„Berührungsberuf, Beziehungsberuf“

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Der Medizinethiker Giovanni Maio hat vor einiger Zeit betont, dass die Pflege ein Berührungsberuf ist. Damit hat er natürlich recht. Pflege ist noch mehr. Pflege ist ein Beziehungsberuf. In Zeiten einer weltweiten Pandemie wird dies besonders deutlich. Pflegende und zu Pflegende werden angehalten, Mund-Nasen-Schutzmasken zu tragen. Dies verändert Kontakt und Kontaktaufnahme. Denn gegenseitig sind wir aufgefordert, Kanäle zu nutzen, die in Nicht-Corona-Zeiten etwas vernachlässigt wurden.

Mehr als gewöhnlich wird der Kontakt über die Augen aufgenommen. Indem sich Pflegende und zu Pflegende tief in die Augen schauen, wird die gegenseitige Bereitschaft und der wechselseitige Willen offensichtlich, dass sich Menschen aufeinander einlassen. Über die Augen werden in diesen ungewöhnlichen Zeiten Informationen ausgetauscht, wo sich Menschen zu anderen Zeiten auf den Wortwechsel verlassen. Der Blick in die Augen zeigt, wie es einem Menschen geht, ob jemand Schmerzen hat, wie die Stimmung ist.

Normalerweise tragen wir Masken im Karneval. Zu dieser Zeit suchen wir bewusst die Möglichkeit des Anderssein. Der Karneval gibt uns die Gelegenheit, in andere Rollen zu schlüpfen. Die Maske verhüllt nun etwas, was eigentlich ohne jede Hülle ist.

Die Verhüllung und die Enthüllung, die Maskierung und die Demaskierung sind alltäglicher als wir denken. Dabei ist es in pflegerischen und therapeutischen Teams schwierig, über die Enthüllung und Verhüllung eines Menschen zu sprechen. Geht es um das Kopftuch oder gar die vollständige Verhüllung des Gesichts von Musliminnen auf der Station, so wird lieber geschwiegen. Einen kritischen Ton zu sagen, kommt einer political incorrectness gleich. Masken haben ihren Ort und haben ihren Kontext. Wenn dies so ist, ist es die Aufgabe, die Integrationsleistung zu bringen, warum jemand eine Maske oder eine Maskierung trägt.

Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass wir jetzt alle gemeinsam in einem Boot sitzen. Die Pandemie und damit verbundene Maßnahmen verschieben die Aufmerksamkeiten. Dies ist auch gut so. Denn aus der Flüchtigkeit mancher Begegnung erwächst nun die Konzentration auf etwas Vergessenes. Wenn Menschen miteinander sprechen, wenn Menschen aufeinandertreffen, so gehört es sich nicht nur, einander in die Augen zu blicken. Über diese Sinneswahrnehmung bekommen Pflegende und zu Pflegende ein Gefühl dafür, wie ernst es das Gegenüber mit der Begegnung meint.

Es kommen noch weitere Sensibilitäten hinzu. Seit Menschen die Masken tragen, achten wir unter anderem mehr auf die Stimmen des Gegenübers. Scheinbar gehen Artikulationen unter den Masken verloren. Bei Pflegeinterventionen, aber auch bei ganz alltäglichen Pflegesituationen sind wir aufgefordert, genauer hinzuhören. Oder auch genauer zu sprechen.

Unter den Masken zeigen wir eine ungeahnte Sensitivität für Gerüche. Unangenehme Gerüche von Wunden oder Ausscheidungen fallen nicht in der Weise ins Gewicht, wie es üblich ist. Die Feuchtigkeit und der eher fade Geruch unter einer Maske führen dazu, dass wir die Masken lüften, wenn beispielsweise Essen verteilt wird. Schließlich wollen Pflegende wie zu Pflegende eine angenehme Erfahrung machen.

Die Corona-Pandemie und die Masken sorgen dafür, dass wir uns in einer ganz anderen Weise voneinander berühren lassen. Die Flüchtigkeit verschwindet. Das ist eine ermunternde Erfahrung. Denn letztendlich führt es zu einer gelingenderen Beziehungsarbeit mit den Menschen, die uns Tag für Tag Vertrauen schenken. Bleiben Sie wachsam.

 

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 203 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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