AT: Schmerztherapie bei Kindern und Jugendlichen: Besonderheiten und Empfehlungen für die Praxis

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Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen werden oft unzureichend therapiert – was lebenslange Folgen für die Betroffenen haben kann. ÖSG-Vizepräsidentin OÄ Dr. Waltraud Stromer gibt aus Anlass der 20. Österreichischen Schmerzwochen Empfehlungen, worauf bei der Schmerzversorgung der jüngsten Patienten geachtet werden muss.

Schmerzen sind unter Kindern und Jugendlichen weiter verbreitet als oft vermutet und verdienen mehr Aufmerksamkeit. „Unzureichend behandelte und wiederkehrende Schmerzen können Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigen und chronisch werden“, warnt ÖSG-Vizepräsidentin OÄ Dr. Waltraud Stromer anlässlich der 20. Österreichischen Schmerzwochen der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG). Die Fachgesellschaft informiert seit nunmehr 20 Jahren im Rahmen ihrer jährlichen Schmerzwochen über die neuesten Entwicklungen in der Schmerzmedizin. Die ÖSG-Vizepräsidentin hat in Zusammenarbeit mit einer interdisziplinären Gruppe von Kinderärzten und Schmerzmedizinern wesentliche Rahmenbedingungen für eine verbesserte Schmerzversorgung definiert und wichtige Praxisempfehlungen veröffentlicht. Hier einige zentrale Ergebnisse:

Frühchen und Neugeborene besonders schmerzempfindlich

Bereits Kinder im Mutterleib zeigen ab der 26. Schwangerschaftswoche Reaktionen auf Schmerzreize. Bei Früh- und Neugeborenen sind die Schmerzschwellen generell niedriger und die Schmerzreaktionen stärker ausgeprägt. „Starke Schmerzreize in der Neonatalperiode können die normale Entwicklung des Systems zur Schmerzwahrnehmung und Schmerzunterdrückung verhindern und bleibende Veränderungen im Schmerzempfinden bewirken. Daher sollten Kinder von Anfang an so wenig Schmerzen wie möglich erleben“, sagt Dr. Stromer. Je länger und öfter Schmerzen bei Kindern auftreten, desto gravierender wird das Chronifizierungsrisiko. Daher sind Schmerzvermeidung durch prophylaktische Maßnahmen und eine adäquate Schmerztherapie bei Kindern sehr wichtig.

Kindgerechte Schmerzmessung und Kommunikation

Die Schmerzmessung ist eine Voraussetzung für die Schmerztherapie. Dafür stehen verschiedene Verfahren zur Selbsteinschätzung des Schmerzes zur Verfügung. Die geeignete Methode muss sich am Alter der Kinder und ihrer kognitiven und sprachlichen Entwicklung orientieren. Vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern kann die Schmerzmessung aber eine besondere Herausforderung sein, da keine spezifischen Schmerzzeichen vorhanden sind und die Abgrenzung zu Unwohlsein, Angst oder Hunger häufig schwierig ist.

Entscheidend bei der Schmerzmessung bei Kindern ist eine kindgerechte Anwendung in Form einer adäquaten Sprache und der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses, da Kinder gegenüber Fremden Schmerzen oft auch verleugnen. Allgemein ist eine gute Kommunikation zwischen Ärztinnen und Ärzten, Kindern oder Jugendlichen und deren Eltern die Basis für eine optimale Schmerzvermeidung und -behandlung. „Transparente und ehrliche Botschaften sind entscheidend. Die Gespräche sollten ruhig verlaufen, eventuell muss wiederholt nachgefragt und erklärt werden“, rät Dr. Stromer.

Bei einer notwendigen Einnahme von Arzneimitteln oder anderen schmerztherapeutischen Maßnahmen sind klare Instruktionen an die Kinder selbst, wenn sie solche Informationen bereits verstehen können, und auch an die Eltern wesentlich.

Schmerzen bei Behandlungen und Untersuchungen reduzieren und vorbeugen

Damit bei Untersuchungen und Behandlungen keine unnötigen Schmerzen entstehen, können die Ärztinnen und Ärzte vorbeugende Maßnahmen setzen. „Bei unkomplizierten HNO-Eingriffen ist beispielsweise vor der Operation keine Blutabnahme notwendig. Bei kleinen Interventionen wie einer Injektion kann das Auftragen einer EMLA®-Creme, eine eutektische Mischung aus Lidocain 2,5 % und Prilocain 2,5 % oder das Pflaster mit der gleichen Wirkstoffkombination den Schmerz beim Nadelstich lindern“, erklärt OÄ Stromer. Vor Impfungen kann Kindern auch Paracetamol oder Ibuprofen gegeben werden. Lachgas ist eine weitere nebenwirkungsarme Methode, um Schmerzen bei Eingriffen zu vermindern. „Seine Verwendung ist allerdings an verschiedene Vorschriften gebunden und daher nicht immer möglich“, sagt Dr. Stromer. Größere interventionelle Eingriffe wie etwa Punktionen könnten bei Kindern auch mit einer Sedoanalgesie („Dämmerschlaf“) verbunden werden, wenn keine Vollnarkose notwendig ist. „Schmerzen erzeugen Angst und Hilflosigkeit, was das Schmerzerleben weiter verstärkt. Kindergerechte Rahmenbedingungen, geschultes Personal und unterstützende Eltern sind wesentliche Faktoren, um das Stresserleben von Kindern zu vermindern“, betont die Schmerzspezialistin.

Geeignete Schmerzmedikamente für Kinder

Die Schmerztherapie bei Kindern ist herausfordernd, weil sich die Pharmakodynamik und -kinetik mit dem Alter ändert, besonders in den ersten sechs Lebensmonaten. Die Dosierung der Medikamente muss exakt an Alter und Körpergewicht angepasst, Tageshöchstwerte und Dosierungsintervalle müssen adaptiert werden. Nicht alle Schmerzmittel für Erwachsene sind auch für die Kinderheilkunde geeignet. „Das darf aber kein Grund für eine schmerzmedizinische Unterversorgung bei Kindern und Jugendlichen sein. Es gibt auch für diese Patientengruppe eine große Auswahl an Medikamenten“, betont ÖSG-Vizepräsidentin Stromer. Bei der Wahl des Analgetikums müssen neben der Schmerzintensität auch die Schmerzmechanismen und das individuelle Risiko berücksichtigt werden. Die Tatsache, dass eine bestimmte Substanz, Dosierung oder Darreichungsform für Kinder nicht zugelassen ist, bedeutet außerdem keineswegs, dass eine Anwendung nicht erlaubt wäre. „Im Gegenteil: Off-Label-Use kann unter bestimmten Bedingungen sogar geboten sein“, so Dr. Stromer.

Quelle: Besonderheiten der Schmerztherapie bei Kindern und Jugendlichen: Empfehlungen für die Praxis. Schmerznachrichten – Zeitschrift der Österreichischen Schmerzgesellschaft. Nr. 2b/2020. https://www.pains.at/sonderpublikationen/sn-2b-2020-besonderheiten-der-schmerztherapie-bei-kindern-und-jugendlichen/

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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