AT: Rotes Kreuz: Hilfe in Krisenzeiten und dringende Weichenstellungen für die Zukunft

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Die größte, humanitäre Freiwilligenorganisation fordert eine echte Pflegereform, ein ganzheitliches Krisensicherheitsgesetz und die Überarbeitung des Freiwilligengesetzes.

Das Rote Kreuz ist seit über zwei Jahren im Dauereinsatz: Die Corona–Pandemie und nun die humanitäre Katastrophe in der Ukraine fordern alle Kräfte. Dennoch ist es bereits jetzt entscheidend, dringende, politische Weichenstellungen für die Zukunft vorzunehmen. In einer Pressekonferenz am nationalen Tag der Notrufnummer 144 fordert das Rote Kreuz die Überarbeitung des Freiwilligengesetzes, ein neues, ganzheitliches Krisensicherheitsgesetz sowie eine echte Pflegereform.

Helfen ist Teamarbeit

Das Österreichische Rote Kreuz ist seit über 140 Jahren für jene Menschen da, die Hilfe benötigen – grenzüberschreitend, unabhängig und neutral. Die einzige Seite, die das Rote Kreuz bezieht, ist die von Menschen in Not.
Die Pandemie ist noch nicht zu Ende und der Einsatz für geflüchtete Menschen aus der Ukraine erfordert erneut die ganze Aufmerksamkeit des Roten Kreuzes. Das sind herausfordernde Aufgaben, die zusätzlich zum alltäglichen Regelbetrieb übernommen werden. Möglich ist das nur mit Hilfe der 70.000 Freiwilligen, die sich beim Roten Kreuz engagieren. Doch hinter jeder Hilfsleistung stecken Organisation, Logistik und eine Ausbildung. Das braucht viel Zeit und Geld – eine Aufstockung des Freiwilligen Fonds ist daher notwendig, um das Freiwilligenmanagement zu sichern. Darüber hinaus fordert das Rote Kreuz gesetzliche Änderungen im Bereich des Freiwilligen Sozialjahres. Denn aktuell erhalten Absolvent:innen des Freiwilligen Sozialjahres weder Unterstützung im Bereich Wohnen noch Zuschüsse für die Benützung öffentlicher Verkehrsmittel. „Wir fordern eine Wohnkostenbeihilfe, das Klimaticket und eine Anrechnung des Dienstes an die Pensionsversicherungszeiten, während der Durchführung des Freiwilligen Sozialjahrs“, so Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer. „Freiwillige sind gerade in Krisen- und Ausnahmesituationen eine verlässliche und vor allem unverzichtbare Stütze – das haben uns die vergangenen zwei Jahre einmal mehr vor Augen geführt. Die Freiwilligkeit ist für unsere Gesellschaft von unfassbarem Wert und eines haben die aktuellen Krisen bewiesen: Helfen ist immer Teamarbeit.“

Krisensicherheitsgesetz für klare Regeln

In den vergangen zwei Jahren hat sich gezeigt, dass Österreich nicht in allen Bereichen optimal auf Krisen vorbereitet ist. Für Monika Stickler, Stellvertretende Bundesrettungskommandantin, ist klar, dass vor allem personelle Ressourcen, materielle Vorhaltung sowie organisationsübergreifende Prozesse und Strukturen laufend optimiert werden müssen, um Krisen zukünftig erfolgreich bewältigen zu können. „Wir fordern ein Krisensicherheitsgesetz, das klare Spielregeln festlegt und eine solide Basis für die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Akteuren und den Hilfsorganisationen darstellt. Mit einer gesicherten Finanzierung der Infrastruktur aus dem Katastrophenfond können wir autark handlungsfähig bleiben – allein aus Spendengeldern ist das nicht finanzierbar. All das muss aber unbedingt im Vorfeld geschehen und nicht erst, wenn wir uns mitten in einer Krisensituation befinden“, so Stickler.

Suchdienst hilft Vermissten in Katastrophensituationen

Mit jeder Stunde, die der Konflikt in der Ukraine andauert, wächst das humanitäre Leid der Menschen. Millionen Menschen flüchten aus ihrer Heimat, ein Großteil davon sind Frauen und Kinder. Sie trennen sich von ihren Angehörigen, um sich in Sicherheit zu bringen – das Schicksal der Familienmitglieder, die in der Heimat bleiben, ist oft ungewiss und der Kontakt bricht ab. Der Suchdienst des Roten Kreuzes rechnet mit einem Anstieg der Fallzahlen von vermissten Personen in den kommenden Monaten und stellt Informationsmaterial und Antragsformulare in Ukrainisch/Russisch sowie Schulungen für Dolmetscher:innen zur Verfügung. „Die Fallklärung für den Konflikt in der Ukraine wird ein wesentlicher Teil der Arbeit in den kommenden Jahren sein. Unser Ziel ist es, Familien wieder zusammenzuführen und Klarheit über den Verbleib von Angehörigen zu bringen. Oft dauert es aber Jahre, bis wir Familien Antworten geben können“, erklärt Claire Schocher-Döring, Abteilungsleiterin des Suchdienstes in Österreich.

Pflegereform nicht länger aufschieben

Die Pandemiebekämpfung hat in den vergangenen zwei Jahren alle Ressourcen gefordert. Dadurch wurden in Österreich entscheidend wichtige Aufgaben nicht umgesetzt. Michael Opriesnig, Rotkreuz-Generalsekretär, warnt vor einem Mangel an Pflegekräften und fordert eine umfassende Pflegereform: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und müssen sofort handeln. Der Bedarf an Pflegekräften steigt und wir müssen jetzt alles tun, um die Zukunft der Pflege zu sichern. Es muss dringend in mehr Ausbildungsplätze für alle Pflege- und Sozialbetreuungsberufe investiert werden. Mit entsprechenden Förderungen – sowohl für junge Menschen als auch für Quereinsteiger:innen, sollte die Ausbildung zugänglicher gemacht werden. Ebenso müssen die Pflegekräfte viel mehr Möglichkeiten erhalten, sich zu spezialisieren und weiterzubilden. Wir fordern daher, dass Zusatzqualifikationen anerkannt werden – auch finanziell – und in der Tarifgestaltung berücksichtigt werden. Es ist wichtig, Pfleger:innen eine Perspektive zu bieten und ihnen eine Karriere zu ermöglichen, um sie in diesem spannenden Beruf auch zu halten und die Pflege in Österreich zu sichern.“

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)