AT: Welt-AIDS-Tag 2019: Aids Hilfe Wien plant Neuausrichtung zum Zentrum für sexuelle Gesundheit

Obmann Wolfgang Wilhelm spricht bei der PK im Café Landtmann über die Neuausrichtung der Aids Hilfe Wien

Wien (OTS) – Bei der heutigen Pressekonferenz der Aids Hilfe Wien – anlässlich des Welt-AIDS-Tages am 1. Dezember – stellte Aids Hilfe Wien Obmann Wolfgang Wilhelm sein Neukonzept zur Erweiterung zum Zentrum für sexuelle Gesundheit vor. Die HIV-Spezialistin Brigitte Schmied berichtete über aktuelle Fragen der medizinischen Behandlung von HIV-PatientInnen, der Gesundheitsexperte Roman Winkler betonte aus Public Health-Perspektive die Bedeutung sexueller Gesundheit für die menschliche Gesundheit.

Obmann Wolfgang Wilhelm: Weiterentwicklung der Aids Hilfe Wien zum Zentrum für sexuelle Gesundheit

„Angesichts der Entwicklungen im HIV- und AIDS-Bereich der letzten Jahre, bedarf es einer Neukonzeption und einer inhaltlichen Erweiterung der Aids Hilfe Arbeit für das Jahr 2020 und darüber hinaus“, stellt Aids Hilfe Wien Obmann Mag. Wolfgang Wilhelm fest.

Das von ihm vorgelegte Neukonzept „Aids Hilfe Wien 2020“ trägt den aktuellen internationalen Entwicklungen im HIV- und AIDS-Bereich Rechnung, bettet HIV im Kontext aller STDs ein und erweitert die bisherigen Test- und Beratungsangebote um ein Behandlungszentrum, eine Beratungsstelle sowie eine Anlaufstelle für männliche Sexarbeiter.

Im Jahr 2018 führte die Aids Hilfe Wien insgesamt 10.381 Tests durch. „Wir dürfen HIV nicht länger isoliert betrachten, sondern wollen unsere Zuständigkeit auf alle sexuell übertragbaren Krankheiten (STDs) ausweiten: HIV, Syphilis, Tripper, Chalmydien und virale Hepatitis. Weiters wollen wir das Heimtestsystem S.A.M. nach Österreich bringen, das gerade für Menschen in Niederösterreich und im Burgenland interessant ist“, so Wilhelm.

Die PrEP (PräExpositionsProphylaxe) für Menschen mit hohem HIV-Risiko ist eine neue Methode des Safer Sex, sie funktioniert und wird von UNAIDS empfohlen. Ich fordere daher, wie bereits 2018, die Kostenübernahme der PrEP durch die Krankenkassen, denn HIV-Prävention darf keine Frage des sozialen Status sein, hier geht es um die Gesundheit der Gesamtgesellschaft!“, so Wilhelm mit Verweis auf die Kostenübernahme der PrEP durch die Krankenkassen in Deutschland seit 1.9.2019.

Für HIV-positiv getestete Menschen soll der Weg zur HIV-Therapie geebnet und kürzer gestaltet werden. Für andere STDs, für relevante Schutzimpfungen und für die biomedizinische Prävention soll die Möglichkeit der direkten, diskriminierungsfreien und lebensweltakzeptierenden Behandlung neu geschaffen und dazu eine Arztpraxis im Aids Hilfe Haus integriert werden. Angestrebt wird weiters die Anerkennung und die Co-Finanzierung als Familienberatungsstelle.

Angebote der Aids Hilfe Wien zur Gesundheitsedukation und Förderung der sexuellen Gesundheitskompetenz richten sich zielgruppenspezifisch an Personen, die ein besonders hohes Infektions- bzw. Erkrankungsrisiko haben, an Jugendliche und an die allgemeine Bevölkerung. Neu geschaffen werden soll eine niederschwellige Anlaufstelle für männliche Sexarbeiter. „Hier geht es um Sexarbeitsmigration, Jugendliche, Illegalität, unterschiedliche sexuelle Orientierungen, Zwang, Gewalt, Kriminalität, Stigmatisierung, soziales Elend, Substanzkonsum – und um HIV und STDs. Daher wollen wir im deutschen Sprachraum vorhandenes Know-how nutzen und nach internationalen Vorbildern beginnen eine Anlaufstelle für männliche Sexarbeiter in Wien aufzubauen“, so Obmann Wilhelm.

Brigitte Schmied: HIV als lebenslange chronische Erkrankung

Dank der heute verfügbaren antiretroviralen Therapie, hat sich die HIV-Infektion von einer tödlichen in eine chronische Erkrankung mit guter individueller Prognose gewandelt. Bei frühzeitigem Therapiebeginn erreichen HIV-positive PatientInnen eine durchschnittliche Lebenserwartung. Dadurch hat sich auch unser Fokus als HIV-BehandlerInnen verschoben: Im Vordergrund stehen vermehrt diverse Komorbiditäten oder spezielle Bedürfnisse bei alternden PatientInnen, wie zum Beispiel Wechselwirkungen bei Polypharmazie“, sagt OÄ Dr.in Brigitte Schmied vom Otto-Wagner-Spital Wien.

Fast die Hälfte aller HIV-positiven PatientInnen in Europa und Österreich erhalten ihre Diagnose aber erst spät, bei bereits eingeschränktem Immunsystem (late presenter). „Hier ist meist erst die Behandlung vorliegender opportunistischer Infektionen prioritär, bevor die Vorteile einer HIV-Therapie greifen. Jegliche medizinische Intervention ist selbst in dieser schwierigen Situation indiziert.Um mehr HIV-Infektionen früher zu diagnostizieren, ist es essentiell, das Thema der sexuellen Gesundheit insgesamt stärker im Bewusstsein der Bevölkerung und der ÄrztInnenschaft zu verankern“, so die HIV-Expertin.

Ergänzend zur medizinischen Expertise gilt es gerade im Bereich der sexuellen Gesundheit, psychosoziale Kompetenzen zu bündeln, um eine wertfreie Haltung den PatientInnen gegenüber zu etablieren. Dies bezieht sich nicht nur auf HIV, sondern auch auf andere sexuell übertragbare Erkrankungen (STDs), die in Europa und in Österreich ansteigen und deren frühe Diagnose und rechtzeitige Therapie essentiell sind.

„Sexuelle Gesundheit ganzheitlich zu denken, niederschwelliges Testen mit schnellem Behandeln zu verbinden und die klassischen Safer Sex-Botschaften mit maßgeschneiderter biomedizinischer Prävention (PEP, PrEP) zu verbinden, ist – auch international gesehen – das Gebot der Stunde und ein medizinisch höchst sinnvoller Schritt hin zu zeitgemäßer Aids Hilfe Arbeit für das Jahr 2020 und darüber hinaus“, begrüßt Schmied die geplante Neuausrichtung der Aids Hilfe Wien.

Roman Winkler: Keine Gesundheit ohne sexuelle Gesundheit

„Public Health beforscht sowohl das individuelle Gesundheitsverhalten als auch die Gesundheitsverhältnisse, in denen Menschen leben, arbeiten, lernen, lieben. Aus Sicht von Public Health kann es keine Gesundheit ohne sexuelle Gesundheit geben. Sexuelle Gesundheit betrifft uns alle – Kinder, Jugendliche und Erwachsene, unabhängig von Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung oder ethnischer Zugehörigkeit“, sagt Dr. Roman Winkler, Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Public Health und Forscher am Ludwig Boltzmann Institut für Health Technology Assessment.

Die unzureichende Berücksichtigung der menschlichen Sexualität in der gesundheitsbezogenen Versorgungslandschaft kann „weitreichende Auswirkungen nach sich ziehen, wie die Verbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten, ungewollte Schwangerschaften, Körperbildstörungen, psychische Erkrankungen, sexuelle Ausbeutung und Gewalt“, warnt Winkler.

Für in unserer Gesellschaft oft diskriminierte Personengruppen, wie Frauen, LGBTIQ-Personen, Menschen mit Migrationshintergrund und/ oder Fluchterfahrungen, Menschen in Haft und SexarbeiterInnen, spielt sexuelle Gesundheit eine besondere Rolle, „führen doch die Belastungen, denen sie ausgesetzt sind, oft auch zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen, die ihrerseits die Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten erschweren“, erklärt Winkler, denn gerade beim Thema sexuelle Gesundheit gilt eine wertneutrale und zugewandte Begegnungskultur als ein Schlüsselfaktor für Inanspruchnahme, Akzeptanz, Vertrauen und Weiterempfehlungen seitens der PatientInnen. Und dies ist eine der besonderen Stärken der Aids Hilfe Wien, weshalb sie prädestiniert erscheint, ein Zentrum für sexuelle Gesundheit zu werden.

Markus Golla
Über Markus Golla 7389 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Lehrer für Gesundheit- und Krankenpflege (Studium Umit/Wien)

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