AT: Young Carers – pflegende Kinder und Jugendliche

Mag. Dr. Martin Nagl-Cupal

Das Kind unausgeschlafen in der Schule. Der Grund: es bleibt nachts wach, um darauf aufzupassen, dass der von Krebs ausgezehrte Vater nicht aus dem Bett fällt. Ein weiteres Szenario: ein Teenager, der sich nicht mit seinen Freunden treffen kann, da er sonst seine demenzkranke Mutter alleine zuhause lassen müsste. Ein Teenager, der nicht zum Spielen mit seinen Freunden kommt, da er ansonsten seine Demenzkranke Mutter alleine zuhause lassen müsste. Belastungen dieser Art wollen wir in unserer Gesellschaft Kindern und Jugendlichen eigentlich nicht zumuten und sehen diese auch nicht für sie vor. Dass es sie dennoch gibt, die pflegenden Kinder und Jugendlichen bzw. „Young Carers“, ist ein Familien-internes und weniger ein pflegetechnisches Problem. Um diese Thematik herrscht ein starkes Stigma, da die Arbeit von Kindern und Jugendlichen in der familiären Pflege abgelehnt wird, da sie gegen gesellschaftliche Normen und Werte wie den Schutz des Kindes verstößt.
Betroffene bleiben daher oft stumm, sprechen nicht über ihre Erlebnisse und Belastungen, und identifizieren sich nicht mit der Rolle pflegender Kinder bzw. Jugendlicher.

Um die Aufmerksamkeit für diese Gruppe zu erhöhen sowie das Wissen zu dieser Thematik zu steigern, veranstaltete die Sozialversicherung der Bauern (SVB) am 17.01.2018 einen Vortrag zum Thema Young Carers, wozu Beraterinnen und Berater der „Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege“ des Sozialministeriums eingeladen wurden. Vortragender war Dr. Martin Nagl-Cupal vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien, welcher seit Jahren zum Thema Young Carers forscht, und publiziert. Er ist zudem Initiator von Projekten und Kampagnen, wie dem aktuellen Fotoprojekt „ResilCare“.

Auch Nagl-Cupal sieht das Hauptproblem im Schweigen der Betroffenen und in der geringen Beschäftigung mit der Thematik, aufgrund deren die jungen Pflegenden keine angemessene

Unterstützung erhalten. Er führt aus, dass es sich nicht vermeiden lässt, dass Kinder und Jugendliche in die Rolle pflegender Angehöriger geraten – und dass dies zudem auch nicht zwangsläufig negative Folgen für die Entwicklung haben muss. Problematisch werde es dann, wenn die Anforderungen durch die Pflegesituation „unangemessen“ für die kindliche und jugendliche Entwicklung werde. Wozu es ohne Hilfestellungen zwangsläufig kommen würde, wie Nagl-Cupal erklärt. Grund dafür ist der kontinuierliche Anstieg des Unterstützungsbedarfs bei chronischen Erkrankungen. Die Angehörigen werden dadurch mit der zunehmenden Dauer und Intensität der Erkrankung immer mehr belastet. Die Young Carers passen sich kontinuierlich an die Pflegeanforderung an, und wachsen immer mehr in die Rolle der pflegenden Angehörigen hinein – auch, wenn sie sich nicht mit ihr identifizieren. Viel mehr fassen sie diese Aufgabe als Selbstverständlichkeit auf, die sie aus Liebe zum kranken Elternteil übernehmen- und damit das gesamte System aufrechterhalten. Young Carers füllen immer die Lücken aus, die sich durch chronische Erkrankungen auftuen, bringt es Nagl-Cupal auf den Punkt.
Internationale sowie österreichische Studien weisen darauf hin, dass soziale Benachteiligungen wie geringer sozioökonomischer Statuts und Migrationshintergrund starken Einfluss auf die Häufigkeit von Familien mit Young Carers haben. Die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit zeichnet sich zudem bereits im Kindes- und Jugendalter ab: Zu 70 Prozent sind es Mädchen und Teenagerinnen, die Betreuung und Pflege leisten. Pflege ist also auch hier überwiegend weiblich. Insgesamt wird die Zahl von Young Carers in Österreich auf mehr als 40.000 junge pflegende Angehörige geschätzt, Tendenz steigend.
Für die Unterstützung sollte direkt bei den jungen Angehörigen angesetzt und das familiäre Umfeld miteinbezogen werden, so Nagl-Cupal. Niedrigschwellige Beratungs- und Entlastungsangebote, die sich individuell an die Bedürfnisse der Gruppe anpassen, würden am ehesten angenommen werden. Schulen und medizinischen sowie ärztlichen Diensten würde eine entscheidende Rolle bei der Identifizierung von Betroffenen zukommen, da diese regelmäßig in Kontakt mit den Betroffenen kommen, und Einblicke in die Situation in der Familie erhalten. Weiters helfen Schulungen und Informationskampagnen bei der Identifizierung dieser jungen HeldInnen die wir nicht im Stich lassen sollten und der Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Nagl-Cupal empfiehlt BeraterInnen, Betroffene anzusprechen, wenn sie diese als Young Carers identifizieren. Es sollte versucht werden, sensibel auf das Thema einzugehen, ihnen Anerkennung für ihre großen Leistungen zu schenken, und somit einen Kontakt für weitere Unterstützung aufzubauen.

Hilfsangebote für Young Carers in Österreich:

  • Rat auf Draht unter der Notfallnummer 147
  • Ö3 Kummernummer 116123
  • Kriseninterventionsteam/-zentren 0800888787
  • www.superhands.at/wissen/beratungsstellen
  • Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter – www.hpe.at
  • Verrückte Kindheit Onlineberatung – www.verruecktekindheit.at
  • SchulsozialarbeiterInnen, SchulpsychologInnen
Raphael Schönborn
Über Raphael Schönborn 10 Artikel
Sozialwirtschaft und Soz. Arbeit, BA Erziehungs- und Bildungswissenschaften, DPGKP, Sonderausbildung für Lehrtätigkeit § 65b GuKG; Lehrgangsleiter Dementia Care (Kardinal König Haus, Wien), Projektleitung ABDem (BMASK, VAEB), langjährige Praxis in der Begleitung und Beratung von Menschen mit Demenz und deren Nahestehenden (raphael-schoenborn.at), Fort- und Weiterbildungstätigkeiten, Leiter der Gesprächsgruppe „Meine Frau hat Demenz.“ (Caritas, Wien)

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