AT: Utopie oder Dystopie: Die Zeit nach Corona

Die diesjährige Donau-Konferenz widmete sich Herausforderungen und Chancen der COVID19-Pandemie für den Donauraum

In der Bibliothek der Donau-Universität Krems (Foto: Walter Skokanitsch)

Die Folgen und potenziellen Chancen der gegenwärtigen COVID19-Pandemie für den Donauraum diskutierten am 11. November WissenschafterInnen sowie VertreterInnen der Europäischen Kommission und von NGOs bei der diesjährigen Donau-Konferenz. Ziel der Konferenz war es, utopische Visionen dystopischen Folgen der Pandemie gegenüberzustellen. Organisiert wurde diese erstmals als Livestream stattgefundene Veranstaltung vom Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) in Zusammenarbeit mit der Donau-Universität Krems. Kooperationspartner waren die Universität für Bodenkultur (BOKU), Wien, die IMC Fachhochschule Krems sowie das Europa-Forum Wachau. Die Tagung stand unter Patronanz der ARGE Donauländer und wird vom Land Niederösterreich unterstützt.

Friedrich Faulhammer, Rektor der Donau-Universität Krems, betonte in seiner Begrüßung die Rolle der Wissenschaft. Angesichts der komplexen Situation und der heute noch nicht abschätzbaren Folgen sei Wissenschaft in Zeiten der Ungewissheit der Boden, von dem aus wir uns in unbekanntes Terrain wagen und Entscheidungen auch in komplexen Situationen treffen könnten. Faulhammer appellierte, die kulturelle Vielfalt des Donauraums für die Bewältigung der Pandemiefolgen zu nützen und dabei die Vision eines geeinten Europas hervorzuheben. Der Donauraum habe durch Digitalisierung oder das Überdenken internationaler Liefer- und Wertschöpfungsketten große Chancen.

Martin Eichtinger, Landesrat von Niederösterreich, der in Vertretung von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner begrüßte, verwies angesichts der noch unklaren Zeit nach der Pandemie auf die Bedeutung grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Pandemiebewältigung. Vor allem im Feld Gesundheitsversorgung und Arbeitsmarkt gebe es in Niederösterreich vorbildliche Initiativen.

Der Vorsitzende des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM), Erhard Busek, sieht in der gegenwärtigen Phase die Zeit für politischen Entscheidungen gekommen. Deren Notwendigkeit entspringe dem Wesen der Krise, in der sich Europa derzeit befinde, schließlich bedeute Krise in ihrem ursprünglichen Sinn Entscheidung.

Pandemie als mentaler Tsunami

In seiner Keynote mit dem Titel „Ein mentaler Tsunami“ kritisierte Dragan Prole, Professor für Philosophie an der Universität Novi Sad, Serbien, den Umgang mit der Pandemie und verglich das Verhalten des Staates mit dem eines Individuums: beide hätten sich abgeschottet. Die Pandemie in unserer modernen Zeit sei jedoch ein lebendiges Zeugnis für den Mangel an Kontrolle, für die globale menschliche Verwundbarkeit. Der Dystopie bleibe angesichts dieser besorgniserregenden Entwicklungen nur eine warnende Funktion. Sie beginne und ende mit der berüchtigten „sozialen Distanzierung“, ein irregeleiteter Begriff. Die Utopie stütze sich auf bisherige Erfahrung, dass jede Krise eine Chance schaffen könne, etwa die Neudefinition der Freiheit. Im Kontext der Panik suchen wir nur nach einer Sicherheit, ohne zu sehen, dass diese Sicherheit mit unserer Freiheit unvereinbar ist. Eine Neudefinition der Freiheit wäre es, in einem utopischen Sinn von einem egozentrischen Standpunkt zu einer Hingabe an die anderen zu kommen, so Prole.

Ökologie und die Kipp-Punkte

Im ersten Panel zu „(Un)Expected Paradigm Changes in the Fields of Politics, Economy, Education, Health Care and Ecology“ unter der Moderation von Erhard Busek stellte Hubert Hasenauer, Rektor der Universität für Bodenkultur Wien, eine ökologische Betrachtung des Pandemiegeschehens an. Die Gefahr in dieser unklaren Situation seien die aus der Ökologie bekannten Kipp-Punkte eines Systems, wobei deren Kipprichtung nicht klar sei. Dieses Konzept sei auch auf Gesellschaften anwendbar. Daher sollten Lektionen aus der Krise gezogen und eine ökologisch-nachhaltige Richtung beim wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Pandemie eingeschlagen werden.

Gegenseitige Verantwortung

Zdravko Kačič, Rektor der Universität Maribor und designierter Präsident der Donaurektorenkonferenz (DRC), appellierte an die gegenseitige Verantwortung zwischen Individuum und Gesellschaft. Für die Bewältigung der Krise strich Kačič die Rolle von Wissen und Know-How hervor. Digitalisierung sei ein wichtiger Pfad aus der Krise, die die Bedeutung, Vor- und Nachteile digitaler Kommunikations- und Arbeitsinstrumente verdeutlichte. Es gelte, Bewährtes wie Präsenzlehre mit den Vorzügen des Digitalen zu kombinieren und auf eine ökologische Gestaltung der Post-Corona-Zeit zu setzen.

Lernfähiges Europa

Martin Selmayr, Vertreter der Europäischen Kommission in Österreich, hob die positive Rolle der EU in der Krisenbewältigung trotz ihrer Unzuständigkeit in der Gesundheitspolitik hervor. Aus den Fehlern und der mangelnden Zusammenarbeit in der ersten Welle habe man gelernt, so Selmayr. Der Erfolg Europas in der Bewältigung der Krise liege unter anderem in seinen dezentralisierten demokratischen Systemen und seiner Lernfähigkeit. So gebe es nun beispielsweise gemeinsame Anschaffungsmechanismen für medizinische Ausrüstung und eine Hilfe für die Staaten des Westbalkans. Auch in der Krise sei die EU handlungsfähig geblieben und habe die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen aufrechterhalten.

Erfolgsfaktor Zusammenarbeit

Julia Winkler von der niederösterreichischen Initiative Healthacross hob die Rolle von grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Krisenbewältigung hervor, wie es die Initiative Healthacross zwischen Niederösterreich und den Nachbarstaaten vorzeige. Ein Drittel aller EuropäerInnen lebten in Grenzregionen. Neben der Zusammenarbeit habe sich die Digitalisierung in der Krise bewährt. Für die Zeit danach gelte es, das Gesundheitssystem resilienter zu gestalten und Ungleichheiten im Gesundheitswesen zu analysieren und zu beseitigen.

„Heilende Wirkung von Kultur”

Im zweiten Panel mit dem Titel „Possible Challenges and Chances for Youth, Culture, Media and Civil Society” schlug der Belgrader Medienexperte Nenad Šebek vor, die Diskussion unter seiner Moderation verstärkt auf Chancen zu fokussieren, nachdem seit Ausbruch der Pandemie laufend von Herausforderungen die Rede sei. Adrian Guţã, Literaturkritiker und Professor an der Universität Bukarest, betonte, dass in Krisenzeiten gerade der Kultur eine „heilende” Funktion zukomme. In der virtuellen Ära finde die Kultur über digitale Wege ihren Zugang zum Publikum, z.B. durch Online-Ausstellungen.

Stärkung von Medienkompetenz

Laut Daniela Ingruber von der Donau-Universität Krems werde die Rolle von Medien (auch von Sozialen Medien) in der Corona-Krise oft per se als negativ dargestellt, was jedoch falsch sei. Ähnlich wie Kultur, könnten auch Medien eine „heilende“ Funktion ausüben und ein Gemeinschaftsgefühl und Räume schaffen, wo Menschen zusammenkommen. Als eine positive Entwicklung nannte sie eine verstärkte Sensibilisierung dafür, dass die Medienkompetenz sowohl von Jugendlichen als auch von Erwachsenen gestärkt werden müsse. Zudem müsste der Einschränkung von Medienfreiheit in manchen europäischen Ländern entgegengewirkt werden, indem unter einer engeren internationalen journalistischen Zusammenarbeit stärker Druck auf autokratische Regierungen ausgeübt werde.

Resilienz der Zivilgesellschaft

Für Hedvig Morvai von der Erste Foundation habe die aktuelle Pandemie die Schwäche staatlicher Institutionen in manchen Ländern verstärkt an die Oberfläche gebracht, worauf seitens der Zivilgesellschaft Verbesserungen eingefordert werden sollten. Für die Zivilgesellschaft selbst bedeute die Corona-Krise zwar eine momentane Beschränkung der eigenen Freiheiten, jedoch könne sich diese relativ rasch wieder erholen. Wichtig sei dabei, eine solide Basis für die Zukunft zu schaffen, effektive Instrumente und Maßnahmen zu entwickeln, um demokratische Werte zu stärken und mehr Raum für die Zivilgesellschaft zu schaffen. Darüber hinaus habe die Pandemie zusätzlich die gegenseitige Interdependenz zwischen EU und Westbalkan verdeutlicht, was eine bessere Pflege dieser Beziehung in der Post-Corona-Zeit notwendig mache.

Chancen der Digitalisierung

Fatos Mustafa, stellvertretender Generalsekretär des Regional Youth Cooperation Council (Tirana) betonte, dass die aktuelle Pandemie eine beschleunigte Digitalisierung erzwungen habe, was den Jugendlichen im Alltag gegenüber der älteren Generation einen Vorteil und damit mehr Mitspracherecht verschafft habe. Eine weitere Chance der voranschreitenden Digitalisierung sei es, verstärkt online zu kooperieren und neue Formate der Kommunikation und Kooperation zu entwickeln. Gerade jüngere Generationen könnten davon profitieren, indem sie über nationale Grenzen hinweg effektiver und enger zusammenarbeiten könnten.

Zuversichtlicher Ausblick

In seinen Schlussworten verwies Rektor Friedrich Faulhammer erneut auf die Rolle der Wissenschaft und gesicherten Wissens angesichts der Komplexität der gegenwärtigen Pandemie und deren Folgen. Es brauche die Zusammenarbeit und kein irregeleitetes „social distancing“. Trotz aller Herausforderungen: die vielen Potenziale, die in der Konferenz aufgezeigten Chancen und Lösungswege und der Einfallsreichtum der Menschen im Donauraum gäben Anlass zur Zuversicht, die Folgen der Pandemie rasch und erfolgreich zu bewältigen, so Faulhammer.

Die Konferenz kann auf dem IDM-Youtube-Kanal nachgeschaut werden.

Markus Golla
Über Markus Golla 8188 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Lehrer für Gesundheit- und Krankenpflege (Studium Umit/Wien)

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