emotionales Mitschwingen führt dazu, dass die Menschen eine stärkere emotionale Verbindung zueinander empfinden. Musik ist in dieser Hinsicht etwas ganz Besonderes, weil wir schon allein durch den Takt in gemeinsames Schwingen kommen. Deswegen leitest gemeinsame Beteiligung einen unschätzbaren Beitrag dazu. Wenn wir gemeinsam Emotionen erleben, sind sie dadurch übrigens auch besonders stark. Wenn wir Musik gemeinsam erleben, freuen wir uns besonders, erfahren Ermutigung und erleben Entspannung. Im Gehirn werden dabei dann das „Spaß-System“ und oft sogar das „Glücks-System“ aktiviert.

Christoph Müller Sie erklären den Begriff der visuellen Imagination und betonen, dass Menschen einfallsreich und erfinderisch denken, wenn Musik die Fantasie anregt. Wie führt dies zum Wohlbefinden oder gar zur Gesundheit eines Menschen?

Stefan Kölsch Zum einen macht es uns einfach Spaß, wenn wir uns zur Musik etwas vorstellen. Bei klassischer Musik können wir uns etwa Natur, Wetter und Szenen mit Menschen vorstellen. Bei fröhlich klingender Musik stellen wir uns oft Szenen mit Menschen vor, denen es gut geht, etwa Menschen, die feiern, reden, miteinander essen. Zum anderen weise ich in meinem Buch ja darauf hin, sich Situationen mit Musik vorzustellen in der Zeit, in der sich die Betroffenen als gesund empfunden haben. Allein die Vorstellung eines gesunden Selbst kann helfen, die eigenen Heilkräfte zu aktivieren. Es geht ja um die Kraft der Imagination, die in uns Menschen Erstaunliches bewirken kann.

Christoph Müller Musik wird mit positiven Emotionen in Verbindung gebracht. Das gemeinsame Singen im Krankenhaus ist nur eine Möglichkeit, diesem Ziel gerecht zu werden. Welche gelingenden Beispiele kennen Sie aus Gesundheits-und Wohlfahrtseinrichtungen?

Stefan Kölsch Die „Singenden Krankenhäuser“ sind leuchtende Beispiele. Bei Ihnen kann jeder mitmachen, mitsingen (egal ob musikalisch gebildet oder nicht) und dabei die heilsamen Effekte gemeinsamen Musikmachens erfahren.

Christoph Müller Im Zusammenhang mit einer Demenz-Erkrankung nennen Sie Musik eine Frischzellenkur. Bei chronischen Schmerzen hilft Musik zur Ablenkung und zum Anheben der Stimmung. Bei Abhängigkeitserkrankungen ermuntern Sie zur Nutzung der Musik als Ersatzbefriedigung. Das Hilfreiche liegt so nah und bleibt doch vernachlässigt, oder?

Stefan Kölsch Es liegt vielleicht daran, dass die musiktherapeutische Forschung noch jung ist. Mit dem Blick auf zahlreiche Krankheitsbilder haben wir ja inzwischen Studienlagen, die bestätigen, dass Musik positive Effekte auf Menschen und ihre Krankheitsbilder haben. Nun ist die Politik gefragt, um die Gesetzeslage dahingehend zu verändern, dass Ärzte Musiktherapie auch verschreiben dürfen. Dann können sich Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten endlich auch leichter selbständig machen und niederlassen.

Christoph Müller Herzlichen Dank dafür, dass Sie uns den Takt angegeben und uns in Resonanz gebracht haben.

 

Das Buch, um das es geht

Stefan Kölsch: Good Vibrations – Die heilende Kraft der Musik, Ullstein Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-550-05052-7, 384 Seiten, 22 Euro.

 

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 126 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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