„Auf den Reiz folgt unmittelbar die Reaktion“

(C) K.-U. Häßler

Eigentlich müssen wir nur ganz leise das Stichwort hören oder ganz dezent einen Gedanken darauf verwenden. Zum Ausruhen kommen uns ganz flott die Bilder in den Sinn. Und es erstaunt nicht, dass der Weg von einer Idee des Ausruhens zu einer Umsetzung nicht weit ist. Auf den Reiz folgt unmittelbar die Reaktion. Die amerikanische Psychologie-Dozentin Claudia Hammond ist es nun, die   mit dem Buch „Die Kunst des Ausruhens“ Impulse setzt, sich mit den eigenen Bedürfnissen zu beschäftigen.

Für uns Pflegende erscheint das Ausruhen oft wie ein Begriff aus einer anderen Welt. Ständig fühlen wir uns verantwortlich in unserem beruflichen Alltag. Wenn wir nach einer Schicht die Dienstkleidung ausziehen, wollen wir keine Arbeit für die Kolleginnen und Kollegen hinterlassen haben. Den Preis, den wir dafür zahlen, ist beispielsweise der Verzicht auf Pausen, in denen wir Luft holen können, für einen Moment die Mühen hinter uns lassen können.

Work-Life-Balance ist ein Schlüsselwort, das gegenwärtig durch die Gesellschaft geistert. Auch wenn es inflationär genutzt wird, dadurch sicher hier und dort an Verbindlichkeit verliert, Work-Life-Balance hat seinen Wert – an sich. Das Denken an die Notwendigkeit eines Gleichgewichts bezüglich des Einsatzes der eigenen Kräfte ist unverzichtbar. Wer nicht mit seinen körperlichen und seelischen Kräften haushaltet, der oder die zahlt einen Preis dafür.

„Jeder Mensch braucht seinen Süden“, schrieb der Kulturwissenschaftler Iso Camartin schon vor vielen Jahren. Der Süden steht dabei für ein „Lebensgefühl – und als Sinnbild für Fernweh, Leichtigkeit und Verführung“ (so die Verlagsankündigung). Mit der Leichtigkeit tun wir uns als Pflegende häufig schwer, wenn wir Tag für Tag unsere Agenden abarbeiten wollen, dabei keine Rücksicht auf unsere Kräfte nehmen. Mit dem eigenen moralischen Anspruch lässt sich doch gut leben, solange wir uns damit auf der guten Seite des Alltags wähnen.

Haben Sie sich in den letzten Wochen einmal Gedanken gemacht, was Ihr Süden sein kann? Gewöhnlich machen wir dies nur, wenn wir vom Leben ausgebremst werden – weil wir überraschend krank geworden sind, weil wir in Corona-Zeiten in Quarantäne geschickt wurden. Camartin schrieb wörtlich: „Jeder hat seinen Süden. Dieser deckt sich nie mit dem Süden eines anderen. Auch weil sich die Territorien der Begierde in ständiger Bewegung, Ausdehnung und Verlagerung befinden“ (Camartin, 2011, S. 7). Das hat fast etwas Animalisches, zumindest aus der Sicht eines professionell Pflegenden. In einer Welt, in der die Aufopferung für den Nächsten als Maxime gilt, schickt es sich nicht, begierig zu sein.

Wir sollten sicher lernen, die Begierde mehr in den Blick zu nehmen. Wenn über die Verbesserung von Rahmenbedingungen in pflegerischen Versorgungssettings gesprochen wird, dann geht es um die Verbindlichkeit und die Regelmäßigkeit von Dienstplänen. Wenn über die Verbesserung von Rahmenbedingungen in pflegerischen Versorgungssettings gesprochen wird, dann geht es um das Aushandeln realistischer Tarife für professionell Pflegende. Wenn über die Verbesserung von Rahmenbedingungen in pflegerischen Versorgungssettings gesprochen wird, dann geht es um die Anerkennung der Schwere dieser Arbeit. Und da wäre es sicher einmal hilfreich, eine Begierde bezüglich Entlastungsmomenten und Fortbildungsmöglichkeiten zu zeigen. Bekanntlich steigert dies die Zufriedenheit von beschäftigten auch.

Um auf Claudia Hammond zurückzukommen: Was ist denn jetzt eigentlich die „Kunst des Ausruhens“? Sie ermuntert uns nachzudenken und nachzufühlen: „Es könnte uns helfen, wenn wir alle ein personalisiertes, an unsere individuellen Bedürfnisse angepasstes Rezept für die richtige Dosis an Ruhe erhielten …“ (Hammond, 2022, S. 19). Viel Spaß beim In-sich-Gehen …

Die Bücher, um die es geht

Claudia Hammond: Die Kunst des Ausruhens – Wie man echte Erholung findet, Dumont-Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-8321-6632-8, 317 Seiten, 12 Euro.

Iso Camartin: Jeder braucht seinen Süden, Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-458-35717-9, 144 Seiten, 9 Euro.

 

 

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at