AT: Von Jung bis Alt: Der Reiz der Blasen- und Darmentleerung

20. November 2022 | Diabetes, News Österreich, Pflegende Angehörige

Im Rahmen der heurigen Jahrestagung der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) wurde ein Bogen von der kindlichen Blase über die Herausforderungen des Übergangs ins Erwachsenenalter bis hin zu Kontinenzproblemen im Alter gespannt. Das wissenschaftliche Programm befasste sich mit der kindlichen Physiologie und Pathologie der Blasen- und Darmentleerung sowie deren weiteren Entwicklung mit ihren Veränderungen und Problemen im Laufe des Lebens. Da die pathologischen Veränderungen oft auch die Sexualität beeinträchtigen, wurde diesem oft von Patient*in und Therapeut*in verschwiegenen Thema viel Raum gegeben. Unter anderem diskutierte Ann-Marlene Henning, die bekannte deutsche Sexologin und Autorin, mit den Tagungsteilnehmer*innen, wie man Patient*innen beraten und helfen kann.

Mitte Oktober tagte die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) zum 32. Mal. Rund 300 Ärzte, Pflegepersonen, Physiotherapeut*innen und Hebammen folgten der Einladung der diesjährigen Tagungspräsident*innen Heidi Anzinger, DGKP, Kontinenz- und Stomaberaterin am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern und Urologe OA Dr. Franz Reichartseder, Leiter des Beckenbodenzentrums am Krankhaus der Barmherzigen Schwestern in Ried/Innkreis.

Die Inkontinenz ist ein Problem von Urologie, Gynäkologie, Chirurgie bzw. Koloproktologie, Geriatrie und Neurologie. Die fächerübergreifende Zusammenarbeit und Vernetzung dieser Disziplinen aus dem ärztlichen, pflegenden und physiotherapeutischen Bereich spiegelt sich in der Zusammensetzung des Vorstandes und der Mitglieder der MKÖ sowie in der wissenschaftlichen Jahrestagung der Fachgesellschaft wider. „Das Besondere an dieser jährlichen Tagung ist der interdisziplinäre und multiprofessionelle Blick aller beteiligten Berufsgruppen. Nur wenige Kongresse bieten eine so vielfältige Plattform zur Diskussion auf Augenhöhe“, so Anzinger und Reichartseder.

Auch bei Blase & Darm gilt: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen!

„Kinder sind unsere Zukunft“. Mit diesen Worten wurde der erste Themenblock eingeleitet. Eine wichtige Aussage, denn es wird oft zu wenig Aufmerksamkeit auf die ganz Kleinen gerichtet. Sind sie doch jene Personen von morgen, die uns im „Golden-Age“ dann begleiten, betreuen und unterstützen sollen. Der erste Vormittag startete mit Krankheiten, Fehlbildungen und deren Behandlungsmöglichkeiten, die im Kleinkindalter auftreten bzw. seit der Geburt bestehen. Dabei wurde die monosymptomatische Enuresis (Bettnässen) und die Harninkontinenz tagsüber – wie die über- oder manchmal auch unteraktive Blase oder die dysfunktionelle Miktion (dysfunctional voiding, DV) – sowie die seltene Giggle Inkontinenz genauso diskutiert wie anatomische Fehlbildungen, etwa die Harnleiter-Ektopie oder die Ureterozele; beides kann in den meisten Fällen endoskopisch therapiert werden. „Seltene Erkrankungen sind selten, aber Patienten mit seltenen Erkrankungen sind häufig.“ So startete der Vortrag über angeborene colo-rektale Anomalien – wenn also die äußere Darmöffnung fehlt. In Österreich werden etwa 24 Kinder pro Jahr mit einer anorektalen Malformation geboren. Korrekturoperation werden an spezialisierten Zentren, wie dem am Ordensklinikum Linz oder am Kepler Universitätsklinikum Med Campus IV, durchgeführt.

Das Prinzip der operativen Harnableitung sei „niemals ein Organ aufgeben!“ Das gilt vor allem bei schweren angeborenen Fehlbildungen wie einer Blasenekstrophie, wo es darum geht, die Nieren- und Blasenfunktion zu erhalten, eine Dialyse zu vermeiden und soziale Integration zu erreichen. Den Themenblock rundete eine Urotherapeutin ab – von denen es in Österreich leider nur eine Handvoll gibt – und beschrieb das breite Feld ihrer Arbeit mit Kindern und deren Eltern. Anschaulich gezeigt wurde auch, was durch Manualtherapie erreicht werden kann – wenn das Beckenbindegewebe mobilisiert und die Wahrnehmung in diesem Bereich gestärkt wird.

Lost in Transition

Die Kontinenzprobleme der Kinder enden häufig nicht mit der Pubertät. Viele benötigen auch nach Übertritt ins Erwachsenenalter medizinische Hilfe. Die Transition, also der Übergang chronisch kranker Kinder bzw. Jugendlicher von der Pädiatrie in die Erwachsenenmedizin, stellt diese Patient*innengruppe oft vor große Schwierigkeiten in Bezug auf die weitere fachmedizinische Betreuung. Je nach Erkrankung gibt es eine Drop-out-Rate von 30-90 Prozent. In Deutschland gibt es daher eine eigene Gesellschaft für Transitionsmedizin, die sich mit diesen Herausforderungen befasst. Hierzulande fehle es noch an einer organisatorischen Struktur, bedauerten Expert*innen im Rahmen einer Podiumsdiskussion. Ihr dringender Appell: Für eine gelungene Transition braucht es spezialisierte Zentren mit Spezialist*innen aller Disziplinen, die eine geordnete Übergabe der Patient*innen an die Erwachsenenmedizin gewährleisten. Wichtig seien kürzere Wege, interdisziplinäre Weiterbildung und eine gute Vernetzung mit dem niedergelassenen Bereich. In Österreich entstehen nach und nach solche Anlaufstellen. So gibt es in Salzburg und Linz spezialisierte Ambulanzen, eigene Abteilungen für Transitionsmedizin sind in Planung. In den anderen Bundesländern wie Vorarlberg, Kärnten und der Steiermark wurden Praxen gegründet und Netzwerke aufgebaut.

Inkontinenz aufgrund neurologischer Funktionsstörungen – unabhängig vom Alter der Patient*innen –war ein weiterer Schwerpunkt der Tagung. Aus dem urologischen Blickwinkel wurden sie unter anderem am Beispiel Multiple Sklerose beleuchtet. Am Beginn der Erkrankung leidet eine/r von zehn MS-Patient*innen an Blasenentleerungsstörungen, nach zehn Jahren Krankheit sind es 75-80 Prozent. Aus proktologischer Sicht sind Diabetes, Insult, Rückenmarksverletzungen, MS und Parkinson die häufigsten Ursachen für neurogene Darmfunktionsstörungen.

Wenn Ausscheidungsorgane altern

Den Impulsvortrag in den Themenblock „Eintritt ins Golden Age“ hielt Univ.-Prof. Dr. Andreas Wiedemann, Professor für Urogeriatrie an der Universität Witten/Herdecke (DE), seines Zeichens auch Präsident der deutschen Kontinenzgesellschaft (DKG). Er vermittelte den Zuhörer*innen, dass die Hauptthemen in der Urogeriatrie Immobilität, Inkontinenz, Irritabilität, Instabilität und Iatrogene Schädigungen sind, wobei Immobilität, Stürze und Inkontinenz eng zusammenhängen. Er stellte den ISAR-Test (Identification of Seniors at risk)1 vor, der als Teil des geriatrischen Assessments ein weit verbreitetes Screening-Tool zur Einschätzung der Gefährdung von Senior*innen bei der Krankenhausaufnahme ist. Weiters erinnerte er daran, dass vor allem die Polypharmazie, also die gleichzeitige Verordnung von mehr als fünf Medikamenten, ein Problem der Geriatrie ist. Auch der Harntrakt stelle häufig den Schauplatz unerwünschter Arzneimittelwirkungen dar. Eine äußerst praktikable Übersicht an Substanzen, die eine solche Harntrakt-Nebenwirkung auslösen können, inklusive einer Bewertung des entsprechenden Risikos, bietet der Wittener Harntrakt-Nebenwirkungs-Score: www.harntrakt.de.

Harninkontinenz im Alter bedeutet für viele Betroffene, dass die Blase das Leben bestimmt. Selten ist die Harninkontinenz eine alleinstehende Krankheit, sondern vielmehr Symptom für zugrundeliegende Erkrankungen wie Diabetes, KHK, Obstipation oder Folge einer Medikamenteneinnahme, eingeschränkte Mobilität etc. Verhaltenstherapeutische Maßnahmen, die von Kontinenz- und Stomaberater*innen geschult werden, können helfen, zurück zum (sozialen) Leben zu finden. Toilettentraining kommt zum Einsatz, wenn ältere Menschen an kognitiven und körperlichen Einschränkungen leiden. Das Ziel ist, durch einen geplanten Toilettengang Inkontinenzepisoden zu vermeiden. Für ein Blasentraining muss die/der Patient*in kognitiv fit sein, denn hier wird selbstständig zu bestimmten Zeiten das WC aufgesucht. Sonstige Hilfe bieten leicht zu öffnende Kleidung, eine

Restharnsenkung durch double oder triple voiding, Life-Style-Änderungen, wie der Verzicht auf diuretische Getränke, sowie die Versorgung mit ableitenden und aufsaugenden Hilfsmitteln.

Proktologische Beschwerden im Alter sind ebenfalls vielfältig. Auch wenn die Proktologie eine Domäne der Chirurg*innen ist, gilt es, bei Hämorrhoiden, Analfissur und fäkaler Inkontinenz zuerst konservative Methoden auszuschöpfen. Wichtig dabei ist auf eine weich geformte Stuhlkonsistenz zu achten und sowohl Durchfall als auch Obstipation können oft schon mit einfachen Hausmitteln behandelt werden. Bei einer Obstipation gilt es, auf ausreichendes Trinken und genug Bewegung zu achten. Ballaststoffe, Zwetschken-/Pflaumensaft können stuhlaufweichend wirken. Laxanzien und Abführzäpfchen werden bei Bedarf gegeben, Wassereinläufe (zum Beispiel in Form der transanalen Irrigation, TAI) zur Unterstützung der Darmentleerung angewandt. Aber auch eine zu weiche Konsistenz bzw. chronische Durchfälle können oft schon mit einfachen stopfenden Mitteln behoben werden. Auch hier können Ballaststoffe sowie einfache Hausmittel, wie der berühmte geschabte Apfel, eingesetzt werden. Manchmal sind Medikamente (Loperamid) und eine Abklärung von möglichen Lebensmittelunverträglichkeiten notwendig. Weiters ist die richtige Sitzhaltung auf der Toilette wichtig und das Anbieten von Beckenbodentraining. Den Stellenwert der Physiotherapie bei Stuhlinkontinenz bestätigen auch die aktuellen europäischen Guidelines.2

Bei einem Rektumkarzinom kommt man um einen chirurgischen Eingriff allerdings nicht umhin. Hier ist die Devise, sphinktererhaltend zu operieren. Auch ein Rektumprolaps wird (transabdominell oder transanal) operiert. Analer Schmerz (Pudendusneuralgie) kann verschiedene Ursachen haben und wird anhand der „Nantes-Kriterien“ diagnostiziert und je nach Ursache therapiert.

Last but not least: Let’s talk about sex

Über Probleme in der Sexualität wird ebenso wenig gesprochen, wie über Probleme mit der Kontinenz. Als Beispiel für Sexualprobleme im Alter wurde der Libidoverlust in der Peri- und Postmenopause besprochen. Er kann viele Ursachen haben: hormonelle Veränderungen, geänderte körperliche Wahrnehmung durch Faltenbildung oder Gewichtzunahme, soziale Veränderungen, Belastungen des Alltags, Erkrankungen (so haben Diabetiker*innen eine reduziert Lusterfahrung, Inkontinenz ist mit Angst und Scham behaftet etc.) und Einnahme bestimmter Medikamente wie Betablocker lusttötend sein können. Doch wer fragt nach der Sexualität und was rät man Patient*innen?

Natürlich sind Faktoren wie Ernährung und Bewegung, die Veränderung von Lebensumständen wie Stressreduktion wichtig. Auch das Umstellen der Medikation, Verwendung von Gleitmittel etc. kann eine Verbesserung bringen. Doch der Schlüssel ist das richtige Kommunizieren. Zum einen geht es darum, als Behandler*in die Sexualität anzusprechen und zum anderen zur Kommunikation mit der/dem Partner*in aufzufordern. Die bekannte Sexologin und Autorin Ann-Marlene Henning plädierte dafür, auch unsere Sprache in Bezug auf die Genitalorgane zu ändern: wie zum Beispiel Vulvalippen, statt „Scham“lippen. Wichtig für die Sexualität sei auch, ein positives Gefühl für das eigene Genital zu haben und es zu kennen. In einer regen Diskussion beantwortete sie die vielen Fragen der Teilnehmer*innen und gab zahlreiche Tipps zum Nachlesen und -hören.3-6

Den Abschluss der Tagung bildeten Neuigkeiten bei altbewährten Behandlungsmethoden wie der sakralen Neuromodulation sowie proktologischen und urologischen Sphinkterprothesen.

Das Resümee der Tagungspräsident*innen Anzinger und Reichartseder: „Die Verschiebung der Alterspyramide wird uns und die nächsten Generationen vor vielfältige Probleme stellen, die man nur gemeinsam lösen kann. Die Weichenstellung dafür muss umgehend beginnen. Kontinenzprobleme sind im Kindesalter seltener, im fortgeschrittenen Erwachsenenalter dafür umso häufiger und komplexer. Auch Sexualität beginnt nicht erst beim Erwachsenen, sondern von Geburt an und sollte daher von der ersten Behandlung an mitbeachtet werden. Falsche Scham ist fehl am Platz. Offen und ohne Tabus über dieses Thema zu sprechen ist zwar nicht leicht, hilft aber den Patient*innen die Angst im Gespräch zu überwinden. Im Rahmen der Tagung wurden viele unterschiedliche Behandlungsoptionen mit allen Vor- und Nachteilen aufgezeigt. Gott sei Dank gibt es diese Diversität sowie auch die Muliprofessionalität der behandelnden Personen, um für die Betroffenen die bestmögliche Therapie zu wählen bzw. sie entscheiden zu lassen. Ein Kongress wie dieser hilft uns, die Behandler*innen zusammenzubringen und sich auszutauschen, zum Wohle der Patient*innen.“

 

Save the date:

Die 33. Jahrestagung der MKÖ findet am

13. und 14. Oktober 2023

wieder im LFI Linz auf der Gugl statt.

 

MKÖ: Engagement seit über 30 Jahren

Blasen- und Darmschwäche sind ein häufiges Problem, welches zumindest 10 Prozent der österreichischen Bevölkerung betrifft. Begonnen hat die systematische Inkontinenzhilfe 1990 in Linz, als sich ein kleiner Kreis von Ärztinnen und Ärzten, wie auch Angehörigen des diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegeberufs und der Physiotherapie zusammenschloss. Seit Bestehen ist es das Ziel der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ), Maßnahmen zur Prävention, Diagnostik und Behandlung der Inkontinenz sowie der einschlägigen Forschung, Lehre und Praxis zu fördern. Dazu gehört die spezielle Schulung des medizinischen Fachpersonals ebenso wie die gezielte Öffentlichkeitsarbeit zur Information und Beratung von Betroffenen und ihren Angehörigen. Heute ist die MKÖ maßgeblich an der Vernetzung von Fachärzten, Ambulanzen, Allgemeinmedizinern, Physiotherapeuten, Pflegepersonen und der Öffentlichkeit beteiligt. Einen wesentlichen Beitrag dazu liefern auch die seit 1991 jährlich abgehaltenen Jahrestagungen sowie die Kontinenz-Stammtische in Oberösterreich, Wien und Salzburg sowie die Kontinenzmeetings in Kärnten.

Kontinenz ist MKÖ!

www.kontinenzgesellschaft.at

Fußnoten

1 McCusker J et al. Detection of Older People at Increased Risk of Adverse Health Outcomes After an Emergency Visit: The ISAR Screening Tool. In: Journal of the American Geriatrics Society. Band 47, 1999, S. 1229–1237.

2 Assmann SL et al. European Guidelines for the diagnosis and treatment of Faecal Incontinence. United European Gastroenterol J. 2022 Apr;10(3):251-286.

3 Buchtipp: Sprechen über Sex von Karina Kehlet Lins (2020), Carl-Auer Verlag GmbH, ISBN-10: 3849703339

4 Buchtipp: Sex ist wie Brokkoli, nur anders von Carsten Müller und Sarah Siegel (2020), Edition Michael Fischer / EMF Verlag, ISBN-10: 396093744X

5 Buchtipp: Liebe würde Slow Sex machen von Yella und Samuel Cremer (2020), LoveBase Media, ISBN-10: 3982085020

6 Buchtipp: Make More Love: Ein Aufklärungsbuch für Erwachsene von Ann-Marlene Henning und Anika von Keiser (2018), Goldmann Verlag, , ISBN-10: 3442177308

 

 

 

 

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)