AT: „Perspektiven Integration“: Parallelgesellschaften, Gewalt gegen Frauen und Sicherheit aus der Sicht renommierter Expert/innen

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Koopmans, Heinsohn, Manea, Kelek, Bretschneider und Engels weisen in neu erschienener ÖIF-Reihe auf Parallelgesellschaften als Gefahr für den sozialen Zusammenhalt hin

Wien (OTS) – In der neuesten Ausgabe der Interviewreihe „Perspektiven Integration“ des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) setzen sich Wissenschaftler/innen und Expert/innen aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Entwicklung von Parallelgesellschaften auseinander und sehen hier vor allem fehlende Sprachkenntnisse, patriarchale Strukturen und ein konsequentes „Unter-sich-Bleiben“ in bestimmten ethnischen und religiösen Gruppen als Ursachen.

Ruud Koopmans und Elham Manea warnen vor Auflösung des Zusammenhalts

Politologin und Islam- und Nahost-Expertin Elham Manea warnt: „Geschlossene Parallelstrukturen in multikulturellen Gesellschaften führen zu Segregation, Misstrauen und großen Spannungen und unterminieren den sozialen Zusammenhalt.“ Ruud Koopmans, einer der bekanntesten Migrationsforscher Europas, warnt davor, dass Segregation negative Effekte auf die Integration hat und Ressentiments verstärkt werden: „Wenn Migranten in segregierten sozialen Netzwerken verkehren, gibt es weniger Gelegenheiten, um beispielsweise die Sprache der Mehrheitsgesellschaft zu lernen und zu pflegen.“

Necla Kelek und Boualem Sansal sehen Werte in Gefahr

„Wer in unseren Ländern lebt und nicht Deutsch spricht, kann am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen. Er kann seine Freiheits- und Bürgerrechte nicht wahrnehmen. Deshalb müssen wir darauf drängen, dass jeder die Sprache erlernt“, betont die Soziologin und Feministin Necla Kelek und fordert, verstärkt die Werte und Prinzipien des Zusammenlebens als Maßstab zu propagieren: „Freiheit gibt es nicht von selbst, sie muss erlernt und verteidigt werden.“ Der algerische Schriftsteller und Träger des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Boualem Sansal warnt vor Wertekonflikten: „In der arabischen Kultur haben Frauen nicht dieselben Rechte wie Männer. Sie dürfen sich beispielsweise nicht bilden, werden früh verheiratet und nehmen nicht am öffentlichen Leben teil. Wenn nationale Werte aufgelöst und pervertiert werden, ist das selbstverständlich eine gefährliche Entwicklung.“

Rudolf Bretschneider: Expansionsdrang von Parallelgesellschaften führt zu Ablehnung

Für Sozial- und Meinungsforscher Rudolf Bretschneider können vor allem religiös geprägte Parallelstrukturen ein Risiko bergen, weil die Trennung von Religion und Staat abgelehnt wird: „Der Islam bildet spezifische Parallelgesellschaften aus, wenn er in anderen Gesellschaften, in denen die meisten Menschen eben nicht muslimisch sind, Fuß fassen will.“ Für die Akzeptanz von Parallelgesellschaften relevant sei vor allem, ob diese einen Expansionsdrang bzw. eine aggressiven Grundhaltung zeigen: „Wird ein solcher von der Mehrheitsgesellschaft oder Teilen derselben wahrgenommen, kommt es leicht zu Konflikten.“

Magnus Norell und Gunnar Heinsohn nehmen Politik in die Pflicht

Magnus Norell von der European Foundation for Democracy appelliert an die Politik, im Problemfall die  gesellschaftliche Kontrolle wiederherzustellen: „Dazu ist es in erster Linie wichtig, dass wir wissen, wer wir sind. Es braucht eine gemeinsame Auffassung von gewissen Grundregeln. Dazu müssen wir uns auf jene Strukturen besinnen, die funktionierende Gesellschaften ausmachen, unabhängig von der kulturellen Herkunft.“ Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Gunnar Heinsohn warnt davor, dass der Frieden nach innen und die Wettbewerbsfähigkeit nach außen in Gefahr sind, wenn mehr unqualifizierte Personen als benötigt einwandern: „Wer dennoch weitere von ihnen ins Land holt, gefährdet nach innen den Frieden und nach außen die Wettbewerbsfähigkeit. Solche Fehler der Einwanderungspolitik kann keine Integrationspolitik reparieren.“

Franz Wolf, Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds: „Vor allem im großstädtischen Raum zeigen sich deutliche Abgrenzungstendenzen einzelner Bevölkerungsgruppen, in einigen Wiener Bezirken sind Parallelgesellschaften bereits Realität. Die neue Publikation geht der Frage nach, ob und wie Parallelgesellschaften gefährlich für das Zusammenleben sind und unter welchen Vorzeichen desintegrative Milieus zu Gegengesellschaften werden.“

„Gewalt gegen Frauen“ mit Waris Dirie und Karin Kneissl

In der ebenfalls neu erschienenen „ÖIF-Perspektiven“-Ausgabe zum Thema „Gewalt gegen Frauen im Kontext von Migration“ betont Frauenrechtsaktivistin und Autorin Waris Dirie, dass Genitalverstümmelung nichts mit Religion oder Tradition zu tun hat, sondern ein brutales Verbrechen ist, das streng bestraft werden muss. Viele Frauen würden keine Hilfe suchen, weil sie kaum Sozialkontakte außerhalb ihrer Familie knüpfen. Nahost-Expertin Karin Kneissl warnt vor einer Rückwärtsentwicklung: Muslimische Frauen hätten oft in den 1950er-Jahren für ihre Rechte gekämpft und werden heute von ihren Enkeln gescholten, wenn sie kein Kopftuch tragen. In weiteren Interviews der Ausgabe sprechen Emina Saric von der frauenspezifischen Beratungsstelle für Migrantinnen in Graz, Naila Chikhi von der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes und Sektionsleiterin Elisabeth Tichy-Fisslberger, die im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres die nationale Koordination zur Bekämpfung des Menschenhandels leitet, über Themen wie Zwangsheirat, Genitalverstümmelung und häusliche Gewalt.

„Migration und Sicherheit“ mit Jörg Baberowski, Peter Hajek und Reinhard Kreissl

Eine weitere aktuelle „ÖIF-Perspektiven“-Ausgabe zum Thema „Migration und Sicherheit“ setzt sich mit der Frage nach Ursachen und Notwendigkeiten im Zusammenhang mit Migration und Sicherheit auseinander. Gewaltforscher Jörg Baberowski weist darauf hin, dass in Österreich und Deutschland im Zuge der Flüchtlingskrise vor allem Menschen aufgenommen worden seien, die aus stark patriarchalischen Strukturen stammen und nun mit der liberalen Gesellschaft und ihren Freiheiten überfordert sind, besonders die hohe Zahl an jungen, alleinstehenden Männern. Weiters im Interview: Meinungsforscher und Politikwissenschaftler Peter Hajek, der Direktor des österreichischen Bundeskriminalamts Franz Lang, Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl, Richterin Melike Yolsal und Menschenrechtsreferent der Landespolizeidirektion Wien Friedrich Kovar.

„Perspektiven Integration“: Sachliche Informationen zu kontroversiellen Themen

Die neue Publikationsreihe „Perspektiven Integration“ des ÖIF thematisiert aktuelle Herausforderungen im Integrationsbereich mit anerkannten Wissenschaftler/innen, Forscher/innen und Expert/innen. Die Interviews führt „Die Presse“-Redakteur Köksal Baltaci. Bisher erschienen: „Verschleierung im Islam“, „Islam europäischer Prägung“ und „Menschen türkischer Herkunft in Österreich“, „Migration und Sicherheit“, „Gewalt gegen Frauen im Kontext von Migration“ und „Parallelgesellschaft – Segregation und desintegrative Milieus“. Alle bisher erschienenen Ausgaben der Publikationsreihe „Perspektiven Integration“ finden Sie hier zum Download: https://www.integrationsfonds.at/perspektiven.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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