CH: Qualifiziertes Personal wird durch Hilfskräfte ersetzt

11. April 2018 | News Schweiz | 0 Kommentare

Irgendwann wussten sich die Angestellten des Alters- und Pflegeheims Ried in Biel nicht mehr ­anders zu helfen, als sich an die Öffentlichkeit zu wenden. «Personal schlägt Alarm» titelte das «Bieler Tagblatt» im letzten Sommer. Die Vorwürfe, welche die Angestellten äusserten, waren tatsächlich alarmierend. Wegen des andauernden Personalmangels seien die Pflegenden am Anschlag. Eine sichere Versorgung der Bewohner sei nicht mehr gewährleistet, da zu wenig ausge­bildetes Fachpersonal vorhanden sei, hiess es. Diese andauernde Kompensation der Pflegearbeit mit Praktikanten und Lernenden führte zu einer «dramatischen Versorgungslage der Bewohner» und zu «fatalen Pflege- und Behandlungsfehlern». Der Kanton Bern und die Stadt Biel leiteten eine Untersuchung ein.

Das Betagtenheim Ried ist kein Einzelfall. Immer wieder äussern sich sowohl Angehörige von Bewohnern als auch Angestellte kritisch über die Zustände in Alters- und Pflegeheimen. Wie eine Analyse des Recherchedesks von Tamedia nun zeigt, nimmt die Qualität in Pflege und Betreuung schweizweit tatsächlich in Hunderten von Heimen ab. Untersucht wurden die Daten des Bundesamts für Gesundheit für alle 1552 Schweizer Institutionen. Zudem wurden Gespräche mit Betreuern und Pflegern geführt.

Gemäss den Zahlen verzeichneten allein im Kanton Bern zwischen 2012 und 2016 von den insgesamt rund 300 Heimen 72 einen Rückgang beim qualifi­zierten Personal zugunsten von Hilfskräften. Das entspricht 24 Prozent aller Berner Institutionen. Schweizweit sind es 299 Pflegeheime (19 Prozent), die 2016 über weniger diplomiertes und zertifiziertes Personal verfügten als noch vier Jahre zuvor.

Kanton widerspricht

Gemäss Bundesstatistik haben manche Heime bis zur Hälfte des qualifizierten Personals pro Bett abgebaut und unterschreiten damit die kantonalen Vorgaben teilweise. Konfrontiert mit den Vorwürfen, sagen verschiedene Berner Institutionen jedoch, dass die Daten nicht aussagekräftig seien (siehe Kasten). Sie verweisen auf jene Zahlen, welche der Kanton von den Heimen eingefordert hat.

Tatsächlich zeigt die Kontrolle der Stellenpläne durch das zuständige Alters- und Behindertenamt (Alba), dass zwischen 2015 und 2017 zwischen 91 und 96 Prozent aller Berner Pflegeheime die kantonalen Mindestvorgaben eingehalten haben. Die Tendenz ist steigend. Der Kanton verlangt, dass im Minimum 16 Prozent des Personals einen Hochschulabschluss oder eine gleichwertige Ausbildung sowie 24 Prozent ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis haben müssen. Unterschreiten die Institutionen diese Grenzen, greift der Kanton ein.

Das war 2015 bei 27 Heimen, 2017 noch bei 12 Heimen notwendig. Laut Amtsvorsteherin Astrid Wüthrich widersprechen die dem Kanton verfügbaren Zahlen denn auch generell dem Vorwurf, dass es zu einem massiven Abbau von qualifiziertem Personal gekommen ist.

Wenig schmeichelhaftes Bild

Nur: Die Zahlen des Kantons, auf welche die Heime verweisen, zeigen auch noch ein weniger schmeichelhaftes Bild. Mit dem Stellenschlüssel der Mindestvorgaben kann lediglich der Betrieb rund um die Uhr sowie die Grund- und Behandlungspflege sichergestellt werden. Laut Kanton kann aber sowohl die Pflege nur in einer «angemessenen, am Pflegebedarf der Bewohner orientierten Qualität» erbracht sowie Auszubildende «adäquat» begleitet werden, wenn gesamthaft mindestens 50 Prozent höher ausgebildetes Personal vor Ort ist. Davon sollten 20 Prozent Diplomierte sein. Entsprechend gibt der Kanton dies als Richtwert vor.

Gemäss den Zahlen haben jedoch von den rund 300 Berner Heimen im letzten Jahr 99 Institutionen diesen Wert nicht erreicht. Da beim Alba für vorangehende Jahre keine entsprechende Auswertung vorhanden ist, kann letztlich auch keine verlässliche Aussage über die Entwicklung des qualifizierten Personals gemacht werden. Klar ist einzig: Zwar werden die Mindestvorgaben an den meisten Orten eingehalten, de facto waren 2017 aber trotzdem in jedem dritten Heim nicht genügend diplomierte Angestellte vorhanden.

Wüthrich sieht aber keinen Grund zur Beunruhigung – und betont lieber, dass rund 200 Heime den Richtstellenplan übertroffen hätten. Zudem handle es sich bei der Auswertung lediglich um eine Momentaufnahme. «Wenn die betroffenen Heime ein oder zwei Monate später wieder mehr diplomiertes Personal ­angestellt haben, ist das kein Problem», sagt sie. Sollten die Richtwerte aber chronisch unterschritten werden, wäre die Situation beunruhigend. Wüthrich sagt jedoch, dass auch mit einem Anteil von 40 bis 50 Prozent qualifiziertem Personal eine «Grundqualität» gewährleistet sei.

Kritik von den Pflegenden

Für die Haltung der Verwaltung hat Lucia Schenk kein Verständnis. «Sollten die Zahlen stimmen, ist es fatal, dass der Kanton nicht eingreift», sagt die Vizepräsidentin der Berner Sektion des Schweizerischen Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und -männer. Dass beinahe 100 Heime weniger als 50 Prozent qualifiziertes Personal angestellt haben, sei «extrem bedenklich». Schenk ist der Meinung, dass eine Institution insbesondere mit schwer pflegebedürftigen Bewohnern kaum fachgerecht geführt werden kann, wenn sie den Richtwert nicht einhält. «Der Druck auf die diplomierten Pflegefachkräfte sowie auf die Fachfrauen und -männer Gesundheit ist hoch. Zudem müssen Letztere Arbeiten übernehmen, für die sie nicht ausgebildet worden sind», sagt Schenk. Das könne beispielsweise zu falschen Rückschlüssen nach Vorfällen wie einem Sturz eines Bewohners führen, was in vermehrten Spitalaufenthalten oder im Extremfall in Todesfällen enden könne.

«Dass mit einem Ersatz von qualifizierten Angestellten durch minderqualifiziertes Personal gespart werden kann, ist ein Trugschluss, wie aktuelle Studien belegen.» Trotzdem würden immer mehr Heime den Gürtel beim Personal aus Kostengründen enger schnallen, weiss Schenk. Das könne aber auch strukturelle Gründe haben. Denn immer häufiger würden die Einnahmen den höher werdenden Aufwand nicht mehr decken.

Überfordertes Hilfspersonal

Schenks Einschätzung teilt auch Elsbeth Luginbühl, die mit ihrer Firma Concret Qualitätszertifikate an Heime in der Deutschschweiz vergibt: «Ich stelle wegen Sparmassnahmen und Mangel an qualifiziertem Personal in Alterszentren eher eine Verschlechterung der Qualität fest.» Auch treffe sie oft Situationen an, in denen Hilfspersonal hochkomplexe Fälle betreuen müsse.

Immerhin hat sich im Betagtenheim Ried die Situation mittlerweile verbessert. Die Untersuchung Ende letzten Jahres zeigte zwar, dass keine Auflagen oder Vorschriften missachtet worden sind. Die Mindestvorgaben für qualifiziertes Personal wurden aber nur knapp eingehalten. Deswegen wurde nun mehr diplomiertes Pflegefachpersonal angestellt, und auch die Wohnsituation für die alten Menschen soll überprüft werden.

Haben auch Sie schlechte Erfahrungen in einem Alters- und Pflegeheim gemacht? Schreiben Sie eine Mail an kanton@bernerzeitung.ch.

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)