AT: pro mente Austria-Präsident Günter Klug warnt vor Corona-Folgen: „Jetzt kommen auch immer mehr psychisch stabile Menschen ins Trudeln!“

(C) Romolo Tavani

Linz, am 04.08.2020. Zeiten der Unsicherheit – sie kommen nicht erst auf uns zu, wir sind bereits mittendrin. Auf diese kurze Formel lässt sich die Verunsicherung von immer mehr – auch psychisch stabilen – Menschen bringen. Dr. Günter Klug, Präsident von pro mente Austria, dem Dachverband von 24 Organisationen, die sich auf unterschiedliche Weise um Menschen mit psychischen Problemen kümmern, betont: Zunehmend mehr Menschen werden verunsichert und geraten dadurch aus dem Tritt. Nicht nur Wissenschaft und Forschung werden im Hinblick COVID-19 als unzuverlässig empfunden, auch die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen führen zu Unsicherheit und psychischen Problemen. Klug warnt vor den Folgen dieser Entwicklung und ruft zu entschiedenen Schritten zur Verhinderung einer weiteren Eskalation auf.

Verunsicherung auf allen Seiten

„Schon vor der nun alles dominierenden Pandemie haben wir uns in Zeiten gewaltiger Veränderungen befunden. In der Wirtschaft wird seit geraumer Zeit zunehmend auf Digitalisierung gesetzt – und die Pandemie hat dies noch verstärkt. Aber niemand weiß genau, wie sich die Arbeitsplätze in einer Wirtschaft 4.0 entwickeln, wie viele Arbeitsplätze in Zukunft überhaupt noch gebraucht werden. Sicher ist nur, dass es ohne stabile Ausbildung, lebenslanges Lernen und enorme inhaltliche, zeitliche und örtliche Flexibilität für den Einzelnen nicht mehr gehen wird“, umreißt Klug die Situation.

Gleichzeitig verändert sich unsere Gesellschaft: Es kommt zu einer immer stärker werdenden Individualisierung, immer mehr Menschen leben alleine, arbeiten unter Umständen im Home Office und haben immer weniger „reale“ soziale Kontakte. Dazu kommt die steigende Zahl von AlleinerzieherInnen, die eine Unzahl von Aufgaben zu bewältigen haben. Zeit und Kraft für weitere soziale Kontakte bleibt ihnen somit kaum.

„Ein weiteres, immer größer werdendes Problem ist die Versorgung älterer pflegebedürftiger Menschen. Jetzt tragen hier noch die Angehörigen den großen Part, aber wer wird das bei den veränderten soziales Strukturen in Zukunft übernehmen, wo noch dazu immer weniger Junge immer mehr Alten gegenüberstehen werden“, fragt Klug.

Daraus ergibt sich, dass besonders jüngere und ältere Menschen schwer verunsichert sind und sich vor der Zukunft fürchten. Zu dieser schwierigen Grundsituation kommen in zunehmendem Ausmaß nun auch noch die Folgen der Corona-Pandemie hinzu: Der wirtschaftliche Einbruch verschlechtert die Jobaussichten der Jugendlichen weiter und die Älteren werden als Hochrisikogruppe massiv positiv diskriminiert.

Immer mehr Menschen kommen „ins Trudeln“

Hat diese Gemengelage bisher vor allem Menschen mit psychischen Problemen außer Tritt geraten lassen, kommen nun aber auch psychisch und vom Selbstwert her stabile Menschen „ins Trudeln“.

Klug: „Wir beobachten hier zwei Trends: Einerseits führt die Verunsicherung dazu, dass die Menschen sich zurückziehen und den Covid-Rückzug zum Teil bewusst, zum Teil unabsichtlich fortsetzen. Oder aber sie kippen in die andere Richtung und leben jetzt nach dem Motto ‚Eh schon egal!‘. Sie vernachlässigen Ausbildung und Job und leben, als gäbe es kein Morgen. Wir treiben dabei nicht nur auf eine sehr auf den engsten Kreis zurückgezogene Gesellschaft zu, ein Biedermaier hoch zwei sozusagen, sondern auch auf einen deutlichen Anstieg von psychischen Belastungen und chronischem Stress.“

Beides führt über längere Zeit zu massiven gesundheitlichen Problemen, sowohl im körperlichen als auch im psychischen Bereich. Die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem und die Gesellschaft als Ganzes werden ohne Gegenmaßnahmen gewaltig sein.

Maßnahmen dringend erforderlich

Aus diesem Grund gebe es keine Alternative zu rascher Aktivität in mehrere Richtungen, betont Klug, und fordert daher von der Politik:

1.) Zurück zur klaren sachlichen Information, kein Spielen mit Ängsten, um einzelne Interessensgruppen zu bedienen.

2.) Beruhigung des Ausbildungssystems, auch unter schwierigen Bedingungen: Schule und Universität müssen offen und erreichbar sein, aber auch ein Mindestmaß an Kontakt bieten.

3.) Intensivierung der Maßnahmen, die jungen Menschen helfen, berufliche Perspektiven zu entwickeln und umzusetzen.

4.) Verstärkung vorbeugender Möglichkeiten, um sich entwickelnde psychische Probleme frühzeitig zu erkennen und abzufangen.

5.) Verbesserung der Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen, die bereits schwerere psychische Probleme entwickelt haben.

6.) Setzen eines Schwerpunktes auf zukünftige Betreuungsformen für alleine lebende ältere Menschen.

7.) Schaffung von klaren rechtlichen Rahmenbedingungen für die Arbeit im Home Office; sachliche Information über die Vorteile, aber auch über die Risiken dieser Arbeitsform.

Abschließend hofft Klug: „Die Covid-Krise hat die bestehenden Probleme nicht hervorgebracht, sondern nur verstärkt und deutlicher aufgezeigt. Hoffentlich hat sie den Nutzen, dass die Probleme nun auch erkannt und ernsthaft angegangen werden.“


pro mente Austria ist der Dachverband von 24 gemeinnützigen Organisationen, die in Österreich im psychosozialen und sozialpsychiatrischen Bereich tätig sind.

Ziel von pro mente Austria ist es, das Leben und die Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen nachhaltig zu verbessern und sie und ihr soziales Umfeld zu unterstützen und zu stärken.

Das Angebot der 24 Mitgliedsorganisationen von pro mente Austria ist breit gefächert. Sie betreuen österreichweit mit 4.000 MitarbeiterInnen jährlich rund 80.000 Menschen mit psychischen oder psychiatrischen Problemen bzw. Erkrankungen.

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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