AT: Stellungnahme zum Thema „Pflegelehre“

(C) Butch

In einem Newsletter der Wirtschaftskammer Österreich vom 8. 6. 2018 wird gefordert, dass die Pflegelehre „schnellstmöglich eingeführt werden muss, damit sich der hohe Bedarf an Pflegekräften in naher Zukunft decken lässt“. Anzunehmen ist, dass sich dieser Vorschlag, der auch von anderen Stellen eingebracht wird, auf die Pflegeassistenzberufe bezieht, da lt. GuKG 2016 § 117 (27) vorgesehen ist, den gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege ab 2024 nur mehr auf der Fachhochschule auszubilden. Eine breit geführte, mit stichhaltigen Argumenten und durch Forschungserkenntnisse gestützte Diskussion zum Thema der Behebung des Fachkräftemangels ist dringender denn je. Es ist jedoch zu bezweifeln, dass eine einseitige Fokussierung auf die Pflegelehre das Problem beheben wird, zudem sprechen einige stichhaltige Argumente gegen eine Pflegelehre der Pflegeassistenzberufe:

  • Es besteht der empirische Nachweis, dass Personen, die eine höhere Schulbildung und theoretische Qualifizierung absolviert haben, ressourcenschonender mit beruflichen Belastungen und Anforderungen im Pflegebereich umgehen können (z. B. Buchegger-Traxler, 2014).
  • Der Umgang mit belastenden Situationen ist altersabhängig, das Eintrittsalter in die Lehre ist sehr niedrig.
  • Unterschiedliche Studien zeigen, dass die Mehrheit aller 14-jährigen Pflichtschulabgängerinnen/-abgänger den Besuch einer weiterführenden berufsbildenden mittleren oder höheren Schule, jedoch nur ein Drittel von ihnen einen Lehrberuf anstrebt (z. B. Hofer 2009). Dieser Trend wird auch in der Schulstatistik des Jahres 2015/16 der Statistik Austria sichtbar: Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die einen Lehrberuf ergreifen, nimmt seit Jahrzehnten laufend ab.
  • Gerade BHS-Modelle als Ausbildungsweg für die Pflegeassistenzberufe erscheinen als guter Weg, den Abschluss einer Berufsausbildung mit der Hochschulreife zu verbinden und so Karriereperspektiven zu eröffnen. Ein BHS-Modell würde zudem unmittelbar an die Sekundarstufe II des heimischen Bildungswesens anschließen, ohne dass ein zeitlicher Verlust in Kauf genommen werden müsste.
  • Im Moment ist nicht klar, wer in der Praxis diese Personen ausbilden soll, zumal viele Organisationen mit der Praxisanleitung schon gegenwärtig überfordert sind.
  • Ebenso ist nicht anzunehmen, dass eine Nivellierung der Ausbildung den Beruf für Pflegende attraktiver macht, vielmehr wird sie sich gegenteilig auswirken.

Es ist zwar zu begrüßen, dass eine breite Diskussion darüber geführt wird, wie der Fachkräftebedarf in der Pflege gedeckt werden kann, vorliegende Fakten und Forschungsergebnisse sollten dabei aber nicht ignoriert werden.

Doris Pfabigan
Über Doris Pfabigan 1 Artikel
Studium der Philosophie, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Langjährige Tätigkeit in der stationären und ambulanten Langzeitpflege, seit 2002 Mitarbeit in unterschiedlichen Forschungs- und Umsetzungsprojekten zu Migration, Gesundheitsthemen, Palliative Care, Ethik in der Akut- und Langzeitpflege, Curriculum- und Praxisentwicklung sowie als Lektorin an unterschiedlichen Bildungseinrichtungen tätig. doris.pfabigan@gmx.at

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