Beziehungspflege – Kongruente Beziehungsarbeit für Pflege-Sozial-und Gesundheitsberufe

Solideres Fundament

Mit seinem Konzept der „Beziehungspflege“ hat der Psychiatrie-Pfleger Rüdiger Bauer schon viele Jahre die praktische Arbeit von psychiatrischen Kliniken und Wohnheimen mit psychiatrischen Schwerpunkten geprägt. Mit der Verwurzelung in der humanistischen Psychologie hat es Bauer geschafft, dem prozesshaften Denken und Begleiten von psychisch erkrankten Menschen sein Profil zu geben. Ihm geht es seit der Begründung der „Beziehungspflege“ darum, ein kongruentes Verständnis dessen zu fördern.

So wundert es nicht, dass Bauer mit dem deutlich überarbeiteten Buch „Beziehungspflege“ nochmals das Fundament deutlich macht. Das Instrument, dessen sich Pflegende in der Beziehungspflege bedienten, seien sie selbst (S. 20). Eine Wechselwirkung werde durch beide Beziehungsteilnehmer erzeugt (S. 21). Pflegende seien in der Beziehung zu erkrankten Menschen das „Medikament“, das Wirkung und Nebenwirkungen erzeuge (S. 21).

Wer sich mit dem interpersonalen Pflegeverständnis Hildegard Peplaus bereits beschäftigt hat, der sieht in Bauers Ideen zahlreiche Parallelen. Bauer geht mit der aktuellen Version seines Buchs „Beziehungspflege“ einen großen Schritt weiter. Eine langjährige Beschäftigung mit den Erkenntnissen der Neurobiologie hat Bauer sein Modell weiter geerdet. Anders als in der medizinischen Disziplin Psychiatrie, die versucht, mit der Neurowissenschaft die Genese einer Erkrankung zu begründen, geht Bauer neue Wege. Der Fortschritt der Forscher soll den Zugang zu Menschen erleichtern, die beispielsweise seelisch erkrankt sind.

In Anlehnung an den Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs versteht Bauer das Gehirn als Beziehungsorgan. Zentral ist für Bauer die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Bindungstheorien. So unterstreicht Bauer, dass es wichtig sei, in Richtung einer sicheren Bindung mit den betroffenen Menschen zu arbeiten (S. 120). Unsichere Bindungen seien keine psychischen Erkrankungen, aber sie könnten das Risiko dafür deutlich erhöhen (S. 121).

An vielen Stellen versucht Bauer, Brücken zwischen einzelnen Psychopathologien und neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu schlagen. Dieser kontinuierliche Brückenbau macht die Lektüre zu einer aufschlussreichen Expedition. Noch mehr: Pflegerische Arbeit, insbesondere psychiatrisch-pflegerisches Tätigsein findet mit Bauers „Beziehungspflege“ ein breiteres Fundament, stellt gleichzeitig einen höheren Anspruch an professionell Pflegende.

Bauer stellt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der bio-psycho-sozialen Hypothese, die die Ätiologie einer Erkrankung häufig begründet, und dem konkreten pflegerischen Tun her.  Sie bildet nach Bauer eine der Grundlagen der Planung von Beziehungsinterventionen (S. 169). Sie finde ihre Begrünung in den Erkenntnissen über die Lebensereignisse eines Menschen, seine Biografie sowie den heutigen neurobiologischen und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen (S. 169).

Spätestens wenn man solche Ideen liest, wird einem bewusst, dass Bauer zu denjenigen Vordenkern der Pflege gehören, die Möglichkeiten aufzeigen. Mit Menschen wie ihm sind die reduktionistischen Vorstellungen vom medizinischen Erfüllungsgehilfen vorbei. Professionelle Pflege hat etwas zu bieten. Bauer will die Berufskolleginnen und Berufskollegen gut vorbereiten, dass sie auf Augenhöhe im interdisziplinären Miteinander mitreden. Das Buch „Beziehungspflege“ gehört in vielen Versorgungsbereichen umgesetzt.

Rüdiger Bauer: Beziehungspflege – Kongruente Beziehungsarbeit für Pflege-Sozial-und Gesundheitsberufe, Hogrefe Verlag, Bern 2018, ISBN 978-3-456-85806-7, 316 Seiten, 34.95 Euro.

Über Christoph Mueller 323 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen