AT: Welttag der Anästhesie

Prim.-Univ.-Prof.-Dr.-Walter-Hasibeder

Erste Narkose vor 175 Jahren – Anästhesiologie ist Rückgrat des stationären Betriebs

Am 16. Oktober wird jährlich der Welttag der Anästhesie begangen, in diesem Jahr mit einem besonderen Jubiläum: Vor 175 Jahren wurde in den USA die erste Narkose der Medizingeschichte durchgeführt. Heute ist die Anästhesiologie ein vielfältiges Fach, das mit seinen verschiedenen Säulen eine zentrale Rolle für die gesamte stationäre Versorgung spielt. Auf anaesthesie.news kommentiert ÖGARI-Präsident Walter Hasibeder diesen Anlass.

Am 16. Oktober begeht die anästhesiologische Community Jahr für Jahr den Welttag der Anästhesie. Heuer sind es genau 175 Jahre, seit die weltweit erste Narkose durchgeführt wurde. Es war der 16. Oktober 1846, als der Zahnarzt William Thomas Green Morton im Massachusetts General Hospital in Boston erstmals einem Patienten mit Schwefeläther dazu verhalf, dass er die Tumor-Entfernung an seinem Hals kaum mitbekam. Welchen enormen Fortschritt das bedeutet, lässt sich ermessen, wenn man eines bedenkt: Vorher erlebten Patientinnen und Patienten Eingriffe bei vollem Bewusstsein und konnten allenfalls auf eine erlösende Ohnmacht hoffen. Kurz nach der erfolgreichen ersten Narkose schlug der Arzt und Schriftsteller Oliver Wendell aus Boston vor, für die absichtlich herbeigeführte Bewusstlosigkeit den Begriff der „anaesthesia“ zu verwenden.

Mit dem erfolgreichen Eingriff in Boston war das Konzept der Anästhesie war geboren, und eine wahrhaftige Erfolgsgeschichte schloss sich an, im Zuge derer Narkosen immer sicherer wurden. Zu Zeiten der Äthertropf-Narkose lag die anästhesiebedingte Krankenhaussterblichkeit noch bei 1:14.000, heute nur mehr bei 1:100.000 – und dies, obwohl chirurgische Eingriffe immer komplexer und die Patientinnen und Patienten immer älter werden und immer mehr Vorerkrankungen aufweisen.

In Österreich werden bei rund 1,3 Millionen chirurgischen Eingriffen pro Jahr im Krankenhaus Tag für Tag rund 3.500 Narkosen durchgeführt. Dazu kommen zahlreiche ambulante Eingriffe, die verschiedene Formen der Anästhesie erfordern, im niedergelassenen Bereich.

Seit den Angfängen der Anästhesiologie als Fachgebiet hat sich das Tätigkeitsspektrum enorm erweitert: Anästhesistinnen und Anästhesisten managen nicht nur die Narkose, sie sind vor dem Eingriff aktiv in der Aufklärung und Evaluation der Patientinnen und Patienten, danach in der postoperativen Schmerztherapie und postoperativen Versorgung, sei es auf

Aufwach-, Intermediate Care- oder Intensivstationen. Dazu kommen die wichtigen anderen Säulen unseres Faches: Anästhesistinnen und Anästhesisten betreuen Menschen, die prähospitale Notfallversorgung benötigen, sie arbeiten auf Intensivstationen, verfügen über spezielles Know-how nicht nur in der akuten, sondern auch in der chronischen Schmerztherapie und sind in der Palliativversorgung tätig.

In vielen Krankenhäusern sind die anästhesiologischen Abteilungen unter den größten Organisationseinheiten. Mit mehr als 3.000 Fachärztinnen und Fachärzten und zahlreichen Assistentinnen und Assistenten gehören wir zu den größten Fachgruppen in der Medizin. Selten wurde auch einer breiten Öffentlichkeit stärker bewusst als seit Beginn der Corona-Pandemie, welche zentrale Versorgungsfunktion die Anästhesiologie im Krankenhaus hat.

Ihnen allen, die nunmehr seit mehr als eineinhalb Jahren unter oft sehr belastenden Bedingungen zentrale Beiträge zum Pandemiemanagement, und genauso zur bestmöglichen Versorgung aller Non-Covid-Patientinnen und -Patienten leisten, sei an diesem Awareness-Tag einmal mehr besonders gedankt!

Die Krise hat wohl auch Bewusstsein dafür geschaffen, was es bedeuten könnte, wenn es nicht ausreichend Anästhesistinnen und Anästhesisten gibt. Patientinnen und Patienten müssen dann lange auf OP-Termine warten, Schmerzambulanzen werden oder bleiben geschlossen, Notarztdienste ausgesetzt oder ausgedünnt und es gibt Engpässe in der Intensivmedizin. Daher engagiert sich die ÖGARI auch dafür, gute Bedingungen für ausreichenden und hervorragend qualifizierten anästhesiologischen Nachwuchs zu schaffen bzw. abzusichern.

Denken  wir an diesem Tag aber auch einmal daran, dass ein Recht auf sichere Narkose und sichere Eingriffe bei weitem nicht überall auf der Welt bestehen. Die Lancet Commission on Global Surgery hat vor drei Jahren erschütternde Daten veröffentlicht, wonach 5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherer und leistbarer anästhesiologischer und chirurgischer Versorgung haben. In armen Ländern des globalen Südens sind 90 Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Auch das wird ein Ziel sein müssen für die globale anästhesiologische Community in den kommenden Jahre – konsequent daran zu arbeiten, diese massiven Ungleichgewichte zu beseitigen.

Autor:in

  • Michael Urschitz BSc, Intensivpfleger Sanatorium Kettenbrücke der Barmherzigen Schwestern GmbH, Student ANP Masterstudium (IMC FH Krems),

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