AT: Palliativversorgung sollte früher einsetzen, um Krisen zu vermeiden

Hilde Koessler, MMSc 2. Vizepräsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft Lehrbeauftragte für Palliativpflege (C) B&K/APA-Fotoservice/Reither

Als 2. Vizepräsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft möchte ich diese Vorab-Pressekonferenz zu unserem Kongress gerne nutzen, um darüber zu informieren, wofür sich die Österreichische Palliativgesellschaft aktuell einsetzt und welche Entwicklungen es in der Palliativversorgung in Österreich derzeit gibt.

Zunächst zum aktuellen Engagement der Österreichischen Palliativgesellschaft: Die OPG wird auch in Zukunft Stellungnahmen zu aktuellen fachlichen und gesellschaftlichen Fragen abgeben – etwa zu Therapiemethoden und Handlungsoptionen in der Palliativversorgung. Auch werden wir uns weiterhin aktiv in die Diskussion von ärztlich assistiertem Suizid und Euthanasie einbringen.

Die Palliativbetreuung ist einer der Bereiche im Gesundheitswesen, in dem die Vernetzung der beteiligten Professionen besonders wichtig ist. Denn das Verständnis über die diversen Aufgaben und Möglichkeiten der unterschiedlichen Gesundheitsberufe ist für das Wohl der Patienten und Angehörigen essenziell. Im Rahmen von Fort- und Weiterbildungen muss daher unbedingt Raum geschaffen werden, um dieses interdisziplinäre und interprofessionelle Verständnis einzuüben – zusätzlich zur Erweiterung des palliativen Fachwissens.

In Österreich ist die Aus- und Weiterbildung in Palliative Care derzeit für alle Gesundheitsprofessionen von unterschiedlichen Zugängen geprägt. Im Bereich der Pflege ist in den letzten Jahren einiges in Bewegung gekommen, auch durch aktives Zutun der OPG.

Mit dem Inkrafttreten der Novelle des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes 2016 findet seit 2017 und noch bis 2021 eine weitgehende Neuordnung der Pflegeberufe statt: Einerseits wurden Pflegeassistenzberufe mit ein- und zweijähriger Ausbildung geschaffen, andererseits wird die Ausbildung zur Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege vollständig an Fachhochschulen transferiert. Die Umstellung in Richtung generalisierte Ausbildung bedingt, dass in einzelnen Fachbereichen der Entwicklungsprozess hin zu Experten wesentlich mehr Zeit und Fortbildung in Anspruch nehmen wird. Daher wurden zusätzlich postgraduale Spezialisierungen beschlossen, darunter, nach Stellungnahmen auch der OPG, erfreulicherweise auch die „Spezialisierung in Hospiz- und Palliativversorgung“.

Um bundesweit adäquate Leistungen der Palliative Care in der Grundversorgung und in spezialisierten Bereichen zu verankern, sind eine nationale Bildungsstrategie sowie die Etablierung und Sicherung von Qualifikationsprofilen bei Aus- und Weiterbildungsangeboten eine zentrale Voraussetzung. Die OPG hat auf Basis von nationalen und internationalen Studien, Empfehlungen und Erfahrungen Vorschläge für einen abgestuften postgradualen Fort- und Weiterbildungsplan für die Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflege erarbeitet und vorgestellt. Außerdem haben wir Qualifikationsprofile mit Befugniserweiterungen für die Spezialisierung in Hospiz- und Palliativversorgung definiert.

Es ist sehr wichtig, dass die OPG als Fachgesellschaft diese Entwicklungsprozesse begleitet und beeinflusst. Im internationalen Durchschnitt brauchen etwa 20 Prozent der Menschen eine spezialisierte Palliative Care in ihrer letzten Lebensphase, weil ihre palliative Situation komplex ist. Dabei geht es beispielsweise um Menschen, die an schwer therapierbaren Symptomen wie Schmerzen, Übelkeit oder Atemnot leiden oder von existenziellen Ängsten, finanziellen Sorgen oder spirituellen Nöten gequält sind.

Betroffen sind dann immer auch das Umfeld, die Angehörigen. Was den Palliativpatientinnen und -patienten zusetzt, ist meist nicht nur die fortschreitende Erkrankung, sondern auch, was nun mit ihrer Familie passiert. Vielleicht müssen sie Abschied von unversorgten Kindern nehmen oder von einem pflegebedürftigen, dementiell erkrankten Partner. Spezialisierte Einrichtungen und mobile Palliativteams sollten diese Nöte weitgehend lindern können.

Im Idealfall werden Menschen mit hohem Palliativbedarf in der Grundversorgung rechtzeitig erkannt und dann sofort Spezialisten zugezogen. Doch in der Praxis schaut es leider anders aus: Es ist noch immer so, dass die Menschen häufig erst in der Sterbephase in die Palliative Care übergeben werden. Dabei würden sie von einer früh einsetzender palliativen Begleitung wesentlich besser profitieren. Viele krisenhafte Situationen könnten den Betroffenen und deren Familien erspart bleiben. Dafür möchten wir als Fachgesellschaft weiter sensibilisieren.

Wir haben aber auch die Situation der restlichen 80 Prozent der Patienten im Blick, die in der Grundversorgung verbleiben. Auf der Faktenebene bräuchte diese Patientengruppe keine spezialisierte Versorgung, ihre palliative Situation ist statistisch gesehen einfach. Auf der menschlichen Ebene ist das naturgemäß völlig anders. Die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen sind in der letzten Lebensphase mit nichts Geringerem als Pflegebedürftigkeit, Sterben und Tod konfrontiert. Auch sie sollen sich auf eine fundierte, umfassende palliative Versorgung verlassen können. Daher wird es in Bereichen der Grundversorgung, also für Mobile Pflegedienste, in unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen und in den neuen Primärversorgungseinheiten hochklassige, auch interprofessionelle Fort- und Weiterbildungsangebote geben müssen. Wir von der OPG möchten dabei unsere fachliche wie menschliche Expertise einbringen.

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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