AT: Schmerz in der Fremde: Warum Menschen mit Migrationshintergrund besonders oft an chronischen Beschwerden leiden – 18. Österreichische Schmerzwochen

v.l.n.r.: Prim. Priv.-Doz. Dr. Nenad Mitrovic, OÄ Dr. Gabriele Grögl-Aringer, OA Dr. Wolfgang Jaksch, DEAA © B&K/APA-Fotoservice/Rastega
v.l.n.r.: Prim. Priv.-Doz. Dr. Nenad Mitrovic, OÄ Dr. Gabriele Grögl-Aringer, OA Dr. Wolfgang Jaksch, DEAA © B&K/APA-Fotoservice/Rastega

Wien (pts023/22.01.2019/15:50) – Wer unter oft schwierigen Bedingungen ein neues Leben in der Fremde beginnen muss, hat ein hohes Risiko für chronische Beschwerden. Sprachliche und kulturelle Barrieren stehen zusätzlich einer guten schmerzmedizinischer Versorgung im Weg. „Mit den 18. Österreichischen Schmerzwochen möchten wir dafür ein Bewusstsein schaffen, dass es viele Personengruppen gibt, deren Schmerzen übersehen, falsch eingeschätzt und ungenügend behandelt werden. Migrantinnen und Migranten der ersten Generation zählen dazu“, so OA Dr. Wolfgang Jaksch DEAA, Pastpräsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Anästhesist am Wilhelminenspital Wien.

Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Migrantinnen und Migranten besonders häufig mit Schmerzen zu kämpfen haben: Laut einer repräsentativen Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland geben ausländische Patienten doppelt so oft wie deutsche Patienten Schmerzen als Hauptgrund für ihren Arztbesuch an – konkret 33 versus 16 Prozent. Frauen türkischer Herkunft leiden laut einer Erhebung in Berliner Notfallambulanzen öfter an Kopf- und Gliederschmerzen und klagen über eine größere Schmerzausbreitung und -stärke als deutsche Frauen. Eine schwedische repräsentative Untersuchung zeigte auf, dass der Faktor Migration eine Vorhersagevariable dafür ist, ob jemand chronische Schmerzen entwickelt: Menschen, die nach Schweden ausgewandert waren, litten doppelt so häufig an multilokulären Schmerzen wie in Schweden geborene Personen.

Wie kommt es zu diesen Unterschieden? „Mit Genetik kann man nur einen kleinen Teil erklären. Es sind vor allem die vielfältigen Belastungen, die Menschen mit Migrationshintergrund zusetzen“, erklärt OA Dr. Jaksch. Chronische Schmerzerkrankungen nehmen bei Migranten dann einen ungünstigeren Verlauf als bei Einheimischen, wenn die Integration in das neue kulturelle Umfeld schlecht und der Arbeitsplatz unsicher ist, wenn der soziale Status und die Unterstützung aus dem sozialen Netzwerk zu wünschen übrig lassen und auch die Arzt-Patient-Beziehung nicht gut funktioniert. „So kommt es, dass zum Beispiel türkische Migranten der 1. Generation viermal öfter unter chronischen Kopfschmerzen leiden als jene der 2. Generation“, so Dr. Jaksch.

Für Ärztinnen und Ärzte ist es in der Praxis oft schwer, die schmerzbezogene Situation von Migrantinnen und Migranten richtig einzuschätzen. Eines der größten Probleme: die Sprachbarriere. „Für die Anamnese braucht es nun einmal ein vertrauliches Gespräch. Fungiert ein Familienmitglied als Übersetzer, wird womöglich aus Scham oder Angst Wichtiges verschwiegen: Eheprobleme zum Beispiel, die sich in Rückenschmerzen äußern, finanzielle Sorgen, die Kopfweh bereiten, Angst um den Aufenthaltsstatus, die Bauchweh macht“, berichtet OA Dr. Jaksch.

Dazu kommen soziokulturelle Unterschiede: In manchen Kulturen oder für manche Geschlechter ist es verpönt, Schmerzen zu äußern. Oder: Patienten geben nicht zu, dass die Behandlung nicht anschlägt, weil es in ihrer Kultur eine unstatthafte Beleidigung des Arztes wäre. Umgekehrt gibt es Kulturen, in denen Schmerz äußerst lebhaft gezeigt wird. „In ausdrucksärmeren Ländern wie Österreich kann das als Übertreiben und Simulieren interpretiert werden und eine Abwehrreaktion auslösen“, sagt Dr. Jaksch. Selbst wenn die Leiden der Betroffenen ausgeprägt sind, werden sie dann bagatellisiert und sogar mit Pseudodiagnosen wie „Balkan-Syndrom“ oder „Morbus mediterraneus“ bedacht.

Was wäre nötig, um Migrantinnen und Migranten besser bei Schmerzen zu helfen? Für ÖSG-Experten Dr. Jaksch liegt ein erster Schritt darin, die interkulturelle Kompetenz in Gesundheitseinrichtungen zu stärken, etwa durch Schulungen und interkulturelle Teams. Professionelle, zuschaltbare Dolmetschdienste wären zudem ein großer Fortschritt für die tägliche Arbeit in Schmerzambulanzen.

Der Experte fordert außerdem multimodale Schmerztherapie-Angebote: Diese seien für alle chronischen Schmerzpatienten dringend erforderlich, in Österreich aber Mangelwaren. „Egal, aus welchem Land Menschen kommen: Bei anhaltenden Beschwerden brauchen Patienten nicht nur Analgetika, sondern auch therapeutische Gesprächsangebote, Entspannungstrainings, Schulungen, um mit chronischen Schmerzen besser umgehen zu lernen, vielleicht sogar eine Weitervermittlung an soziale Dienste“, betont der Experte. Tatsächlich aber zeigen Untersuchungen aus Deutschland, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger Analgetika und seltener Gesprächstherapie angeboten bekommen als andere Schmerzpatienten. Nicht zuletzt brauche es etwas, das über Gesundheitspolitik weit hinausgeht: Ein gesellschaftliches Klima und Rahmenbedingungen, die Integration und Teilhabe an der Gesellschaft für Menschen mit Migrationshintergrund begünstigen, so Dr. Jaksch.

Quellen: Venkat, S. & Söllner, W.: Starke Schmerzen in der Fremde. Patienten mit Migrationshintergrund. In: Heilberufe (2014) 66: 34. https://doi.org/10.1007/s00058-014-0676-9; Cegla, T.H.: Krieg, Vertreibung, Schmerz. Multimodale Schmerztherapie bei Migranten, in: Schmerzmed. (2017) 33: 38. https://doi.org/10.1007/s00940-017-0603-7

 

 

Autor:in

  • Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Advanced Practice Nurse, akademische Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege, Demenzberaterin, Direktorin im Haus Hetzendorf, Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser

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