AT: Sterbehilfe – nicht den zweiten Schritt vor dem ersten setzen!

16. Oktober 2020 | News Österreich | 0 Kommentare

Die bevorstehende Entscheidung, ob in Österreich aktive Sterbehilfe legalisiert werden soll, scheidet die Geister. pro mente Austria, der Dachverband von 24 gemeinnützigen Organisationen, die in Österreich im psychosozialen und sozialpsychiatrischen Bereich tätig sind, weist darauf hin, dass es bei genauer Betrachtung oft die Rahmenbedingungen sind, die zum Wunsch nach dem eigenen Tod führen. Rahmenbedingungen, die eigentlich veränderbar wären.

Um hier Abhilfe zu schaffen und Betroffenen die Basis für eine freie Entscheidung zu ermöglichen, braucht es eine nachhaltige Verbesserung des Unterstützungssystems in Österreich. Erst dann ist es möglich, das Thema der Rechtmäßigkeit dieser weitreichenden Entscheidungsmöglichkeit überhaupt zu diskutieren, betont pro mente Präsident Dr. Günter Klug.

Freier Wille nicht gegeben

„Das Thema aktive Sterbehilfe ist derzeit in aller Munde. Dabei gehen die gegenwärtige Diskussion und auch die anstehende Entscheidung des Höchstgerichtes von einer zwingenden Voraussetzung aus: Die Entscheidung der Person muss aus freiem Willen und ohne Beeinflussung von außen erfolgen. Nur unter dieser Bedingung ist eine Diskussion über die Legalisierung der Sterbehilfe ethisch überhaupt vertretbar“, so pro mente Austria-Präsident Dr. Klug:

Zuerst einmal ist es notwendig zu klären: Welche Rahmenbedingungen und Umgebungsfaktoren sind es, die in Menschen, die an schweren Erkrankungen leiden, den Wunsch nach ihrem Tod aufkommen lassen?

Rahmenbedingungen begründen nur allzu oft Wunsch nach Sterben

Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die Menschen zu einer so radikalen Entscheidung, wie dem Wunsch nach dem eigenen Tod, treiben können:

  • Schmerzen und körperliche Zustände, die der Person Belastung und Scham bringen.
  • Einsamkeit und Depression, die zu einem negativ gefärbten Bild der Situation führen.
  • Eine finanzielle Situation, die wichtige und notwendige Unterstützungen nicht leistbar macht, oder Betroffene zu BittstellerInnen degradiert.
  • Ein zwar bestehendes, aber so komplexes Unterstützungssystem, dass sich Betroffene darin nicht ohne fremde Hilfe zurechtzufinden.
  • Einschränkungen der Mobilität, die es verunmöglichen, Informationsstellen aufzusuchen.
  • Verzweiflung, Scham und Resignation führen oft dazu, dass Betroffene sich „nichts mehr erwarten“ und in einem ersten Kontakt mit z.B. einer Hilfsorganisation ablehnend reagieren. Nachgehende Unterstützung, Beratung und Versorgung muss die Verantwortung für den Beziehungsaufbau übernehmen und Zeit dafür zur Verfügung haben.
  • Angehörige werden oft wegen fehlender anderer Möglichkeiten zeitlich, emotional und finanziell überlastet. Die betroffene Person sieht diese Belastung, erkennt, dass die geliebten Menschen in ihrem privaten Leben, ihrer beruflichen Entwicklung und finanziell dadurch sehr belastet sind. Oft wird dann nur ein Weg gesehen, diese aus dem Druck zu befreien.
  • etc.

Unterstützung ist Voraussetzung für freie Entscheidung

„Um Freiheit im Denken und beim Entscheiden zu ermöglichen, bedarf es in einer solchen Lebenssituation eines umfassenden Unterstützungssystems. Nur so kann von freiem Willen auch nur annäherungsweise die Rede sein“, wird Klug nicht müde zu betonen.

Die Mitgliedsvereine von pro mente Austria arbeiten seit vielen Jahren österreichweit im Gesundheits- und Sozialbereich. Aus der daraus gewonnenen Erfahrung lässt sich sagen, dass es in Österreich zwar viele Ansätze für gute Unterstützung gibt, dass diese aber sowohl regional als auch von der Erreichbarkeit, der Dichte und der Finanzierbarkeit sehr unterschiedlich gestaltet sind.

Klug: „Derzeit gibt es kein einheitliches System der Versorgung, dass unaufgefordert auf die Menschen zugeht, Zeit für Beziehungsaufbau und Betreuung hat und die Angehörigen entsprechend berät und entlastet. Und das zusätzlich so professionell ausgestattet ist, dass medizinische, psychische, finanzielle und inhaltliche Fragestellungen, auch bezüglich unterstützender Materialien und technischer Hilfestellungen, so gelöst werden, dass sich die betroffene Person sicher fühlt, nachhaltig in ein Netzwerk eingebunden ist, bestens beraten wird und Fragen der Betreuung und Ökonomie ohne Belastung der Angehörigen gelöst werden können.“

Verbesserung des Unterstützungssystems gefordert

Aus diesem Grund fordern die Mitgliedsvereine von pro mente Austria von der Regierung und dem Höchstgericht: Bevor eine Entscheidung zum Thema aktive Sterbehilfe getroffen wird, müssen zuerst Rahmenbedingungen geschaffen werden, mit deren Hilfe betroffene Menschen jene Unterstützung, die sie zum Treffen einer freie Entscheidung benötigen, zur Verfügung gestellt wird – in erreichbarem, finanzierbarem und ausreichendem Maße.

Klug: „Erst wenn Menschen in einer schweren Lebenssituation jene Unterstützung zuteil wird, die sie frei vom Stress der Sorge um ihre Betreuung, von körperlichen und psychischen Schmerzen und finanziellen Ängsten macht und wenn ihre Angehörigen nachhaltig entlastet werden, ist eine Beurteilung und Diskussion über Sterbehilfe möglich.“

Abschließend betont der pro mente Austria-Präsident: „Derzeit sind wir in Österreich von diesen zwingend notwendigen Rahmenbedingungen noch weit entfernt und treiben Menschen dadurch in Entscheidungen, die sie mit der entsprechenden Unterstützung vielleicht nie treffen würden.“

 

pro mente Austria ist der Dachverband von 24 gemeinnützigen Organisationen, die in Österreich im psychosozialen und sozialpsychiatrischen Bereich tätig sind.

Ziel von pro mente Austria ist es, das Leben und die Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen nachhaltig zu verbessern und sie und ihr soziales Umfeld zu unterstützen und zu stärken.

Das Angebot der 24 Mitgliedsorganisationen von pro mente Austria ist breit gefächert. Sie betreuen österreichweit mit 4.000 MitarbeiterInnen jährlich rund 80.000 Menschen mit psychischen oder psychiatrischen Problemen bzw. Erkrankungen.

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)