AT: nkontinenz: Stilles Volksleiden ist die Herausforderung der Zukunft

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Wien, 13. Juni 2017 – Blasen- und Darmschwäche ist die häufigste und auch am stärksten tabuisierte Volkskrankheit. Die Woche vom 19.-25. Juni steht mit der „Welt-Kontinenz-Woche“ daher im Zeichen der Inkontinenz. Die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) ist in dieser Woche aktiv, um betroffene Menschen über die Möglichkeiten der Vorbeugung sowie Behandlung zu informieren und das schambesetzte Leiden ein Stück weit aus dem Tabu zu holen. Info unter www.kontinenzgesellschaft.at/wcw

In Österreich leiden etwa eine Million Menschen an einer Inkontinenz. Laut WHO ist der ungewollte Verlust von Harn oder Stuhl die häufigste Erkrankung weltweit. „Wenn die Kontrolle über die Ausscheidungsorgane verlorengeht, bedeutet das ein massives Problem für Betroffene“, weiß Univ.-Prof. Dr. Lothar C. Fuith, Präsident der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ). Dennoch: Trotz des enormen Leidensdrucks zählt die Inkontinenz heute immer noch zu den Volkskrankheiten, die am beharrlichsten verschwiegen werden. „Nur rund ein Drittel aller betroffenen Menschen spricht darüber und sucht aktiv nach Hilfe“, so Fuith.

Besonders belastend ist die Stuhlinkontinenz. „Die Inkontinenz für Darminhalt ist den Betroffenen oft so peinlich, dass viele mit niemandem darüber sprechen – auch nicht mit dem Arzt – und aus Angst, nicht rechtzeitig eine Toilette zu finden, das Haus nicht mehr verlassen. Die Folgen sind Verlust an Selbstachtung, häufig psychische Probleme und soziale Isolation. Auch die Angehörigen sind durch die Situation sehr belastet und schnell überfordert“, beschreibt MKÖ-Vizepräsident Univ.-Prof. Dr. Max Wunderlich.

Haupt-Risikofaktor Alter

Obwohl sehr viele junge Menschen (Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes sind häufiger Grund für die Entwicklung einer Inkontinenz) und sogar Kinder betroffen sind, ist der größte Risikofaktor das Alter. Ab dem etwa 60. Lebensjahr werden die Schließmuskeln, die den Harn in der Blase und der Harnröhre oder den Stuhl im Rektum halten, kontinuierlich schwächer. Ab 80 ist bereits jede/r Dritte „undicht“, was dann oft der ausschlaggebende Grund für die Einweisung in ein Pflegeheim ist.

Dieses Ergebnis wird auch von der Österreichischen Interdisziplinären Hochaltrigen Studie unterstützt (ÖIHS, www.oepia.at/hochaltrigkeit) und ein Blick in die Zukunft lässt erahnen, welche Dimensionen dieses tabuisierte Volksleiden noch bekommen kann, wird nicht aktiv gegengesteuert. Speziell vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung wird deutlich, dass man sich auch auf politischer Ebene verstärkt damit auseinandersetzen muss. 2050 wird es – bei sinkender Geburtenrate – etwa doppelt so

viele Menschen über 65 geben wie heute. Der Anteil von Menschen über dem 80. Lebensjahr wird sich

bis 2030 fast verdoppelt und bis 2060 bereits verdreifacht haben. „Diese Tatsache wird damit nicht nur demographisch, sondern auch sozial- und gesundheitspolitisch von enormer Bedeutung sein“, sagt Dr. Georg Ruppe, wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA). Und er ergänzt: „Der politische Handlungsbedarf wurde erkannt und eine vertiefende Studie von Seiten des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BMASK) initiiert.“ Ziel dieser Studie ist, Verbesserungspotenziale zu identifizieren und schließlich konkrete Empfehlungen und Maßnahmen für die Steigerung der Lebensqualität und der sozialen Inklusion von Menschen mit Harninkontinenz zu entwickeln. Studienkoordinatorin Mag. Christina Häusler: „Für die Entwicklung effektiver Handlungsempfehlungen kooperiert die ÖPIA mit einschlägigen Experten im In- und Ausland. Auf nationaler Ebene ist die MKÖ ein wichtiger Partner.“ Als Endprodukt wird ein Maßnahmenkatalog angestrebt, der wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt und in gemeinsamer Entwicklung mit Stakeholdern Wege zur Umsetzung der Empfehlungen zusammenfassen soll. Laufzeit ist September 2016 bis November 2017.

Welt-Kontinenz-Woche: aktiv gegen das Tabu

Die Woche von 19. bis 25. Juni steht als „Welt-Kontinenz-Woche“ im Zeichen der Inkontinenz. Die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) ist in dieser Woche aktiv, um das schambesetzte Leiden ein Stück weit aus dem Tabu zu holen, ihm den falschen Eindruck des Makels zu nehmen, und Betroffenen konkrete Informationen über die Möglichkeiten der Vorbeugung sowie der Behandlung zu geben. Denn Inkontinenz ist in vielen Fällen behandelbar! „Scham und mangelnde Information bzw. der Irrglaube, dass Inkontinenz eine irreversible Folge des Alterns und somit unabwendbares Schicksal sei, verhindern häufig eine erfolgreiche Behandlung. Was viele betroffene Menschen nicht wissen: Für jede Form der Blasen- und Darmschwäche gibt es verschiedenste Hilfsmaßnahmen, mit denen Linderung und oft auch Heilung erzielt werden können“, so die beiden MKÖ-Vorsitzenden Fuith und Wunderlich.

Im Rahmen der Aktionswoche lädt die MKÖ zu Informationsveranstaltungen, bei denen Experten Vorträge halten und kostenlose sowie vertrauliche Beratung anbieten. Ferner verschickt die Kontinenzgesellschaft ein kostenloses Info-Paket, Experten beraten per Telefon und E-Mail und es wurden neue Infoblätter mit Tipps für die Erhaltung bzw. Wiedererlangung einer gesunden Blase und eines gesunden Darms entwickelt. Neu auf der Webseite der Gesellschaft www.kontinenzgesellschaft.at ist der „Experten-Finder“, wo spezialisierte Ärzte und Physiotherapeuten nach Bundesländern sortiert gelistet sind. Neben den niedergelassenen Experten stellen sich MKÖ-zertifizierte „Kontinenz- und Beckenbodenzentren“ vor. Dieser Service ist deshalb so wichtig, weil viele Patienten einfach nicht wissen, an wen sie sich vertrauensvoll und diskret wenden können. Betroffenen kann damit die mühsame und oft auch peinliche Suche nach einem spezialisierten Facharzt sowie der Zugang zu einer qualifizierten Betreuung wesentlich erleichtert werden.

Mehr Information über die Aktivitäten der MKÖ: www.kontinenzgesellschaft.at/wcw

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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