Ausdruck von Individualität – Sexualität und Kleidung in der Pflege

Christoph Müller & Thomas Holtbernd

Das Nachdenken über die Kleidung in pflegerischen Handlungsfeldern hat Seltenheitswert. Allzu selbstverständlich erscheint es, dass mit Pflegenden in Krankenhäusern und Pflegeheimen Kasack, Hose und Schwesternkittel verbunden werden. Dies hat sicher mit der Geschichte der Pflegeberufe zu tun, die vor allem aus klösterlichen Gemeinschaften vieler religiöser Orientierungen erwachsen sind. Aus der Kutte eines Mönches und der Tracht einer Ordensschwester sind Kasack, Hose und Schwesternkittel geworden. Es ist scher nicht falsch, diese Kleidung als säkularisiertes Kennzeichen von Menschen zu bezeichnen, die den Dienst am und für den Nächsten in den Mittelpunkt des eigenen Lebens gestellt haben.

Die Kleidung bei pflegenden Menschen scheint auf den ersten Blick neutral zu sein. Die Aufgaben, die Pflegende erfüllen, überdecken, dass es sich um geschlechtliche Wesen handelt. Pflegende werden fast ausschließlich über die Funktion verstanden, die sie ausfüllen. Wer gebrechlichen und leidenden Menschen hilft, stellt die eigenen Bedürfnisse und damit auch seine Sexualität in den Hintergrund. Es gibt kaum Versuche, dies in Frage zu stellen. Deshalb lohnt es sich, einmal zu schauen, was in der Literatur über Kleidung zu finden ist.

Katja Eichinger schreibt beispielsweise: „Die Kleidung, die wir an unserem Körper tragen, hat einen außerordentlichen Effekt darauf, wie wir unseren Körper wahrnehmen und mit unseren Körpern Lust verspüren. Gleichzeitig existieren unsere Kleider nur mit unseren Körpern. Unsere Körper erwecken unsere Kleider zum Leben“ (Eichinger, 2020, S. 42). Kann man bei der funktionellen Kleidung in pflegenden Berufen damit rechnen, dass es um die eigene Körperwahrnehmung geht? Kann Berufskleidung dazu führen, dass eine Frau oder ein Mann Lust verspürt? Für viele wird es ein befremdlicher Gedanke sein. Ganz gleich, wie die Fragen beantwortet werden, die Pflegenden haben zu jeder Zeit, innerhalb und außerhalb der beruflichen Tätigkeit ein Recht darauf, sich als Frau und Mann zu empfinden. Die Geschlechtlichkeit und das Sexuelle lassen sich zwar durch eine berufliche Distanz bis zu einem bestimmten Punkt neutralisieren, doch ganz abspalten lassen sie sich nicht. Und es muss auch gefragt werden, welche Auswirkungen eine solche Neutralisierung auf die Psyche der Pflegenden hätte.

Nach Eichinger ist der Dresscode „ein symbolischer, hochemotionaler Gesellschaftsvertrag“ (Eichinger, 2020, S. 22). Kasack, Hose und Schwesternkittel erscheinen als Garant dafür, dass aus der Begegnung zwischen Menschen eher eine emotionslose Veranstaltung wird. Umso mehr fallen Frauen und Männer auf, die diese Übereinkunft verletzen. Pflegefachfrauen, die ansprechende Unterwäsche unter dem Kittel tragen, werden nicht nur die Blicke auf sich ziehen. Sie haben Aufmerksamkeit für die Überlegung verdient, inwieweit sich Pflegende als geschlechtliche Wesen verstehen dürfen. Für männliche Pflegende gelten natürlich vergleichbare Überlegungen.

Indem die Modefrage im pflegerischen Kontext gestellt wird, geht es irgendwie um den spielenden Menschen. Der „homo ludens“ bereitet der Individualität den Weg. „Gleichzeitig ist unsere eigene Kleidung ein Platz, auf dem die Loslösung von unserer Bezugsperson und unsere Eigenständigkeit verhandelt werden. Wenn ein Kind sich selbst anzieht, ist das ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der eigenen Identität“, schreibt Eichinger (2020, S. 43).

Das Tragen des traditionellen Kasacks, der Hose und des Schwesternkittels bereitet möglicherweise einer Kommunikation und Interaktion mit erkrankten und gebrechlichen Menschen einen Weg, der wenig von Freude zeugt. Eichinger unterstreicht: „Freiheit, das ist die Essenz des Turnschuhs. Mit einem Turnschuh ist man frei von Zwängen des normalen ledernen Schuhwerks; frei, um jeden Bewegungsdrang uneingeschränkt auszuleben (…) Mit dem Turnschuh sind wir „frei von“ und „frei um zu“ (Eichinger, 2020, S. 18).

Der Turnschuh ist natürlich nur ein pars pro toto. In der psychiatrischen Pflege gibt es viele Menschen, die mit dem Anziehen der traditionellen Verkleidung die Rollen im Miteinander von vornherein festlegen wollen. Es liegt die Vermutung nahe, nicht als Mensch dem betroffenen Menschen begegnen zu wollen. Hilde Schädle-Deininger betont: „Eine weitere Begründung von Zivilkleidung in der Psychiatrie ist die Gestaltung von Milieu und einer annehmenden Atmosphäre. Soziologisch wird unter Milieu die Gesamtheit der natürlichen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Konstellationen verstanden, die auf den einzelnen Menschen, auf soziale Gruppen oder auf eine Schicht aus- und einwirken. Somit bietet das Milieu die Grundlage, auf der die Art und Weise zu denken, zu werten und zu entscheiden beruht und auch maßgeblich die eigenen Erfahrungen beeinflusst. Anders betrachtet ist Milieu das, was von einer Person oder einem Gegenstand an Gepräge ausgeht. Außerdem ist zu bedenken, dass die Entwicklung und Eigenart eines Menschen primär durch seine soziale Umwelt bestimmt wird, insbesondere das Verhalten, der Charakter und die Intelligenz. Das bedeutet auch, dass der Einzelne durch seine Prägung in der Gesellschaft entweder diskriminiert oder anerkannt oder privilegiert und anerkannt wird“ (Schädle-Deininger, 2005, S. 208).

Wenn Schädle-Deininger die Gratwanderung zwischen Anpassung, Abhängigkeit und Autonomie einen sensiblen Prozess in der psychiatrischen Pflege nennt, so ist zu überlegen, inwieweit die Auseinandersetzung in der therapeutischen Beziehung mit Kleidung zu Eigenständigkeit führen sollte. Aus ihrer Sicht gelingt es mit alltagsorientierter Kleidung besser, wenn das Gefälle zwischen dem psychisch kranken Menschen und dem pflegerischen Mitarbeiter so flach oder gering wie möglich gehalten werde (Schädle-Deininger, 2005).

„Für den größten Teil unseres Lebens bleibt die Sexualität eng verbunden mit Sehnsüchten und mit Peinlichkeit.“ (Alain de Botton, 2012, S. 18) Und „Die Kleidung, unsere zweite Haut, gehört sowohl zu unserem Inneren wie zu unserem Äußeren, sie wahrt die Intimität und wendet sich zugleich an andere. Die Kleidung ist die Schnittstelle zwischen Subjekt und Welt.“ (Joubert, Stern, 2005, S. 8)

Auch eine Uniform oder Dienstkleidung verändert den durch die Zitate angegebenen Umstand nicht. Der Mensch ist auch am Arbeitsplatz mit seinen Sehnsüchten und Peinlichkeiten anwesend, er oder sie trägt jedoch eine Dienstkleidung und muss sich bestimmten Regeln für sein äußeres Erscheinungsbild unterwerfen.

  • Sollten sich Pflegende im beruflichen Alltag anders verhalten als im privaten Rahmen?

  • Und wenn ja, was ist dann konkret das Unterscheidende?

  • Welche geheimen Ideologien verbergen sich in der Kleiderordnung in einem Berufsfeld, die sprichwörtlich bis auf die Haut das Aussehen vorschreiben?

  • Darf sich in der Kleidung Individualität ausdrücken?

  • Wird nicht gefordert, als die / der zu pflegen, die / der man ist?

  • Warum soll diese Individualität gerade bei der Kleidung aufhören?

Für Berufe, die auf der einen Seite eine bestimmte Form der Distanz erfordern, auf der anderen Seite jedoch Schamgrenzen überschreiten und Intimität oft schonungslos erzwingen müssen, entsteht eine besonders ambivalente Weise erotischer Spannung. „Erotik manifestiert sich folglich am deutlichsten dort, wo Förmlichkeit und Intimität sich kreuzen“ (Alain de Botton, 2012, S. 44). Es muss in psychosozialen Handlungsfeldern eine festgelegte Förmlichkeit eingehalten werden, um das Gegenüber zu schützen, und gleichzeitig entsteht erst hierdurch eine besondere erotische Spannung. Es verwundert daher nicht, dass Krankenschwestern in Pornos oder Sexfilmen beliebte Rollen für die Darstellerinnen sind. Dass ein Krankenpfleger als Rolle gewählt wird, ist eher selten. Eher sind es Muskelarbeiter, die vor Kraft strotzen. Es zeigen sich hier möglicherweise die verschiedenen erotischen Muster, die dann auch vom Kleidungsstil her ihre Entsprechung finden. Ist es bei Frauen eher das Weglassen, so ist es bei Männern eher das Zeigen des Bizeps, der breiten Schultern usw.

Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankungen oder Alterserscheinungen zu alltäglichen Handlungen nur noch bedingt in der Lage sind und für die es hierdurch sehr eingeschränkt möglich ist, aktiv eine erotische Spannung aufzubauen oder auch auszukosten. „Die Pflege des eigenen Körpers, die Sorge um sein äußeres Erscheinungsbild bedeuten, dass man sich für den anderen als Objekt der Begierde begreift.“ (Joubert & Stern, 2005, S. 150) Dabei scheint es so zu sein, folgt man den Ausführungen der beiden Autorinnen Joubert und Stern, dass Mädchen einen anderen Umgang mit Körperlichkeit als Jungen erlernen: „Während es dem kleinen Mädchen gelingt, sich ihres Körpers, dem die Mutter so viel Aufmerksamkeit gewidmet hat, zu bemächtigen und die Pflege, deren Gegenstand sie war, selbst zu übernehmen (Freude am Baden, Eincremen, Parfümieren), bleibt der unbeholfene kleine Junge >zurück< und kümmert sich nur um sehr begrenzte Partien seines Körpers: die Muskeln und sein Geschlechtsteil.“ (Joubert & Stern, 2005, S. 150)

Im Umgang einer weiblichen Pflegekraft mit einer alten Frau ergeben sich damit gewisse Konfliktsituationen. „Die Kleidung richtet sich also gegen Zeit und Vergessen. Wer ist die junge, elegante Frau, die sich von der Mutter entfernt? Ist sie die Tochter oder vielleicht doch die Mutter, die, ohne es zu wissen, Abschied von sich selbst nimmt?“ (Joubert &Stern, 2005, S. 215) Dies bedeutet, eine freizügig oder aufreizend gekleidete junge weibliche Pflegekraft stellt für ältere Frauen eine Provokation nicht aufgrund der Freizügigkeit dar, sondern aufgrund der Projektion: Die junge Frau macht deutlich, dass das Alter voranschreitet. Die Freizügigkeit wird von Seiten der Patientinnen wie von einigen aus dem Umfeld kritisiert, aber eigentlich ist die eigene Depression gemeint bzw. die Abwehr der depressiven Situation. „Außerdem ist die Vernachlässigung der Körperpflege oft das Zeichen für eine depressive Stimmung, die mit einem generellen Rückzug aus der Existenz einhergeht.“ (Joubert & Stern, 2005, S. 214)

  • Muss die Pflege des Körpers und die bewusst gewählte Kleidung nicht als Zeichen von Lebensfreude gedeutet werden?

  • Ergeben sich die Konflikte um das äußere Erscheinungsbild und einem erotisch empfundenen Verhalten aus der Unfähigkeit, eine depressiv bestimmte Situation auszuhalten?

  • Wie bedingen sich die Lebensfreude der Professionellen und die Verstärkung der Depressionen bei den Patienten?

Kleidung ist konkreter Ausdruck von Individualität, der auch sexuelle und erotische Komponenten enthält. Sie gehören zum einzelnen Menschen, machen ihn aus und sind immer ein Teil seiner Identität. Eine ganzheitliche Betrachtung der Arbeit in psychosozialen Feldern kann sich nicht nur auf den Anderen beziehen, sondern muss auch die Befindlichkeit und Persönlichkeit der professionell Handelnden in den Blick nehmen. Die Kleidungsvorschriften werden in eine verbindliche Norm gepresst, die den je persönlichen Ausdrucks- oder Darstellungsmöglichkeiten kaum einen Freiraum bietet. Und es ist durchaus plausibel anzunehmen, dass eine solche Einengung und Unterdrückung der Körperlichkeit und Sexualität an anderer Stelle zu Konflikten führt.

Spielregeln müssen in einer sozialen Gemeinschaft eingehalten werden und auf Seiten der Professionellen gibt es eine besondere Verantwortung dafür, nicht nur die eigene Befindlichkeit zu beachten, sondern auch das Ganze im Blick zu haben. Eine Spielregel ist es, in einem pflegerischen Beruf Dienstkleidung zu tragen. Schützendorf hat vor vielen Jahren festgestellt, dass dies eine Möglichkeit sei, sich von Begehrlichkeiten und Ansprüchen zu pflegender Menschen abzugrenzen. Dienstkleidung biete Schutz vor Nacktheit (Schützendorf, 2005, 24). Es kann auf der anderen Seite jedoch gefragt werden, ob Dienstkleidung nicht auch eine „natürliche“ Beziehung verhindert. Und ob pflegende Menschen nicht eher lernen müssten, die Beziehung zu den Anempfohlenen in ihrer Ambivalenz „erwachsen“ zu gestalten, um das vorhandene Machtgefälle für die schwache Seite hilfreich zu gestalten.

So ist zum Beispiel das Entblößen in einem pflegerischen Beruf einseitig. Menschen, die Hilfe bei der täglichen Hygiene brauchen, sind im Badezimmer eines Wohnheims den Blicken der Pflegekräfte ungeschützt ausgesetzt. Und umgekehrt drängt sich dem pflegenden Menschen die Nacktheit auf, er kann nicht weggucken. Es muss dem pflegenden Menschen egal sein oder er sollte nicht zeigen, wie attraktiv das Gegenüber empfunden wird oder wie schwierig es für den Einen oder die Andere ist, einen von den Jahren oder von Behinderungen gezeichneten Körper zu pflegen. Die Antwort auf die nackte Provokation muss funktional sein, so lautet zumindest die Theorie. Dass indirekt oder unbewusst dennoch Botschaften beim Gegenüber ankommen oder in Bemerkungen, Gesten, in die Mimik hineingedeutet werden, dürfte den meisten Pflegenden bekannt sein.

  • Wie kann die eigene Individualität erhalten bleiben, wenn durch eine Uniformierung der Kleidung gerade die Individualität zugedeckt wird?

  • Beharren gerade diejenigen darauf, in ihrem äußeren Erscheinungsbild nicht reglementiert zu werden, die ihre Individualität nur wenig ausgebildet haben?

  • Ist es überhaupt möglich oder denkbar, sich in psychosozialen Handlungsfeldern asexuell bzw. völlig neutral zu verhalten?

„Die Problemfelder der Sexualität hängen ganz von der persönlichen Geschichte der Betroffenen ab, von den Schwierigkeiten, die er oder sie hat, sich dem Anderen zu nähern und ihn näherkommen zu lassen“, schreibt Michaela Marzano in der „Philosophie des Körpers“ (Marzano, 2013, S. 124). Sich in der pflegerischen Arbeit auch als Mensch mit einer eigenen Sexualität zu verstehen, bedeutet die Betonung der eigenen Souveränität. Eine weibliche Pflegekraft braucht möglicherweise die ansprechende Unterwäsche, um sich selber noch als Frau zu fühlen. Vielleicht hat sie eine Ahnung davon, dass die deformation professionelle (die Angleichung an die im jeweiligen Beruf üblichen Normen und Gewohnheiten) auch ihr privates Sexualleben und ihr Körperempfinden negativ verändern könnte.

Auf der anderen Seite steht die Scham. Viele Professionellen in psychosozialen Arbeitsfeldern kennen Scham oft nicht bzw. dürfen sie nicht kennen. Und welche Schamlosigkeit in einem neutralen Verhalten liegen kann, ist vielen nicht bewusst. Es ist zur Routine geworden, cool zu bleiben. Die tägliche Hygiene verlangt es, fremden Menschen zwischen die Beine zu fassen oder bei Frauen die Brüste zu waschen. Ohne Scham zu sein, garantiert geradezu den Arbeitsplatz. Wer sich dieser Logik widersetzt, der wird belächelt. Dabei ist das Schamgefühl ein Moment der Natürlichkeit. Und zu einer gereiften Sexualität gehört es, seine eigene Scham zu akzeptieren, weil sie gewissermaßen eine Überprüfung der vorgegebenen Normen darstellt. Scham führt dazu, aus der eigenen Empfindlichkeit heraus das „Richtige“ zu tun und nicht einfach nur das zu tun, was von außen vorgeben ist. Das schlichte Befolgen von Normen lässt keinen Raum dafür, in bestimmten Situationen vom Standard abzuweichen, weil es in der Situation und bei dieser Person richtig und von menschlicher Zuwendung getragen ist.

  • Lassen sich überhaupt allgemeine Regeln für eine Kleiderordnung aufstellen?

  • Muss nicht die je individuelle Biografie beider Seiten beachtet werden?

  • Und ist das bewusste Spüren der eigenen Sexualität durch eine entsprechende Kleidung oder Verhalten nicht auch eine Schutzmaßnahme gegen die Verformung durch den Beruf?

  • Wie kann Scham möglicherweise zur Entwicklung eines für beide Seiten hilfreichen Verhaltens beitragen?

Das bewusst Spielerische im Umgang mit den Normen und den eigenen „Lustaktionen“ ist eine Möglichkeit, die Identität als Frau oder Mann in pflegerischer Dienstkleidung nicht aufzugeben. Der erotische Blick eines Gegenübers kann mit einer spielerischen erotischen Anspielung beantwortet werden. Aus dieser entschärften Erotik heraus gewinnt die Interaktion eine positive Dynamik, die für alle Beteiligten eine Win-win-Situation herstellt. Es sei doch so, dass Moden, Farben und Stoffe bei Menschen eine Saite zum Schwingen bringe, die sie aufblühen lasse, schreibt Schützendorf (Schützendorf, 2005, S. 25). Die Altenpflegerin oder die Krankenschwester, die sich ansprechend präsentiert, entscheidet sich deutlich dafür, kein Neutrum zu sein. Von Pflegenden werden im Zusammenhang mit der Bestimmung des Nähe-Distanz-Verhältnisses zwischen Pflegenden und Gepflegten meist eine indifferente oder neutrale Haltung und ein rein sachliches Verhalten eingefordert. Das Körperliche wird hinter der Fassade des Professionellen versteckt. Glaubt man dem Philosophen Wilhelm Schmid, so ist dem Körper unbedingt etwas zuzusprechen: „Die Frage, ob es Rechte des Körpers gibt, lässt sich einfach beantworten, indem sie ihm vom Selbst für sich zugesprochen werden: Recht auf Aufmerksamkeit, Recht auf Pflege, Recht auf das Bemühen um eine exzellente Verfassung, Recht jedoch auch auf Schonung, die einer Ausbeutung des Körpers Grenzen zieht.“ (Schmid, 2004, S. 173)

Pflegekräfte wollen bewusst Frau oder Mann sein – und das eben auch in ihrem Beruf. Mit einem alltäglichen Charme wird die Beziehung zu den Menschen gesucht. Ein solcher Charme ist spritzig humorvoll und zeigt eine kommunikative Aufgeschlossenheit. Die pflegebedürftigen Menschen im Wohnheim begrüßen größtenteils diese Haltung. Pflegekräfte sind für sie als Mensch spürbar, deutlich weniger als Dienstleister. Es gibt dem Miteinander von Pflegenden und Gepflegten etwas Spielerisches und Lebendiges. Schmid schreibt: „Für die Lebenskunst ist der hermeneutische Zugang zum Leben grundlegend, und eine mögliche Deutung ist, das Leben als Spiel zu verstehen … Vom Leben als Spiel wird erwartet, dass es ganz so wie ein Spiel Freude; es wird zuweilen vernachlässigt, dass zum Spiel auch immer die Möglichkeit großer Enttäuschung gehört” (Schmid, 2004, S. 55).

  • Lässt sich durch einen spielerischen Umgang mit den sexuellen Andeutungen der Gefahr entgehen, zu einem Neutrum zu werden?

  • Kann in einer gewissen Indifferenz oder spielerischen Weise des Verhaltens sowohl Raum für spürbare Sexualität und gleichzeitig ein Schutz durch eine zugestandene Uminterpretation gegeben werden?

  • Und muss es überhaupt eine klare Vorgabe geben?

  • Ist der Versuch, es richtig zu machen, nicht auch eine Angst vor der Enttäuschung, dass eine Beziehung nicht gelingt?

Die Pflege des Pflegenden schließt die Selbstsorge mit ein und damit eben auch die Sorge darum, sich als Mann oder Frau fühlen zu können. Die Selbstsorge ist eine Voraussetzung dafür, dass sich ein Mensch auch um Fremde sorgen kann. Wer sich gegenüber aufmerksam ist, der blickt auch mit einer größeren Sensibilität auf den anderen Menschen. Er oder sie kann dann auch damit umgehen, wenn Begehrlichkeiten geweckt wurden. Wer Tag für Tag mit Waschlappen Frauen und Männer pflegt, der steht in der Gefahr, dass der Sinn für die Körperlichkeit verlorengeht. Der Mensch im Pflegebett oder im Rollstuhl wird dann schnell zu einem austauschbaren Objekt. Dieser Mensch ist aber auch ein Subjekt, zu dem die Körperlichkeit gehört. Und Kommunikation, Affekte und Gefühle sind immer an Körperlichkeit gebunden. Eine Kommunikation mit einem anderen Menschen ohne Körper ist nicht möglich. Und ein Körper, der nicht in irgendeiner Weise mit Sexualität verbunden ist, wäre ein toter Körper. Sinnlichkeit ist Kennzeichen einer gesunden Beziehung zu seinem Körper, der trotz möglicher Schmerzen oder sichtbaren Verfalls nicht nur reines Objekt ist. Ein solcher Körper will berührt und gepflegt werden.

Nach Schmid lässt sich Wellness gar als eine „Kunst der Berührung“ konkretisieren. Die Sinnlichkeit des Selbst werde durch ein inszeniertes Fest des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens, Tastens, aller Sinne also, wieder entdeckt (Schmid, 2004, S.184). Aufgabe der Wellness sei es, „den Rhythmus von Anspannung und Entspannung, die vielleicht verloren worden ist, wieder in Kraft zu setzen“ (Schmid, 2004, S. 184). Denn Rhythmen seien es, die das Leben trügen (Schmid, 2004, S. 184). Menschen, die kurzzeitig oder längerfristig pflegebedürftig sind, haben die eigenen Rhythmen teilweise oder vollständig verloren. Wiederfinden können sie diesen Rhythmus, wenn die Pflegenden sie auch als geschlechtliche Wesen in ihrer Körperlichkeit wahrnehmen.

Das Wieder-Erspüren des Rhythmus kann auch quasi stellvertretend als Zuschauer gelingen. Der pflegebedürftige Mensch beobachtet, wie die junge Frau und der junge Mann, die ihn versorgen, miteinander flirten. Es kann Spaß machen, in das Geschehen einbezogen zu werden und an der Lebendigkeit der Flirtenden teilhaben zu können. Es kann zu dem einen oder anderen Geheimnis kommen, das im täglichen Einerlei für eine gewisse Spannung sorgt und auch eine Form der Beteiligung ist.

  • Was schließt die Selbstsorge mit ein?

  • Kann sich jemand, der sich nicht um sich sorgt, um andere sorgen?

  • Wie kann ein Mensch in Schwingung kommen und die Resonanz spüren, die vom anderen ausgeht?

  • Ist bewusst gesteuerte Sexualität in psychosozialen Handlungsfeldern auch eine Möglichkeit, den anderen resonanzfähig zu machen?

Sexualität und Körperlichkeit werden oft sehr verengt auf den Körper bezogen gedacht. Svenja Flaßpöhler meint im Sinne der Neuen Phänomenologie nach Hermann Schmitz, der Körper sei phänomenologisch gesehen das, „was wir von außen beobachten können“ (Flaßpöhler, 2018, S. 35). Er lasse sich einordnen, messen, medikamentieren, heilen (Flaßpöhler, 2018, S. 35). Der Leib hingegen sei das, was von innen wahrgenommen werden könne. Er bezeichne das subjektive Gefühl, in einer ganz bestimmten Haut zu stecken (Flaßpöhler, 2018, S. 35). Diesen Gedanken folgend bleiben Pflegende mit dem Blick auf die gepflegten Körper sprichwörtlich im Morast stecken. Pflegende sorgen sich um das Vordergründige, unmittelbar Fassbare. Was die Leiblichkeit für das Gegenüber bedeutet, würden Pflegende eigentlich nicht beachten.

Es provoziert Widerspruch zu behaupten, dass pflegerische Arbeit in erster Linie Dienstleistungscharakter hat. Sich mit dem anderen Menschen auf eine Beziehung einzulassen, bedeutet unbedingt, auch zwischen der Körperlichkeit und der Leiblichkeit zu unterscheiden. Flaßpöhler hat recht, wenn sie feststellt, dass ein Mann nie wissen werde, wie es sei, eine Frau zu sein, „weil er nicht über denselben Leib verfügt“ (Flaßpöhler, 2018, S. 36). Was Männlichkeit und Weiblichkeit unterscheide, sei die unbestreitbare Exklusivität ganz bestimmter, leiblich gebundener Erfahrungen sowie die faktische Unmöglichkeit, sich den Erfahrungsraum des jeweils anderen Geschlechts vollständig zu erschließen (Flaßpöhler, 2018, S. 37).

Für Pflegende bleibt es jedoch eine Verpflichtung, sich selber immer wieder für die Körperlichkeit und Leiblichkeit des anderen Menschen zu sensibilisieren. Und Flaßpöhler richtet sich vor allem an Frauen. Sie ruft zum Umdenken auf, wenn sie den Frauen Potenz zuschreibt. Die Frauen müssten in die Potenz finden: Aktion statt Reaktion, Positivität statt Negativität, Fülle statt Mangel. Die Frau begehre und verführe, befreie sich aus der Objektposition, sei souveränes Subjekt auch der Schaulust (Flaßpöhler, 2018, S. 44).

Ähnlich formuliert es Sandra Konrad: „Weil sie noch immer in einer Welt aufwachsen, in der sie lieber gefallen als bestimmen wollen und in der der männliche Blick wichtiger als der weibliche Wille ist, Weiblichkeit entsteht noch immer aus dem Blickwinkel des Mannes, und während die Frau seine Bestätigung sucht, entsteht die chronische Verunsicherung ihres eigenen Körper- und Selbstwertgefühls“ (Konrad, 2017, S. 347). Es mag sich jede(r) überlegen, inwieweit die Ist-Zustand-Beschreibung der Psychotherapeutin Sandra Konrad zutrifft. Mit dem Blick auf helfende Berufe hat sie sicher Recht. Kolleginnen neigen dazu, Rollen-Stereotypen gerecht werden zu wollen. Sie wollen dem historischen Ideal des Berufsbildes entsprechen. Sie suchen die Bestätigung durch Kolleginnen und Kollegen sowie durch Angehörige und Vorgesetzte. Fraglich bleibt jedoch, wie sehr sie für sich sorgen.

Die Kommunikation zwischen Menschen ist niemals eine Einbahnstraße. Kommunikation ist wechselseitig. Maja Storch und Wolfgang Tschacher gehen bei der Konkretisierung der Embodied Communication davon aus, dass der Geist in den Körper eingebettet ist und in Beziehung und Kommunikation zu einem Anderen tritt (Storch / Tschacher, 2016, S. 31). Sie konstatieren: „Die Leiblichkeit des Geistes besteht in dessen Umhüllung und Einbettung in den Körper“ (Storch / Tschacher, 2016, S. 47). Sie prägen den Begriff der Synchronie, der bedeutet: „Zwei Menschen sind synchron, wenn sie sich gleichzeitig und in gleicher Weise bewegen …. Embodied Communication bedeutet Kommunikation aufgrund des synchronisierten Embodiments der beteiligten Personen“ (Storch / Tschacher, 2016, S. 62).

Einen Menschen zu pflegen und Aspekte der menschlichen Sexualität nicht zu vernachlässigen, ist eine Aufgabe, denen sich professionell Pflegende sicher noch stellen müssen. Die Embodied Communication zeigt beispielsweise, dass es auch in einer Pflegesituation bzw. im Rahmen einer Pflegeintervention darum geht, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden. Der pflegebedürftige Mensch ist Experte seiner Defizite und seiner Ressourcen. Der professionell Pflegende ist aufgefordert, sich auf den Rhythmus des zu pflegenden Menschen einzuschwingen. Und es mag ein wenig weit hergeholt zu sein, der sexuelle Akt ist ebenso ein Einschwingen. Gerade bei diesem Vergleich wird jedoch deutlich, wie eng ein solches Eingehen und Bestimmen der Dynamik mit Gewalt verbunden sein kann. Derjenige, der die sexuellen Aspekte in der pflegerischen Beziehung, leugnet und durch eine uniformierte sowie neutrale Kleidung sich des Asexuellen vergewissern will, wird kaum die Sensibilität dafür entwickeln, dass gerade die Negierung des Sexuellen eine Form der Gewalt sein kann. Dem zu Pflegenden wird ein ganz wesentlicher Teil der normalen Beziehungsdimension verweigert und dem eigenen Gefühlsleben wird die Dimension von Lust / Unlust entzogen. Ein wenig lässt sich dieser Zusammenhang durch den Mund-/Nasenschutz, der als Maßnahme gegen eine Coronainfizierung im öffentlichen Raum allgegenwärtig ist, nachvollziehen. Ich kann den Körper des anderen Menschen zwar sehen, doch meine Kommunikation und damit eine Rückkopplung ist kaum möglich, da die Gesichtsmimik wegfällt. Wie erotisch, aufreizend, reizvoll und lustvoll kann ein Lächeln sein? Genau das sehe ich nicht. Es fehlt diese durch ein Lächeln entstehende Spannung, Das Busfahren, um ein Beispiel zu nennen, macht weniger Spaß und der andere mit Mund-/Nasenschutz nervt mich viel eher. Und auch das Shoppen macht weniger Freude, weil ich mich durch den Mund-/Nasenschutz in meinen Ausdrucksmöglichkeiten beschränkt fühle. Das Miteinander ist lustloser geworden. Und genau das zeigt sich in professionellen Beziehungen, wenn durch die Kleidung und das Verhalten das Sexuelle herausgenommen wird. Stattdessen stimulieren sich Pflegekräfte dann an ihren besonders „empathischen“ und freundlichen Formulierungen. Hierbei springt der Funke jedoch nicht über, weil dieses Verhalten auf sich selbst bezogen bleibt. Und genau dadurch fühlen sich zu Pflegende in ihr Alleinsein gedrückt. Sie werden von der Teilhabe am ganz normalen Alltag auch in seinem Irrsinn und seinen Abgründen ausgeschlossen. Es wird ihnen sogar suggeriert, dass dies für sie gut sei und alles so gestaltet ist, dass sie vor diesen „Reizen“ geschützt werden. Pflegekräfte, die mit erotischen oder sexuellen Reizen spielen, stellen das System in Frage, weil sie unbewusst oder bewusst die Ansicht vertreten, dass Heilung durch das Heranführen und Realisieren des Normalen geschieht und auch zu gewissen Teilen durch Medikamente und Therapien.

  • Wie kann die Problematik um Kleidung und Sexualität verstanden werden, wenn die Fixierung auf eine reine Körperlichkeit aufgegeben wird?

  • Wie erfolgen aufgrund der gewohnten Rollenbilder von Mann und Frau Sanktionen auf eine bestimmte Kleidung und Verhalten?

  • Verlangt die Vorstellung vom pflegebedürftigen Mensch als einem Experten seiner Defizite und Ressourcen, dass die professionell Tätigen sich zunächst auf den anderen einschwingen, um so Hinweise auf Wünsche, Vorbehalte usw. zu erhalten?

  • Welche Antworten auf die Fragen nach Kleidungsvorschriften und den Umgang mit Sexualität ergeben sich, wenn dieses Einschwingen auf den anderen zur Überprüfung von Normen und Vorschriften genutzt wird?

Gerade in sozialen Berufen ist ein erwachsenes Verhalten gefordert, um den Schutzempfohlenen nicht in eine unsichere Situation zu bringen. Eine ambivalente Situation kann nie sicher vermieden werden, allerdings kann eine solche Situation erwachsen oder narzisstisch geprägt bewältigt werden. „Dieser Narzissmus bejaht alles, was auf den ersten Blick dem Ich zuzugehören scheint – insbesondere jede Laune und Befindlichkeit; dass das Ich auch Ressourcen hätte, gerade solche Anwandlungen zu überwinden, ist ihm ein fremder Gedanke.“ (Robert Pfaller, S. 58) Es bleibt eine Ambivalenz, die es auszuhalten gilt. Und auch wenn es manchmal schon schmerzhaft ist, eine solche Ambivalenz durchzustehen oder sich die Ambivalenz ins Negative und sogar Schädliche neigt, muss man sich die Frage stellen, was man für sich und in der Kommunikationen mit anderen aufgibt, wenn diese unauflösbare Spannung erst gar nicht eingegangen wird.

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt, lebt auch nicht länger.
Es kommt ihm nur so vor.
(Sigmund Freud)

Literatur

Agamben, G. (2010). Nacktheiten. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Botton, A. de (2012). Wie man richtig an Sex denkt. Kleine Philosophie der Lebenskunst. München: Kailash.

Eichinger, K. (2020). Mode und andere Neurosen. Berlin: Aufbau.

Flaßpöhler, S. (2018). Die potente Frau – Für eine neue Weiblichkeit. Berlin: Ullstein.

Kaufmann, J.-C. (2006). Frauenkörper – Männerblicke – Soziologie des Oben-ohne. Konstanz: UVK.

Jahn, R. & Nolten, A. (2018). Berufe machen Kleider – Dem Geheimnis berufsspezifischen Anziehens auf der Spur. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Joubert, C. & Stern, C. (2005). Zieh mich aus! Was Kleidung über uns verrät. München: DVA.

Konrad, S. (2017). Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will, München: Piper.

Marzano, M. (2013). Philosophie des Körpers. München: Diederichs.

Pfaller, R. (2017). Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Frankfurt am Main: Fischer.

Schädle-Deininger, H. (2005). Kleider machen Leute oder – was hat Dienstkleidung mit der Aufgabe von Beziehung, Alltags- und Milieugestaltung psychiatrischer Pflege zu tun? Psychiatrische Pflege Heute, 11, 204-211.

Schützendorf, E. (2005). Reizende Ansichten. In Altenpflege (1): 24-25.

Storch, M. / Tschacher, W. (2016). Embodied Communication – Kommunikation beginnt im Körper, nicht im Kopf. Bern: Hogrefe.

Vinken, B. (2013). Angezogen – Das Geheimnis der Mode. Stuttgart: Klett-Cotta.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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