AT: Rückenmarkstimulation wird immer patientenfreundlicher: Weniger Schmerz, abnehmender Medikamentenbedarf, mehr Lebensqualität

(C) Ana Blazic Pavlovic

Innovationen helfen, die Rückenmarkstimulation immer besser an individuelle Patientenbedürfnisse anzupassen. Neue Studien belegen die Wirksamkeit der Methode bei hartnäckigen Beschwerden in Rücken, Armen und Beinen auch dann, wenn herkömmliche Therapien scheitern.

Wien/Innsbruck, 31. Jänner 2020 – Immer mehr Studien belegen die Wirksamkeit der Rückenmarkstimulation bei bestimmten chronischen Schmerzzuständen, auch aufgrund der ständigen Verbesserungen dieser Methode. „Die Behandlung hilft schon seit rund 30 Jahren gegen chronische Schmerzen. Dank permanenter Weiterentwicklungen wird sie aber immer ausgefeilter und patientenfreundlicher“, berichtet A.o. Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner, Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) anlässlich der 19. Schmerzwochen der ÖSG.

Therapiestärke in Einklang mit Patientenbedürfnissen bringen

Der „EvolveSM Workflow“ beispielsweise ist eine Innovation, die ein Feinjustieren der Therapie ermöglicht. Bisher wurde die Rückenmarkstimulation in einer niedrigen Frequenz von 40 Hz dosiert, doch immer häufiger kommt die Hochfrequenzstimulation mit 1000 Hz von Anfang an zum Einsatz. „Die Hochfrequenzstimulation erzielt zwar gute Erfolge, aber nicht für alle Patienten ist dieser steile Einstieg die beste Option“, sagt dazu Prof. Eisner. Der „EvolveSM workflow“ ermöglicht es, High dose- und Low dose-Therapieeinstellungen bei Rückenmarkstimulationssystemen optimal an die Bedürfnisse der Patienten anzupassen.

Getestet wurde „EvolveSM workflow“ im Rahmen der kürzlich publizierten VECTOR-Studie bei 103 Patienten mit hartnäckigen Schmerzen in Rücken und Beinen, die sonst auf keine andere Therapie ansprachen. Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) erreichten nach drei Monaten eine Schmerzreduktion um mindestens 50 Prozent, 70 Prozent erreichten ihr persönlich gesetztes Aktivitätsziel. Mit der Therapie zufrieden waren 81 Prozent. Nach drei Monaten entschieden sich 96 Prozent der Patienten ausschließlich für die Hochfrequenzstimulation.

Erfolgreich gegen das Failed Back Surgery Syndrome

Nur wenige wissenschaftliche Daten gab es bisher zu Rückenmarkstimulation beim Failed Back Surgery Syndrome, wenn also nach einer Wirbelsäulenoperation die alten oder auch neue Beschwerden wieder auftreten. Eine in 28 europäischen und US-amerikanischen Zentren durchgeführte Studie hat nun die Wirkung vonmehrreihiger Rückenmarkstimulation bei Schmerzpatienten evaluiert, bei denen eine Wirbelsäulenoperation nicht den erhofften Erfolg gebracht hatte und die unter den anhaltenden Beschwerden des Failed Back Surgery Syndrome litten. Verglichen wurden die Therapieerfolge von insgesamt 218 Patienten, die optimale medizinische Betreuung mit und ohne Rückenmarkstimulation erhielten. In der Gruppe mit zusätzlicher Rückenmarkstimulation gab es mehr Teilnehmer, die auf die Behandlung ansprachen. Bei dieser Gruppe verringerten sich auch Schmerzintensität und funktionelle Einschränkungen, während die gesundheitsbezogene Lebensqualität stieg. Bei der anderen Gruppe besserte sich nur die Lebensqualität. „In Summe scheint die mehrreihige Hochfrequenzstimulation als Zusatz zu einer optimalen medizinischen Versorgung geeignet zu sein, Schmerzen und Einschränkungen bei Patienten mit Failed Back Surgery Syndrome zu minimieren. Das ist besonders erfreulich, denn dieser Patientengruppe ist in der Regel sehr schwer zu helfen“, sagt Prof.  Eisner.

Weniger Opioide bei Wirbelsäulenschmerzen nötig

Eine vergleichende Literaturstudie hat untersucht, inwieweit Rückenmarkstimulation den Schmerzmittelkonsum von Patienten mit hartnäckigen Schmerzen der Wirbelsäule und Gliedmaßen beeinflusst. Fünf Studien mit insgesamt 489 Teilnehmern wurden identifiziert. Drei Studien berichteten, dass die Patienten mit Rückenmarkstimulation weniger Opioide brauchten als die Kontrollgruppe oder diese sogar absetzten. Eine der Studien kam zum Ergebnis, dass 34 Prozent der Patienten in einer Hochfrequenzgruppe und 26 Prozent der Patienten in einer konventionellen Niedrigfrequenzgruppe den Opioidkonsum senken konnten. In der Gruppe mit Hochfrequenzstimulation verringerte sich die durchschnittliche Morphinäquivalenzdosis um 24,8 mg, in der anderen um 7,3 mg. „Auch wenn der Unterschied zwischen den Gruppen keine statistische Signifikanz erreichte und es generell noch mehr Forschung zur Medikamentenreduktion infolge von Rückenmarkstimulation braucht, legt diese Literaturstudie doch nahe: Mit Rückenmarkstimulation steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich, mit weniger starken Schmerzmitteln auszukommen“, resümiert Prof. Eisner.

Quellen:

Hatheway, J et al (2019), ESRA19-0365 Vectors study: primary and secondary results assessing pain relief and functional outcomes using spinal cord stimulation (SCS) with high dose (HD) stimulation parameters. Regional Anesthesia & Pain Medicine. 44. A97-A98. 10.1136/rapm-2019-ESRAABS2019.103.

Rigoard P et al, Multicolumn spinal cord stimulation for predominant back pain in failed back surgery syndrome patients: a multicenter randomized controlled trial. Pain. 2019 Jun;160(6):1410-1420. doi: 10.1097/j.pain.0000000000001510.

Pollard EM et al, The effect of spinal cord stimulation on pain medication reduction in intractable spine and limb pain: a systematic review of randomized controlled trials and meta-analysis. J Pain Res. 2019 Apr 30;12:1311-1324. doi: 10.2147/JPR.S186662. eCollection 2019.

 

Markus Golla
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Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Lehrer für Gesundheit- und Krankenpflege (Studium Umit/Wien)

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