Aus der Geschichte lernen: Zeitzeugen berichten

Nachdem bereits 1825 in Siegburg die erste „Rheinische Irrenanstalt“ eröffnet worden war, bemühte sich der Provinziallandtag der Rheinprovinz um die Errichtung einer Bewahranstalt zur Unterbringung „der irren Verbrecher und verbrecherischen Irren.“ 1897 wurde der Bau einer solchen Einrichtung genehmigt und in Düren im Jahre 1900 als „Pavillon für 48 irre Verbrecher“ fertiggestellt. Dieser beherbergte als sogenanntes „Haus 5“ – phasenweise mit fast 100 Patienten ständig heillos überbelegt – bis Mitte der 1980er-Jahre Patienten, die straffällig wurden und als gemeingefährlich galten.

Haus 5 ist ein Symbol für die Geschichte der forensischen Psychiatrie, die sich mit den Menschen befasst, die infolge einer psychiatrischen Erkrankung straffällig geworden sind.

Eine hohe Backsteinmauer und vergitterte Fenster vermitteln den heutigen Besuchern eine fast kerkerhafte Anmutung. Und in der Tat trügt dieser Eindruck nicht, da die Geschichte der Psychiatrie weitgehend eine Geschichte der Ausgrenzung, Asylierung und Diskriminierung ist. In der NS-Zeit wird die Psychiatrie-Geschichte auch im Haus 5 eine Geschichte der Vernichtung.

Kritische Ereignisse und schwere Zwischenfälle gehörten über die Jahrzehnte zur Tagesordnung. Schon ein Jahr nach Belegung hatte sich gezeigt, dass das Konzept, eine derart große Zahl höchst schwieriger und gewaltbereiter Menschen unter architektonisch fragwürdigen Bedingungen unterzubringen, zum Scheitern verurteilt war. Dennoch ließ man davon nicht ab, bis es in den 70er-Jahren zu derart dramatischen Ereignissen kam, die eine Antwort erforderten: Der Tod eines Patienten, der wegen eines Feuers bei lebendigem Leibe verbrannte, ging nur wenige Wochen dem heftigen Suizid eines weiteren Patienten voraus. Der Landschaftsverband Rheinland und das Land Nordrhein-Westfalen kamen überein, dass die Tage von Haus 5 endgültig der Vergangenheit angehören sollten.

1986 wurde dann das neue forensische Dorf in Düren eingerichtet, dass allein in architektonischer Hinsicht der komplette, sinnvolle und längst fällige Gegenentwurf zu Haus 5 war, sodass das Haus 5 zum Symbol und Erinnerungsort gemacht werden konnte.

Wie nun aber konnte man die gemachten Erfahrungen für die Nachwelt, für heute in der Psychiatrie Tätige sichern? Wie konnte man es erreichen, die Geschichte dieses Hauses einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, damit ein für allemal klar wird, dass sich solches nie mehr wiederholen darf?

Das Projekt „Zeitzeugen“ war die Antwort: Acht pflegerische Mitarbeiter und ein Patient waren im Frühjahr 2016 dazu bereit, an einer Befragung zur jüngeren Geschichte des Bewahrungshauses teilzunehmen. Sie erzählten ihre Geschichte(n) aus einem persönlichen Blickwinkel, der subjektives Erleben und subjektive Erfahrungen umspannt. Gerade mit Blick auf die in der Vergangenheit von Krisen gekennzeichnete Geschichte der forensischen Psychiatrie kommt ihren Berichten ein hoher Stellenwert zu.

Die Interviews fanden Eingang in eine Ausstellung mit gleichem Titel, die seit 2017 im Erdgeschoss des Hauses zu sehen ist; zudem ermöglicht der von Dr. Erhard Knauer herausgegebene Ausstellungskatalog „Leben in Haus 5“ (Psychiatrie Verlag, Köln) allen Interessierten eine Auseinandersetzung mit dem Thema.

„Leben in Haus 5“ ist sehr zu begrüßen, steht die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren doch – zugleich stellvertretend für vergleichbare Einrichtungen – für ein Teilstück psychiatrischer Zeitgeschichte der forensischen Pflege, die bisher noch viel zu wenig erforscht und dokumentiert ist.

Haus 5 soll neben dem Angebot psychiatriegeschichtlich relevanter Ausstellungen zukünftig in gleich mehrfacher Hinsicht genutzt werden: Es bietet sich ideal als Raum für Kunstausstellungen und Workshops aller Art an; einer der Räume wird seit Jahresbeginn 2019 als Vortragsraum genutzt.

Schließlich ist das Konzept „Multizentrisches Psychiatriemuseum“ im Gespräch, dessen Realisierung zur Folge hätte, dass an allen 9 Psychiatrie-Standorten des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) exponiert und mit jeweiligen Schwerpunkten Psychiatrie-Geschichte in Gestalt von Infosäulen u. ä. lebendig würde; Haus 5 hätte dabei einen zentralen Stellenwert.

„Aus der Geschichte lernen!“ – ein wichtiges, zentrales Ziel! Die Dürener Aktivitäten und Bestrebungen zeigen sich dem kreativ verpflichtet.

Olaf Mehl
Über Olaf Mehl 1 Artikel
Kommunikationsdesigner mit langjähriger Erfahrung in verschiedenen Kontexten, seit 2017 Kurator von Haus 5

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