AT: #visible – Kinder psychisch erkrankter Eltern sichtbar machen

(C) Kitty

Jedes sechste Kind wächst in Österreich mit einem psychisch erkrankten Elternteil auf. Insgesamt sind mehr als 275.000 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre, also 16 Prozent der jungen Generation, betroffen.[1] Trotz dieser hohen Zahl an Betroffenen erfährt das Tabuthema in der Öffentlichkeit kaum Aufmerksamkeit. Um den Mantel des Schweigens zu lüften, macht das Projekt #visible die Kinder psychisch erkrankter Eltern sichtbar und bietet ihnen ein breites Spektrum an Unterstützungsangeboten.

„In jeder 25-köpfigen Schulklasse sitzen vier Kinder, deren Mütter oder Väter an psychischen Problemen leiden. Um dieser hohen Zahl an betroffenen Kindern und Jugendlichen Sichtbarkeit zu verleihen, mit Tabus zu brechen und Unterstützung zu leisten, wurde das Projekt #visible ins Leben gerufen. Eltern mit psychischen Erkrankungen und deren Kinder hatten schon vor der Corona-Pandemie eine Vielzahl an Schwierigkeiten zu bewältigen. Die Pandemie verschärfte beispielsweise durch Einkommensverluste, häufigere Beziehungsabbrüche und verstärkte soziale Exklusion die Belastungen immens. Betroffenen Familien, und hier im Speziellen den Kindern und Jugendlichen, Entlastung durch spezifische Angebote zu ermöglichen, ist dringend nötig, um die Folgen drohender oder bestehender Armut und Ausgrenzung abzuschwächen“, so Bundesminister Dr. Wolfgang Mückstein.

„Aufwachsen mit psychisch erkranktem Elternteil ist mehr als nur ein innerfamiliäres Thema. Angesichts der hohen Zahlen handelt es sich um eine gesellschaftliche Problemstellung. Kinder und Jugendliche bleiben vielfach, aufgrund eines fehlenden Bewusstseins und der Tendenz zur Tabuisierung psychischer Erkrankungen, in ihrer unsicheren Lebensrealität und Not allein. Das birgt ein hohes Risiko bleibender psychischer Narben und erhöhter Vulnerabilität. Es braucht daher ein konsequentes, präventionsbewusstes Hinschauen auf sozial-, bildungs- und gesundheitspolitischer Ebene, insbesondere weil Corona psychische Erkrankungen deutlich ansteigen lässt. Durch neue österreichweite Chatberatung, unterschiedliche Unterstützungs- und Freizeitangebote für Betroffene sowie die Sensibilisierung der Fachöffentlichkeit und Bevölkerung leistet das Projekt #visible dazu einen entscheidenden Beitrag“, erläutert Birgit Blochberger, Projektleiterin von #visible.

„20 Jahre meines Lebens habe ich mich im Alleingang mit Fragen und Problemen auseinandergesetzt, die rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Österreich beschäftigen. Das Wissen, nicht allein zu sein, übte eine ungeahnte Wirkung auf mich aus. Es hat mich erleichtert und gestärkt, neue Ressourcen geschaffen und mich handlungsfähiger gemacht. Aus diesem Grund setze ich mich heute als angehende Psychologin für Projekte wie #visible ein“, erzählt Ariane Hötzer, Vertreterin der Zielgruppe.

„Unsicherheit, Scham und Loyalitätskonflikte begleiten Kinder und Jugendliche mit psychisch erkrankten Eltern in ihrem Alltag. Unter diesen schwierigen Umständen ist anonymes Schreiben für viele attraktiver als die telefonische Kontaktaufnahme oder der Besuch einer Beratungsstelle. Daher legt #visible einen Schwerpunkt auf unkomplizierte Live-Chatberatung, die den Kommunikationsgewohnheiten junger Menschen entspricht“, sagt Beraterin Vera Baubin von HPE Österreich.

Corona-Krise verschärft psychosoziale Probleme

Die von Ängsten, finanziellen Sorgen und sozialer Isolation geprägte Zeit übt einen zusätzlichen Druck auf die Psyche aus und befördert familiäre Konflikte. Weltweit verzeichnen Beratungsstellen im Verlauf der Covid-19-Pandemie einen drastisch erhöhten Bedarf an ihren Leistungen. #visible wird im Rahmen der Covid-19-Armutsbekämpfung vom Bundesministerium für Soziales gefördert und verfolgt das Ziel, die prekäre Situation von Kindern psychisch erkrankter Eltern auf unterschiedlichen Ebenen zu verbessern. Getragen und umgesetzt wird das österreichweite Projekt von pro mente OÖ, HPE Österreich, JoJo Salzburg und Netzwerkpartner:innen.

#visible wirkt

Mit einer österreichweiten Sensibilisierungskampagne rückt #visible die spezifischen Lebensrealitäten betroffener Kinder und Jugendlicher ins Rampenlicht und wirkt einer Stigmatisierung entgegen. Mit der Webplattform visible.co.at bietet das Projekt insbesondere Jugendlichen mit psychisch erkrankten Eltern niederschwellige Onlineberatung und umfassende Informationen zum Thema. Mit dem Ausbau regionaler Beratungsstellen und der Entwicklung neuer Unterstützungsformate in bislang unterversorgten Gebieten schafft #visible eine weitreichende Serviceinfrastruktur für psychisch belastete Familien. Eigens konzipierte Ferienaktionen und Freizeitaktivitäten ermöglichen Kindern oder Jugendlichen einerseits eine ressourcenstärkende Auszeit vom Alltag und fördern soziale Interaktionen unter Gleichbetroffenen. Andererseits sorgen sie für eine Entlastung des Elternsystems – speziell im Fall von Alleinerzieher:innen. Eine Reihe von Fortbildungsformaten für die Fachöffentlichkeit setzt wesentliche Impulse im Bereich der Prävention von Problemen betreuter Kinder und Jugendlicher.

Unsichtbare Dritte

Auch wenn sich psychisch erkrankte Eltern in ärztlicher Behandlung befinden, werden ihre Kinder häufig übersehen und erleben selten außerfamiliären Beistand. Als „unsichtbare Dritte“ können die betroffenen Kinder und Jugendlichen mit einer Fülle an Belastungen konfrontiert sein, die ihre Entwicklungschancen zu beeinträchtigen drohen. Dazu zählen unter anderem Desorientierung, Schuldgefühle, Isolierung, Betreuungsdefizite und Parentifizierung, ein Begriff, der das Einnehmen der Elternrolle durch das Kind bezeichnet. Dann kümmern sich Kinder um die Aufgaben und Konflikte ihrer Erziehungsberechtigten, übernehmen Verantwortung für Geschwister oder führen den Haushalt. Diese oft überfordernden Belastungen oder auch traumatischen Erlebnisse tragen gemeinsam mit einer u. U. größeren genetisch bedingten Verletzbarkeit dazu bei, dass betroffene Kinder ein rund doppelt so hohes Risiko[2] haben, im Laufe ihres Lebens selbst psychisch zu erkranken.

Prävention als Wirtschaftsfaktor

Psychische Erkrankungen sind nicht nur Auslöser für persönliches Leid, sondern fallen auch volkswirtschaftlich ins Gewicht. In Österreich werden für die Behandlung psychischer Erkrankungen jährlich rund 12 Mrd. Euro aufgewendet – und der Bedarf steigt stark. Außerdem beträgt der Anteil der Berufsunfähigkeitspensionen aufgrund psychischer Erkrankungen 41,5 Prozent.[3] Die Prävention psychischer Erkrankungen muss daher oberste Priorität haben. Das betrifft Kinder aus psychisch belasteten Familien in besonderem Maße. Um dem Risiko, selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln, entgegenzuwirken, braucht es frühe Hilfen für die Kinder und ihre Familien, die belastende Situationen minimieren sowie Ressourcen und Freiräume schaffen.

Abfederung von Armut

Zahlreiche Menschen mit psychischen Erkrankungen leben auch in Armut. Die Betroffenen sind zum Teil aufgrund ihrer chronischen Beschwerden in der Erwerbstätigkeit eingeschränkt. Längere krankheitsbedingte Ausfälle beeinträchtigen Jobperspektiven, führen zu Einkommenseinbußen oder gar zum Verlust des Arbeitsplatzes. Die mit einer psychischen Erkrankung verbundenen Gesundheitsausgaben strapazieren ohnehin geringe Haushaltsbudgets zusätzlich. Die Auswirkungen derartiger finanzieller Notlagen spüren natürlich auch die Kinder psychisch erkrankter Eltern – ob in Form von allgemeiner Unsicherheit, sozialer Ausgrenzung oder Einschränkungen bei Schulaktivitäten und Hobbies. Um die sozioökonomischen Konsequenzen dieser Armutsspirale abzufedern, unterstützt das Projekt #visible finanziell benachteiligte Familien mit Sachleistungen und begleitet die Anspruchsklärung auf weitere Sozialleistungen.

Von der Zielgruppe für die Zielgruppe

Ein wichtiger Aspekt von #visible ist es, Personen mit gelebter Erfahrung einzubinden. Aus diesem Grund wird das Projekt von einer Gruppe junger Erwachsener begleitet, die mit psychisch erkrankten Eltern aufgewachsen sind und retrospektiv berichten. Die Gruppe bringt sich auf diversen Ebenen ein – sie berät, schreibt Texte und unterstützt die Kampagne. So entsteht ein Projekt von der Zielgruppe für die Zielgruppe. Um der Stigmatisierung des Themas entgegenzuwirken, präsentiert sich ein Teil der Gruppe als Identifikationsfiguren für andere Betroffene – etwa auf den Pressefotos von #visible.


[1] Hochrechnung anhand internationaler Studien

[2] Rasic, Daniel/Hajek, Tomas/Alda, Martin/Uher, Rudolf. 2014. Risk of Mental Illness in Offspring of Parents With Schizophrenia, Bipolar Disorder, and Major Depressive Disorder: A Meta-Analysis of Family High-Risk Studies. Schizophrenia Bulletin vol. 40 no. 1, 28–38.

[3] Statistisches Handbuch der österreichischen Sozialversicherung 2020, 80.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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