AT: Schmerzen lindern bei den Schwächsten

25. Januar 2019 | News Österreich | 0 Kommentare

on kranken Säuglingen bis zu Demenzkranken: Bei vielen Patientengruppen werden Schmerzen oft übersehen und bleiben unzureichend behandelt. Anlässlich der 18. Österreichischen Schmerzwochen macht sich die Österreichische Schmerzgesellschaft stark für Betroffene, die nicht ausreichend für sich selbst sprechen können. „Jede und jeder hat das Recht auf bestmögliche schmerzmedizinische Versorgung. Das gilt ganz besonders für die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft“, sagt ÖSG-Präsidentin OÄ Dr. Gabriele Grögl-Aringer. Die ÖSG fordert eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Betreuung aller Schmerzpatientinnen und -patienten.

Wien, 22. Jänner 2019 – Bereits zum 18. Mal veranstaltet heuer die Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG) die Österreichischen Schmerzwochen. Diese Informationskampagne informiert auf breiter Basis über aktuelle Entwicklungen und Therapieoptionen in der Schmerzmedizin sowie über Versorgungsstrukturen und greift  jährlich ein Schwerpunktthema auf. „Im Einklang mit der internationalen Kampagne der Internationalen Schmerzgesellschaft ISAP und der Europäischen Schmerzföderation EFIC machen wir uns 2019 stark für Menschen, die besonders gefährdet sind, dass ihre Schmerzen übersehen, übergangen oder falsch eingeschätzt werden, dass sie unzureichend therapiert werden oder dass sie sehr gravierende chronische Schmerzerkrankungen entwickeln“, berichtet ÖSG-Präsidentin OÄ Dr. Gabriele Grögl-Aringer, Leiterin der Schmerzambulanz, Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin, Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien.

Unter „vulnerablen Personen“ sind in erster Linie Menschen zu verstehen, die nicht oder nicht ausreichend für sich sprechen und eine Schmerzbehandlung einfordern können: Kranke Säuglinge oder Kleinkinder zum Beispiel, deren Schmerzen unterschätzt und unzureichend behandelt werden. Demenzkranke sowie mental retardierte Menschen und Menschen mit eingeschränkter Sprachfähigkeit sind einem hohen Risiko ausgesetzt, dass ihre Schmerzen nicht erkannt und therapiert werden. „Wir zählen auch pflegebedürftige und körperlich behinderte Menschen zu den vulnerablen Personen. Sie sind vielfach nicht in der Lage, ohne fremde Hilfe etwas gegen ihre Schmerzen zu tun“, so ÖSG-Präsidentin Grögl-Aringer. „Ebenso zählen Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund der nicht selten erlittenen psychischen und/oder physischen Traumatisierung, sowie kultureller und sprachlicher Barrieren zu den Vulnerablen. Menschen mit Kriegs-, Folter- oder Fluchterfahrungen entwickeln oft eine komplexe Schmerzsymptomatik als Reaktion auf ihre Erlebnisse.“ Die Behandlung von Schmerzen bei Frauen während der Schwangerschaft, der Geburtsperiode  und der Stillzeit ist oftmals mit Unsicherheit und Ängsten bezüglich einer möglichen Schädigung des Ungeborenen, Neugeborenen und des Säuglings verbunden, die in diesem Fall  als vulnerabel anzusehen sind.

 

„Es liegt zwar auf der Hand, dass die genannten Patientengruppen besonderes Augenmerk verdienen. Dennoch fehlt es vielfach am nötigen Bewusstsein, an Zeit, Wissen und ganz speziellen Angeboten. Doch jede und jeder hat ein Recht auf bestmögliche schmerzmedizinische Versorgung, das ist ein in der österreichischen Patientencharta gesetzlich abgesicherter Anspruch. Das gilt ganz besonders auch für die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft, die keine oder nur eine sehr leise Stimme haben. Dafür möchten wir im Rahmen der Schmerzwochen sensibilisieren“, so die ÖSG-Präsidentin.

Die Schmerzwochen der ÖSG finden heuer bereits zum 18. Mal statt. „Unsere Informations- und Medienaktion richtet sich zum einen an die breite Öffentlichkeit, und im Besonderen an Schmerzpatienten und deren Angehörige“, betont OÄ Dr. Grögl-Aringer. „Darüber hinaus wollen wir mit den Schmerzwochen Menschen ansprechen, die in Gesundheitsberufen tätig sind oder Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen organisieren. Sie sind in der täglichen Arbeit gefordert, Schmerzpatienten Unterstützung zu bieten.“ Doch Ärztinnen und Ärzte sowie andere Angehörige von Gesundheits- und Pflegeberufen stünden in jeder Hinsicht unter Druck, so die ÖSG-Präsidentin: „Das Personal ist knapp bemessen, die Zeit für Weiterbildung, Supervision und für die Patientinnen und Patienten ist es ebenfalls. Die Österreichische Schmerzgesellschaft plädiert daher dringend für eine Aufwertung der schmerzmedizinischen Aus- und Weiterbildung und deutlich mehr Ressourcen für die Betreuung von Schmerzpatienten. Dazu wäre es unter anderem erforderlich, dass sich die schmerzmedizinische Betreuung im niedergelassenen Bereich endlich in angemessener Weise in den Honorarkatalogen der Sozialversicherung wiederfindet.“

Massiv mangelt es in Österreich an spezialisierten Versorgungsstrukturen. Gemäß Gesundheitsbefragungen und internationalen Datenerhebungen ist in Österreich von etwa 1,5 bis 1,8 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen auszugehen. Etwa 350.000 von ihnen leiden an einer schweren Schmerzerkrankung mit massiver Chronifizierung. „Für diese große Menge an Patienten fehlt es zum einen an Schmerzambulanzen. In den vergangenen Jahren wurden in Österreich mehr als zehn Ambulanzen geschlossen, meist aus Personalmangel“, so OÄ Dr. Grögl-Aringer. „Österreichweit gibt es noch 48 Schmerzambulanzen, von denen allerdings nur ein kleiner Teil täglich geöffnet hat, die Folge sind monatelange Wartezeiten der Patienten auf einen Ersttermin. Im stationären Bereich gibt es leider nur in wenigen Krankenhäusern einen Akutschmerzdienst.“

Insbesondere fehlt es auch an Zentren, die eine multimodale Schmerztherapie nach internationalen Standards anbieten können. In diesen werden medikamentöse, nicht medikamentöse, edukative und psychologisch-psychotherapeutische  Therapieverfahren miteinander kombiniert. Dr. Grögl-Aringer: „Dieser Zugang ist aufgrund seiner nachweislichen Wirksamkeit international vielerorts schon Standard, in Österreich gibt es leider nach wie vor nur ein solches Zentrum am Klinikum Klagenfurt. Für Wien wurde nach der Präsentation des ersten Wien Schmerzberichtes vom Gesundheitsstadtrat eine Verbesserung der schmerzmedizinischen Versorgung angekündigt. Es bleibt abzuwarten ob erstmals derartigen, bereits oftmals ausgesprochenen Worten auch Taten folgen.“

Aufgabe der Politik sei es, auch hierzulande endlich die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Schmerzversorgung zu verbessern. „Unser dringendster Appell an die Verantwortlichen auf Bundes- und Länderebene lautet, nicht nur den unzähligen Schmerzpatienten in Österreich mehr Aufmerksamkeit zu schenken und deren Versorgung internationalen Standards entsprechend zu verbessern, sondern auch vulnerablen Menschen eine optimale Schmerzversorgung zu ermöglichen. Wie mit ihnen umgegangen wird, ist schließlich ein Gradmesser für unsere Gesellschaft“, sagt ÖSG-Präsidentin Dr. Grögl-Aringer.

Service

  1. Österreichische Schmerzwochen: Informationsangebote für Patientinnen und Patienten

Informationsfolder: https://goo.gl/MDFk57

Informationsvideo: www.oesg.at

Interaktives Patienten-Webinar: 7. Februar, 16 Uhr – Anmeldung und Information unter https://www.edudip-next.com/de/webinar/patientenwebinar-18-osterreichische-schmerzwochen/13236

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)