Auslandseinsatz Bethlehem

Im März 2020 sind 6 Gesundheits- und Krankenpflegeschüler und -schülerinnen des LVR-Klinikums Düsseldorf für einen Auslandseinsatz nach Palästina gereist. Dort ist die Pflegeausbildung bereits vollständig akademisiert und schließt mit einem Bachelor ab. Das Pilotprojekt sollte 4 Wochen laufen und einen bleibenden Kontakt zu der Universität Bethlehem herstellen.

Die Reise begann damit, dass unser Kursleiter Herr Fischer im März 2019 im Unterricht an der Krankenpflegeschule des LVR-Klinikums Düsseldorf eine Interessensabfrage gemacht hat, welche Schüler aus unserem Kurs bei einem praktischen Auslandseinsatz in Palästina dabei sein möchten. Die Gelegenheit ist über einen Kontakt unseres Klinikseelsorgers Herr Scheven zustande gekommen und wurde so vorher vom LVR noch nicht durchgeführt. Der Aufenthalt sollte im März 2020 stattfinden und den gesamten Monat einnehmen. Zur ersten Information diente ein Vortrag über Israel und Palästina in unserem Sozialzentrum. Bereits dort haben wir gemerkt, dass es nicht mit einer Reise nach Spanien oder Frankreich vergleichbar ist, so kulturell vielseitig und verstrickt ist die Region um das heilige Land.

Das Ziel war es zum einen praktische Erfahrungen in der Pflege in einem anderen Land zu sammeln, vor allem hinter dem enormen historischen und kulturellen Hintergrund von Palästina. Auf der anderen Seite ging es darum in Kooperation mit der Universität Bethlehem die pflegerische Arbeit in der Psychiatrie zu vergleichen, um Partnerschaften aufzubauen und so auf lange Sicht internationale wissenschaftsbasierte Pflegestandards zu erarbeiten, die es bisher nur in den Anfängen gibt. Eine weitere Besonderheit, die diesen Austausch so interessant macht, ist die Tatsache, dass die Pflegeausbildung in Palästina schon vollständig akademisiert ist, man also ein Studium mit dem Bachelor abschließt, während man in Deutschland am Konzept der praktisch orientierten betrieblichen Ausbildung festhält.

Da bei dieser einmaligen Chance die Zahl der Interessenten die Zahl der Teilnehmer übertraf, wurde ein Bewerbungsverfahren organisiert. In der ersten Runde mussten die Schüler ein Motivationsschreiben auf Englisch verfassen, in dem die Beweggründe und das Interesse an der Reise begründet wurden. In der zweiten Runde gab es ein ebenfalls englischsprachiges Interview, geführt wurde dieses von Frau Kuckert, die das ganze Projekt von außen betreut hat. Die glücklichen 6 Auszubildenen, auf die die Entscheidung gefallen ist, machten sich kurz danach auch direkt an die erste Vorbereitung: Das Schreiben eines Essays zu verschiedenen Themen der psychiatrischen Pflege, z.B. Selbstmordgefährdung im stationären Aufenthalt oder die Pflege bei posttraumatischer Belastungsstörung. Diese sollten dann an der Uni in Bethlehem den dortigen Studenten und Dozenten präsentiert werden, welche wiederum eigene Themen bearbeitet haben.

Am 12.02.2020 war dann die letzte offizielle Vorbesprechung vor der Reise, die Flüge und Unterkunft waren gebucht und alle waren sowohl aufgeregt als auch voller Vorfreude auf die Reise. Es wurde eine Gepäckliste erstellt und wir wurden den verschieden Einsatzorten vor Ort eingeteilt. Ich wurde dem Al-Ahli-Krankenhaus in Hebron zugeteilt, auf eine Station mit chirurgischem Schwerpunkt.

Mit dem 29.02.2020 war der Tag der Ab- bzw. Anreise gekommen und wir flogen vom Flughafen Düsseldorf mit einem kurzen Zwischenstopp in München nach Tel Aviv Jaffa, dem einzigen internationalen Flughafen in der Region. Die israelische Regierung hat schnell auf den Ausbruch des Coronavirus in China reagiert und einreisende Fluggäste mit Symptomen wurden in einem separaten Hangar provisorisch isoliert und ggf. behandelt. Bei der Ankunft wurde jeder Einreisende unabhängig von dem Virus vom Sicherheitspersonal nach vorherigen Aufenthalten gefragt sowie nach dem Ziel der Reise, der erste große Kontrast zu Deutschland. Doch es sollte nicht der einzige bleiben…

Direkt am Flughafen teilte sich unsere kleine Gruppe auf, ich und 3 weitere Auszubildene fuhren nach Bethlehem, die anderen beiden verbrachten das Projekt im benachbarten El Qubebe im Pflegeheim Beit Emmaus bei den Ordensschwestern der Salvatorianerinnen.

Mit einem Taxi fuhren wir über die gut ausgebaute, jedoch abgezäunte Autobahn nach Bethlehem. Auf dem Weg dorthin durchquerten wir einige israelische Siedlungen in der Westbank, hochmodern und von Soldaten bewacht. Am Abend kamen wir bei unserer Gastfamilie an und mit einem Abendessen nach palästinensischer Art ging der erste Tag unserer Reise dem Ende zu.

Der zweite Tag war noch zu unserer freien Verfügung, und so machten wir uns mit dem uns unbekannten Land etwas vertrauter, indem wir uns zu Fuß die Stadt Bethlehem etwas näher ansahen. Aufgrund der Offenheit und Gastfreundschaft der Palästinenser haben wir schnell ein grobes Gefühl für das Leben vor Ort bekommen. Keine durchgängigen Straßennamen, keine festen Preise in Supermärkten und ein insgesamt sehr enger und schon fast familiärer Umgang untereinander waren weitere Unterschiede zum eher rationalen und distanzierten Deutschland.

Am 02.03.2020 stand die Besichtigung der Universität Bethlehem und das Treffen mit der Dekanin auf dem Plan. Wir lernten unsere Praxisanleiterinnen kennen und erstellten zusammen mit ihnen unsere Dienstpläne. Die Uni ist verhältnismäßig klein (3000-3500 Studenten), jedoch was ihr an Größe fehlt macht sie durch ihre beeindruckende Architektur und Modernität wieder wett. Extra für Pflegestudenten wurde ein Simulation Center errichtet, ausgestattet mit fortschrittlichen Übungspuppen. Diese konnten über ein Tablet ferngesteuert werden, um so verschiedenste Situationen im Krankenhaus zu simulieren, z.B. ein plötzlicher Hustenanfall oder akute Veränderungen der Vitalzeichen. Auf diese Weise ist es den Studenten möglich, akute Krisensituationen bereits im geschützten Rahmen praktisch zu trainieren.

Die nächsten vier Tage verbrachte ich im Al-Ahli-Krankenhaus in Hebron. Dort wurde ich einer Gruppe Studenten zugeteilt, welche ich zum Teil schon vom Tag an der Universität kannte. Der erste gravierende Unterschied zu Deutschland wurde mir bereits auf dem Weg zum Krankenhaus bewusst: Hebron ist von israelischen Siedlungen umgeben, also herrscht in der Region eine besonders hohe militärische Präsenz und damit verbundene Anspannung zwischen den Palästinensern und den israelischen Soldaten. Auch auf den Stationen im Krankenhaus gab es an jedem Eingang Sicherheitspersonal. Im Gegensatz zu meiner „Heimatklinik“ gibt es keine Übergaben in Dienstzimmern, oder überhaupt Dienstzimmer als solches. Die Übergaben werden in Form einer „Nursing Round“ abgehalten, dabei gehen die beiden Schichten zusammen mit den Stationsärzten von Patient zu Patient und machen die Übergabe direkt mit dem Betroffenen an seinem Bett. Ebenfalls schnell ins Auge fällt die starke Ressourcenknappheit was medizinische Produkte betrifft, dies ist der wirtschaftlichen und geopolitischen Situation in Palästina geschuldet. Auch im Krankenhausalltag fällt der kulturelle Hintergrund schnell auf: Die Patienten haben deutlich mehr Besuch von Angehörigen, diese übernehmen auch die Körperpflege und die Nahrungsverabreichung der Patienten. Somit übernehmen die Pflegekräfte überwiegend medizinische und organisatorische Tätigkeiten, von der Medikamentengabe, der Ausarbeitung von ärztlichen Anordnungen über die weitere Koordinierung der Therapien und sonstige Administrative Aufgaben.

Im Laufe der Woche bekamen die Gespräche im Krankenhaus und auf den Straßen sehr schnell ein neues Thema: Das neuartige Coronavirus, welches sich langsam weltweit ausbreitete. Die Krankenhäuser in Palästina konnten sich aufgrund ihrer Ressourcenknappheit keinen schnellen Pandemieverlauf erlauben und so wurde der Entschluss gefällt, keine Studenten mehr in die Krankenhäuser zu lassen, um so weitere Infektionsketten zu verhindern.

Am Montag, dem 09.03.2021 wurde ein Notfallmeeting mit der Dekanin und unserer Praxisanleiterin einberufen, um den weiteren Verlauf des Projektes zu besprechen. Über das Wochenende haben die palästinensischen Autoritäten entschieden, die Region um Bethlehem vollständig abzuriegeln und alle ausländischen Touristen für mindestens 2 Wochen in bewachten Hotels zu isolieren. Um diesem Schicksal zu enteilen haben wir in Rücksprache mit unserem Kursleiter und der Uni den Entschluss gefasst Bethlehem kurzzeitig zu verlassen und einige Tage abzuwarten, ob sich die Situation wieder normalisiert. Als sinnvollstes Ziel kam für uns Tel Aviv infrage, da dort der einzige Flughafen in der Region ist und die israelische Regierung noch keine strikten Maßnahmen zur Viruseindämmung ergriffen hatte. Am 10. März sind wir dann gegen Mittag in der innovativen Küstenstadt eingetroffen und haben unser Apartment bezogen. Die Stadt ist ein kompletter Gegensatz zu unseren bisherigen Erfahrungen der Reise: Moderne Wolkenkratzer, E-Scooter auf den Straßen und luxuriöse Restaurants, Tel Aviv hatte wirklich einiges zu bieten! Die Menschen hier waren noch nicht sonderlich besorgt bezüglich der Virusverbreitung und so konnten wir noch 3 Tage das Alltagsleben vor Ort genießen. Wir bekamen über unsere Verwandten und Freunde in der Heimat natürlich auch die Situation in Deutschland mit und so entschieden wir uns in Rücksprache mit der Uni und dem LVR dazu, das Projekt frühzeitig abzubrechen und den Heimweg anzutreten. Am 14.03.2020 flogen wir vier nach Berlin und von dort aus ging es mit dem Zug zurück ins Rheinland. Die anderen beiden Schülerinnen sind eine Woche später ebenfalls zurückgekehrt.

Abschließend bleibt zu sagen, dass auch wenn wir nur die Hälfte der geplanten Zeit in diesem äußerst faszinierenden Land verbracht haben, hat es sich trotzdem auf jeden Fall gelohnt. Diese kulturreiche und historisch bedeutende Region möchte ich in Zukunft definitiv erneut besuchen. Ich hoffe, dass auch zukünftige Generationen von Auszubildenen der Pflege beim Landschaftsverband Rheinland in den Genuss dieses Projektes kommen. Ich bin sehr dankbar, dass der LVR und Herr Fischer das alles ermöglicht haben und ich diese Chance nutzen durfte.

Über David Bazynski 1 Artikel
Mein Name ist David Bazynski, geboren am 03.01.2000 in Stadtlohn. Im Oktober 2018 habe ich die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im LVR-Klinikum Düsseldorf begonnen und bin jetzt im dritten Ausbildungsjahr.

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