Bedürfniswahrnehmung in der Pflegeausbildung durch Selbstempathie

(C) andyller

Das zentrale Tätigkeitsfeld von Pflegepersonen ist die Betreuung  von Menschen, die ihre Bedürfnisse in unterschiedlicher Weise nicht ausreichend erfüllen können. Besonders im psychiatrischen Setting und in der Langzeitpflege enstehen im Rahmen des Pflegeprozesses interpersonale Beziehungen, in denen die Pflegeperson bewusst die Gefühle und Bedürfnisse der pflegebedürftigen Person wahrnehmen muss. (Peplau, 1995, S. 17)

Die Grundlage für eine bedürfnisorientierte Pflege liefert zumeist die Bedürfnispyramide von Abraham Maslow. Dem zufolge wird das menschliche Verhalten von den hierarchisch strukturierten Bedürfnissen geleitet. Maslow beschrieb, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass Destruktivität sowie Gewalt wesentliche Reaktionen auf Frustrationen bei der Bedürniserfüllung darstellen.

Da die Erfüllung von Bedürfnissen allen Menschen als Motivation für ihr Handeln dient, hat dies sowohl für die pflegenden, als auch für die pflegebedürftigen Menschen Gültigkeit.

In der Beziehung zwischen Pflegepersonen und PatientInnen äußern sich die Bedürfnisse sowohl in offenen, als auch in verdeckten Wünschen. Aus diesem Grund ist die Selbsterkenntnis ein wesentliches Hilfsmittel für Pflegepersonen, dass diese Beziehungen professionell und therapeutisch wirksam werden. (Peplau, 1995, S. 32)

Therapeutisch wirksam zu sein bedeutet vor allem, den Bedürfnissen der pflegebedürftigen Person Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn dies geschieht, wird die Pflege als soziale Kraft eingesetzt, die den Betroffenen hilft, ihre Bedürfnisse zu erkennen, die für Ihn selbst aus unterschiedlichen Gründen im verborgenen liegen. Diese verborgenen, nicht erfüllten Bedürfnisse, lösen im Menschen Spannungen aus. Der Mensch ist bestrebt, Handlungen zu setzen, die zur Reduktion dieser Spanungen führen sollen (Peplau, 1995, S 112). Da dieses Schema unbewusst abläuft, habe diese Handlungen oftmals Symptomcharakter im Sinne von psychopathologischen Phänomenen,  wie beispielsweise Vermeidungsverhalten, Selbstverletzung, Zwangshandlungen, verbale und/oder körperliche Übergriffe und sozialer Rückzug. Deshalb ist es notwendig, in der Pflegeausbildung die Bedürfnisorientierung zu fördern, damit Pflegende die Haltung entwickeln können, sich professionell den Bedürfnissen der pflegebedürftigen Menschen zuzuwenden. (Peplau, 1995, S. 112)

Nicht erfüllte Bedürfnisse

Traditionellerweise wird an Pflegepersonen der Anspruch gestellt, dass sie sich in auf die Bedürfnisse der pflegbedürftigen Menschen konzentrieren müssen. In den Ausbildungscurricula zur Gesundheits- und Krankenpflege wird ebenfalls fast ausschließlich auf die pflegebedürftigen Personen fokussiert.  Daher wird in der Ausbildung selten darauf geachtet, dass Pflegepersonen auf die Wahrnehmung ihrer eigenen Bedürfnissen trainiert werden. Dies hat  in der praktischen Tätigkeit zur Folge, dass sie ihre Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigen. Dazu kommt eine Personal- und Ressourcenverknappung und ein immer größerer Tätigkeitsbereich, wodurch die Bedürfniserfüllung bei den Pflegepersonen in einen Mangel gerät.

Diese nicht erfüllten und nicht wahrgenommen Bedürfnisse treten dann als Urteile über Andere oder sich selbst zu Tage. Damit kommen Pflegepersonen in ein Spannungsfeld zwischen den eigenen nicht wahrgenommenen, verdeckten Bedürfnissen und dem therapeutischen Auftrag.  Dies kann im schlimmsten Fall zu Erkrankungen („Burnout“) bei Pflegepersonen und Aggression bzw. Gewalt in der Pflege führen.(Sears, 2012, S. 51 f.)

Aus der Erfahrung zeigt sich, dass es ohne Training nicht möglich scheint, seine Bedürfnisse bewusst zu benennen und in diesem Bewusstsein Handlungsentscheidungen zu treffen. Das ist in Alltagssituationen, für deren Bewältigung ausreichend automatisierte Copinstrategien zur Verfügung stehen auch selten notwendig. Pflegende kommen jedoch auf Grund der Ausnahmesituationen, in denen sich pflegebedürftige Menschen und deren Zugehörige befinden oftmals in ein Entscheidungsdilemma, bei dem unbewusste, nicht erfüllte Bedürfnisse ein großes Hindernis für zufriedenstellende Handlungsenscheidungen darstellen. Meist handelt es sich dabei um Bedürfnispaare, die auf den ersten Blick als Gegenpole erscheinen. Wenn eine Seite unbewusst so stark überwiegt, dass die andere in Mangel gerät. Werden die beiden Bedürfnispole gleichzeitig und bewusst als sich ergänzend wahrgenommen, besteht die Möglichkeit neue Strategien zu entwickeln, die beide Seiten berücksichtigen. Die klassischen Bedürfnispaare bei Pflegenden, welche Dilemmasituationen auslösen, sind Nähe und Distanz, Fürsorge und Selbstbestimmung, Sicherheit und Freiheit sowie Struktur und Gestaltungsfreiraum.

„Nur wenn Menschen sich ihrer selbst bewusst werden und im Sinne Rosenbergs auch gewaltfrei mit sich selbst umgehen, also nicht länger ihre Gefühle und Bedürfnisse ingnorieren, sind sie in der Lage, sich den Gefühlen und Bedürfnissen anderer Menschen mitfühlend zuzuwenden.“ (Fritsch, 2012, S7)

Aus diesen Gründen wurde im Rahmen der speziellen Grundausbildung für psychiatrische Gesundheits- und Krankepflege an der Schule im Otto Wagner Spital Wien, bereits 2010 begonnen, nach Wegen zu suchen, um die Selbst- und Fremdreflexiven Fähigkeiten von Auszubildenden zu fördern. Seit 2013 wurde dieser Teil der Ausbildung in Projektform strutkuriert als Affektresonanztraining ART© implementiert und wird seither laufend evaluiert und weiterentwickelt (Zemann et. al, 2017, S. 25).

„ … ist ein Trainingsprogramm zur Förderung der Wahrnehmung von Gefühlen … den dahinterliegende Bedürfnissen sowie der bewussten kognitiven Verarbeitung, mit dem Ziel die reflexive Kompetenz und Empathiefertigkeit von Menschen in Pflege-, pädagogischen und therapeutischen Berufen zu stärken. Die Basis dafür ist das Modell der gewaltfreien Kommunikation und das Konzept der Mentalisierung.“ (Zemann E. et al., 2017, S 26)

Das Trainig teilt sich in drei, ineinander greifende Module. Im Modul 1 wird die Fähigkeit und Fertigkeit zur Selbstwahrnehmung und Selbstempathie auf Grundlage des Modells der gewaltfreien Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg geschult und trainiert. Erstmals beschrieben wurde die GFK bereits 1963 von Marshall B. Rosenberg. Er war Gründer und Leiter des „Center for Nonviolent Communication“ in den USA und er war weltweit als Konfliktmediator anerkannt und tätig.

Die Wurzeln der GFK liegen in der humanistischen Psychologie und der klientenzentrierten Gesprächstherapie von Carl Rogers. Verändert hat sich der Fokus auf die zentralen Bedürfnisse und Gefühle, die in der Haltung der GFK grundsätzlich alle Menschen verbinden. Dieser Ansatz wurde deshalb für das erste Modul gewählt, da die Haltung und die Ethik der GFK eindeutig in Einklang mit dem Ethikkodex des International Council of Nursing, dem auch die deutschsprachigen Berufsverbände angehören, stehen. Zudem bieten die klaren Strukturen und Werkzeuge, die hilfreich sind, an der Haltung und an der Technik zu arbeiten.

Sich in sich selbst einfühlen

Grundsätzlich hilft die GFK im Umgang mit drei Herausforderungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation:

  • Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, ohne andere Menschen dafür verantwortlich zu machen

  • Ehrlich auszudrücken, was mich bewegt, ohne zu beschuldigen oder zu kritisieren

  • Empathisch einfühlen, was in dir vermutlich vorgeht, ohne Beschuldigungen oder Kritik zu hören (Rosenberg, 2007, S. 25)

Um den Ansprüchen in der Kommunikation nach außen gerecht werden zu können, ist es notwendig, sich zunächst in sich selbst einfühlen zu können, ohne zu beschuldigen oder zu kritisieren. Solange wir selbst mit uns gewalttätig umgehen, wird es schwierig sein, auf Andere empathisch zu reagieren. (Rosenberg, 2007, S. 149)

„Die bedeutenste Anwendung der GFK liegt vermutlich in der Entwicklung von Selbst-Empathie“ (Rosenberg, 2002, S. 149)

In den Aus- und Weiterbildungen im Berufsfeld der Pflege wird der Begriff Empathie in unterschiedlicher Art und aus unterschiedlichen Perspektiven verwendet. Bischof-Köhler beschreibt Empathie als einen Prozess „… bei dem ein Beobachter an dem Gefühl oder der Intention einer anderen Person teilhat und dadurch versteht, was diese Person fühlt oder beabsichtigt“ (Altmann, 2015, S. 7). Dabei wird die Empathie als primär emotionaler Vorgang beschrieben.

Andere Definitionen (Kohut, 1984) differenzieren affektive und kognitive Aspekte. Die kognitive Komponente der Empathie fasst das intellektuelle Verstehen und Nachvollziehen-Können der Situation einer anderen Person zusammen (vgl. Altmann, 2015, S. 7). Diese kognitiven Aspekte der Empathie lassen sich mit der Mentalisierungskonzept von Peter Fonagy beschreiben und erklären. Wir mentalisieren, wenn wir uns bewusst werden, was in einem anderen Menschen oder was in uns selbst vorgeht. Fonagy hat es auf die prägnante Formel gebracht: „Having mind in mind“ (Allen et al., 2008, S. 3). Frei übersetzt bedeutet dies: „Denke über dein Denken nach“.
Der Aspekt der Mentalisierung ist zentrales Thema im ART© – Modul 2. Aus diesem Grund wird hier auch nicht genauer darauf eingegangen.

Der Empathie-Begriff der GFK bedeutet grundsätzlich ein respektvolles Verstehen der Erfahrungen anderer Menschen. Diese erfordert eine Leere der Empfangskanäle, um Präsenz aufrecht zu erhalten. Dies ist nur möglich, wenn der Verstand „leer“, das heißt frei von Bewertungen und Urteilen, ist. Der Fokus liegt darauf, was der andere Mensch gerade fühlt und welches unerfüllte Bedürfnis im Moment vorhanden ist (Rosenberg, 2007, S. 113ff).

Um diese Ansprüche erfüllen zu können, werden folgende Fähigkeiten und Fertigkeiten im ART© Modul 1 trainiert:

 

  • Selbstverantwortung

  • Innere Klarheit bekommen, wenn Schuldgefühle und Wut im Zusammenhang mit moralischen Urteilen bzw. Vorurteilen vorhanden sind

  • Bewusstes Wahrnehmen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse

  • Bewusstwerden der persönlichen Freiheit und des eigenen Handlungsspielraums

Grundannahmen der GFK:

  1. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich:
    – für die Gedanken, denen er/ sie Kraft und Glauben schenkt,
    – für die Worte, die er/ sie spricht,- für die Gefühle, die er/ sie fühlt
    – für die eigenen Bedürfnisse
    – für die Strategien, die gewählt werden, um bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen

  2. Selbstverantwortung ist ein Lernprozess, der nicht früh genug beginnen kann.

  3. Die GFK kann beim Erlernen von mehr Selbstverantwortung und der deutlichen Trennung zwischen dem ICH und dem DU sehr hilfreich sein.

Die Grundhaltung der GFK, dass Menschen Handlungen setzen, um sich ihre Bedürfnisse zu erfüllen, egal ob Sie diese bewusst wahrnehmen oder nicht, deckt sich eindeutig mit der Sichtweise von Peplau in ihrem Modell der psychodynamischen Pflege (Rosenberg, 2007, S. 73; Peplau, 1995, S. 101 ff). Während bei Peplau die Wichtigkeit dieser Beziehungsdynamik für die Entwicklung des pflegebedürftigen Menschen beschrieben wird, beschreibt Rosenberg konkret den Kommunikationsaspekt für die Gestaltung dieser Beziehungen. Daraus kann geschlossen werden, wenn pflegerische Beziehungen sinnvoll und gesundheitsfördernd wirken sollen, ist primär die Selbstempathie der Pflegenden von enormer Bedeutung.

ART© 1. Modul: Affektresonante, bedürfnisorientierte Selbstempathie

Dieser Teil des Trainings soll den Umgang (Reaktion=Resonanz) mit den intensiven, teils heftigen Gefühlszuständen (=Affekte) erleichtern, indem es darauf fokussiert, welche Bedürfnisse hinter diesen Affekten stehen. Der Begriff der Selbstempathie im Sinne der GFK, bedeutet einen Prozess zu durchlaufen, in dem wir uns Selbst auf die gleiche Weise zuhören, wie wir es bei anderen tun. Es geht darum, auf das zu hören, was in unserem Inneren vorgeht, welche Gefühle und Bedürfnisse sich hinter unseren Gedanken und Handlungen verbergen. Dabei wird versucht, Strategien zu entwickeln, wie unsere Bedürfnisse erfüllt werden können und gleichzeitig die Bedürfnisse Anderer respektiert werden (Larsson & Hoffmann, 2013, S. 78).

Abbildung 1: Einbettung der Selbstempathie und 4-Schritte im GFK-Grundmodell

Da Selbstempathie im Alltag und auch für die meisten Menschen in Ihrer Persönlichkeitsentwicklung kaum Thema ist, wird der „Abstand vom Kopf zum Herzen“ der „längste halbe Meter der Welt.“ Daraus lässt sich ableiten, dass Selbstempathie in der Pflegeaus- und Weiterbildung eine wesentliche Grundlage für empathische, authentische Beziehungen im Rahmen des Pflegeprozesses darstellt.

Diese Selbstempathie wird im ART© Modul 1 gezielt trainiert und gefördert.

Abbildung 2: Der Kommunikationsflow mit Fokus auf die Selbstwahrnehmung (eigene Grafik)

Allgemeines zum Trainingssetting

Im Grundmodell der GFK werden die vier Schritte in er Reihenfolge Wahrnehmung – Gefühl – Bedürfnis – Bitte beschrieben. Dies erfordert einiges an Übung, um beispielsweise Wahrnehmungen und Gefühle von Bewertungen und Beschuldigungen oder Bedürfnisse von Strategien zu unterscheiden. Daraus ergibt sich aus pädagogischer Sicht, die Notwendigkeit bei den Kompetenzen der Auszubildenden anzuknüpfen. Im Unterschied zu Seminaren, die sich ausschließlich mit der GFK beschäftigen, werden im ART© 1 Übungen die aus anderen personenzentrierten Ansätzen, sofern Sie der Ethik der GFK nicht widersprechen, ebenfalls durchgeführt.

Im Folgenden werden unterschiedliche Übungen aus Trainingsprogrammen der aus anderen personenzentrierten Ansätzen, deren Grundhaltung mit der Haltung der GFK vereinbar ist, beschrieben. Diese Übungen sind von unterschiedlichen Autoren, aus Seminaren und teilweise selbst entwickelt. Alle beschriebenen Übungen wurden bereits im Rahmen des ART© – 1. Modul in verschiedenen Gruppen durchgeführt und evaluiert.

Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. Auf Grund der Haltung im Sinne der GFK gibt es keine Bewertungen im Sinne von „richtig und falsch“. Alle Übungen zielen darauf ab, im Hier und Jetzt das „Selbst“ wahrzunehmen und ins Bewusstsein zu bringen. Auf gruppenspezifische und individuelle Unterschiede müssen Lehrpersonen im Setting spontan reagieren. Es ist ein hoher Grad an Selbstbestimmung der teilnehmenden Auszubildenden und Individualität notwendig. Dies erfordert von Lehrpersonen ein hohes Maß an Flexibilität, Selbstreflexion, vertieftes Wissen und Fertigkeiten in Bezug auf personenorientierte Interventionen und Gruppenleitung.

Lehrpersonen als Trainerinnen und Trainer

Trainerinnen und Trainer sind Personen, die Lernprozesse fördern und moderieren. Sie gestalten Lernräume, in denen sie lernbereite und -interessierte Personen anleiten, begleiten, beraten und ihnen helfen, ihre eigenen Lernerfahrungen zu machen. Die Wissensvermittlung bleibt dennoch auch Bestandteil des methodisch-didaktischen Konzepts eines Trainers bzw. einer Trainerin. Lehren und Begleiten sind somit keineswegs als Gegensätze, sondern als eine, einander ergänzende, didaktische Einheit zu sehen. Der Tätigkeitsschwerpunkt liegt dabei klar auf dem Einüben von Fertigkeiten.

ART© 1 – Trainerinnen und Trainer müssen über die entsprechende Grundhaltung im Sinne der GFK und eine Vielzahl von Kompetenzen (=Fähigkeiten und Fertigkeiten) verfügen, um die Prinzipien des Trainings umsetzen zu können.

  1. Fachkompetenz

ART© 1 – TrainerInnen benötigen:

  • Vertiefte Kenntnisse über die GFK, Kenntnisse über die Schlüsselunterscheidungen, nachgewiesene Praxisanwendung und Erfahrung mit der GFK (z.B. Trainerausbildung des CNVC, Fachverband Gewaltfreie Kommunikation oder Gewaltfreie Kommunikation Austria)
  • Kenntnisse und Anwendungserfahrung über Modelle, die sich zur Selbstreflexion eignen und der Ethik der GFK nicht widersprechen. Modelle, die dies erfüllen, sind The Work (Byron Katie), das innere Team (Schulz von Thun), Achtsamkeit (Jon Kabat-Zinn), Innere Reise (Klaus Lange)
  • Wissen und Erfahrung über Gruppendynamik, Gruppenleitung und Konfliktmanagement (z.B. aus Mediationsausbildungen, Coaching, Supervision usw.)
  1. Methodenkompetenz

ART© 1 – TrainerInnen brauchen Erfahrung in der Anwendung von zumindest zehn unterschiedlichen Übungen. Dies erfordert eine praktische Eigenanwendung (muss die Übung selbst als Teilnehmer miterlebt und reflektiert haben) und Erfahrung sowie Übung in der Anleitung anderer Personen in unterschiedlichen Settings. Die Erfahrung zeigt, je mehr Übungen von der Trainerpersönlichkeit flexibel eingesetzt werden können, umso lebendiger und authentischer wird das Trainingssetting.

  1. Personale Kompetenz (Haltung)

ART© 1 – TrainerInnen müssen selbst bereit sein, den Weg der Selbstempathie zu gehen und alle Übungen, die Sie in den Gruppen anleiten wollen, auch selbst durchzuführen. Das wahrscheinlich wesentlichste ist die persönliche Haltung auf den Grundlagen ethischen Selbstverständnisses des Fachverbandes Gewaltfreie Kommunikation.

Menschenbild
ART © 1 – TrainerInnen anerkennen die Gleichwertigkeit aller Menschen aus dem Verständnis heraus, dass Menschen in jeder Handlung versuchen, ihre Bedürfnisse bestmöglich zu erfüllen. Mögliche Differenzen auf der Handlungsebene werden Gegenstand einer Konfliktklärung. Dabei vertrauen wir auf die Konfliktlösungskompetenz jeder einzelnen Person. Wir bewerten Situationen und Auseinandersetzungen nicht nach moralischen Kategorien von falsch oder richtig sondern danach, inwieweit sie die Bedürfnisse der Beteiligten beachten und respektieren

Konfliktdynamik
Konflikte entstehen niemals auf der Ebene der Bedürfnisse, sondern auf der Ebene von Handlungen, Meinungen und Positionen. Wir versuchen in jedem Konflikt, die Verbindung und Verständigung im Feld der Bedürfnisse und Gefühle zu bestärken. Das macht es möglich, auf der Handlungsebene gemeinsam neue Verhaltensmöglichkeiten zu schaffen, die für alle Beteiligten zufriedenstellend sind. Es ist immer möglich alle vorhandenen Bedürfnisse und Emotionen zu berücksichtigen, indem sie wahrgenommen und anerkannt werden.

Verantwortung und Entscheidungsfreiheit
Jede Person ist für die eigenen Konflikte insofern verantwortlich, als es ihr obliegt, sie aufrichtig anzusprechen und in einem Konfliktgespräch gleichzeitig die Verbindung zum Gegenüber zu betonen. Die persönliche Verantwortung liegt auch darin, auf andere Menschen in Streitfällen vorrangig empathisch und aufrichtig zu reagieren. Ist das subjektiv zunächst nicht möglich, steht die (begleitete) Selbst-Empathie zur Verfügung, um die Empathie und/oder Aufrichtigkeit nach außen zu ermöglichen. Wir betonen dabei die Wichtigkeit einer Balance von Aufrichtigkeit und Empathie. Ganz besonders liegt uns daran, dass die Selbstverantwortung und Entscheidungsfreiheit jedes Menschen gewahrt wird. (www.fachverband-gfk.org/ethischesselbstverstaendnis.html, letzter Zugriff am 17.07.2017)

  1. Soziale Kompetenz

Die soziale Kompetenz von ART © 1 – TrainerInnen zeig sich darin, dass Sie die Ansprüche des ethischen Selbstverständnisses in Ihrer Selbstverantwortung praktisch umsetzen. Es bedeutet, im Sinne der GFK nach außen entweder empathisch zu reagieren und entgegengebrachte Urteile, Angriffe und Bewertungen in Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers zu übersetzen. In der Aufrichtigkeit der Mitteilung fokussieren sie auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse, ohne dabei andere zu Verurteilen. Sollte dies in bestimmten Situationen nicht möglich sein, reflektieren sie im Sinne der Selbst-Empathie.

Empfehlungen für das Trainingssetting und Beispiele für Übungen

Ausbildungen im gehobenen Dienst für Gesundheits-und Krankenpfleger(innen) mit sechs Semestern (ursprünglich dreijährige Grundausbildung in der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege):

  • Ein bis zwei Wochen vor dem ersten Praxiseinsatz oder zu Beginn des zweiten Semesters (wenn ein Praktikum erst zu einem späteren Zeitpunkt vorgesehen ist) à zwei Unterrichtseinheiten für Information und Einführung

  • Über den gesamten Praxiszeitraum oder im zweiten Semester à Fünf Mal vier Unterrichtseinheiten (20 UE) im Abstand von zwei bis drei Wochen. Die Trainingseinheiten können sowohl während der Praxis als auch während der Theorie abgehalten werden. Auf Grund der höheren Wahrscheinlichkeit von emotionaler Betroffenheit der Studierenden, ist die Durchführung des Trainings während der praktischen Ausbildung vorzuziehen

Einjährige Sonderausbildung für psychiatrisch Pflegende und Pflegeassistenzausbildung:

  • Drei bis fünf Ausbildungswochen à zwei Unterrichtseinheiten für Information und Einführung

  • Fünf mal vier Unterrichtseinheiten (20UE) im Abstand von zwei bis drei Wochen über die restliche Theorie und das erste Praktikum. Auch hier gilt der Grundsatz, so viele Einheiten wie möglich während des Praktikums.

Organisatorische Empfehlungen

  • Optimale Größe der Gruppen ist zehn bis zwölf Personen
  • Wenn dies organisatorisch nicht möglich ist: mindestens acht Personen, höchstens 15 Personen. Außerhalb dieses Rahmens wird das Training von den Teilnehmern als unangenehm und wenig hilfreich bezeichnet
  • Die Gruppen sollen über den gesamten Ablauf unverändert bleiben
  • Die TeilnehmerInnen sollten sich Ihre Gruppe im Rahmen der organisatorischen Möglichkeiten aussuchen können
  • Notwendig ist ein Raum für die gesamte Gruppe, in dem auf die Gruppengröße abgestimmt ein Sesselkreis möglich ist. Weiters sind, je nach Gruppengröße, zwei bis fünf weitere Räume für Kleingruppen und Einzelreflexionsübungen notwendig
  • Medienausstattung: Flipchart, TV-Gerät oder PC/Beamer für kurze Videosequenzen

Übungen mit dem GFK-Tanzparkett („Giraffentanzparkett“)

Das GFK-Tanzparkett wurde von Gina Lawrie und Bridget Belgrave, beide zertifizierte Trainerinnen des CVCN, entwickelt. Durch verschieden angeordnete Karten im Format DIN-A4 („Tanzparkett“) werden unterschiedliche GFK-Prozesse auf dem Boden dargestellt. Jede Karte steht für einen Schritt im „Tanz“ der Kommunikation. Diese Schritte können in beliebiger Reihenfolge verwendet werden und dienen zur Unterstützung einer authentischen, flüssigen und bewussten Kommunikation. Es gibt insgesamt neun „Tänze“, die jeweils dazu dienen, das Bewusstsein und die Geschicklichkeit in einem bestimmten Bereich der GFK zu schulen. Es gibt vier „Innen-Außen-Tänze“, um den Dialog im Rollenspiel zu üben, und fünf „Innen-Tänze“ für transformative innere Prozesse. (vgl. Belgrave u. Lawrie, 2014)

Der Fokus im ART© 1 liegt dabei auf vier der sogenannten „Innen-Tänzen“.

  • Selbsteinfühlungstanz: Das Ziel dabei ist, Zeit für Selbstfürsorge zu nehmen, innere Klarheit zu finde und bewusst die eigene Kraft wahrnehmen. Dieser wird im ART 1 als Grundlage immer geübt.

Die weiteren „Tänze“ werden flexibel und anlassbezogen verwendet:

  • Der Ärger/Scham-Tanz: Transformieren von Ärger, Scham und Schuld um wieder mit sich selbst in Verbindung zu kommen, das heißt seine Bedürfnisse die unter diesen Zuständen liegen bewusst zu machen.

  • Erzieher/Entscheider-Tanz: Ziel ist das Erforschen von Handlungen, die die bedauert werden, sodass man sich wirklich selbst annehmen kann.

  • Ja/Nein Tanz: Hilfestellung über innere Konflikte und Unsicherheiten hinaus Entscheidungen zu treffen, die nicht bedauert werden müssen. (vgl. Belgrave u. Lawrie, 2017)

Beim Training mit den „Innen-Tänzen“ ist grundsätzlich darauf zu achten, dass im Vorfeld erlebte Situationen der Auszubildenden in der Gruppe gesammelt werden. Die Auswahl des „Falles“ erfolgt durch die Gruppe. Die Aufgabe des Trainers ist es, die Auswahl zu moderieren. Dabei ist Bedürfnisorientierung das oberste Prinzip. Es sollen beim Training die Bedürfnisse aller beteiligten berücksichtigt werden.

In den ersten Trainingseinheiten wird die falleinbringende Person vom Trainer oder der Trainerin begleitet, die restlichen TeilnehmerInnen haben die Aufgabe, zu versuchen, sich in die Person einzufühlen und auch mögliche Gefühle und Bedürfnisse als Angebot zu verbalisieren. Der Trainer hat dabei die Aufgabe, geduldig zu sein, um der Gruppe Zeit zu geben. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass die falleinbringende Person ausreichend Zeit bekommt, in sich hinein zu spüren. Es gibt im Ablauf kein „richtig“ und „falsch. Der Trainer leitet die Person lediglich auf Basis der gemachten Aussagen zum jeweiligen Bodenanker.

Die Entscheidung über das Ende der Übungssequenz trifft die Falleinbringende Person, wenn sie meint, dass es auf Bedürfnisebene passt oder wenn ein wichtiges Bedürfnis gegen ein Weitermachen spricht.

Nach jedem „Tanz“ wird in der Gruppe reflektiert, was konkret in diesem Prozess passiert ist, welche Bedürfnisse erfüllt wurden welche nicht, welche Erkenntnisse ergeben sich daraus usw. Die Sequenz wird beendet, indem die falleinbringende Person die Möglichkeit bekommt, den Prozess für sich noch einmal nach den Inputs der Gruppe, zu verbalisieren. Nach zwei bis drei Anwendungen kann auch schon begonnen werden, dass sich die teilnehmenden Auszubildenden in Kleingruppen gegenseitig begleiten. Wesentlich dabei ist, dass immer auf die Freiwilligkeit der teilnehmenden Personen geachtet wird und nach jedem „Tanz“ die Möglichkeit zur Reflexion des Prozesses mit einem Trainer oder Trainerin besteht.

Abbildung 3: Selbsteinfühlungstanz, Quelle: Belgrave u. Lawrie, 2017

Außer dem GFK-Tanzparkett in den unterschiedlichen Variationen werden Arbeitsblätter zu Einzelreflexionen verwendet. Diese sind im Aufbau dem GFK-Tanzparkett ähnlich und werden auch anlassbezogen auf konkret erlebte Situationen verwendet.

Wenn seitens der Gruppe keine konkreten Erlebnisse zu besprechen sind, werden in erster Reflexionsübungen zu Gefühlen und Bedürfnissen sowie Übungen zum Unterscheiden von Beobachtungen und Bewertungen durchgeführt. Dafür werden Reflexionsanleitungen in Form von Arbeitsblättern verwendet und abwechselnd in Einzel- oder Partnerreflexionssequenzen mit anschließender Reflexion der jeweiligen Übung in der Gruppe gearbeitet.

Wesentlich für die Übungen ist, dass sie mit der vorhin beschriebenen Ethik der GFK in Einklang stehen.

Evaluierung und Conclusio

Am Ende der letzten Einheit wurde in jeder Trainingsgruppe mit der offenen Frage „Welche Auswirkungen hatte das ART 1 für Sie persönlich in Ihren unterschiedlichen Lebenssituationen?“ die subjektive Sicht der Teilnehmerinnen erhoben. Aus den Aussagen entstanden die Kategorien „subjektiv angenehme“, „subjektiv keine“ und „subjektiv unangenehme“ Auswirkungen.

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass für die Auszubilden die positiven Aspekte überwiegen. Die subjektiv angenehmen Auswirkungen zeigen sich in erster Linie in einem „besseren“ Umgang mit sich selbst, einer bewusst erlebten inneren Ruhe und dadurch erlebten verbesserten Interaktion in Konflikt- und Krisensituationen.

Als subjektiv unangenehm wurde beschrieben, dass es bei der Veränderung der persönlichen Haltung auch unangenehme Rückmeldung aus dem sozialen Umfeld gibt. Das deckt sich auch mit meinen eigenen Erfahrungen. Die Rückmeldungen sind jedoch als weiteres Lernfeld nutzbar. Letztlich haben subjektive Veränderungsprozesse immer auch Auswirkungen auf das soziale Umfeld, die für dieses auch beängstigend sein können. Um auch quantitative Ergebnisse zu erlangen, wird in den nächsten Lehrgängen versucht, eine mögliche Veränderung mittels der Self-Compassion Scale (Neff, Whittaker & Karl, 2017, S 1f) in der deutschen Version (SCS-D) von Hupfeld und Ruffieux 2011 (Harrer, 2017) zu messen.

Literatur

Allen, J.G., Fonagy, P. & Bateman, A.W. (2011). Mentalisieren in der Psychotherapeutischen Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta.

Belgrave, B. & Lawrie, G. (ohne Jahresangabe). NVC-Dance-Floors – Einleitung und Bodenanker. http://nvcdancefloors.com/  ( Letzter Zugriff am20.10.2017)

Fritsch, G. R. (2012). Der Gefühl- und Bedürfnisnavigator – Gefühle und Bedürfnisse Wahrnehmen (2. Auflage). Paderborn: Junfermann.

Fritsch, G. R. (2012). Praktische Selbst-Empathie – Herausfinden; was man fühlt und braucht (4. Auflage). Paderborn: Junfermann.

Harrer, M. E. (ohne Jahresangabe). Selbst-Mitgefühl – Self-Compassion Scale – Validierte deutsche Version (SCS-D). www.achtsamleben.de/self-compassion-scale/  (Letzter Zugriff am 19.07.2017)

Larsson, L. & Hoffmann K. (2013): 42 Schlüsselunterscheidungen in der GFK – Für ein tieferes Verständnis der Gewaltfreien Kommunikation. Paderborn: Junfermann.

Neff, K. D.,Witthaker, T. A. & Karl, A.. Examining the Factor Structure of the Self-Compassion Scale in Four Distinct Population: Is the Use of a total Score Justified? In Journal of Personality Assessment,  www.tandfonline.com/loi/hjpa20 (Letzter Zugriff am 19.07.2017)

Peplau, H. E. (1995). Interpersonale Beziehungen in der Pflege – Ein konzeptuelle Bezugsrahmen für eine psychodynamische Pflege. Kassel: Recom.

Rosenberg, Marshall B. (2007). Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann.

Rüther, C. (ohne Jahresangabe). Skript zum Jahrestraining und zur Trainerausbildung in „Gewaltfreie Kommunikation“ (GFK) nach Marshall Rosenberg, Version 1.3. http://www.gfk-training.com/wp-content/uploads/2015/01/jahrestraining-skript-neu1.3.pdf (Letzter Zugriff am 17.07.2017)

Schulz von Thun, F. (2006). Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation – Miteinander reden 3. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Sears, Melanie (2012). Gewaltfreie Kommunikation im Gesundheitswesen. Paderborn: Junfermann.

Weckert, A. (2011). Empathie in der Pflege – Lässt sich eine einfühlsame Grundhaltung erlernen? In Die Schwester Der Pfleger, 50, 540-543.

Weckert, A. & Oboth M. (2017). Der Tanz auf dem Vulkan – Gewaltfreie Kommunikation und Neurobiologie in Konfliktsituationen. Paderborn: Junfermann.

Zemann, E., Gundacker, C., Schossmaier, G., Steinberger, J. & Totzauer, G. (2017). Affektresonanztraining ART© in der speziellen Grundausbildung in der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege am Otto-Wagner-Spital der Stadt Wien. In Österreichische Pflegezeitschrift, 70 (1), 26 – 28.

Gerhard Schoßmaier
Über Gerhard Schoßmaier 1 Artikel
1996-1999 Diplom der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege, 2001 Weiterbildung Pflege und Betreuung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, 2005-2007 Universitätslehrgang für Lehrerinnen und Lehrer in der Gesundheits- und Krankenpflege, 2014 Trainerausbildung für gewaltfreie Kommunikation, 2017-2018 Weiterbildung f. basales und mittleres Pflegemanagement, derzeit Masterstudium Pflegepädagogik (Uni Graz, Abschluss Februar 2020), Berufserfahrung in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie und in verschiedenen anderen Pflegebereichen psychiatrischer Einrichtungen, Lehrtätigkeit in Schulen und FH für Pflegeberufe, Vortragstätigkeit auf nationalen und internationalen Kongressen mit psychiatrischen und ausbildungsbezogenen Inhalten, Fachbuchautor

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