Berufsstolz ist lernbar

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Pflege kann sich sehen lassen! Die Vergütung nach Berufsabschlussprüfung und während der Ausbildung ist gar nicht schlecht. Kaum ein anderer Beruf stellt einen solchen Wachstumsmarkt dar und bietet zugleich eine so hohe Zukunftssicherheit. Die Arbeit erfolgt im Schichtdienst, wie auch bei vielen anderen angesehenen Berufen wie in der Medizin, bei den Fluglotsen, Bühnenberufen, Energiewirtschaft, Feuerwehr oder in der Informatik. Im Gegensatz zu manchen Selbstständigen arbeiten beruflich Pflegende regulär nicht mehr als 40 Stunden in der Woche. Kaum einer der angesagten Trend-Berufe kann eine vergleichbar hohe Sinnkomponente aufweisen. Kurzum: Der Pflegeberuf hat enorme positive Aspekte. Diese wollten wir sichtbar machen!

Wir, das sind Angelika Zegelin und German Quernheim. Wir haben im letzten Jahr ein Mutmach-Buch zum Berufsstolz der Pflegenden geschrieben, welches an dieser Stelle in kurzen Auszügen vorgestellt werden soll.

Die Pflegebranche wächst und wächst. So hat sich allein die Zahl der Pflegenden in deutschen ambulanten Diensten und stationären Einrichtungen zwischen 1999 und 2015 um rund 77 Prozent erhöht. Der Trend wird sich fortsetzen, weil mit steigendem Alter der Bevölkerung die Zahl der Pflegebedürftigen zunimmt. Ganz anders bei den Berufen, die durch neue Technologien ersetzt werden können und die es in zwanzig Jahren vermutlich gar nicht mehr geben wird, wie etwa Bank-, Büro- und Versicherungskauffrauen, Steuerberater, Verkäufer oder Elektroniker. Wer dagegen jetzt eine Pflegeausbildung oder ein Pflegestudium absolviert, hat tolle Aussichten auf attraktive Stellen, eine große Auswahl an Weiterbildungen und Studienmöglichkeiten im Markt der Zukunft und die Wahl, sich die besten Arbeitgeber auszusuchen. Obgleich schon Zehntausende staatlich geprüfte Pflegende in den letzten Jahrzehnten den Beruf verlassen haben, steuerten die Politiker aller regierenden Parteien bis vor kurzem nicht wirksam dagegen. Zur durchschnittlichen Verweildauer im Beruf liegen sehr unterschiedliche Zahlen vor. Wir gehen davon aus, dass es keine validen Daten gibt.

Aber schon lange vor Corona scheinen Überstunden, eine außerordentlich hohe Anzahl an Krankheitstagen im Vergleich mit anderen Berufen und eine geringe Wertschätzung den Berufsausstieg als einzigen Weg aus einem manchmal jahrelang quälenden Dilemma erscheinen. Die Arbeitsbedingungen sind vielerorts desolat und unzumutbar. Dies darf nicht verschwiegen werden. Deshalb werden auch im Buch diese Arbeitsbedingungen diskutiert.

Positiver Blick

Schauen Sie selbstbewusst auf sich und Ihre bedeutsame Tätigkeit. Achten und spüren Sie bei der Betrachtung so vieler Facetten der Pflege auf eine Haltung von Stolz. Lassen Sie uns in der Pflege veraltete Traditionen offen und kontrovers diskutieren und argumentieren Sie mit nachvollziehbaren Botschaften. Im Buch finden Sie unzählige Anregungen dazu. Namhafte Pflegekolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (u.a. Prof. Gabriele Meyer und Prof. Hanna Mayer), lieferten uns dafür aktuelle Statements zum Berufsstolz. Lassen Sie uns unseren Wert für die Gesellschaft sichtbar machen, so dass auch die Politik weiter verstärkt darauf reagiert und die Bedingungen verbessern wird.

Grundvoraussetzung für eine positive Veränderung unseres Berufs ist auch eine gesamt-gesellschaftliche Wertediskussion. Positive Aufmerksamkeit erzielen und skandalöse Berichterstattung vermeiden ist ein sinnvoller Weg. So werden wir zeigen, was eine qualifizierte Pflege unter menschenwürdigen Bedingungen leisten kann. Unser Buch verfolgt das Ziel, Sie anzuspornen und proaktiv eine Akteurin oder ein Akteur unseres gewichtigen Berufes zu werden. Praktizieren Sie für sich selbst und für unsere Berufsgruppe Lobbyarbeit und entfalten Sie damit echte politische Kraft. Wir brauchen Interessenvertretungen und Öffentlichkeitsarbeit durch Kolleginnen und Kollegen am Bett. Wer, wenn nicht wir, die Pflegefachpersonen, sind die Botschafterinnen und Botschafter unserer eigenen Professionalität?!

Was ist Berufsstolz?

Es gibt keine allgemein akzeptierte Beschreibung dieses Berufsstolz, schon gar nicht in der Pflege. Wir Autoren versuchten, dies im Mutmach-Buch umfassender zu beschreiben. Deswegen blättern wir an dieser Stelle einige wenige Aspekte auf, die unserer Ansicht nach zum Berufsstolz gehören: Selbstwert und Sinnfindung, Wissen und Leidenschaft, Mut, berufliche Identität und Anderes. Stolz wird oft negativ konnotiert: aber Pflege braucht Berufsstolz! In einer Online-Umfrage „Was beschäftigt Pflegekräfte?“ gaben 85 Prozent der befragten Pflegenden an, stolz zu sein auf ihren Beruf (Scharfenberg, 2016). Wir sind weit davon entfernt, überheblich aufzutreten – ganz im Gegenteil, Pflegende im deutschsprachigen Raum fühlen sich eher als „Mädchen für Alles“, sie treten bescheiden zurück. Die Kunst der Pflege ist fast verlorengegangen, seitdem Pflege immer mehr auf Handgriffe reduziert werden. Deswegen möchten wir hier ein starkes Plädoyer für Selbstbewusstsein geben.

Während unter Wertschätzung die positive Bewertung einer Person durch Andere, also durch Kollegen, Patienten oder der Gesellschaft verstanden wird, bezeichnet Stolz das Gefühl einer ausgeprägten Zufriedenheit mit sich selbst. Das Wort Stolz entstammt dem Mittelhochdeutschen «stolt» und bedeutet «prächtig» oder «stattlich». Stolz und Zufriedenheit erreichen Sie im Beruf nicht nur, wenn Sie etwas tun, was Ihnen Freude macht.

Berufsfindungspraktikanten und neue Auszubildende wissen meist schon nach kurzer Zeit, ob Ihnen das Setting der Pflege zusagt und ob es „ihr Ding“ ist. Stolz sind sie deswegen noch lange nicht. Denn die Sache mit dem Berufsstolz beinhaltet mehr. Wenn Pflegende die subjektive Gewissheit haben, über eine besondere Fähigkeit zu verfügen oder eine herausragende Leistung erbracht zu haben sind sie in dem Moment auf ihre eigene Leistung, ihr Team, ihren Arbeitgeber und/oder ihren Beruf stolz (vgl. Ciesinger et al., 2011). Arbeitszufriedenheit entsteht, wenn die Arbeitssituation positiv beurteilt wird; Berufsstolz hingegen beurteilt die persönliche Leistung, in welcher Art und Qualität der eigene Beitrag zur Wertschöpfung des Prozesses gehört. Er steht in enger Beziehung zur Selbst- und Fremdwertschätzung. Somit beschreibt Berufsstolz eine Haltung, die auf einer kognitiven Überzeugung basiert und von Emotionen begleitet ist.

„Stolz sein“ wird oft gleichgesetzt mit „sich selbst loben“ oder sich selbst überhöhen, was allgemein eher verpönt ist. Hier geht es ganz und gar nicht um das „hohle“ Aufblähen des eigenen Egos, sondern um ein wachsendes Bewusstsein und das Wissen um die umfassende persönliche und professionelle Fachlichkeit und ihren Stand(-ort) bzw. Standing. Stolz tritt auf, weil man selbst ein für sich bedeutsames Handlungsziel durch Kompetenz und deren Kontrolle erreicht hat (Fuchs-Frohnhofer et al., 2012, 17). Sobald Ihre berufliche Tätigkeit gemäß den verbindlichen Regeln Ihrer Kunst umgesetzt wird und der Motivation entspricht, reift und wächst das positive Gefühl von Berufsstolz. Stolz erleben Sie, wenn Sie etwas gut können und Ihre pflegerischen Kompetenzen selbständig einsetzen und den Outcome, also das Ergebnis Ihrer Pflege qualitativ verantworten.

Systemrelevanz der Pflegenden

In vielen Branchen herrscht ein Mangel an Fachkräften, so im Handwerk, bei IT-Fachkräften, Bademeistern, Lehrerinnen oder Lokführern. Wenn es hier zum Stillstand oder Stau kommt, können bereits mehr als leichte Unannehmlichkeiten vorliegen. Wenn aber in Klinik oder Heim Pflege nicht stattfindet, kann es für die Patienten und Bewohner tödlich enden. Die Corona-Pandemie zeigt dies derzeit immer noch. Denn dann ist niemand da, der die Vitalzeichen kontrolliert und rechtzeitig eingreift; niemand, der auf die existenziellen Ängste und Krisen adäquat reagiert; niemand, der Patienten mit Trinken oder Essen versorgt. Im Extremfall kostet es Leben.

Pflegearbeit ist eine unaufschiebbare Reaktion auf direkte menschliche Bedürfnisse. Eine Beziehung herzustellen inmitten der vielen Einflussbedingungen ist jeweils eine einmalige „Schöpfung“, deswegen spricht man von „Pflegekunst“. Diese Leistung sollte sichtbar sein und nicht nur dann auffallen, wenn sie nicht erbracht wird. Wenn Ihr Beruf zudem noch gesellschaftlich gewürdigt wird, lässt Sie das wahrscheinlich mit „stolzer Brust erfüllen“. Und wenn Sie feststellen, dass Ihre Dienstleistung durch Ihre persönliche und fachliche Art, Qualität und Individualität nicht so einfach von einer anderen ausgeführt werden kann, ja, dann fühlen Sie Berufsstolz.

Pflege hat die Gestaltung des Alltags umfassend im Blick und erfordert vielfältige und sensible Umgangsformen, ein fundiertes Hintergrundwissen nicht zuletzt in psychologischer Hinsicht und ganz individuell über den ihr anvertrauten Patienten. Wer daran zweifelt, erinnere sich einmal an seinen letzten Arzt- oder Krankenhausaufenthalt: Was ist Ihnen besser in Erinnerung: wie die Pflegefachperson die Spritze setzte oder wie (un-, freundlich, persönlich, ablenkend usw.) sie Sie dabei ansprach? Pflege ist das Ergebnis eines kreativen Prozesses und hat nicht nur die Heilung im Fokus, sondern vielmehr die Qualität des gesamten Pflegeverlaufs. Im Englischen heisst es „Professional Pride“ oder „Professional Ambition“ – also auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes berufliches Streben.

Berufsstolz versus Pflegestolz

Nurse Pride (englisch Pflegestolz), beschreibt den selbstachtenden und stolzen Umgang der Pflegenden mit ihrer eigenen Berufsidentität. Diese Kolleginnen arbeiten und sind dabei stolz, das erlebte Selbstgefühl ihres eigenen Wertes nach außen zu repräsentieren. Kurzum: sich authentisch so zu geben, wie sie sind.

Die Haltung des Berufsstolz entwickeln Berufsangehörige, während Pflegestolz von allen (auch ungelernten) Pflegenden entwickelt werden kann. Tabelle 1-1 soll dies veranschaulichen.

Tabelle 1 1 (Quelle: Quernheim/Zegelin 2020)

Dies bedeutet, sich im Gesundheitswesen vor anderen Berufen nicht verstecken zu müssen, sondern sich für die eigenen Fähigkeiten und Rechte einzusetzen und Pflichten verantwortungsvoll auszuüben. Berufsstolz umfasst das Gefühl starker Selbstachtung, verbunden mit der öffentlichen Anerkennung der Pflegetätigkeit. Besonders stolz sind Berufsangehörige, wenn die Bevölkerung mit Achtung auf ihren Beruf oder auf die Einrichtung, in der sie arbeiten, blickt.

Stolz lässt sich nicht anerziehen, sondern setzt Wissen und Bildung voraus, denn wenn Pflegende erkennen, dass sie etwas Besonderes oder Anerkennenswertes geleistet haben, erleben sie Gefühle von Zufriedenheit mit sich selbst. Dazu benötigen sie Fachwissen, um die Tragweite ihres Handelns bzw. Nicht-Handelns zu erkennen. Dazu wurden im Arbeitsbuch über 60 Aufgaben integriert. Führungskräfte und Lehrende erhalten Übersichten und Vorschläge, wie sie das Buch in ihr Pflegeteam bzw. in die Ausbildungskurse und Studiengänge integrieren können.

Als Maßstab gilt die eigene und/oder gesellschaftliche Wertehierarchie. Nur wer selbstreflexiv ist, d.h. im Rückblick sein Berufsengagement der letzten Minuten oder des Tages betrachtet, kann einen solchen Stolz erleben. Damit fördern Sie positive Gedanken über sich selbst. Stolz entsteht auch, wenn Sie persönlich zu einer zukunftsträchtigen Sache beigetragen haben. Wenn Sie wissen, was Sie tun und warum Sie es tun, entwickeln Sie Stolz. So ist die Zunahme von Berufsstolz vor allem ein „Bewusstseinsprozess». Wenn wir uns unserer Pflege-Fachlichkeit und Expertise bewusst sind, können auch die positiven emotionalen Komponenten des Berufs- und Pflegestolzes spürbar werden.

Stolz ist sichtbar

In allen Kulturen signalisiert Stolz, etwa aufgrund einer gesellschaftlichen Position, durch gleichartige Gesten und Gebärden – wie aufrechte Körperhaltung, zurückgelegter Kopf, Arme mehr oder weniger ausgebreitet oder vom Körper gestreckt, den bedeutenden öffentlichen Status. Durch gefühlten Stolz lassen sich auch wirksamer berechtigte Arbeitsbedingungen gegenüber den Vorgesetzen einfordern. In den letzten Kapiteln zeigen wir unter anderem, wie Sie durch Umsetzung neuer Einsichten und praktikabler Tipps in Körpersprache (Elevator Pitch) und Embodiment nicht nur ihr Unterbewusstsein „austricksen“, sondern auch Ihr Auftreten stolzer werden lassen.

Gefühle wie Stolz oder Ärger haben gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Mitarbeitenden. Überwiegt der Stolz den Ärger, reduzieren sich Stress, Erschöpfung und Überforderung. Eine stolze Mitarbeiterin verliert nicht die Kontrolle oder die Gewissenhaftigkeit bei ihrer Arbeit, sie erlebt Selbstwirksamkeit und Gefühle von Zufriedenheit, Freude und Kompetenz. Selbstwirksamkeit gilt als wichtiger Grundpfeiler unserer psychischen Gesundheit.

In weiteren Abschnitten zeigen wir hilfreiche Möglichkeiten auf, was und wie Berufsangehörige Veränderungen bewirken können. Wir haben heute Möglichkeiten unerträgliche Verhältnisse umzugestalten! Auch die Politik hat endlich erkannt, wie wichtig die pflegerische Versorgung der Bevölkerung ist. Viele Maßnahmen wurden und werden ergriffen. Pflege ist in Aktion! Wir möchten Sie ermutigen, echten und gesunden Berufsstolz zu entwickeln, sich auf den Kern der Pflege auszurichten, Ihre Arbeitsbedingungen zu reflektieren und wenn nötig zu verändern und erfolgreich, gesund und zufrieden Ihren Beruf zu genießen. Ferner möchten wir die frühzeitig aus dem Beruf Ausgeschiedenen bestärken, Pflege wohlwollend zu überdenken, ihre Berufsmotivation zu reaktivieren und einen neuen Versuch in einer spannenden und sinnvollen Tätigkeit zu wagen. Berufsangehörigen aus den zukünftigen Out-Berufen, die heute mit Schrecken feststellen, dass ihre Qualifikation in Zukunft wegfällt oder die im alten Beruf unzufrieden sind, geben wir mit diesem Buch wertvolle Impulse – um ein erstes Pflegepraktikum gut vorbereitet anzugehen.

Nur nicht- nachdenkende Kolleginnen und Kollegen handeln gegen eigenes Interesse und schaden sich mit Negativaussagen selbst: Denn wer soll dann noch in die Pflege kommen? Entscheidend ist, dass Sie selbst positiv über ihren Beruf sprechen.

Literatur

Ciesinger, K.-G., Fischbach, A., Klatt, R. & Neuendorff, H. (Hrsg)(2011).
Berufe im Schatten. Berlin: Lit Verlag.

Fuchs-Frohnhofer, P., Isfort, M., Wappenschmidt-Krommus, E., Duisberg, M., Neuhaus, A., Rottländer, R., Brauckmann, A. & Bessin, C. (Hrsg.) (2012). PflegeWert: Wertschätzung erkennen – fördern – erleben. Köln: Kuratorium Deutsche Altershilfe.

Scharfenberg, E. & Teglas, I. (2019). Pflege ist stark!: Gelebte Ideen und Zukunftsimpulse. Hannover: Vincentz.

German Quernheim
Über German Quernheim 1 Artikel
Krankenpfleger, Praxisanleiter, Dipl. Pflegepägagoge (FH), Pflegewissenschaftler, Dozent und Fachbuchautor in Österreich, Schweiz und Deutschland

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