AT: Pflegepersonal(not)stand – was steckt dahinter?

GÖG-Colloquium : Ergebnisse des Pflege–Thermometers 2018

v.l.n.r.: MMag.a Dr.in Elisabeth Rappold, Prof. Michael Isfort, Priv. Doz.in Dr.in Sabine Pleschberger, MPH

Prof. Michael Isfort leitet im Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (DIP) die Abteilung „Pflegearbeit und Beruf“ und hat seit 2009 einen Lehrstuhl für Pflegewissenschaft und Versorgungsforschung an der Katholischen Hochschule in Nordrhein-Westfalen inne. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Fragen der beruflichen Pflege in unterschiedlichen Sektoren und der Personalsituation sowie der Aufbau strukturierter Berichte aus dem Gesundheits- und Pflegebereich.

Mit den „Pflege-Thermometern“ beschreibt das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (DIP), Köln, seit 2002 in wiederkehrender Regelmäßigkeit und aktuell zum neunten Mal die Situation der pflegerischen Versorgung in Deutschland.

Der jüngste Bericht, Pflege-Thermometer 2018, widmete sich der Situation der Pflege und Patientenversorgung in teil-/vollstationären Einrichtungen.

2016 wurden im Rahmen der Pflege-Thermometer 2018 Studie 13.000 Einrichtungen einbezogen.

Hintergrund zur Studie:

Das Pflege-Thermometer 2018 befasste sich mit der Erfassung der Veränderungen in der Versorgungsstruktur. Die Kerndaten zu Pflegethematiken allgemein wurden und werden derzeit aus der Statistik erfasst, im Gegensatz zum Pflege-Thermometer werden diese Daten alle zwei Jahre quantitativ  erhoben und mit einem Verzug in der Auswertung von ca. 2 Jahren veröffentlicht (vergleichbar mit Statistik Austria in Österreich – anm. Redaktion). Daraus resultiert, dass nie ganz aktuelle Daten zur Veränderung existieren. Das in Österreich eingeführte Gesundheitsberuferegister soll hier zur Informationsoptimierung hinsichtlich Personalsituation als Wirtschaftsfaktor greifen. Laut Isfort ist die vorhandene Krankenhaus-Dichte in Nordrhein Westfahlen im Vergleich zur Verweildauer der PatientInnen hoch. Die Anzahl an Vollzeitäquivalenz-Stellen (VZÄ) der ÄrztInnen stieg in den Jahren kontinuierlich an, bis heute fand eine Erhöhung um 55% der VZÄ statt. Wobei aber die Anzahl der Pflegekräfte nicht adäquat angehoben wurde. Somit entstand die Problematik der Schwierigkeit der Diskrepanz zur ärztlichen Anordnung und Durchführung durch Pflegepersonen – da nicht genug Personal dafür mehr existiert. Die derzeit angegebene Personaluntergrenze in Deutschland hat keinen empirischen Gehalt für Isfort, da nicht erforscht wurde, ob die Versorgung sich dadurch verbessert. Sie ist nur der Ausdruck der derzeitigen Versorgungsproblematik. Die von der Politik in Deutschland angegebene Personaluntergrenze wurde jetzt als Grundbedingung für Versorgung vorausgesetzt. Allerdings sind Versorgungsstrukturen an demographische Strukturen/Entwicklungen gebunden und nicht an Bundeslandstrukturen. Daher ergab sich, dass die Versorgung eigentlich anders gesteuert werden müsste.

(C) GÖG

Zum Arbeitsmarkt Pflege in Deutschland:

Da laut Isfort in Deutschland keine zentrale Registrierung existiert, sind auch keine Zahlen, wie viele beschäftigte Pflegepersonen tatsächlich derzeit in der Pflege sind, vorhanden. Derzeit gibt es etwa 3x mehr offen gemeldete Stellen (hier fehlen allerdings noch die nicht öffentlich gemeldeten Stellen) als arbeitslos gemeldetes Personal (wobei viele dieser gemeldeten Arbeitslosen auf Langzeitkrankenstände bzw. nicht vermittelbares Personal entfällt, so Isfort). Eine Verschiebung in den  Sektoren von Ambulant nach Stationär erfolgt laufend und es fehlt dann Personal ebendort. Ohne Qualifizierung von neuen MitarbeiterInnen besteht keine Chance auf Verbesserung der Situation. Der Pflegepersonalabwanderung in andere Bundesländer muss auch entgegengewirkt werden. Der Anteil der VZÄ an Pflegepersonen im stationären Setting sinkt ständig, vermutlich zusammenhängend mit Arbeitszuständen und Geschlecht (mehr Frauen), bzw. kann es auch sein, dass die Pflegepersonen parallel einen zweiten Pflegejob in Teilzeit in einer anderen Organisation inne haben. Der Anteil an Teilzeitbeschäftigten ist hoch, die Personalnachfrage hoch und derzeit qualifikatorisch nicht abdeckbar.

Strukturen/Entwicklung und Einrichtungsdaten zum Pflege-Thermometer 2018:

In der Studie wurden Indikatoren identifiziert, die vor Ort eine Einschätzung möglich macht, zu diversen Vorfällen/Situationen wie die Häufigkeit der Anfragen zur Kurz-zeitpflege, die Anzahl an Aufnahmen bzw. die der Ablehnungen, ob ein Aufnahme-stopp aufgrund Personalmangel war, usw. Einschätzungen innerhalb von drei Monaten zu den Entwicklungen wurden in Befragungen erfasst. Das Pflege-Thermometer ist daher kein Statisches Instrument sondern zeigt die Verläufe auf um als Instrument zur (Gegen)-Steuerung nutzbar gemacht werden zu können. Auch z.B. zur Erfassung des technischen Elektrisierungsgrades des Hauses oder der Bewohnersicherheit bei Technik-Einsatz, uvm. kann dieses Instrument mit seinen entwickelten Indikatoren herangezogen werden. Eine sichtbare Problematik für Isfort ist die Lobby für z.B. Technik, die keine Förderprogramme für den Pflegesektor hat, weil „falsche Ängste“ bestehen. Denn für Isfort steht hier die Chance der Pflege in der Technologisierung denn Pflege per se kann nicht durch Technik ersetzt werden, aber Technologien können Assistenzarbeiten übernehmen.

Personalsituation/ Rekrutierung  und –bindungsdaten:

Alleine im Bereich der stationären Versorgung existieren 17.000 und im ambulanten Bereich 20.000 offene Stellen welche zur Zeit nicht besetzt werden können (VZÄ!) in Deutschland. Es braucht daher eine strukturelle Änderung im System. Erfasst wurde im Pflege-Thermometer 2018 was Pflegeleitungen beim Personal in der Veränderung derzeit beobachten. Mittlerweile fand eine Verschiebung in der stationären Versorgung in Richtung Palliativversorgung von BewohnerInnen (meist auch mit kognitiven Störungen) statt. Personell müsste da darauf reagiert werden. Auch die Belastungen der Pflegekräfte wurden erfasst.  In den letzten 15 Jahren wurden nicht genug Pflegekräfte qualifiziert, die Akademisierung in der Pflege ist in Deutschland schwierig. Antworten seitens der Pflegeleitungen waren jene wie „wir haben keine Wahl“, „müssen alle einstellen die sich bewerben“, d.h. eine aktive und selektive Personalauswahl ist nicht mehr möglich. Das Management muss sich auf Human-Ressource-Faktoren wie Bindungsstruktur, MitarbeiterInnen-Entwicklung und MitarbeiterInnen-Förderung konzentrieren. Benchmarking und Bindung der MitarbeiterInnen wird zentrales Thema lt. Isfort. Im Pflege-Thermometer 2018 werden auch die Fluktuationsgründe erfasst wie z.B. der häufigste Grund – der Eintritt ins Rentenalter und der zweithäufigste Grund, die Kündigung in der Probezeit. Gesundheits-Gründe finden sich auf Platz 4  – Betriebliche Gesundheits-Förderung muss in den Vordergrund kommen, Strategien und Personal sowie Gelder braucht es prospektiv dafür.

Derzeit notwendige Maßnahmen am Arbeitsmarkt:

Arbeitsschutz & Arbeitssicherheit, Aus-, Fort- u. Weiterbildung, GH-Förderung, alles lt. Isfort eigentlich Punkte, die sowieso vorgeschrieben werden per Gesetz, stehen oben. Die Job-Rotation ist leider nicht ausgebaut, allerdings auch für Pflegepersonen schwer vorstellbar laut Isfort (derzeit!). Eine Möglichkeit wäre nicht die Bindung ans Team sondern die Bindung an den Klienten, die Klientin. Wobei derzeit keine Tendenz seitens Interesse des Pflegepersonals in diese Richtung weist. Eine neue Information aus dem Pflege-Thermometer 2018 war der Rekrutierungsraum für Pflegepersonen. Der erfasste Umkreis wo MitarbeiterInnen am häufigsten in Deutschland rekrutiert werden können ist 10km-20km Wohnumkreis. Dies beeinflusst auch die Überlegung zur Ausbildungs-situation. Eine große Problematik ist hier der Zugang zum Personal, dies verändert auch die Versorgungsmöglichkeiten. Auch die Frage, wo Schulstandorte sein sollten/müssen um das Personal nicht zu verlieren. Außerdem arbeiten die wenigsten MitarbeiterInnen bis zum Alter von 65 Jahren in der Pflege. Es braucht daher Quartierskonzepte – neue Wohnformen, neue Strukturen.

Isfort stellt die Folie mit der Grafik zur Intensivversorgung in Deutschland im Vergleich Österreich und der Schweiz vor, wobei in Deutschland ein Personalschlüssel von einer Pflegeperson auf 3-4 IntensivpatientInnen besteht. Er fragt berechtigt, was passiert als weitere Folge, wenn aus der Mindestpersonal-Ausstattung ein normativer Wert wird?! Das ist die derzeitige Problematik der Gesetzgebung. Es zeigt sich in den Indikatoren des Pflege-Thermomenters 2018, dass die Personalausstattung primär der Indikator für Arbeitszufriedenheit ist.

Was ist jungen Pflegenden wichtig lt. PT2018?

Es ist das Betriebsklima, die Arbeit im Wunschbereich, Vollzeitarbeitsmodelle, und Aufstiegsmöglichkeiten, in dieser hierarchischen Reihenfolge. Probleme bekommen prospektiv jene Organisationen, die nur TZ-Stellen anbieten können. Die Akademisierung soll eine neue Gruppe an Fachkräftesicherung in Deutschland darstellen. Es soll eine Senkung der Ausbildungsabbruchquote erfolgen (nur 60% machen ihr Exam und nur 40% von diesen bleiben in der Pflege).  Die Integration Menschen mit Migrationshintergrund in die Pflege muss junge MigrantInnen in die Pflege in Deutschland einbinden, es muss einer Abwanderung dieser in andere Länder nach Akkreditierung von Pflegeausbildungen gegen gewirkt werden. Diese Projekte sind aufwendig.

Fazit laut Isfort:

  • Es braucht empirische Daten um adäquat reagieren zu können.
  • Technologie als Unterstützung muss wahrgenommen werden.
  • Rekrutierung und Ausbildung muss regional auch ermöglicht werden – auch hinsichtlich Ausbildungsstrukturen.
  • Zusammenhänge von Pat. Ergebnissen und Versorgungsfragen können und müssen auch zu Arbeitsbedingungen und Personalzufriedenheit in Zusammenhang gestellt werden und demnach auch danach gehandelt werden. – Auch wenn es nur qualitative Daten sind die im Pflegethermometer erfasst werden!

 

 

 

Autor:in

  • Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Advanced Practice Nurse, akademische Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege, Demenzberaterin, Direktorin im Haus Hetzendorf, Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser

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