AT: Was wäre wenn?

Prim. Univ. Prof. Dr. Walter Hasibeder

ÖGARI Präsident-elect Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder stellt in diesem sehr persönlichen Kommentar eine aktuelle Simulationsstudie vor, mit der gezeigt wurde, wie sich in einzelnen Ländern das SARS-CoV-2-Virus ohne Schutzmaßnahmen verbreitet hätte. Und er kommentiert verbreitete Tendenzen, die Gefährlichkeit des Virus und der Pandemie herunterzuspielen.

Persönlich wundere und ärgere ich mich manchmal auch über das tägliche „Herunterspielen“ der Gefährlichkeit des SARS-CoV-2-Virus durch manche „Expertinnen und Experten“, auch aus der Politik, und durch einzelne Personen und Personengruppen. Und dann kommen noch die Argumente über die nichtzulässige Einschränkung der persönlichen Freiheiten im Rahmen der Pandemieverordnungen. In der meistgelesenen Tageszeitung Tirols musste ich sogar lesen, wie sehr die Jugend unter Partyverboten gelitten hat und dass es daher kein Wunder sei, dass heimliche Großtreffen mit Diskomusik und professionellen Schankanlagen in der Sillschlucht, nahe bei Innsbruck, stattgefunden haben.

Aus diesen Gründen ist es Zeit darüber nachzudenken, was passiert wäre, wenn es keinen „shut-down“, kein „social distancing“, keine Maskenpflicht und schon gar keine „Babyelefanten“ während der besonders kritischen Phase im bisherigen COVID-19-Pandemieverlauf gegeben hätte.

Mit dieser Frage haben sich internationale Sozialwissenschaftler mithilfe von im Bereich der Ökonomie etablierten Simulationsprogrammen beschäftigt (Hsiang S et al. Nature 2020; doi: 10.1038/s41586-020-2404-8). Ausgangspunkt der Simulationen war die Ausbreitung der Infektion vor Einsetzen der verschiedenen politisch verordneten Schutzmaßnahmen. Dann wurde der Effekt von einzelnen Schutzverordnungen wie Quarantäne, Maskenpflicht, Schulschließung, Mindestabstandsverordnung, Versammlungsverbote etc. einzeln und in Kombination auf die Verbreitung des SARS-CoV-2-Virus in der Bevölkerung von sechs Ländern (China, Südkorea, Italien, Iran, Frankreich, USA) nachmodelliert. In die Modellberechnungen fließen Parameter wie die Anzahl großer Städte im jeweiligen Land und daraus resultierende regionale Unterschiede in der Bevölkerungsdichte ein.

Ohne irgendwelche Schutzmaßnahmen hätten sich die SARS-CoV-2-Infektionen exponentiell in der Bevölkerung verbreitet. Für China wurde eine tägliche Steigerung der Infektionen um 38 Prozent, in Italien um 45 Prozent, im Iran um 68 Prozent, in Frankreich um 39 Prozent und in den USA um 34 Prozent berechnet. In der Praxis heißt das, dass sich zum Beispiel im Iran die Infektionszahlen in weniger als zwei Tagen verdoppelt hätten. In den USA wäre eine Verdoppelung der Infektionen innerhalb von zirka drei Tagen erfolgt. Die Autoren der Studie berechnen, dass durch die verordneten Schutzmaßnahmen weltweit zirka 530 Millionen Neuinfektionen verhindert wurden.

Tabelle 1 zeigt die berechneten Effekte der politisch verordneten Schutzmaßnahmen in Form verhinderter Neuinfektionen für China, Südkorea, Italien, den Iran, Frankreich und die USA

Land Anzahl verhinderter Infektionen durch
Verordnungen zum Schutz der Bevölkerung
China 285 Millionen
Südkorea 38 Millionen
Italien 49 Millionen
Iran 54 Millionen
Frankreich 45 Millionen
USA 50 Millionen

Wenn man davon ausgeht, dass 5 bis 10 Prozent der Betroffenen so schwer erkranken, dass sie stationär in einem Krankenhaus behandelt werden müssen, kann man leicht erkennen, dass jedes Gesundheitssystem der Welt unter dieser Last zusammengebrochen wäre. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Berechnungen gewisse Unsicherheiten aufweisen.

Die Entwicklung der SARS-CoV-2-Pandemie hätte zahlreiche, gravierende Kollateralschäden verursacht, deren Ausmaß nicht abzuschätzen ist. Die medizinische Versorgung von Patientinnen und Patienten mit akuten Herzerkrankungen, Schlaganfällen, lebensbedrohlichen Magen-Darm-Erkrankungen oder nach schweren Unfällen wäre wahrscheinlich gar nicht mehr möglich gewesen. Die durch COVID-19 bedingten Arbeitsausfälle im Gesundheitssystem hätten Krankenhäuser und andere dezentrale Gesundheitsversorger kritisch dezimiert – ganze Stationen und diagnostische Einrichtungen wären verwaist geblieben. Es ist anzunehmen, dass bei ungehinderter Ausbreitung des Virus viele Menschen aus Angst vor einer Erkrankung ihrer täglichen Arbeit ferngeblieben wären. Dies hätte wirtschaftliche Schäden von apokalyptischen Ausmaßen zur Folge gehabt. Diese Schäden wären sicher nicht vergleichbar mit den derzeitigen wirtschaftlichen Schäden durch einen zeitweisen Lock-down.

Das Auftreten neuer Infektionscluster, die langsame Zunahme der Infektionszahlen in Europa und auch in unserem schönen Land sollte für uns Anlass zur Besorgnis sein. Persönlich denke ich nicht, dass es funktionieren wird, nur an die Vernunft der Bevölkerung zu appellieren, um eine Verbreitung oder ein relevantes neuerliches Ansteigen der Zahlen von Infektionen und Erkranken zu verhindern. Gerade das verpflichtende Tragen der Schutzmasken in geschlossenen öffentlichen Räumen hat jede und jeden daran erinnert, wachsam zu sein und auf Händehygiene und Abstand zu achten. Ich habe den Eindruck, dass mit dem Wegfall der Maskenpflicht bei vielen auch das Verantwortungsgefühl gegenüber sich selbst und den Mitmenschen zurückgegangen oder sogar verschwunden ist.

Auch die politische Diskussion um eine verpflichtende Verwendung der Infektions-App des Roten Kreuzes oder eines ähnlichen „Tracing“-Werkzeugs wird schon teilweise absurd. Ich denke, dass auch in Demokratien die persönliche Freiheit genau dort aufhört, wo durch eigens Verhalten die Gesundheit oder das Leben andere Menschen gefährdet wird! Es ist aus meiner Sicht naiv anzunehmen, dass beim plötzlichen „Aufpoppen“ zahlreicher Infektionscluster Gesundheitsbehörden mit beschränkten Personalressourcen ohne elektronische Hilfsmittel noch in der Lage sind, in einem vernünftigen Zeitintervall alle Kontaktpersonen zu ermitteln und zu isolieren.

Zu guter Letzt frage ich mich, was die internationale Politik aus der SARS-CoV-2-Pandemie für die Zukunft gelernt hat. Das zunehmende aggressive Eindringen des Menschen in den natürlichen Lebensraum zahlreicher exotischer Tierarten zwingt diese, gemeinsam mit ihren Wirtsviren andere Lebensräume, oft in unmittelbarer Nähe des Menschen, zu besiedeln. Die Viren exotischer Tiere bekommen dadurch die Möglichkeit, auf neue Wirte überzuspringen, die sich in der Regel nicht über Generationen mit dem Krankheitserreger arrangiert haben. Manchmal wirken domestizierte Tiere dabei als „Verstärker“. Das Virus vermehrt sich in Ihnen massenhaft und springt irgendwann auf den Menschen über. Da weder das Haustier noch der Mensch eine natürliche Immunität gegen den „neuen“ Krankheitserreger entwickelt haben, folgen schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle. Die Massentierhaltung schafft „ideale“ Bedingungen für „virales Mixing“ – ein Austauschen von viralem Erbmaterial mit dem evolutionären Endziel möglichst leicht auf möglichst viele Wirtsorganismen überzuspringen. Die Schweinegrippe und die Vogelgrippe sind dafür gute Beispiele. Derzeit wird über das Auftauchen eines neuen Schweinegrippevirus in der Massentierhaltung mit der Bezeichnung „G4“ berichtet. Chinesische Wissenschaftler befürchten, dass dieses Virus die besten Voraussetzungen hätte, bald von Mensch auf andere Menschen übertragen zu werden.

Viele Virologen und Epidemiologen warnen vor einer weltweiten zukünftigen Pandemie durch das Vogelgrippevirus. Derzeit kann dieses Virus nur durch engen Kontakt zwischen Menschen und infizierten Vögeln auf den Menschen übertragen werden. Die Sterberate dieser Erkrankung liegt bei 30 Prozent und entspricht damit der Mortalität des gefürchteten „Middle-East Respiratory Distress Syndrom“ (MERS)-Virus. Sollte das Vogelgrippevirus „lernen“, von Menschen auf Menschen übertragen zu werden, wäre mit der raschen Entwicklung einer weltweiten Pandemie zu rechnen, da auch Zugvögel das Virus über weite Strecken verbreiten können.

Trotz all des vorhandenen Wissens um die zahlreichen Gefahren der Massentierhaltung für Gesundheit und Leben des Menschen habe ich den Eindruck, dass gerade in diesem Bereich seit Jahrzehnten ein internationaler, politischer „Dornröschenschlaf“ stattfindet. Die SARS-CoV-2-Pandemie sollte eigentlich als Weckruf für alle Menschen und, im Besonderen alle verantwortlichen Politikerinnen und Politiker, dienen, endlich Entscheidungen und Maßnahmen zu setzten, um die Möglichkeiten einer weltweiten Verbreitung von Zoonosen in Zukunft zu verhindern.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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