AT: Wie sicher sind Österreichs PatientInnen?

Wien (MEDUNIWIEN) – Seit 2015 ruft die Plattform Patientensicherheit zusammen mit ihren Kooperationspartnern aus Deutschland und der Schweiz jährlich am 17. September alle Akteure im Gesundheitswesen auf, mit eigenen Aktionen zur Patientensicherheit beizutragen. In ihrer 72. Sitzung hat die Weltgesundheitsversammlung als Beschlussgremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im heurigen Sommer entschieden, dieses Datum zum jährlichen Welttag der Patientensicherheit zu erheben.

Damit ist der 17. September 2019 der erste Welttag der Patientensicherheit. Das diesjährige Motto lautet „Sicherheitskultur auf allen Ebenen“ und verdeutlicht die Vielfältigkeit des Themas Patientensicherheit. Auch in Österreich ist ein konsequentes Vorgehen im Sinne einer verbesserten Patientensicherheit wichtig und braucht tägliches Engagement aller Beteiligten im Gesundheitswesen. Darauf wiesen heute die Plattform Patientensicherheit, die Medizinische Universität Wien, die Österreichische Ärztekammer sowie das Institut für Ethik und Recht in der Medizin bei einem gemeinsamen Pressegespräch hin.

Die Präsidentin der Plattform Patientensicherheit Brigitte Ettl betont „Wir freuen uns sehr, dass die mit unseren Schweizer und deutschen Partnern ins Leben gerufene Idee von der WHO aufgegriffen wurde. Weltweit und jährlich wird nun am 17. September ins Bewusstsein gerufen, wie wichtig Patienten- und Mitarbeitersicherheit im Gesundheitswesen sind.“

Patientensicherheit – seit 20 Jahren im Fokus

Im Jahr 1999 hat die Veröffentlichung der Studie „to err is human“ des U.S Instituts für Medizin (IOM) wesentlich dazu beigetragen, dass Patientensicherheit mehr Beachtung im medizinischen Alltag gefunden hat. In diesem Report wurde erhoben, dass zwischen 44.000 und 98.000 Patienten in Amerikas Spitälern jedes Jahr an den Folgen vermeidbarer Fehler (adverse events) sterben. Legt man die Zahlen internationaler Studien auf den österreichischen Krankenhausbereich um, muss pro Jahr mit ca. 245.000 Zwischenfällen in Krankenanstalten und ca. 2.900 bis 6.800 Todesfällen in Krankenanstalten gerechnet werden. Diese Zahlen rechtfertigen jedenfalls ein konsequentes Vorgehen hinsichtlich der Verbesserung von Patientensicherheit.

Patientensicherheit hat viele Gesichter

Um Sicherheitskultur umzusetzen, bedarf es des täglichen Engagements aller im Gesundheitswesen. Daher hat sich die Plattform Patientensicherheit bewusst für das Thema „Sicherheitskultur auf allen Ebenen“ entschieden, um den Internationalen Tag der Patientensicherheit in seiner ganzen Vielfalt zu begehen. Der Bogen der Patientensicherheit spannt sich zwischen Führungskräften, MitarbeiterInnen, PatientInnen und Angehörigen und kann unterschiedlichste Themenschwerpunkte wie Digitalisierung, Kommunikation, Medikationssicherheit, Hygiene und Patient Empowerment einschließen. Was oft vergessen wird: Patientensicherheit ist auch Mitarbeitersicherheit.

Patientensicherheit gewinnt immer mehr an Bedeutung

Der Begriff „Patientensicherheit“ ist im Gesundheitsbereich mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Er hat auch Einzug in viele Gesetze gefunden. In einem immer komplexeren Gesundheitswesen rücken Risikobewusstsein, Fehlermanagement und Fragen der Qualität immer mehr in den Mittelpunkt – die Bedeutung der Patientensicherheit ist rasant gestiegen. Patientensicherheit spielt überall dort eine Rolle, wo die Patientenversorgung stattfindet. Dem Grundsatz, dass eine Förderung der Patientensicherheit nur dann erfolgreich umgesetzt werden kann, wenn eine umfassende Evaluierung und Überwachung der relevanten Abläufe und Strukturen erfolgt, wird durch nationale Maßnahmen und diverse Projekte Rechnung getragen.

Patientensicherheit braucht Forschung

„An der Medizinischen Universität Wien ist es uns wichtig, neue Prozesswege in der Behandlung zu erforschen, um die Sicherheit der Patientinnen und Patienten in einem komplexen Krankenhausbetrieb zu verbessern“, erklärt Klaus Markstaller, Leiter der Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie der MedUni Wien/AKH Wien. „Eine besondere Herausforderung in diesem Forschungsfeld ist die interdisziplinäre und interprofessionelle Vernetzung, weshalb an der MedUni Wien gemeinsam mit dem AKH Wien eine Task Force und Steuerungsgruppe gebildet wurde, die allen medizinischen Berufsgruppen wie auch Disziplinen an MedUni Wien und AKH Wien offensteht. Das Ziel ist, mehr Sichtbarkeit zu erzielen und gemeinsam Best-Practice-Modelle zu entwickeln.“

Patientensicherheit braucht Praxis

Die Plattform Patientensicherheit hat seit ihrer Gründung den Fokus auf vier zentrale Themenbereiche der Patienten- und Mitarbeitersicherheit gesetzt: Patient Empowerment, Kommunikation, Medikationssicherheit und Hygiene. Wichtige Tools konnten entwickelt und in der Praxis etabliert werden. Ein internes Konsultationsverfahren unter Experten stellt die hohe Qualität der Ergebnisse dar. Neben Projekten werden laufend Arbeitsgruppen zu aktuellen Themen der Patienten- und Mitarbeitersicherheit etabliert.

Patientensicherheit braucht Führung

Es braucht einen Anreiz für die Führungskräfte, Tools zur Stärkung der Patientensicherheit umzusetzen. Derzeit scheitert die Umsetzung oft am Fehlen solcher Anreize im System. Ettl geht mit gutem Beispiel voran und berichtet aus der gelebten Praxis im Spital: „Als ärztliche Direktorin im Krankenhaus Hietzing sehe ich mich täglich mit Patienten- und Mitarbeitersicherheit konfrontiert. Damit die Gedanken und Ideen der Patientensicherheit auch tatsächlich umgesetzt werden, bedarf es einer stetigen Kommunikation und es bedarf guter Vorbilder. Patienten- und Mitarbeitersicherheit sind Führungssache und müssen von der Führung auch im Alltag vorgelebt werden: Sicherheitsbedenken müssen immer ernst genommen werden. Das eigene Team sollte wissen, dass es mit allen Anliegen zu mir kommen kann. Gute Kommunikation im Gesundheitswesen beinhaltet auch einen offenen Umgang mit Fehlern“.

Patientensicherheit hat einen Preis

Studien zeigen, dass 15 Prozent der Kosten in Spitälern der OECD Länder auf unzureichende Patientensicherheit zurückzuführen sind. Patientensicherheit leidet durch Einsparungsmaßnahmen, daher braucht sie mehr finanzielle Mittel im Gesundheitswesen.

Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK), erklärt: „Die Sicherheit von Patientinnen und Patienten wird erhöht, wenn Ärztinnen und Ärzte entsprechende Dienst- und Ruhezeiten haben. Die Reduktion der Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden war längst überfällig und absolut im Sinne der Patientensicherheit. Das Problem ist, dass zwar die Dienstzeiten in den Krankenhäusern verkürzt, das Personal aber nicht analog dazu aufgestockt worden ist. Die Folge ist eine hohe Arbeitsbelastung und starke Arbeitsverdichtung in Spitälern. Eine Fließbandabfertigung ist aber kontraproduktiv in puncto Patientensicherheit. Zu wenig Personal ist ein Faktor, der Fehler begünstigt. Wenn wir eine bessere patientenorientierte Versorgung haben wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen für Ärztinnen und Ärzte verbessern“.

Patientensicherheit braucht Regeln

In Österreich gibt es keine eigene Kodifikation von Patientenrechten, diese sind jedoch in unterschiedlichen Gesetzen verankert. Schon bislang haben zahlreiche nationale medizinrechtliche Regelungen Behandlungssicherheit in den Mittelpunkt gestellt, und auch heute ist der Themenkomplex Patientensicherheit auf eine breite Anzahl an Bestimmungen verteilt. Die Wahrung der Patientenrechte ist ein wesentlicher Garant für Patientensicherheit.

Patientensicherheit braucht Fehlerkultur

„Trotz zahlreicher Maßnahmen und Tools können Fehler in der medizinischen Behandlung passieren. Entscheidend ist in solchen Fällen, wie die beteiligten Personen reagieren. Zweifellos sollen Patienten, denen ein Schaden zugefügt wurde, zu einer entsprechenden Entschädigung bzw. einem Ausgleich kommen. Auf der anderen Seite gilt es auch den Angehörigen des Gesundheitsberufes, dem der Fehler passiert ist, entsprechend zu unterstützen. Nur so ist gewährleistet, dass der Sachverhalt umfassend aufgeklärt werden kann, damit so ein Fehler nicht mehr passiert“, erläutert Gerhard Aigner vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin.

Patientensicherheit braucht Aufmerksamkeit

Mündige Patienten sind ein zentrales Thema in einem sicheren Gesundheitssystem. Nur wer gut informiert ist, kann auch aktiv seinen Beitrag zu einer erfolgreichen Behandlung leisten. Interessierte finden alle österreichischen Aktivitäten zum WHO-Welttag der Patientensicherheit auf einer Landkarte. 49 Krankenhäuser, Kliniken und Therapiezentren informieren am und um den Patientensicherheitstag.

Infos: https://www.patientensicherheitstag.at/aktivitaeten-2019.php

Markus Golla
Über Markus Golla 5113 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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