„Bei Intensivpatienten müssen wir vorsichtig sein“

24. Oktober 2022 | Christophs Pflege-Café | 0 Kommentare

„Auf der Intensivstation“ ist der Titel eines Buchs von Brigitte Teigeler und Sabine Walther. Sie werfen den einen oder anderen persönlichen, aber auch professionellen Blick auf das anspruchsvolle Arbeitsfeld. An einem ganz anderen Ort, einem Café, sprach Christoph Müller mit Sabine Walther und Brigitte Teigeler.

Christoph Müller im Gespräch mit Brigitte Teigeler und Sabine Walther

Christoph Müller Mit Ihrem Buch „Auf der Intensivstation. Patienten und Angehörige zwischen Leben, Tod und Trauma“ haben Sie den Alltag dort unter die Lupe genommen. Was ist der Anstoß für diese mühevolle wie nutzbringende Arbeit gewesen?

Brigitte Teigeler & Sabine Walther Der Anstoß für das Buch waren persönliche Erlebnisse auf der Intensivstation. Nach diesen Erfahrungen haben wir uns gefragt, ob manches auch anders ginge. Wir wollten wissen, was man tun kann, um solche oft sehr traumatischen Erlebnisse zu erleichtern. Mit dieser Frage haben wir uns auf den Weg gemacht und geschaut, was läuft gut auf Intensivstationen. Was ist nachahmenswert? Welche Ideen und Möglichkeiten gibt es schon in der Praxis? Welche aktuellen Erkenntnisse bietet die Wissenschaft? Wir haben in der Literatur recherchiert, mit Wissenschaftler*innen und Mitarbeitenden von Intensivstationen gesprochen. Von den Mitarbeitenden wollten wir wissen, was sie machen, um Patient*innen und Angehörigen das Erleben einer Intensivtherapie zu erleichtern. Es war sehr beeindruckend für uns, zu erfahren, wie viele tolle Ideen und Aktivitäten es schon in der Praxis gibt. In unserem Buch erzählen wir davon, möchten andere damit motivieren, selbst etwas auszuprobieren und sie anregen, sich zu vernetzen.

Christoph Müller Ein wichtiges Element des Buches ist es, die Perspektive der dort versorgten Menschen sowie ihrer Angehörigen darzustellen. Was kann aus Ihrer Sicht der Trialog auf der Intensivstation bringen?

Brigitte Teigeler & Sabine Walther Ein Perspektivwechsel ist wichtig, um besser auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingehen zu können. Studien zeigen: Je besser das gelingt, desto seltener treten Ängste, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen auf – alles Spätfolgen, die nach einem Intensivaufenthalt häufig sind. Ein Patient oder ein Angehöriger erlebt eine Intensivstation vollkommen anders als eine Ärztin oder Pflegeperson, die seit Jahren dort arbeitet. Alles, was den professionellen Helfer*innen selbstverständlich ist, müssen sie den Betroffenen erklären – die vielen Gerätschaften, die eingreifenden Maßnahmen, manchmal auch die ungewisse Prognose. Und dabei geht es nicht nur um Informationen, sondern auch um Zwischenmenschliches. Doch was tut Patient*innen und Angehörigen gut? Was stärkt sie, was gibt ihnen Hoffnung? Was würden sie sich im Nachhinein wünschen? Unsere Gespräche mit zahlreichen Betroffenen waren da sehr aufschlussreich. Eine ehemalige Intensivpatientin berichtete zum Beispiel, wie wichtig es für sie war, dass ihr jede neue Maßnahme genau begründet wurde, damit sie den Sinn verstehen kann. Oder eine Angehörige sagte, wie sehr sie der wohlgemeinte Rat „Gehen Sie doch nach Hause und ruhen sich aus“ verletzt hat. Sie fühlte sich quasi „weggeschickt“.

Christoph Müller Einen breiten Raum nimmt die Umgebung auf der Intensivstation ein. Es wird deutlich, dass die Wechselwirkungen zwischen Menschen und Umwelt nicht unterschätzt werden dürfen. Wieso gelingt es beispielsweise professionell Pflegenden nicht, eine ausgeprägtere Sensibilität zu entwickeln?

Brigitte Teigeler & Sabine Walther Auf manchen Stationen wird schon einiges dafür getan, dass Patienten besser schlafen können, ihr Tag-Nacht-Rhythmus sich normalisiert. Geräusche werden reduziert, Wandfarben verändert, Lichtverhältnisse angepasst. Toll wäre es natürlich, wenn das auf allen Stationen umgesetzt werden könnte – im Sinne aller auf einer Intensivstation. Es gibt mittlerweile Forschungsergebnisse und Literatur dazu, was warum verändert werden sollte. Welche Auswirkungen das hat. Vielleicht muss über die unterschiedlichen Änderungsmöglichkeiten einfach noch mehr informiert werden.

Christoph Müller Ich will noch bei den Wechselwirkungen zwischen Menschen und Umwelt bleiben. Institutionell wird die Architektur unter anderem weiterhin funktional gestaltet. Was hindert Kliniken daran, Erfahrungen und natürlich auch wissenschaftliche Erkenntnisse ernst zu nehmen und Schlüsse daraus zu ziehen?

Brigitte Teigeler & Sabine Walther Die räumlichen und finanziellen Situationen der Kliniken und Stationen unterscheiden sich. Oft kritisiert werden etwa zu kleine Patientenzimmer. Gerade architektonische Verhältnisse sind aber nicht leicht zu ändern und können oft erst bei Krankenhausneu- oder -umbauten berücksichtigt werden. Und natürlich sind solche Veränderungen auch eine finanzielle Frage.

Eher realisierbar sind beispielsweise Änderungen der Wandfarben, die Anpassung der Lichtverhältnisse oder die Reduzierung von Geräuschen, z. B. durch einen geänderten Arbeitsablauf im Nachtdienst oder den Einsatz einer Lärmampel. Wenn man liest, was manche Intensivstationen hier schon machen, erkennt man, dass es manchmal nur Kleinigkeiten sind, die aber für Angehörige, Patienten und Mitarbeitende eine große Wirkung haben.

Jede Station muss sich also fragen: Was ist bei uns möglich? Konzentrieren wir uns darauf. Und sie müssen dabei von Expert*innen wie z. B. Architekt*innen oder Produkt- und Materialentwickler*innen unterstützt werden.

Christoph Müller Die Versorgung in der Intensivpflege gestalten Berufskolleg_innen häufig zielorientiert und mechanistisch. Umso notwendiger sind Ihre Einlassungen zu Berührungen in der intensivpflegerischen Versorgung. Was müssen professionell Pflegende da mehr leisten?

Brigitte Teigeler & Sabine Walther Es gibt so gut wie keine Erkenntnisse dazu, was Berührungen bei Intensivpatient*innen auslösen. Zwar wird betont, dass professionelle Berührung im Zusammenhang mit therapeutischen Interaktionen positiv auf Körper und Psyche wirken können. Hierbei handelt es sich aber um Selbstberichte von Patient*innen und Beobachtungen von Wissenschaftler*innen.

Was genau in unserem Körper passiert, wenn wir berührt werden, konnte für gesunde Menschen in den letzten Jahren immer mehr erforscht werden. Untersuchungsergebnisse von gesunden Menschen sind aber nicht 1:1 übertragbar auf Kranke. Was Gesunden guttut, könnte Schwerstkranken schaden. Auch ist es möglich, dass sie Berührungen, z. B. wegen ihrer Erkrankung nicht wahrnehmen.

Wichtig für Berührungen von Schwerstkranken ist auch, sich bewusst zu machen, was es überhaupt bedeutet, wenn Fremde uns berühren. Und zu reflektieren, dass Berührungen nicht nur angenehm, sondern auch unangenehm und angstauslösend sein können. Pflegende reflektieren das, wenn sie etwa komatöse Patienten ansprechen, bevor sie sie berühren.

Die wichtigste Erkenntnis, die wir momentan aus den wissenschaftlichen Ergebnissen für Gesunde und für Kranke von Normalstationen haben, ist, dass Berührung sehr wichtig ist für das Gesundwerden. Bei Intensivpatienten müssen wir vorsichtig sein: Berührungen, die von Gesunden als positiv empfunden werden, könnten bei ihnen keine Wirkung haben oder ihnen schaden. Solange keine genaueren Erkenntnisse vorliegen, kann nur individuell entschieden werden.

Christoph Müller Traumatische Erfahrungen gehören zum Alltag auf Intensivstationen. Dies zeigen die Recherchen und Dokumentationen Ihres Buchs. Wie kommt es dazu, dass dies nicht im Bewusstsein professionell Tätiger ist?

Brigitte Teigeler & Sabine Walther Dass sich durch einen Intensivaufenthalt Traumata entwickeln können, ist vielen Pflegenden bewusst. Allerdings sind Pflegende nicht für eine psychologische Begleitung ausgebildet, und es gibt auch nicht genügend Personal für diese zusätzliche Aufgabe. Stattdessen wäre es wichtig, wenn auf jeder Intensivstation Psycholog*innen zum Team gehörten. Gegenwärtig ist das nur selten der Fall. Psycholog*innen sind wichtig, um die Mitarbeitenden zu unterstützen, sie individuell zu beraten und ihnen selbst, z. B. über Supervisionen, zu helfen.

Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt sich erst nach einem Intensivaufenthalt. Auch viele Hausärzte wissen davon nichts und können deshalb nicht entsprechend reagieren. Auf die Frage, ob man PTBS bei Intensivpatienten vorbeugen kann, hat die Forschung noch keine gesicherten Antworten. Was man aber beobachtet: Professionelle Gesprächsführung und regelmäßige Gespräche während des Intensivaufenthalts, z. B. auch mit Seelsorger*innen, und die Einbindung der Angehörigen haben positive Auswirkungen und spielen eine wichtige Rolle. Auch das Führen eines Intensivtagebuchs kann helfen. 

Christoph Müller Verbinden Sie eine Hoffnung mit Ihrem Buch, die sich beispielsweise konkret auf Intensivstationen zeigt?

Brigitte Teigeler & Sabine Walther xxx

Unsere Hoffnung ist es, dass Mitarbeitende von Intensivstationen über die Beispiele ihrer Kolleg*innen motiviert und angeregt werden, etwas bei sich zu ändern. Vielleicht die Besuchszeiten abzuschaffen. Oder die Angehörigen mehr einzubinden. Oder ein Intensivtagebuch zu etablieren. Nur eine Sache, von der sie denken, das probieren wir aus.

Diejenige, die jetzt schon einiges von dem tun, was wir beschrieben haben, aber vielleicht unsicher sind, ob das alles überhaupt etwas bringt, möchten wir bestärken in ihrem Tun. Wir hören manchmal in Gesprächen, dass engagierte Pflegende sagen: ‚Eigentlich ändert sich ja gar nichts.’. Und sich fragen: ‚Lohnt es wirklich die Mühe?’ Wir möchten ihnen sagen: Ja, die Mühe lohnt sich! Vor allem die Geschichten der Patienten und Angehörigen in unserem Buch zeigen das.

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank.

 

Das Buch, um das es geht

Brigitte Teigeler & Sabine Walther: Auf der Intensivstation – Patienten und Angehörige zwischen Leben, Tod und Trauma, Hogrefe-Verlag, Bern 2022, ISBN 978-3-456-86151-7, 245 Seiten, 29,95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at