AT: Pflegedebatte im Nationalrat: Hilfswerk Österreich fordert Gesamtreform statt Einzelmaßnahmen und Bürokratie!

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Das Pflegesystem in Österreich wird weder durch ein Flickwerk von Einzelmaßnahmen noch durch ein Plus an bürokratischen Strukturen zukunftsfit. Es braucht durchdachte Lösungen für die zentralen Fragen: Finanzierung, Versorgungslandschaft und – vor allem – Personal!

In der Nationalratssitzung am Mittwoch, 22. April 2020 wird das Thema Pflege einmal mehr für hitzige Debatten sorgen. Als eine der führenden Anbieter von Pflegedienstleistungen in unterschiedlichen Settings appelliert das Hilfswerk Österreich an die Politiker/innen aller Fraktionen, der dringend notwendigen Gesamtreform des heimischen Pflegesystems nicht mit überhasteten Einzelmaßnahmen vorzugreifen. Auch warnt das Hilfswerk vor der Installierung neuer Strukturen, die mit der guten Absicht der Klient/innen-Nähe letztlich zu einer zusätzlichen Verbürokratisierung der Pflege führten.

„Es ist nicht sinnvoll, in der ohnehin schon unübersichtlichen Pflegelandschaft zusätzliche Schichten von Strukturen, Stellen und Stützpunkten zu errichten, und zu hoffen, dadurch würden die Probleme pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehöriger real gelöst“, ist Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerk Österreich, überzeugt. „Solche Strukturen binden wertvolle Ressourcen in den Amtsstuben, die uns draußen bei den Menschen fehlen, und machen für alle Beteiligten vieles komplizierter“, so Anselm weiter. Ihre Begründung: „Jede einzelne diplomierte Fachkraft, die uns in den operativen Diensten fehlt, ist gerade angesichts der prekären Personalsituation im Sektor ein Desaster. Jede zusätzliche Schnittstelle bringt mehr Bürokratie, mehr Abstimmungsbedarf, mehr Dokumentationsbedarf. Und damit ein Mehr an Tätigkeiten, die die Pflege von den Betroffenen und Angehörigen entfernen sowie unsere Fachkräfte zermürben und frustrieren“, warnt Anselm. „Es ist wichtig, klare Anlaufstellen und gute Angebote für Information, Beratung und Unterstützung in den Regionen bzw. Gemeinden zu bieten. Die Situation muss hier dringend verbessert werden. Aber man sollte auf intelligente Modelle der Kooperation von Kommunen und Pflegeorganisationen setzen. Da gibt es wunderbare internationale Beispiele wie den niederländischen ‚Buurtzorg‘, aber auch vielversprechende Ansätze in Österreich. Man muss nur genau hinsehen“, sagt Anselm.

Zentrale Baustellen: Personal, Pflegegeld, mobile Dienste!

Die „Schicksalsfrage“ einer gelingenden Pflegereform ist laut Hilfswerk die Personalfrage. „Wenn wir nicht genügend Menschen für die Arbeit im Bereich der Pflege und Betreuung gewinnen und begeistern können, dann nutzen uns die besten Konzepte nichts“, sagt Anselm. Angesichts der demographischen Entwicklung müsse an allen erdenklichen Stellschrauben gedreht werden, um interessierte Menschen mit unterschiedlichsten Ausbildungs- und Berufsbiografien genau dort abzuholen, wo sie stehen. Man werde erheblich mehr Breite, Vielfalt und Durchlässigkeit in der Ausbildung brauchen, ist man beim Hilfswerk überzeugt. Außerdem müssten die Rahmenbedingungen der Arbeit verbessert und für die Zukunft erheblich attraktiviert werden.

In der Frage der Finanzierung gehe es insbesondere um Nachhaltigkeit und Leistungsfähigkeit. Hier hätten unterschiedliche Modelle jeweils spezifische Vor- und Nachteile, die es politisch zu bewerten gelte. „Wir wissen genug dazu, aber wir müssen uns darüber klar werden, was wir wollen“, meint Anselm. Wichtig ist dem Hilfswerk jedenfalls eine beherzte Überarbeitung des Pflegegeldsystems. Sowohl die Systematik der Einstufung als auch die Praxis der Begutachtung müssten dringend evaluiert werden. „Wir wissen, dass ältere und kranke Menschen sowie deren Angehörige, die zu Hause mit der Begutachtung konfrontiert sind, mit der Situation und den Fragen oft überfordert sind. Im Pflegeheim steht Fachpersonal zu Seite, zu Hause ist man alleine“, sagt Anselm. Besonderes Augenmerk müsse man auf Menschen legen, die demenziell erkrankt sind oder mit psychosozialen Herausforderungen zu kämpfen haben.

Elisabeth Anselm: „Regierung und Parlament wären zudem gut beraten, den im Februar 2020 publizierten Rechnungshofbericht zur Pflege zu studieren. Er zeigt nämlich, dass sich professionelle Unterstützung der Pflege und Betreuung zuhause, etwa durch mobile Dienste wie Hauskrankenpflege und Heimhilfe, bestens dazu eignet, eine hohe Versorgungsdichte und -qualität herzustellen und gleichzeitig die volkswirtschaftlichen Kosten zu dämpfen. Eine überwältigende Mehrheit aller Menschen in Österreich wünscht sich, den Lebensabend wenn möglich in den eigenen vier Wänden und im Kreis der Vertrauten verbringen zu können. Ein beherzter und innovativer Ausbau der mobilen Dienste samt mehrstündiger Tagesbetreuung zu Hause würde endlich die oft geforderte Entlastung pflegender Angehöriger mit sich bringen.“

Eine im Grunde richtige, aber nicht flankierte Einzelmaßnahme, nämlich der Wegfall des Pflegeregresses, habe zu mehr Druck in Richtung der Pflegeheime geführt. „Die Bundesregierung hat im Regierungsprogramm ein klares Bekenntnis dazu abgelegt, dass ältere Menschen die Chance haben sollen, so lange wie möglich selbstständig zu bleiben und zu Hause zu leben. Ebenso hat man sich zur bestmöglichen Unterstützung pflegender Angehöriger bekannt. Es ist daher höchste Zeit, den Stellenwert mobiler Dienste, der Hauskrankenpflege und Heimhilfe, sowie die Potenziale von Trägern und Pflegekräften zu erkennen und darauf aufzubauen“, so Elisabeth Anselm abschließend.

www.hilfswerk.at | http://presse.hilfswerk.at/faktencheck-pflege

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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