AT: Physikalische Schmerzbehandlung bietet hohe Wirkung bei geringsten Nebenwirkungen

Keine einseitige Auslegung der evidenzbasierten Medizin

© B&K/APA-Fotoservice/Tesarek

Die Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (ÖGPMR) steht heuer unter dem Motto „Physikalische Medizin – Wirksam und nebenwirkungsfrei bei Schmerzen der Wirbelsäule und der Gelenke“. Das Hauptprogramm mit den Themen Schmerztherapie, Rheumatologie, Stoßwellenbehandlungen und Rehabilitation wird den Einblick in wichtige Gebiete der Physikalischen Medizin und ihre neuesten Entwicklungen und aktuellen Innovationen vertiefen. Auch das relativ neue Feld der Arbeitsmedizin in der PMR wird beleuchtet, ebenso wie die zunehmende Bedeutung von Online-Programmen. Beispiele sind hier die Video-Rehabilitation bei Krebs oder Video-Trainingsanleitungen für Menschen mit Hämophilie, der Bluterkrankheit.

Publikumsveranstaltung: Informationen und Handkraftmessung

Anlässlich unserer Jahrestagung haben wir am morgigen Freitag erstmals auch eine Publikumsveranstaltung organisiert: Erfahrene Fachärzte bieten den Besuchern wichtige Informationen zu den Themen Arthrose, Gelenksschmerz, Wirbelsäulenprobleme sowie physikalische Diagnostik und Therapie. Besucher können ihre Handkraft professionell messen lassen: Wie Studien zeigen, geben die Ergebnisse der Handkraftmessung nicht nur wichtige Hinweise auf die Muskulatur und den Trainingszustand, sondern auch Informationen über gesundes Altern und das Risiko einer herabgesetzten Lebenserwartung. Freier Eintritt. (Freitag, 8. November 2019; 9h30-11h30; Techgate Vienna, Donau-City-Straße 1, 1220 Wien)

Mit individuellen Behandlungsansätzen 90 Prozent der individuellen Therapieziele erreichbar

Physikalische Reize zur therapeutischen Anwendung kommen u. a. aus den Bereichen Temperatur, Elektrizität, Licht und Mechanik. Diese Anwendungen kommen in der Regel auch für schwerstkranke und multimorbide Patienten in Frage. Ebenso lassen sich geriatrische Patienten, Schwangere, Kinder- und Jugendliche sowie Menschen mit Schmerzmittel-Allergien gut behandeln. Physikalische Medizin kombiniert geringste Nebenwirkungen mit sehr hoher Wirkung, bei kompetentem Einsatz individueller Behandlungsansätze werden in mindestens 90 Prozent der Fälle die individuellen Therapieziele erreicht.

Hohe Komplexität von chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates

Chronische Schmerzen des Bewegungsapparates sind etwas sehr Komplexes. Ursache ist meistens ein selbstverstärkender Kreislauf auf körperlicher, seelischer und sozialer Ebene. Unbehandelt oder bei verzögerter Behandlung kann es zu stärksten Schmerzen und Bewegungseinschränkungen kommen, zu Depressionen und Teilhabestörungen mit Auswirkungen auf Partnerschaft, Familie und Beruf.

Neben den bewährten physikalischen Therapieverfahren wie Wärme, Ultraschall, Elektrotherapie, Heilmassage oder Bewegungstherapie kommen nach dem Abklingen der Schmerzen als Maßnahme einer Sekundärprävention auch Methoden zum Muskelaufbau wie zum Beispiel Medizinische Trainingstherapie zum Einsatz. Allerdings bedürfen diese Verfahren einer genaueren Abstimmung auf den individuellen Pateinten.

Kaum Wechselwirkungen mit Medikamenten – erforderliche Menge kann reduziert werden

Ein wichtiger Vorteil: Beim Einsatz physikalischer Methoden gibt es kaum Wechselwirkungen mit Medikamenten bzw. kann die zur Schmerzlinderung erforderliche Medikamentenmenge reduziert werden, oder es bedarf gar keiner Medikamente. Ein beträchtliches Plus, wenn man an die weit verbreiteten Magenprobleme durch NSAR oder die Abhängigkeitsproblematik bei Opioid-Schmerzmedikamenten denkt, die derzeit in den USA ein dominierendes Thema der gesundheitspolitischen Diskussionen ist.

Unhaltbarer Vorwurf mangelnder Evidenzbasierung

Umso erstaunlicher ist es, dass der Physikalischen Medizin von Kritikern immer wieder mangelnde Evidenzbasierung vorgeworfen wird, weil es angeblich in diesem Bereich nur wenige randomisierte kontrollierte klinische Studien gäbe. Auf derartige einseitige Argumente möchte ich hier eingehen.

Prinzipiell gilt: Medizin ist eine Dienstleistung, die sich wissenschaftlicher Methoden bedient. Das Ziel dieser Dienstleistung ist, Kranken zu helfen. Es ist nicht die Aufgabe dieser Dienstleistung, bestimmte Konzepte von Wissenschaft zu administrieren, also z. B. ausschließlich die Ergebnisse kontrollierter klinischer Studien auf den einzelnen Patienten anzuwenden.

Vielmehr sind Therapie und Heilung etwas sehr komplexes und facettenreiches. Doch bei den engen Studiendesigns von kontrollierten klinischen Studien spielen in der Praxis bedeutsame Gesichtspunkte wie die Persönlichkeit des Arztes, die Beziehung zwischen Arzt und Patient, oder die Vorstellungen der Patienten von einer Behandlung keine Rolle. Selbstverständlich haben kontrollierte klinische Studien ihren Nutzen, doch sie bilden nur einen Teilausschnitt der Wirklichkeit ab.

Außerdem sind „doppelblinde“ Vergleichsstudien in der Physikalischen Medizin nur schwer durchzuführen. Therapien werden sehr individuell auf einen Patienten abgestimmt, es können also durchaus mehrere Patienten mit ähnlichen Beschwerden unterschiedliche Therapien verordnet bekommen.

Gegen einseitige Auslegung der evidenzbasierten Medizin und eine „Kochbuchmedizin“

Das hat auch Professor David Sackett von der McMaster University in Ontario (Kanada), ein Pionier der modernen Evidenzbasierten Medizin (EbM), so gesehen. Die Praxis der EbM, schrieb er im Jahr 1996, bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise des Arztes mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung sowie den Bedürfnissen des Patienten. Prof. Sackett wörtlich: „Mit individueller klinischer Expertise meinen wir das Können und die Urteilskraft, die Ärzte durch ihre Erfahrung und klinische Praxis erwerben. Ein Zuwachs an Expertise spiegelt sich auf vielerlei Weise wider, besonders aber in treffsichereren Diagnosen und in der mitdenkenden und -fühlenden Identifikation und Berücksichtigung der besonderen Situation, der Rechte und Präferenzen von Patienten bei der klinischen Entscheidungsfindung im Zuge ihrer Behandlung.“ Genau das spielt in der Physikalischen Medizin eine wichtige Rolle.

Gegenwärtig ist allerdings der Trend zu beobachten, der mitunter auch gegen die Physikalische Medizin gerichtet wird, dass von den drei Säulen der EbM – also Studien, individuelle Erfahrung des Arztes und Einbeziehung der Patientenbedürfnisse – nur noch die Evidenz aus klinischen Studien berücksichtigt wird. Die individuelle klinische Erfahrung und die Patientenbedürfnisse werden dabei zunehmend vernachlässigt. Das birgt außerdem das Problem, dass durch die Selektion der berücksichtigten Studien zum Beispiel in Metaanalysen oder Reviews die Evidenzergebnisse beeinflusst werden können. Zum Beispiel mit dem Ziel der Krankenkassen, bestimmte ärztliche Leistungen nicht bezahlen zu müssen.

Einer ausschließlich an Studienergebnissen orientierten „Kochbuchmedizin“, schrieb Prof. Sackett kritisch, sei entschlossen entgegen zu treten: „Kliniker, die eine Kochbuchmedizin fürchten, werden sich jedenfalls mit den Advokaten der EbM auf den Barrikaden wiederfinden.“

Markus Golla
Über Markus Golla 5270 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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