Ausländische Pflegekräfte: Eine globale Katastrophe, ein moralischer Bankrott oder einfach nur Markt der Fachkräfte?

(C) Thomas Reimer

Die Freiheit zu Reisen ist einer der Eckpfeiler der Europäischen Union. Doch wenn es um die regionale Gesundheitsversorgung geht, ist gerade diese Freiheit ein Problem. Mehr und mehr ÄrztInnen und Pflegekräfte wechseln von einem Land zu einem anderen, meist ist es von Ost nach West, von ärmerem Ländern in reichere. Dies ist natürlich aus menschlicher Sicht nicht verwunderlich. Jeder will gut verdienen. Doch für das gesamte Gesundheitssystem ist dies eine Katastrophe. Während arme Länder nur noch eingeschränkt ihre Gesundheitsversorgung aufrecht erhalten können, sehen reichere Länder nur bedingt eine Notwendigkeit für das eigene Gesundheitssystem einmal richtig Geld in die Hand zu nehmen, damit der Gesundheitsberuf auch im eigenen Land eine Verbesserung spürt. Warum auch, wenn man aus anderen Ländern Pflegefachkräfte oder ÄrztInnen billig einkaufen kann. Der Markt regelt hier wieder alles und letztendlich wird es, wie bei der Umweltfrage, eine globale Katastrophe. Mittlerweile fehlen mehrere Millionen Pflegefachkräfte auf der Welt und „Reich“ gewinnt erneut über „Arm“. Das Spannende daran ist, dass sich auf der einen Seite die meisten Länder (193 UN Länder) zu den Sustainable Development Goals (SDG) geeinigt haben, die meisten dieser Länder aber derzeit die „Wir holen uns die Fachkräfte aus dem Ausland“-Politik ausgiebig praktizieren. Dabei gäbe es sogar bei diesem Ansatz eine faire Win:Win Situation. David Abokavi beschrieb am ICN Kongress 2021 eine Option, bei der alle gewinnen würden. In Nigeria und Kenya gibt es derzeit über 2 Millionen Menschen, die sich keine Ausbildung leisten können. Würden man zum Beispiel vier Personen eine Ausbildung zur Pflegefachkraft ermöglichen und davon nur zwei Personen ins Ausland holen, hätten alle Seiten gewonnen. Dies wäre auch aus Sicht der WHO und der CGFNS Alliance eine moralisch vertretbare Option, über die man global diskutieren könnte. Doch dies würde wieder voraussetzen, dass reiche Länder Geld in die Hand nehmen und dies ist für die meisten PolitikerInnen ein No-Go.

ÄrztInnen
Pflegefachkräfte

Sieht man sich die Daten (2018) der European Commission regulated professions database an, ist hier klar ersichtlich, dass die meisten Pflegekräfte nach England, Österreich oder Belgien gehen/abgeworben werden, bei der Ärzteschaft liegen die Länder England, Deutschland und Schweden auf den Top3 Plätzen. Die Daten wurden vor dem Brexit und der Pandemie erhoben, man kann also davon ausgehen, dass England nicht mehr auf Platz 1 dieser Charts liegt. Inkludiert wurden hier auch nur europäische Länder. Bei einer weltweiten Analyse würde bei den Ursprungsländern mit Sicherheit noch Länder wie Indien, Philippinen oder Kolumbien. im oberen Bereich angeführt sein. Gerade in Deutschland und Österreich sind die Headhunter, welche sich mit dem „Transfer“ eine goldene Nase verdienen, fröhlich unterwegs. Hier werden meist zwei bis drei Gehälter der Fachkraft als Vermittlungsgebühr für sie verlangt. Aus der Not der anderen (Pflegeeinrichtungen) wird hier ein klares Geschäftsmodell gemacht.

„Das System krankt“
Vergleicht man nun diese Zahlen mit anderen wichtigen Faktoren, so wie „Pflegefachkräfte/BewohnerInnen“, „ÄrztInnen/BewohnerInnen“ und „Krankenhausbetten/BewohnerInnen“, so können hier zusätzlich einige spannende Hypothesen gebildet werden. Während Österreich im internationalen Vergleich führend im Bereich „ÄrztInnen/BewohnerInnen“ (Platz 1) und „Krankenhausbetten/BewohnerInnen“ (Platz 2) ist, liegt man im Pflegefachkräftebereich eher am unteren Rand. Man könnte also die Hypothese aufstellen: „Österreich besitzt viele Krankenhausbetten (7 pro 1000 EinwohnerInnen) und ÄrztInnen (5 pro Tausend EinwohnerInnen), aber nur eine eine bedingte Anzahl an Pflegekräften (6 pro 1000 EinwohnerInnen). Für 7 Krankenhausbetten gibt es also statistisch 5 ÄrztInnen und 6 Pflegekräfte. Dies ist natürlich rechnerisch falsch, da viele ÄrztInnen nicht in einem Krankenhaus arbeiten und viele Pflegekräfte auch in der Langzeitpflege oder im extramuralen Bereich tätig sind. Aber für eine Veranschaulichung der Menge sehr wohl eine für uns akzeptable Darstellung. Vergleichen wir dies mit Deutschland (8 Krankenhausbetten auf 4 ÄrztInnen und 13 Pflegefachkräfte), England (2 Krankenhausbetten auf 3 ÄrztInnen und 8 Pflegefachkräfte), Amerika (2 Krankenhausbetten auf 3 ÄrztInnen und 14 Pflegefachkräfte) oder Belgien (6 Krankenhausbetten auf 3 ÄrztInnen und 19 Pflegefachkräfte). Österreich schafft es also nicht, trotz massiver Abwerbung bzw. massiven Zuzugs eine höhere Quote an Pflegekräften für’s eigene Land zu erwirken.  Laut der Angabe der WHO hat Deutschland damit doppelt so viele Pflegepersonen auf Betten, aber gleich viel ÄrztInnen als Österreich. Beide deutschsprachigen Länder schneiden aber massiv schlechter gegen Belgien, Amerika oder England ab und sogar diese beklagen alle einen Pflegemangel. Zusätzlich stellt sich die Frage, warum gerade deutschsprachige Länder so viele Krankenhausbetten/EinwohnerInnen benötigen? Wir haben Ihnen am Ende des Artikels noch andere Vergleiche ausgearbeitet. Natürlich sind diese Zahlen Pre-Pandemie Zahlen, man kann also davon ausgehen, dass sich bei den Pflegepersonen die Zahlen noch deutlich verschlechtern werden bzw. haben. Anmerken wollen wir natürlich auch, dass aus der Statistik nicht hervorgegangen ist, ob die Personen Teilzeit- oder Vollzeitzeitangestellte sind, bzw. wo sie tätig sind. Um es ganz klar noch einmal zu betonen: Hierbei handelt es sich nicht um einen wissenschaftlichen Artikel, sondern um eine persönliche Meinung.

 

Wir bedienen uns also weiterhin der „billigen“ Fachkräfte aus dem Ausland und dies ohne Rücksicht auf Verluste. Es gibt also weiterhin keinen Grund, Geld in die Hand zu nehmen, um unser Gesundheitssystem nicht gegen die Wand zu fahren. Wozu auch? Bisher geht es ja auch so. Die Personen, die in den nächsten Jahren übrig bleiben werden, sind die Armen. Hier spielt es keine Rolle, ob es die eigene Bevölkerung oder die Menschen aus armen Länder sind. Dabei gäbe es unzählige faire Ansätze, wie wir zumindest einen Teil der Erde retten können. Fair Trade gibt es auch bei Lebensmittel, warum also nicht auch bei der Ak­qui­rie­rung von Fachkräften? Anhand dieser Zahlen gilt es auch klar, unser Gesundheitssystem, egal ob Österreich, Deutschland oder die Schweiz, zu überdenken. Wir könnten noch Stunden über diese Zahlen, ohne über das eigentliche Problem am deutschsprachigen Arbeitsmarkt zu schreiben: Der Attraktivierung des Berufes (Vergütung, Arbeitsbedingungen, Arbeitsmodelle, Karrierechancen, Systemoptionen, …).

Eigentlich das selbe Dilemma wie im Umweltschutz. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und es gibt immer mehr Personen, die sich für einen neuen Weg einsetzen.

 

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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