AT: Vom Sterben – Spannungsfeld zwischen Palliative Care und Sterbehilfe

24. September 2022 | News Österreich, Palliativ | 0 Kommentare

Bis zu 18.000 Menschen pro Jahr brauchen in Österreich eine spezialisierte palliativmedizinische Betreuung. Vor allem ältere Personen und Menschen mit onkologischen Erkrankungen sind davon betroffen. Im Zuge des neuen Sterbeverfügungsgesetzes in Österreich, das seit Jahresanfang in Kraft ist, ist auch die Palliativmedizin in einem größeren Fokus. Palliative Care ist mehr als Medizin, verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und will vor allem eines, die Lebensqualität der Betroffenen so lang und hoch wie möglich zu halten. Darüber und über weitere Möglichkeiten der Pflege und Altenarbeit tauschen sich vom 28. bis 30. September Mediziner und Experten beim CARE 4.0-Kongress aus.

„Alljährlich sterben in Österreich an die 90.000 Menschen. Etwa 10 bis 20 % von ihnen, also zwischen 9.000 und 18.000 Menschen, brauchen eine spezialisierte palliativmedizinische Betreuung“, so Univ.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Dr. Eva Masel, MSc, Leiterin der Klinischen Abteilung für Palliativmedizin, Vorstandsmitglied der Österreichischen Palliativgesellschaft und Referentin beim CARE 4.0-Kongress. „Leider ist der Tod – und damit die Palliativversorgung – für viele noch immer ein Tabuthema. Über das Sterben zu reden, hat jedoch noch niemanden umgebracht und genau das ist wichtig, um auch in den letzten Tagen die Lebensqualität so hoch wie möglich zu gestalten und das Lebensende nicht dem Zufall zu überlassen,“ betont Masel.

Spannungsfeld Sterbehilfe und Palliative Care

Doch mit dem neuen Sterbeverfügungsgesetz, das seit Anfang des Jahres in Österreich in Kraft ist, steigt auch die Verunsicherung in der Bevölkerung über die Rolle der Palliativmediziner und auch die Palliativmediziner sind auf mehreren Ebenen – medizinisch, ethisch und persönlich – vor Herausforderungen gestellt. In Österreich umfasst der Weg eines Suizidwilligen das Aufsuchen zweier voneinander unabhängiger ärztlicher Personen, eine davon benötigt eine palliativmedizinische Qualifikation. Beide sind verpflichtet, den freien Willen des Suizidwilligen festzustellen, über Alternativen zu beraten und die Dosis des Präparats zu definieren. Das Herzblut vieler Palliativmediziner schlägt jedoch dafür, primär zu fragen „Warum wollen Sie so nicht leben?“. Unter Palliative Care versteht man die palliative Versorgung durch ein Team, das aus verschiedenen Berufsgruppen besteht und es sich zum Ziel gesetzt hat, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten, die mit einer unheilbaren, lebensbedrohlichen Erkrankung leben, so hoch wie möglich zu gestalten. Hier arbeiten Diätologen, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten, Psychologen, Seelsorger, Ärzte und Pflegepersonal eng zusammen. „Seit ich im Palliativbereich arbeite, habe ich gesehen, dass es einen Weg aus schwerem Leiden gibt. Das hat meine Einstellung geprägt und dem möchte ich mich als Ärztin weiterhin widmen. In einem Palliativteam arbeiten wir ganzheitlich und konzentrieren uns nicht nur auf die körperliche, sondern auch auf psychologische, soziale, spirituelle oder existenzielle Aspekte. Wichtig dabei ist, auch die An- und Zugehörigen aktiv mit einzubeziehen“, erklärt Masel. Sie beobachtet, dass Menschen, denen mit Palliative Care geholfen wird, nicht mehr sterben wollen. „Ich persönlich finde daher, dass Sterbehilfe für Situationen vorgesehen sein sollte, wo andere Ansätze gescheitert sind. Leider wird die Palliativversorgung in Ländern, wo der assistierte Suizid legalisiert ist, oft schlechter. Ich hoffe, dass Österreich hier weiter an seinen hohen Standards der Palliative Care festhalten und diese noch ausbauen wird“, so Masel.

Fortschritte in der Palliative Care

Palliative Care zeichnet sich durch evidenzbasierte Symptomlinderung aus. Ein Meilenstein gelang 2020 mit der Erarbeitung einer im Internet frei abrufbaren Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung. Das ist besonders wichtig, denn der Anteil an Palliativpatienten mit onkologischen Erkrankungen liegt zwischen 72 und 88 Prozent aller Palliativpatienten. Zudem wird viel an symptomlindernden Medikamenten geforscht, die teilweise evidenzbasiert, aber dennoch „off label“, also jenseits ihrer Zulassung angeboten werden, weswegen weitere Forschung in diesem Bereich wesentlich ist. Nicht nur mit der Onkologie, sondern auch mit der Geriatrie wird sehr eng zusammengearbeitet, denn das Durchschnittsalter der Hospiz- und Palliativpatienten liegt zwischen 69 und 76 Jahren. „Hier gibt es Fortschritte im gemeinsamen Assessment, also im Bewerten und Interpretieren von Symptomen bei älteren Menschen. Das ist wichtig, denn häufig erhalten beispielsweise Menschen mit Demenzerkrankung seltener eine adäquate Schmerztherapie, einfach aus dem Grund, da Schmerzen nicht erkannt werden“, erklärt Masel.

Gemeinsame Verantwortlichkeit für ein gutes Leben(sende)

„Jeder, der selbst bei An- und Zugehörigen betroffen war, weiß, wie wesentlich Information ist. Viele sind in der Situation überfordert, da sie nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Daher ist es wichtig, Menschen rechtzeitig darüber aufzuklären, dass sie Hilfe benötigen werden, sie zu informieren, wo sie Hilfe finden und dass sie auch gut beraten wären, diese frühzeitig anzunehmen“, so Masel. Daher sollte generell auch in allen medizinischen Bereichen ein Grundverständnis für Palliativmedizin vorhanden sein, gerade um rechtzeitig gemeinsame Therapieziele zu definieren und aufzuzeigen, unter welchen Bedingungen jemand leben kann und möchte. Vorausschauendes Planen – es wird hier von Advance Care Planning gesprochen – , wozu auch Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zählen, sind dabei ganz zentral, um den eigenen Willen auszudrücken und für eine Situation vorzusorgen, in der man sich selbst nicht mehr äußern kann. Um gerade beim medizinischen Personal Soft Skills, Einfühlungsvermögen, Reflexionsbereitschaft und Professionalität anzuregen, spielen auch „Medical Humanities“, ein Begegnungsfeld von Medizin, Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Kunst eine immer größere Rolle.

Über die IAKW-AG
Die IAKW-AG (Internationales Amtssitz- und Konferenzzentrum Wien, Aktiengesellschaft ist verantwortlich für die Erhaltung des Vienna International Centre (VIC) und den Betrieb des Austria Center Vienna. Das Austria Center Vienna ist mit 19 Sälen, 180 Meetingräumen sowie rund 26.000 m2 Ausstellungsfläche Österreichs größtes Kongresszentrum und gehört zu den Top-Playern im internationalen Kongresswesen. www.acv.at

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)