Berufsstolz

(C) chery

Pflegepersonen könnten sicher mehr Berufsstolz entwickeln, denn sie hätten allen Grund dazu. Das Thema ist nicht leicht zu bearbeiten, denn es zeigt so viele Vorzüge des Berufs, und ich muss mich auf vier Punkte einschränken.

Berufstätigkeit

Zufrieden werden die Pflegenden mit ihrem Beruf sein, wenn es ihnen ermöglicht wird, nach professionellen Kriterien zu arbeiten und entsprechende Rahmenbedingungen vorzufinden. Zur Kernkompetenz der Pflege gehört der Beziehungsprozess mit Kranken und Angehörigen.  Kranke Menschen mit ihren Bedürfnissen konkret zu erfassen, die notwendigen Maßnahmen zu planen und zum Teil auch durchzuführen, ist das Zentrale in der Pflege. Ganz wichtig ist aber heutzutage das Beraten der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Es ist wichtig, dass die Kranken ihre Situation verstehen, in ihrer Autonomie gefördert werden, und dass Maßnahmen so in die Wege geleitet werden, dass Akutkranke ihre Gesundheit weitgehend wieder erreichen können. Bei chronisch Kranken wiederum ist es notwendig, dass die Kranken durch einen längeren Begleitungsprozess den Weg finden, mit ihrer Krankheit so weit fertig zu werden, dass sie „das Leben über die Krankheit hinausheben“, wie Grypdonck es formuliert, und damit einen Sinn in dem oft langen Leidensprozess finden können.

Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, es muss ausreichende Zeit zur Verfügung stehen, um die eventuellen Ängste und Sorgen tatsächlich zu erfassen und in einem geschulten Team Lösungen zu entwickeln. Dafür braucht es die entsprechende Bildung, klare Kompetenzen und Strukturen usw., aber es braucht nicht die traditionelle Hierarchie.

Wenn gute Arbeitsbedingungen, angemessene Entlohnung usw. gegeben sind, dann können Pflegepersonen nicht nur mit ihrer Berufsausübung zufrieden, sondern auch stolz darauf sein.

Bildung und Kompetenz

Ein Rückblick in die Geschichte des Pflegeberufs zeigt, dass Österreich hier lange Zeit Nachholbedarf hatte und teilweise noch hat. Nach einer langen Zeit der „Pflege“ durch Wärterinnen, die keine Ausbildung und ganz schlechte Arbeitsbedingungen hatten (siehe Walter „Pflege als Beruf oder aus Nächstenliebe?“, 2004) ging es mit den Schulgründungen in der Krankenpflege nur schleppend voran (Seidl: „Akademisierung von Public Health und Pflege“, 1993, S.13-38). Die Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen waren – zum Teil der politischen Situation geschuldet – schlecht, wie in diesem Buchbeitrag ausführlich dargestellt wird.

Aufgeholt wurde das in Österreich erst mit den Anfängen der Akademisierung Anfang der 1990er Jahre. Mit der Entwicklung der Pflegewissenschaft und der Einordnung in andere Disziplinen hat sich ein interdisziplinäres Team bereits in dem Buch „Betrifft: Pflegewissenschaft; Beiträge zum Selbstverständnis einer neuen Wissenschaftsdisziplin“ (1993) befasst. Dann aber kam es zu einer zügigen Entwicklung in der Grundausbildung und auf  akademischem Bildungsniveau. Seit der Jahrtausendwende gibt es in Österreich neben den Fachhochschulen vier universitäre Standorte für Pflegewissenschaft: Wien, Hall in Tirol, Graz und Salzburg. Die zügige Entwicklung der Grundausbildung in der Pflege, die dazu führte, dass nach einem Gesetzesbeschluss von 2016 das Bakkalaureat als Grundausbildung vorgesehen ist, bringt uns auf internationales Niveau und mit der Erlangung des Masterabschlusses ganz neue Kompetenzen. Das beinhaltet die Fähigkeiten zu Forschung, Wissensentwicklung in Spezialbereichen, innovativem Aufbau von neuen Strukturen im Gesundheitswesen – all das sind Fähigkeiten einer Advanced Nurse. Hier ist viel im Gange – Grund genug, um stolz zu sein.

Wirksamkeit des Berufes in der Gesellschaft

Pflege wurde bereits in den 1980er Jahren als der große Player im Gesundheitssystem bezeichnet – ein Ausdruck, den die WHO damals verwendet hat, um zu zeigen, welchen Einfluss die Pflege allein durch die große Zahl an Berufsangehörigen hat. Heute ist das Thema wieder in aller Munde, vor allem durch die aktuelle Pandemie und den Bedarf an medizinisch-pflegerischen Kompetenzen. Pflege kann aber durch nichts ersetzt werden, sie ist ganz nahe an den PatientInnen und ist rund um die Uhr und an allen Tagen der Woche voll im Einsatz. In der Bevölkerung ist jetzt durch diese weltweite Erkrankung erst bekannt geworden, was die Pflege leistet, und auch die Betreuung durch die 24-Stunden Pflege hat hohe Aufmerksamkeit ausgelöst.

Die Pflege entwickelt derzeit eine ganze Reihe von Kompetenzen zur Unterstützung und Begleitung der Kranken, mit denen sie auch zunehmend selbständig arbeiten wird. Das Wundmanagement ist dafür ein gutes Beispiel, weil es schon vor Jahren entwickelt wurde und hervorragende Ergebnisse bringt. Andere SpezialistInnen, zum Beispiel für Schmerzmanagement, Diabetes oder Multiple Sklerose, folgen bereits nach.

Pflegende haben es in vielen Ländern verstanden, auch neue Strukturen im Gesundheitswesen aufzubauen. Besonders Familien- und Gesundheitsschwestern, Spezialisten in der Palliative Care und Pflegepersonen mit vielen weiteren Kompetenzen sind erfolgreich im Einsatz.

Die Bevölkerung wird die Pflege brauchen, nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch im ländlichen Bereich, um in Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen die Gesundheitsprobleme zu lösen.

Kooperation

Dabei ist nicht daran gedacht, dass Pflege, der große Player im Gesundheitssystem, nun die anderen Gesundheitsberufe zur Seite drängen wollte. Im Gegenteil, Zusammenarbeit ist die einzige richtige Lösung. Die komplexen Situationen der kranken Menschen und die vielfältigen Behandlungsangebote machen deutlich, dass – im ländlichen und im urbanen Bereich – eine gute Kooperation angesagt ist.

In den USA, wo allerdings die Akademisierung der Pflege schon in die Mitte des 20. Jahrhunderts zurückreicht, zeigen pflegewissenschaftliche Studien, dass Zusammenarbeit (collaboration), vor allem mit den Ärzten, einen hohen Stellenwert für die Qualität der Versorgung hat (C. J. Tang). Eine ganz neue Studie, 2020 publiziert, geht noch weiter: Teamwork (Nurse-Physician Teamwork) führt zu einer höheren Qualität auf chirurgischen Stationen und zu einer niedrigeren Mortalitätsrate. Noch genauer:

  1. das Pflege-Arzt-Teamwork zusammen mit
  2. der Anzahl an Pflegepersonen pro Patient und
  3. das Ausmaß von Pflegenden, die einen Bachelor-Abschluss besitzen

sind die drei Faktoren, die im chirurgischen Bereich die Sterberate senken. Das wurde erhoben in einem Sample von 665 Krankenhäusern in vier Bundesstaaten (X. L. Kang)

Welcher Beruf hat größere Möglichkeiten als die Pflege?

Elisabeth Seidl
Über Elisabeth Seidl 1 Artikel
Univ. Prof. Dr. Elisabeth Seidl: ehem. Pflegedirektorin und Leiterin der Gesundheits- und Krankenpflegeschule des Rudolfinerhauses in Wien, ehem. Leiterin des Instituts für Pflege- und Gesundheitssystemforschung der Johannes Kepler Universität Linz, Habilitation in Soziologie der Pflege an der Universität Linz, ehem. Prof.in für Pflegewissenschaft an der Universität Wien. Initiatorin für Pflegewissenschaft in Österreich.

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