AT: Telemedizin: Hohe Akzeptanz bei Patienten, aber für ein Viertel der Mediziner nur Kriseninstrument

Priv. Doz. Dr. Christof Pabinger, Präsident, Telemed Austria

COVID-19 verhalf der Telemedizin zu einem Popularitätsschub. „Die Akzeptanz von Online-Rezepten und telefonischen Krankschreibungen ist unter den Patienten und Ärzten hoch“, erklärte Christof Pabinger, Präsident von Telemed Austria beim qualityaustria Gesundheitsforum 2020 am 11. November 2020. Allerdings ist rund ein Viertel der Mediziner skeptisch, telemedizinische Leistungen auch abseits von Krisenzeiten einzusetzen, wie eine Befragung unter rund 20.000 Medizinern ergab. Mittels Webinaren für die Ärzte und Zertifizierungen für medizinische Apps möchte Pabinger nun gegensteuern. Gefordert sind aber auch die Gemeinden und Gesundheitsbehörden.

„Es gibt nicht nur einen Mangel an medizinischem Personal in Österreich, sondern auch an moderner Technologie und nachvollziehbaren Daten und Fakten“, analysiert Dr.Günther Schreiber, Netzwerkpartner, Projektmanagement und Koordination Branche Gesundheitswesen, Quality Austria. Gerade in dieser Krise werde deutlich, wie wenig die Akteure im Gesundheitswesen und die wesentlichen Daten vernetzt sind. Schreiber fordert im Rahmen des 14. qualityaustria Gesundheitsforums, dass Digital Health und Telemedizin künftig nicht nur bei der medizinischen Betreuung der Patienten eine stärkere Rolle spielen sollen, sondern ebenso bei der Dokumentation und Planung. Auch das Gesundheitsforum selbst bekam einen Digitalisierungsschub, indem die Fachvorträge und Diskussionen online stattfanden.

Telemedizin-Präsident sieht eingefahrene Strukturen als Barriere

Der Einsatz von Apps führt derzeit im medizinischen Alltag in Österreich noch eher ein Schattendasein. „Die eingefahrenen Kostenstrukturen im Gesundheitssystem und die verschiedenen Ansprechpartner sind für die App-Anbieter eine Markteintrittsbarriere. Es gibt mitunter keine ökonomische Motivation dem Patienten durch Präventivmaßnahmen Leid zu ersparen, weil die später anfallenden Kosten einen anderen Leistungsträger treffen“, erklärt Priv. Doz. Dr. Christof Pabinger, Präsident der Telemed Austria. „Zudem sind viele Ärzte deshalb Ärzte geworden, weil sie mit Technik eben nichts zu tun haben wollen. Daher sind sie in dieser Hinsicht besonders kritisch“, so der Experte weiter.

Telemedizin für manche Fachgebiete besonders gut geeignet

Die Akzeptanz, mittels Telemedizin betreut zu werden, ist zumindest während der Corona-Pandemie hoch, wie eine aktuelle Studie der Universität Innsbruck und der FH Krems zeigt. 80 Prozent der Patienten gab eine sehr hohe oder eher hohe Bereitschaft an, in Krisenzeiten telefonisch oder digital betreut zu werden. Auch die rund 20.000 befragten Ärzte sehen großes Potenzial für die telemedizinische Versorgung. Allerdings stehen rund ein Viertel der Mediziner der Telemedizin noch skeptisch gegenüber, wenn es darum geht, diese nicht nur in Krisenzeiten, sondern auch im Alltag einzusetzen. Besonders geeignet für Telemedizin sind laut einer Umfrage der Uni Innsbruck unter anderem die Fachgebiete psychische Erkrankungen, Reisemedizin, Vorsorgemedizin, Impfauskunft, Schönheitschirurgie, Dermatologie und die Einholung von Zweitmeinungen.

Moderne Technik gegen Landflucht von Ärzten

„Mittlerweile können zwar zahlreiche telemedizinische Leistungen mit den Krankenkassen abgerechnet werden, aber der Optimierungsbedarf ist riesig, denn seit 50 Jahren gibt es einen veralteten Tarifkatalog“, kritisiert Pabinger. Der Experte sieht aber auch die Kommunen am Zug: „Kleine Gemeinden kämpfen seit Jahren gegen die Landflucht von Ärzten, nützen dazu aber keinerlei technische Hilfsmittel.“ Eine Möglichkeit wäre etwa die Einrichtung von digitalen Benutzerplätzen, um lokale Spitäler mit den Gemeindeärzten auf Knopfdruck zu verbinden. Auch bei den privaten Zusatzversicherern ortet Pabinger einen Trend. Diese wollen nicht mehr länger nur die Rolle des Versicherers einnehmen, sondern zusätzlich die Rolle des Dienstleistungsanbieters. Es gebe von Versicherungen gehäuft Anfragen bei niedergelassenen Ärzten, um mit ihnen Verträge abzuschließen. Allerdings würden primär günstige Tarife angestrebt, um den zugewiesenen Patienten mittels kostenlos bereitgestellter – aber eher einfacher digitaler Infrastruktur – eine Grundversorgung zu bieten.

Vision für die Arztpraxis der Zukunft

Durch die Nutzung digitaler Daten kann die Telemedizin auch stärker dazu beitragen, Qualität in der Medizin messbar zu machen. Angesprochen auf seine Vision für die „Arztpraxis der Zukunft“ rechnet Pabinger damit, dass es in zehn Jahren in Österreich einige wenige große telemedizinische Anbieter geben wird, die Hard- und Software für Ärzte und Krankenhäuser zur Verfügung stellen, damit Patienten nicht extra für Nachuntersuchungen in die Praxen bzw. Spitalsambulanzen fahren müssen. Folgeuntersuchungen bzw. Vorabklärungen könnten ausschließlich telemedizinisch durchgeführt werden.

Qualitätssicherung durch Webinare und Zertifizierungen

Um die Kompetenz der Ärzte im Bereich Video-Konsultationen zu verbessern, will der Telemed Austria Präsident unter anderem mit Webinaren gegensteuern. Im Fokus stehen dabei beispielsweise Tipps zum Setting, der Beleuchtung, Kameraposition, Sprache oder dem aufmerksameren Zuhören des Patienten. „Die Telemedizin hat zwar viele Vorteile, bei älteren Ärzten und Patienten gibt es aber Vorbehalte gegenüber der Technik. Vielen Ärzten ist die juristische Lage unklar und es gibt auch Datenschutzbedenken“, erläutert Pabinger. Seitens der Anbieter sei die praktische Umsetzung manchmal auch unausgereift. „Die Zertifizierung von Applikationen kann dazu beitragen, dass die Qualität sichtbar wird und die Anbieter am österreichischen Markt ein Alleinstellungsmerkmal bekommen“, so der Experte.

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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