Berufe machen Kleider – Dem Geheimnis berufsspezifischen Anziehens auf der Spur

„Einfach nur aufschlussreich“

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was Kleidung mit uns macht? Ist es uns im Alltag und auch im Beruf bewusst, dass Kleidung nicht bloß vermeiden soll, nackt zu sein? Und welche Botschaften sind es, die wir mit dem Tragen von Kleidung vermitteln wollen? Das Tragen von Kleidung hat etwas ganz Individuelles. Die Unternehmensberater Andreas Nolten und Ronny Jahn haben sich mit dem Buch „Berufe machen Kleider“ einmal auf die Suche nach der einen oder anderen Bedeutung, nach der einen oder anderen Botschaft gemacht.

Jahn und Nolten gehen davon aus, dass Kleidung „als Ausdruck sozialer Praxis“ (S. 15) zu verstehen ist. Bei der Frage danach, was jemand anzieht, gebe es immer eine instrumentelle, eine individuelle und eine soziale Perspektive. Beim instrumentellen Aspekt gehe es um den Schutz des Körpers vor äußeren Einflüssen, während es bei der sozialen Perspektive darum gehe, symbolisches Erkennungsmerkmal zu sein. Beim individuellen Blick auf Kleidung geht es um den Ausdruck persönlicher Vorlieben und Eigenschaften.

Die Vieldimensionalität der Kleidung kennen Menschen aus pflegerischen Berufen beispielsweise auch. So bringen der Pflege-Kittel und der Kasack die soziale Perspektive auf den Punkt. Diese stilvergessene Kleidung drücke eine starke fachliche Orientierung aus. Die instrumentelle Bedeutung ist offensichtlich, schließlich müssen sich Pflegende hygienisch schützen.

Mit der Lektüre des Buchs von Jahn und Nolten ändert sich der Blick auf die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Die Decodierung der getragenen Röcke und Blusen, Hemden und Anzüge ermuntert den Einzelnen, die eine oder andere Hypothese über den Mitmenschen aufzustellen und auch zu überprüfen.

Nach Meinung Jahns und Noltens dient Kleidung als „Kommunikationsmittel“ (S. 21), sobald sie für andere sichtbar werde. In der Interaktion mit anderen Menschen würden viele Signale empfangen und von Empfängern entschlüsselt. Diese Praxis kennt im Grunde jeder Mensch und findet einen ursprünglichen Ausdruck in der „Macht des ersten Eindrucks“.

Jahn und Nolten nehmen die Leserin und den Leser in viele Welten mit. Es gibt die Möglichkeit, darüber nachzudenken, weshalb in Banken und Büros bestimmte Dresscodes gelebt werden. Es gibt die Gelegenheit, sich klar zu werden, weshalb man sich selbst auf die eine oder andere Weise kleidet. So unterscheiden sie ausführlich die Begriffe der Introversion und Extraversion. Während die eine Gruppe als nachdenklich und zurückhaltend von Jahn und Nolten beschrieben wird, so stellen sie gleichzeitig zu extravertierten Menschen fest: „Extraversierte Personen lenken mit ihrem Kleidungsstil gerne die Aufmerksamkeit ihrer Umwelt auf sich. Kräftige und fröhliche Farben, ungewöhnliche Kombinationen oder auch das Ausprobieren neuer Modetrends helfen dabei, aufzufallen … Für extravertierte Personen ist es bedeutsam wie ihre äußere Erscheinung von anderen wahrgenommen wird“ (S. 26 / 27).

Die Alltäglichkeit getragener Kleidung verändert sich nach der Lektüre des Buchs „Berufe machen Kleider“. Das Alltagsphänomen der Kleidung kommt unter die Lupe, bekommt eine größere Aufmerksamkeit und ermöglicht einen intensiveren Blick auf die Zeitgenossin und den Zeitgenossen. Einfach nur aufschlussreich.

Ronny Jahn / Andreas Nolten: Berufe machen Kleider – Dem Geheimnis berufsspezifischen Anziehens auf der Spur, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, ISBN 978-3-525-40625-0, 92 Seiten, 15 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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