Bibliotherapie – Eine aktuelle Bestandsaufnahme

„Nachdenklich und ermuntert“

Dass Sophia Meyers Buch „Bibliotherapie“ die randständige Therapieform aus einem Schattendasein herausführt, dies ist sicher nicht zu erwarten. Demgegenüber hat sie eine überzeugende Bestandsaufnahme der Bibliotherapie im deutschsprachigen Raum erarbeitet. Und so liefert sie für alle Praktiker_innen, die unkonventionelle Wege in der Begleitung erkrankter Menschen gehen wollen, starke Argumente, um sich die Bibliotherapie zu erarbeiten.

Man spürt bei der Lektüre der wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeit, wie sehr sich die Autorin für Literatur begeistern kann. Kenntnisreich führt sie die Leser_innen über die unterschiedlichen Pfade, über die es nachzudenken gilt. Sie berichtet unter anderem, dass erkrankte Leser_innen durch die Beschäftigung mit Büchern und Texten aus apathischen Situationen herausgeholt und aktiviert würden. Doch nicht nur dies. Sie ermuntert dadurch (ohne es sicher ausdrücklich zu wollen) die Leser_innen, am Thema dranzubleiben und sich mehr bibliotherapeutische Literatur herbeizuschaffen.

Meyer zeigt den Forschungsstand zum Thema auf, bevor sie die Bibliotherapie theoretisch einordnet. In einem nächsten Schritt blickt sie auf die praktische Anwendung und stellt zahlreiche Bücher für eine bibliotherapeutische Anwendung vor. Abgerundet wird die Darstellung ím Buch „Bibliotherapie“ mit dem Kapitel „Die vielfältige Anwendung der Bibliotherapie …“.

Einen gewissen Charakter des Aufweckens haben die Überlegungen zum Leseglück und zum Leseflow. Dabei zeigt sie Parallelen zur Meditation und zur Hypnose auf. Der Vorgang des Lesens erfordere einige Anstrengung, „bietet aber als Effekt eine meditative Fokussierung mit einem veränderten Gefühl für die Zeit uns das eigene Selbst“ (S. 43). In Anlehnung an den Sozialpsychologen Mihaly Csikszentmihaly berichtet sie von einer mentalen Befreiung.

Es ist natürlich zu hoffen, dass die Folgen einer gelebten Bibliotherapie vergleichbar positive Konsequenzen hat. Den Praktiker_innen muss natürlich bewusst sein, dass der Pfad zu einer gelebten Bibliotherapie mühsam sein wird. Meyer schaut natürlich von einer Meta-Ebene auf die Bibliotherapie. Hilfreich wären sicher noch Erläuterungen gewesen, die auf die Selbsterfahrung des Lesens bei den unterstützenden Menschen eingehen.

Bei der Beschäftigung mit der Bibliotherapie geht es Meyer in gleicher Weise um das Lesen wie um das Schreiben. Sie verdeutlicht, wie das Lesen und das Schreiben Reflexion ermöglicht. Mit starken Worten fasst sie zusammen: „Dieses Aktivwerden hat besondere Bedeutung, da es von Sprachlosigkeit befreit und damit auch einer sozialen Separation entgegenwirkt, der Ausdruck des Seelenlebens kann Verbindungen zu anderen schaffen und für soziale Unterstützung sorgen“ (S. 62).

Es wundert nicht, dass die Lektüre des Buchs „Bibliotherapie“ von viel Nachdenklichkeit begleitet wird. Schließlich schafft die Bibliotherapie die Gelegenheit, auf der Alltagsebene in therapeutische Prozesse einzusteigen – ganz egal, ob die Betroffenen seelisch oder körperlich erkrankt sind. Entgegen anderer therapeutischer Situationen kann Bibliotherapie eine charmante Art der Augenhöhe zwischen unterstütztem und unterstützendem Menschen herstellen.

 

Sophia Meyer: Bibliotherapie – Eine aktuelle Bestandsaufnahme, Mainzer Institut für Buchwissenschaft, Mainz 2016, ISBN 978-3-945883-48-8, 106 Seiten, 26.73 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 292 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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