Berufsstolz oder„…Bonuszahlung für Krankenpfleger. Ein wichtiges Signal an diesen Berufszweig – schließlich sind sie es, die uns alle wieder gesund pflegen.“

Open Dialogue - Prof. Dr. Michael Bossle, MScN & Pascale Hilberger Kirlum B.A.

(C) beeboys

In einem assoziativen Zwiegespräch unterhalten sich Michael Bossle und Pascale Hilberger- Kirlum über unterschiedliche Aspekte des Begriffes Berufsstolz. Es bleibt die Frage zurück, ob sich womöglich der Begriff der Berufswürde nicht besser eignen würde. Der gesellschaftliche Blickwinkel sowie die Verletzlichkeit professionell Pflegender wäre damit ihrer Meinung nach besser wiedergegeben und die Zweischneidigkeit einer applaudierenden Gesellschaft differenzierter abgebildet.

Michael (M): Wenn Du an den Begriff Berufsstolz denkst, an was denkst Du spontan?

Pascale (P): Hilft mir klatschen?

M (lacht):  Das ist gut.

P: Berufsstolz ist ein ambivalenter Begriff. Er hängt einerseits eng mit Lob- und Kritikkultur im Berufsfeld zusammen. Und andererseits gehen gleich noch weitere Denkfelder assoziativ auf, wie zum Beispiel sollen Pflegekräfte Berufsstolz entwickeln? Gibt unser Pflege-Bildungssystem das her? Und die berufssoziologische Perspektive, ist das gesellschaftlich überhaupt erwünscht?

M: Mir fällt dazu ein, dass ich Stolz mit Ehre assoziiere. Das macht mir Unbehagen. Aus historischer, wie professioneller Sicht. Denn denke ich an Ehre, dann auch an Würde. Wenn ich an Würde denke, denke ich aber auch gleichzeitig an Kränkung. Ich finde die Medaille hat immer auch eine Kehrseite und Begriffe sind ja auch nie eindeutig im Verständnis.

P: Ja! Stolz und Kränkung liegen nah beieinander! Es gab nach der Veröffentlichung der Berufsordnung der Landespflegekammer in Rheinland-Pfalz auch einen Shitstorm in den sozialen Medien, weil dort der Begriff der Ehre aufgetaucht ist und viele das kritisch sahen.

M: Aber bleiben wir doch nochmal bei der Ambivalenz, die Du zu Beginn erwähnt hast, wenn wir an Berufsstolz denken – wir haben hier doch politische, historische und professionsspezifische Zweifel, die sich aufwerfen. Steckt darin nicht auch Zündstoff oder auch Sprengkraft? Sollten wir uns nicht damit auseinanderzusetzen, auf diesen unterschiedlichen Ebenen?

P: Unbedingt! Das hat ja etwas was mit dem Selbstbild der professionell Pflegenden zu tun: darf ich als Pflegekraft Stolz empfinden? Und darf ich diesen äußern und wenn ja in welcher Form? Wie wird im Team zum Beispiel damit umgegangen? Ist da Akzeptanz vorhanden oder läuft man nicht Gefahr in eine Neiddebatte abzugleiten? Berufsstolz als Folge von Anerkennung und Wertschätzung aus professioneller Sicht, seitens des einzelnen Berufsangehörigen oder der ganzen Berufsgruppe, kann doch sehr unterschiedlich aussehen. Stolz als Emotion: ist das erwünscht und zulässig? Und gibt es da Gegenspieler? Gibt es Zusammenhänge mit den wahrgenommenen Abwertungs-bzw. Deprofessionalisierungstendenzen?

M: Ich finde das interessant, dass Du frägst, ob es ein kollektives Verständnis von Berufsstolz gibt und dass es wohl auch eines gibt, das individuell ist. Da taucht für mich dann die Frage auf, ob sich Berufsstolz „verordnen“ lässt? Du hast ja auch die Berufsordnung von Rheinland-Pfalz erwähnt. Da taucht der Gedanke ja explizit auf.

P: Geht es denn nicht darum Bedingungen zu schaffen, die es den Pflegenden ermöglichen gute Leistungen zu erbringen und darauf stolz sein zu dürfen?

M: Also diese Selbstwirksamkeitserlebnisse den Pflegenden bewusst und zugänglich zu machen, zu spiegeln oder Rituale dazu zu schaffen? Dass die Pflegenden dazu auch selbst eine Art „Kultur“ entwickeln?

P: Ja absolut Man sieht doch was in dieser Pandemie passiert. Es sind Extreme. Dieser rasche Schwenk von ‚beklatscht werden‘ zu ‚eine Klatsche‘ bekommen. Man sehe sich nur mal die Stigmatisierung von Pflegenden an, wenn sie in ihren Mietshäusern beschimpft werden oder am Einkaufen gehindert werden.

M: Ich meine daran sieht man doch auch schön, dass der Begriff Stolz eher auf eine falsche Fährte führt und der Begriff der Würde oder entsprechend Entwürdigung eher angebracht wäre. Aber nochmal zurück zur Ambivalenz im Zusammenhang mit dem Begriff des Berufsstolzes: wenn ich es recht verstehe, dann kann Stolz auch so interpretiert werden, dass er etwas sein kann für das man sich schämen muss? Also so im Prinzip wie „jemand ist sich zu stolz etwas zu tun“… läuft dann der – oder diejenige vielleicht auch weniger Gefahr beleidigt, erniedrigt oder unterdrückt zu werden?

P: Ich sehe noch eine weitere Ambivalenz. Die zwischen dem, „stolz auf das sein was man tut“ und gleichzeitig ein, „ich könnte das ja nicht“, zurück gespiegelt zu bekommen, also irgendwie auch eine Form der Abwertung, die man gesellschaftlich erfährt, denn „ich könnte das ja nicht“, heißt doch nichts anderes, als, „ich möchte das nicht tun müssen“.

M: Ja, sehe ich auch so.

P: Oder, könnte es nicht genau gegenteilig sein, eine Aufwertung? Obwohl viele Kolleg*innen diesen Beruf aufgeben möchten/könnten, bin ich genau deswegen stolz darauf? Und es stellt sich nicht gleich die weitere Frage; woran wird Stolz gemessen? Gibt es Outcomes?

M: Muss es das?

P: Oder anders gesagt, ist das eigene Befriedigungserlebnis ausschlaggebend? Dass ich meine Schicht oder Arbeit gut geschafft habe? Was sind Berufsstolz auslösende Faktoren bei Pflegenden? Das Dankeschön von den Bewohnerinnen und Bewohnern/den Angehörigen/der Leitung/der Ärzte?

M: Also ich versteh Dich so, dass Du hier auch auf das Bild abhebst, das nach außen abgegeben wird. Das Brechen mit Stereotypien oder auch anderer Zuschreibungen, wie zum Beispiel „hey Du als Pflegende kannst das? Hätte ich nicht gedacht!“

P: Interessanter Aspekt. Macht mich das abendliche Klatschen auf den Balkonen stolz(er) auf meinen Beruf? Systemrelevanz bedeutet, es geht nicht ohne uns. Um nochmal um auf das „ich könnt’s ja nicht“ zurück zu kommen: Wie geht es mir mit so einer Antwort in Bezug auf meinen eigenen Berufswert? Hat unsere schwache Außenwahrnehmung eventuell mit Stolz zu tun? Oder mit Schwäche?

M: Du sagst Berufswert. Das finde ich jetzt interessant. Wäre das als Begriff nicht auch eine Alternative zu Berufsstolz?

P: Du hast vorhin den Begriff der Würde mit eingebracht. Berufswürde ist mir als Begriff im Pflegekontext nicht geläufig. Die Begriffe Wert und Würde sind nicht ganz synonym zu Stolz zu sehen, verursachen aber das anfangs genannte leichte Unbehagen nicht, wenn an Stolz im Sinne von Ehre gedacht wird. Scheint mir neutraler.

M: Und um nochmal auf das „ich könnte das ja nicht zurück zu kommen“ im Zusammenhang mit Berufswert. Das ist doch dann auch eine klare Entwertung oder nicht?

P: Ja das ist ungefähr so, als ob jemand sagt, dass so einem Beruf freiwillig nachzugehen sei nicht normal oder schärfer ausgedrückt: „schön, dass Du Dich opferst, einer muss es ja tun“. Das wollte ich vorher damit ausdrücken, dass das in dieser Interpretation Auswirkungen auf den eigenen Berufsstolz haben könnte.

M: Kann man darauf stolz sein? Außerhalb der Norm zu sein?

P: Klare Antwort: ja, kann man! Vielleicht genau aus diesem Grund. Insbesondere im Zeitalter der Individualisierung. Wobei auch nicht zu viel, da gibt es soziale Grenzen des kollektiven Verständnisses für Außergewöhnlichkeit.

M: Also mich interessiert jetzt zum Schluss nochmal diese Ambivalenz auf der individuellen Ebene. Bei diesem Hin- und Hergerissen sein zwischen sogenannter Anerkennung und Abwertung der eigenen Person, Stichwort „ich könnt’s ja nicht“.

Hat das vielleicht auch was mit dieser „Black Box“ zu tun, dem Setting, dem Heim, dem Krankenhaus, Orte die man so normalerweise nicht betritt als Leistungsfähiger? Weil da riecht’s ja und hier spüre ich meine Begrenztheit. Ist das nicht auch so was Atmosphärisches was Pflegende da aushalten? Also ich meine das Sich hingezogen fühlen zu einem Bereich, der eben außergewöhnlich ist. Zugegebenermaßen wichtig. Ja. Aber auch repulsiv. Leid, Tod, Sterben, Elend. Das sind doch leibliche Reaktionen mit denen man da konfrontiert ist. Eine Art Schauer oder Grusel wie bei einem Film, wo man sich fürchtet aber nicht wegschauen kann. Ist das vielleicht auch eine Art „Charme“ der Black Box?

P: Ja, man „taucht“ ein gewissermaßen. Ich sehe außerdem neben der Sicht von außen auch eine innere. Wie gehen wir untereinander in der Berufsgruppe mit Stolz um? Vorher wurde schon erwähnt, dass da vielleicht Scham oder Hochmut mitschwingen kann. Das kommt die Bildungsfrage ins Spiel. Ist die Entwicklung von Berufsstolz Bestandteil von Ausbildung oder Studium/Lehre? Seid stolz, auf was Ihr tut! Sagt das jemand?

M: Ich kenne es im Zusammenhang mit dem Spruch „Tu Gutes und sprich darüber!“

P: Hier geht es um eine innere und äußere Lobkultur!

M: Ja Lobkultur, Du hast recht Da findet sich für mich auch der Begriff der Würde wieder. Nämlich: eine Würdigung erfahren! Für etwas. Wenn man sich die Studien zur Berufsflucht ansieht, sticht doch auch genau dieses Merkmal der fehlenden Anerkennung heraus! Also eben für etwas nicht explizit gewürdigt zu werden…

P: Hier zeigt der Begriff Berufsstolz zwei Seiten: Verlassen die Kolleg*innen infolge der nicht zu-erkannten Anerkennung den Beruf oder aus eigenem Berufsstolz, zu stolz um sich gewisse Bedingungen/Gepflogenheiten gefallen zu lassen?

M: Wir wissen doch längst seit Mitte der Neunziger, dass mangelnde Anerkennung von innen und außen eine große Rolle spielen, insbesondere in Abhängigkeit der mangelnden Handlungs- und Entscheidungsspielräume, die Pflegende genießen. Mit der Leitungsfrage zusammen sind das wichtige Merkmale für oder gegen Burn-Out. Also je besser meine Empfindung ist was meine Selbstwirksamkeit und Handlungsfreiheit angeht und je besser die Leitung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken.

P: … oder den Pflexit zu wählen. Und wie verfahren wir jetzt mit dem Begriff Berufsstolz?

M: Angenommen wir würden uns gemeinsam eher auf den Begriff der Berufswürde einigen. Welches Fazit ziehst Du, welchen Gehalt hätte er für Dich entgegen des Begriffes Berufsstolzes?

P: Würde ist positiver konnotiert als Stolz im Sinne einer gesellschaftlich erwünschten Anerkennung. Stolz ist stark ambivalent. Auch im Zusammenhang mit einer eigenen beruflichen Haltung. Aber wie könnte eine gute Begründung für eines bereits gesetzten Begriff lauten?

M: Da stellt sich doch für mich auch die Frage wer den Begriff denn gesetzt hat und zu einer Norm erhoben hat? Ist das vielleicht einfach auch nur eine Ermangelung eines deutschen passfähigen Begriffes für ‚to be proud‘ oder ‚pride‘? Gibt hier die deutsche Sprache einfach zu viele Grenzen vor, um den Begriff entsprechend schillern zu lassen wie im Englischen?

P: Ich würde gerne nochmal auf unsere Überschrift zurückkommen:

„Berufsstolz oder  Bonuszahlung für Krankenpfleger. Ein wichtiges Signal an diesen Berufszweig – schließlich sind sie es, die uns alle wieder gesund pflegen.“

Das Thema ‚Pflege-Corona-Bonus‘ nehme ich sehr widersprüchlich wahr: Von anfänglichen Jubelrufen (die längst verstummt sind), über die unsägliche und unWÜRDIGE Finanzierungsdiskussion auf Bundesebene, dreht sich das Blatt anscheinend mehr in Richtung Kopfschütteln bzw. Wut, Enttäuschung oder sogar Beleidung oder Kränkung. Vor allem in den sozialen Medien mehren sich kritische Stimmen aus der Berufsgruppe. Äusserungen wie z.B. wir als Berufsgruppe sollen damit „ruhiggestellt werden“ sind nicht selten. Auch hier wieder eine sich weiterdrehende Ambivalenzspirale. Die Bonuszahlung wird möglicherweise als Berufsstolz verletzend, also kränkend, wahrgenommen. Das ist denke ich, unabhängig von der tatsächlichen Höhe der Zahlung zu sehen. Ist die Annahme einer Bonuszahlung mit Berufsstolz, oder Berufswürde vereinbar?

M: Selbstverständlich. Aber die Beträge sind ein Hohn meines Erachtens.
Pflegende in New York, die sich freiwillig melden, bekommen bis zu 4000.- US$/monatl. an Bonuszahlungen wegen der hohen Gefahr, der sie sich aussetzen. Die hierzulande verhandelten Beträge zeigen doch eindeutig, dass sie Im Rahmen einer Zweckrationalität immer noch an Werte gebunden sind, die „etwas“ erwirtschaften oder produzieren. Und Pflege erwirtschaftet eben nichts in dieser Logik für die Gesellschaft. Außer derzeit und bislang Menschenleben oder Werte, die an das „gute Leben“ gebunden sind. Aber was kostet das „gute  Leben“? Was kostet ein Menschenleben? Ich bin der Meinung, dass das „gute Leben“ mindestens so viel kosten muss, dass alle, die sich nachhaltig dafür einsetzen, selbst gut davon leben können. Und Pflegende in den Ballungsräumen oder sonstwo, können das nicht. Sie gehören zu den gefährdeten Gruppen in der Gesellschaft, die evtl. selbst einmal von Armut bedroht sind. Alles was bislang an „gutem Willen“ gezeigt wurde, muss eben auch an dieser Dimension gemessen werden. Und da ist eben nicht das Proviantpaket für 6 Euro 50/Tag (das dann z T auch noch auf 3 Euro 50 zusammengespart wird). Das sind dann Kränkungen, die Beleidigungen und Entwertungen, denen sich Pflegende ausgesetzt sehen.

P: Dem stimme ich vollumfänglich zu. Die Diskussion um den Pflegebonus zeigt doch deutlich, dass auch das Thema Gehalt bei professioneller Pflege immer noch auf einem Level weit unter dem geführt wird, was dieser Berufsgruppe zusteht; Stichwort Mindestlohn. Sei es auf Grund der hohen Verantwortung die sie tragen, sei es bezogen auf Fachexpertisen oder auch auf Grund der kürzlich festgestellten Systemrelevanz. Und in keiner anderen Branche kommt bei diesen Diskussionen so rasch die Frage nach dem „wer soll das bezahlen?“ auf, wie hier. Mal ganz provokant geantwortet: Es ist nicht Aufgabe der Pflegenden für die Finanzierung zu sorgen. Das ist Aufgabe der Gesellschaft und in deren Auftrag der Politik, den Wert und die Wertigkeit eines derart zentralen Berufes zu bestimmen. Das Gehaltslevel der Pflege im Vergleich zu anderen Branchen zeugt in aller Deutlichkeit davon. Die Zeit nach der Krise wird zeigen, ob der Corona-Pflegebonus als „Schweigegeld“ akzeptiert wurde oder eher nicht, oder, ob die ‚Pflexit‘-Tendenz weiter im Zunehmen begriffen ist.

Michael Bossle
Über Michael Bossle 5 Artikel
Pflegewissenschaftler (Univ.), Dipl. Pflegepädagoge (FH), Gesundheits- und Krankenpfleger, Professor für Pflegepädagogik, Deggendorf

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