„Beteiligten ermutigen, aus dem Schock und der Sprachlosigkeit herauszutreten“

Christoph Müller im Gespräch mit Susanne Menzel und Peter Brieger

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Eine Lücke schließen die Psychotherapeutin Susanne Menzel und der Psychiater Prof. Peter Brieger mit dem Buch „Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen“. Es erscheint als praktische Handreichung, um einer Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit im Versorgungsalltag zu begegnen. Bei einem wärmenden Tee hat Christoph Müller mit Menzel und Brieger gesprochen.

Christoph Müller Frau Menzel, Herr Brieger, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch zum Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen zu schreiben? Haben Erfahrungen in der Versorgungspraxis quasi ein Fass zum Überlaufen gebracht?

Susanne Menzel & Peter Brieger Das ist sicher kein Fass, das zum Überlaufen gekommen ist, vielmehr haben wir jetzt in den letzten drei Jahren kontinuierlich alle Suizide bei uns nachbesprochen und dabei erlebt, wie wichtig das ist. Dies haben wir auch schon früher in anderen Kontexten gemacht, seitdem aber systematisiert. Nach und nach hat sich hieraus eine Methodik entwickelt, die wir als sinnvoll erleben. Deswegen hat uns dann die Anfrage des Psychiatrie-Verlages gefreut, dazu ein Buch zu machen.

Christoph Müller Wenn Praktiker_innen im Versorgungsalltag auf Suizidalität treffen, dann geht es in Diskussionen schnell um Haftungsfragen. Was führt aus Ihrer Sicht zu diesem Dilemma?

Susanne Menzel & Peter Brieger Wir sehen hier gar kein Dilemma: Ein Suizid ist für alle Beteiligten eine schmerzhafte, oft traumatische Situation. Dass es dann auch das Bedürfnis nach Erklärungen und entsprechende Überprüfungen und Nachfragen gibt, liegt in der Natur der Sache. Uns ist es wichtig, eine wertschätzende, vertrauensvolle und konstruktive Form des Umgangs zu finden.

Christoph Müller Während der Lektüre des Buchs wird es offensichtlich, dass viel konkrete Erfahrungen mit Suiziden in psychiatrischen Einrichtungen bei Ihnen vorhanden sind. Wieso haben Sie beim Schreiben des Buchs keine psychiatrisch Pflegenden mit ins Boot genommen, die ja oft die Ersten sind, die mit dem Phänomen konfrontiert sind?

Susanne Menzel & Peter Brieger Das Buch ist aus unserer gemeinsamen persönlichen Erfahrung entstanden, da wir als Zweierteam alle Suizide in dieser Konstellation nachbesprochen haben. Deswegen war die Konstellation so, wie sie ist.

Christoph Müller Im Buch finden sich glücklicherweise viele Hinweise, wie helfende Menschen in psychiatrischen Einrichtungen mit dem Auffindeort, Dokumentationsakten oder anderem umgehen sollten. Lassen Sie uns teilhaben, wie es zu diesen Bemerkungen gekommen ist.

Susanne Menzel & Peter Brieger Dies sind Zusammenfassungen und Resümees der Erlebnisse, die wir jeweils vor Ort gemacht haben. Wir haben uns immer mit den Teams vor Ort auf der jeweiligen Station besprochen und kennen dementsprechend auch die Rahmenbedingungen und Örtlichkeiten.

Christoph Müller Was macht es für psychiatrisch Professionelle so schwierig, beispielsweise nach einem Suizid Verantwortung zu übernehmen, wenn es um das Zugehen auf betroffene Angehörige geht?

Susanne Menzel & Peter Brieger Das liegt natürlich an den Schuldgefühlen, an dem Gefühl an einer so schlechten Nachricht „mit Schuld zu sein“. Auch das unermessliche Leid von Angehörigen, das wir oft sehen, ist ein belastender Faktor. Aus unserer Sicht ist dies eine der schwierigsten Aufgaben, die wir in Psychiatrie und Psychotherapie sehen. Daher ist es eine absolute Leitungsaufgabe, nach einem Suizid mit den Angehörigen zu sprechen.

Christoph Müller Wer im Umfeld der stationären Versorgung schon einmal von einem Suizid betroffen gewesen ist, derjenige oder diejenige weiß um die Sprachlosigkeit in der Situation. Wieso stehen Emotionen mehr im Vordergrund als beispielsweise eine radikale Akzeptanz?

Susanne Menzel & Peter Brieger Dass die Emotionen bei Suiziden so intensiv sind, liegt an der Thematik und ist offenkundig. Wir versuchen, alle Beteiligten zu ermutigen, aus dem Schock und der Sprachlosigkeit herauszutreten und miteinander ins Gespräch zu kommen. Aus unserer Sicht könnte die von Ihnen erwähnte radikale Akzeptanz des Geschehenen dann Ergebnis dieses Umgangs mit den eigenen Emotionen sein.

Christoph Müller Im Buch wird deutlich, wie wichtig Rituale beim Abschiednehmen von Menschen ist, die sich suizidiert haben. Was wollen Sie Kolleg_innen aus sämtlichen Berufsgruppen mit auf den Weg geben?

Susanne Menzel & Peter Brieger Rituale können wichtig sein. Sie können aber nicht schematisch sein. Diese Rituale müssen immer auf die individuelle Situation bezogen sein und je nach Team, Betroffenen und Angehörigen sowie u.U. Mitpatienten, wird sich das unterschiedlich gestalten. Es ist gut, hier ohne Hast gemeinsam ein Vorgehen zu entwickeln, mit dem alle mitgehen können. Vielen Dank für Ihr Interesse!

Christoph Müller Herzlichen Dank, Frau Menzel und Herr Brieger

 

Das Buch, um das es geht

Susanne Menzel & Peter Brieger: Umgang mit Suizid in psychiatrischen Einrichtungen, Psychiatrie-Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-96605-039-5, 107 Seiten, 30 Euro.

Über Christoph Mueller 335 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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