Body Reading – Körpersprache deuten

Body Reading Körpersprache

Miteinander zu kommunizieren geschieht bekanntlich nicht nur über das gesprochene Wort. Immer geht es auch darum, wie Körper von Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner miteinander interagieren. Der biologische Anthropologe und Körperpädagoge Marco Gerhards hat sich mit dem Buch „Body Reading“ nun auch auf das Phänomen der Deutung von Körpersprache konzentriert. Body Reading definiert Gerhards eindrucksvoll: „Mit Hilfe einer besonderen Technik wird der Körper umfassend empfangen, gelesen, erkannt und verstanden. Man begreift die Botschaften in der Haltung, den Gelenkeinstellungen, den Muskelspannungen und -verspannungen, in Routinemustern von Händen und Armen, in Schultergürtel-und Wirbelsäulenform; in Becken-, Knie-und Fußpositionen; aber auch in Mimik und Augenbewegungen, in Stimmmodulation, Schreibstil, Kommunikationsmethoden und nicht zuletzt dem Ausdruck der Gefühle“ (S. 12).

Sehr umfassend klingt, was Gerhards als Grundlagenverständnis beschreibt. Seine Einblicke in die Körpersprache und die Deutung derselben orientieren sich hingegen konkret am Alltag. Nichtsdestotrotz verlangt das, was Gerhards beschreibt, eine große Aufmerksamkeit von den Menschen, die sich dem Body Reading öffnen. Gerhards räumt von vornherein mit einem Missverständnis auf. Beim Body Reading gehe es um das Verstehen, die tiefere Form des Body Readings sei „eine körperliche Empathie, das Bewusstsein, die Ungleichgewichte der Biologie des Anderen nachzuempfinden“ (S. 37).

Da liegt es nahe, sich als jemand zu verstehen, der oder die sein Gegenüber eher durchschauen kann als umgekehrt. Wer sich durch die mehr als 170 Seiten des Buchs arbeitet, der oder die wird erkennen, dass eine solche Haltung völlig inadäquat erscheint. Gerhards betont, der Körper empfinde, benenne, bewerte und entscheide, doch die „Verwandlung der Welt“ habe zur vorherrschenden Rationalität und zur Sprache der komplexen Kommunikation geführt. Für Gerhards geht es um etwas anderes: Der Körper drückt also nicht nur das aus, was wir empfinden, fühlen oder denken; sondern er ist auch in der Lage mit Hilfe seiner Formung uns selbst neu oder anders zu arrangieren“ (S. 57).

Mit dem Konzept des Body Readings stellt Gerhards eine besondere Form der Körperlichkeit und der Körperwahrnehmung vor. Es ist ein weiterer spannender Beitrag in den Diskursen, in denen um ein neues Bewusstsein für den eigenen und den Körper anderer Menschen geht. Es ist ein hilfreicher Einstieg, sich beispielsweise selbst in das auditive, das visuelle oder das kinästhetische Body Reading einzufühlen.

Mit dem Buch „Body Reading“ werden die eigenen Sensibilitäten für das Verstehen des Gegenübers geschärft. So kann sicher das Miteinander mit den Mitmenschen auf eine andere Weise gelingen.

 

Marco Gerhards: Body Reading – Körpersprache deuten, Hogrefe-Verlag, Bern 2021, ISBN 978-3-456-86112-8, 172 Seiten, 36.95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at