„Aufrichtigkeit ist lebenswichtig“

Suizid Depression
(C) Stefan

Christoph Müller im Gespräch mit Andrea Walraven-Thissen

In den unterschiedlichen Versorgungssettings begegnen Pflegende dem Phänomen der Selbsttötungen. „Daher ist es für Ersthelfer und Einsatzkräfte wichtig zu wissen, wie sie professionell und empathisch mit dem Ereignis und den davon Betroffenen umgehen und eigene Erfahrungen verarbeiten können“, formuliert Andrea Walraven-Thissen, die eine über 20-jährige Erfahrung in der Krisenintervention und Suizid-Postvention hat. Christoph Müller hat sich mit ihr an einen Tisch gesetzt und viel Neues gelernt.

Christoph Müller Mit dem Buch „Was tun nach einem Suizid?“ füllen Sie eine Lücke. Wo meist Sprachlosigkeit herrscht, unterstützen Sie, um wieder zur Sprache und zur mitmenschlichen Begegnung zu kommen. Was ist der Hintergrund für das Schreiben dieses Buchs?

Andrea Walraven-Thissen Ich hatte schon öfters darüber nachgedacht, ein Buch zu schreiben, dass die viele Sachen und Facetten umfasst, die mir fehlten, als ich in diesem Fachgebiet anfing. Und dann bekam ich eine Mail vom Jessica Kingsley Verlag. Man hatte mir zugehört, als ich auf Kongressen referiert hatte und wollte mit mir ein Buch herausbringen. Ich weiß nicht, ob ich mir jemals getraut hätte, wäre das nicht passiert sein. Das Buch ist etwas ganz Persönliches geworden und ich fand es sehr spannend, es zu teilen. Man kann es von vorne bis hinten lesen oder in den Kapiteln schnell Antworten und Anregungen finden, sollte man in der Arbeit Fragen oder Herausforderungen begegnen.

Christoph Müller Suizide sind für jeden Menschen mit bewegenden Erfahrungen verbunden. So äußern Sie auch die Überzeugung, dass es wichtig sei, „sich Zeit zu nehmen und die vielen Bilder zu verarbeiten, d.h. über das Ereignis zu sprechen“ (S. 41). Wie kann dies gelingen angesichts der Erschütterungen durch eine Selbsttötung?

Andrea Walraven-Thissen Es gibt sehr wenig, was wir tun können, um Menschen bei ihrer Trauerverarbeitung zu helfen; der Trauerprozess ist ein ganz persönlicher Weg, den sie selber gehen müssen. Manchmal entsteht nach einem Suizid aber eine Traumatisierung, die zu einer PTBS(PostTraumatische Belastungsstörung) führen kann. Dies passiert, wenn das Gehirn es nicht schafft, die Bilder, die mit dem Ereignis verbunden sind, richtig zu verarbeiten. In den Tagen und Wochen nach dem Suizid schaffen die meisten Menschen es selber oder mit etwas Unterstützung, mit den Bildern klarzukommen. Dies braucht Zeit und Ruhe. Und gerade diese Sachen fehlen oft, da man nun mal sehr vieles organisieren und schaffen muss, nachdem ein Liebster verstarb. Es ist aber wichtig, sich in Gesprächen oder anderseits mit den Bildern auseinanderzusetzen. Jeder Mensch ist anders; das Gehirn kann man auch bei der Bearbeitung von Bildern unterstützen indem man schreibt oder sie zum Beispiel in Kunst festlegt.

Christoph Müller Das Buch bietet auf dem Fundament eines großen Erfahrungsschatzes eine klare Struktur im Umgang mit Suizid-Ereignissen. Ist dies aus eigener Erfahrung hilfreich, um mit den Erschütterungen umzugehen?

Andrea Walraven-Thissen Die Arbeit nach einem Suizid wird nie einfach oder einfacher werden, ich denke, dass alle Kollegen, die diese Arbeit machen, Ihnen das bestätigen werden. Es wird auch nie einen festen Plan geben, dazu sind die Situationen zu unterschiedlich und zu kompliziert. Es hilft aber, Informationen zu haben und bestimmte Sachen zu beachten. Erfahrung hilft, mehr Vertrauen und Halt in der Situation zu finden. Das ist wichtig; wir begegnen massiven Gefühlen der Machtlosigkeit und Hilflosigkeit bei den Menschen, die wir unterstützen. Es kann uns auch aus dem Gleichgewicht bringen. Eine gute Ausbildung und Erfahrung helfen dabei festen Boden unter den Füssen zu halten.

Christoph Müller Bei der Lektüre wird deutlich, wie viele Professionen an einem Suizid beteiligt sind. Wie wichtig ist es, dass die oft ganz unterschiedlichen Berufsgruppen zusammenwirken? Wie groß sind die Stolperfallen, dass einzelne Professionen auf die eigene Bedeutung pochen?

Andrea Walraven-Thissen Oft ist eine Situation auch für Einsatzkräfte überwältigend. Ich leite derzeit eine große internationale Studie mit Kollegen aus den unterschiedlichen Professionen und merke, dass sie oft nicht gut vorbereitet werden; ein Polizist bekommt viele Stunden Training und Unterricht, damit er sich vorbereiten kann auf die Begegnung mit dem Terroristen. Realität ist aber, dass nur ganz wenige Polizisten diesen jemals begegnen werden. Vorbereitungsstunden für den Einsatz nach einem Suizid bekommt er nur minimal. Das Risiko, dass er einen Suizid begegnen wird, ist riesengroß. Wenn Sachen im multidisziplinären Einsatz nicht gut klappen, dann fehlt es Kollegen oft an Wissen und Erfahrung. Wir können helfen Sachen zu erklären und die Kommunikation anders zu gestalten.

Christoph Müller Der Terminus „Aufrichtigkeit“ taucht wiederholt auf. Welche Bedeutung hat der Terminus für Sie ganz persönlich

Andrea Walraven-Thissen In dieser Arbeit sind wir unser eigenes Instrument. Da wir alle anders sind, war es mir wichtig, nur Richtungen und Inspiration anzuzeigen; was bei mir, als Instrument, passt, wird bei Ihnen anders aussehen. Gelernt habe ich, dass man Hinterbliebenen in einer extrem zerbrechlichen Situation begegnet; alles ist verloren, wenn wir kommen. Dann bei diesen Menschen sein zu dürfen, empfinde ich als eine sehr hohe Verantwortung. Ihr Vertrauen in Gott und in der Welt ist oft komplett zerstört. Es ist unglaublich wichtig, dass wir nicht zusätzlich noch Vertrauen in Mitmenschen beschädigen, wenn wir unecht sind oder Ihnen zum Beispiel Versprechungen machen, die nicht folgen. Deshalb ist Aufrichtigkeit lebenswichtig in unserer Arbeit. Wir müssen nicht alles können und wissen. Und es ist in Ordnung, das auch auszusprechen.

Christoph Müller Menschen reagieren oft mit Scham, wenn sie im unmittelbaren persönlichen oder beruflichen Kontext mit Suiziden konfrontiert werden. Was können sie tun, um eher konstruktiv mit der Erfahrung umzugehen?

Andrea Walraven-Thissen Im Buch unterscheide ich zwischen Schuld und Scham. Das ist ganz wichtig; Schuld bezieht sich auf Verhalten; ‚“Du hast das falsch gemacht“. Schuldgefühle können durchaus Teil einer Copingstrategie sein. Es ist wichtig, Schuld zu reflektieren, aber man muss sie den Hinterbliebenen nicht abnehmen wollen. Scham bezieht sich auf die Person; „Du bist ein schlechter Mensch“. Scham kann schaden und es ist wichtig, sie anzusprechen. Das ist nämlich der Weg, mit Scham fertigzuwerden; Scham verliert an Kraft, sobald sie in Worten gefangen wird. Versuchen Sie es selber mal, wenn Sie Scham begegnen. So kann man auch Alltagsscham entkräften; benennen sie sie. Dann werden Sie bemerken, dass er an Macht über Sie verliert.

Christoph Müller Die Gefahr, die traumatische Wirkung zu unterschätzen, ist bei der Beschäftigung mit Suiziden groß. Was können beispielsweise Institutionen wie eine psychiatrische Klinik leisten, um hilfreiche Rahmenbedingungen zu fördern?

Andrea Walraven-Thissen In der psychiatrischen Klinik gibt es täglich Situationen, die potentiell traumatisierend wirken können. Es ist wichtig, das Incident Management gut zu organisieren und zu professionalisieren. Teambegleitung und Nachsorge sind wichtig. Peer Support (Kollegen, die ausgebildet sind, Kollegen zu unterstützen) wird in immer mehr Kliniken in verschiedenen Ländern eingesetzt und sehr gut angenommen. Die Konfrontation mit Suiziden bringt noch ein anderes Risiko mit sich; wir, die beruflich nach Suiziden arbeiten, sind durch diese Arbeit selber auch einem erhöhten Suizidrisiko ausgesetzt. Es ist wichtig, dies in Postvention (die Nachsorge nach einem Suizid) klar anzusprechen und Hilfen anzubieten. Mittlerweile gibt es Evidence Based Training, das Kollegen, die im Gesundheitswesen arbeiten, auf diese Situationen vorbereitet.

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank für die sehr pragmatische Unterstützung, die auch im Interview deutlich wird.

 

Das Buch, um das es geht

Andrea Walraven-Thissen: Was tun nach einem Suizid? Praxishandbuch zur Suizid-Postvention für Einsatzkräfte, Care-Teams, Pflege-, Gesundheits- und Seelsorgeberufe, Hogrefe-Verlag, Bern 2021, ISBN 9783456861364, 248 Seiten, 29.95 Euro

 

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at