AT: Neurodermitis – Haut aus der Balance

26. April 2018 | News Österreich | 0 Kommentare

Großartige Fortschritte in der Forschung – neue, innovative Therapien am Start

Wien, 23. April 2018 – Neurodermitis (med. atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung mit zahlreichen Facetten, die von quälendem Juckreiz und schmerzhaften Entzündungen geprägt ist. Generell gilt: So vielfältig, wie die Auslöser sein können, so individuell sollte die Behandlung sein. Und hier zeigen neu entwickelte Therapien großartige Fortschritte und geben Betroffenen neue Hoffnung.

„In der Welt-Allergie-Woche wollen wir ein größeres Bewusstsein für die atopische Dermatitis, eine der häufigsten chronischen Hauterkrankungen, schaffen und über neue Möglichkeiten in der Behandlung informieren. Damit wollen wir den Betroffenen Zuversicht geben“, so Univ.-Prof. Dr. Norbert Reider, Leiter der Arbeitsgruppe Allergologie der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV) sowie der Allergieambulanz an der Innsbrucker Hautklinik. Denn die schubweise verlaufende Hautentzündung, besser unter dem Namen Neurodermitis bekannt, gilt als nicht heilbar. „Bis zum frühen Erwachsenenalter legen sich bei etwa 60 Prozent der erkrankten Kinder zwar die Symptome. Meist bleibt jedoch eine trockenere Haut zurück, die häufig auf äußere Reize verstärkt reagiert“, informiert der Dermatologe. Mindestens 30 Prozent der Betroffenen leiden auch im Erwachsenenalter unter Hautekzemen. In vielen Fällen ist Neurodermitis auch erst das Sprungbrett zu einer oft lebenslangen „Karriere“, in der eine allergische Erkrankung der nächsten folgt.

Vielfältige Ursachen meist mit in die Wiege gelegt …

Die Ursachen der häufig unterschätzten Erkrankung sind vielfältig: eine gestörte Hautbarriere, entzündliche und immunologische Faktoren sowie Allergien führen zum erstmaligen Auftreten der Rötungen, Schwellungen und trockenen, schuppenden Haut und lösen kaum erträgliche Juckreiz-Attacken aus. Die Haut verliert ihre natürliche Schutzfunktion und Keime wie z.B. das Bakterium Staphylococcus aureus können leichter in die Haut eindringen und verursachen schmerzhafte Entzündungen. Auch eine genetische Vorbelastung bringt den Ball ins Rollen: Leiden z.B. beide Eltern unter atopischer Dermatitis, Heuschnupfen oder Asthma, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 60-80 Prozent, dass auch die Kinder erkranken.

… und Auslöser

Meist sind es harmlose Umwelteinflüsse, die zur Überreaktion des Immunsystems führen und einen neuen Schub – und damit großes Leid – auslösen. Die Liste ist lang: Reizstoffe wie Reinigungsmittel, Umweltgifte wie Ozon, Dieselabgase oder Tabakrauch, Waschgewohnheiten, die die Haut austrocknen, Wolle oder andere Textilrohstoffe, Allergene wie Hausstaubmilben, Pollen oder Schimmelpilze, Medikamente und Nahrungsmittel. „Ohne Zweifel spielen auch psychische Belastungen eine sehr bedeutende Rolle als Auslöser sowie als Verstärker der Symptome“, so Reider.

Der Verlauf der Neurodermitis ist geprägt von Krankheitsschüben unterschiedlicher Dauer und Schwere. Manchmal haben auch weniger schwere Schübe beträchtliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Patienten. Aufgrund des chronischen Verlaufs der Erkrankung ohne Aussicht auf Heilung sind viele Betroffenen verleitet, Therapien mit zweifelhafter Wirksamkeit durchzuprobieren. „Oft erreichen sie damit aber sogar das Gegenteil und die ohnehin schon geschädigte Haut wird noch mehr strapaziert“, warnt Hautfacharzt Reider und betont: „Patienten sollten auf die Expertise des Hautfacharztes bzw. des allergologisch geschulten Kinderarzt vertrauen.“

Auf jeden Patienten individuell eingehen

So vielfältig wie die Ursachen und Auslöser, so individuell sollte daher auch die Behandlung sein.  „Jeder Patient ist unterschiedlich“, weiß Reider. Das Behandlungsziel lautet: die spezifischen Auslöser erkennen und vermeiden, eine individuelle Therapie finden, die Symptome zum Verschwinden bringen oder zumindest lindern und die symptomfreien Phasen stabilisieren. „Die Behandlung setzt sich idealerweise aus einer Vielzahl von Bausteinen zusammen, die genau auf den Patienten abgestimmt werden.“

Nicht heilbar, aber gut behandelbar

Behandelt wird nach einem Stufenschema, das die individuelle Situation des Patienten berücksichtigt. „Den Grundstein der Therapie bildet die Vermeidung bzw. Reduktion der Krankheitsauslöser – bei allergischen Ursachen die Vermeidung von Allergen wie etwa Pollen“, betont Reider. „Als Basistherapie gilt die kontinuierliche und regelmäßige Hautpflege mit rückfettenden Produkten, um die gestörte Barrierefunktion der Haut wiederherzustellen.“ Um Ekzemschübe schnell unter Kontrolle zu bringen oder neue Schübe zu verhindern, werden wirkstoffhaltige Cremen und Kortison-Salben angewendet. Zur Behandlung des quälenden Juckreizes – einer besonderen Herausforderung – kommen Antihistaminika zum Einsatz. Auch speziell beschichtete oder antimikrobiell wirkende Unterbekleidung haben sich in der Behandlung von Neurodermitis bewährt, da sie die Besiedelung von entzündungsauslösende Keimen deutlich reduzieren bzw. verhindern können.

Neue Hoffnung für Betroffene

Neurodermitis ist eine Erkrankung, die viel Eigeninitiative verlangt: vom frühzeitigen und regelmäßigen Arztbesuch, über die konsequente Hautpflege, das Erkennen und Meiden von Auslösern bis hin zu guten Stressbewältigungs-Strategien. Leider hat sich lange Zeit in der Therapie der Neurodermitis nicht viel getan. Die letzte große Innovation waren Anfang der 2000er Jahre kortisonfreie Wirkstoffpräparate (Calcineurin-Inhibitoren), die die Lokaltherapie wesentlich vereinfacht haben und nicht die Nachteile von Kortisonsalben aufweisen. Forschungen zur Entstehung der Neurodermitis haben nun aber völlig neue Therapieansätze eröffnet, die zwar noch immer nicht eine definitive Heilung, aber sehr frühe Ansätze ermöglichen.

Im Herbst 2017 wurde ein Biologikum (Dupilumab) zugelassen, das mit Hilfe von Injektionen, die sich der Patient selbst alle zwei Wochen verabreicht, in vielen Fällen eine dauerhafte und hochgradige Verbesserung der Erkrankung zur Folge hat. In den nächsten Jahren werden auch so genannte small molecules auf den Markt kommen, die als Tabletten verabreicht werden können. „Ein großer Vorteil dieser neuen Medikamente wird auch sein, dass sie sehr zielgenau die Neurodermitis behandeln und damit – so hoffen wir – einerseits viel besser wirksam, andererseits aber vor allem auch sehr gut verträglich sein werden“, so Reider. Ein weiteres greifbares Ziel ist die bessere Kontrolle des Juckreizes, der nicht nur oft für den Patienten quälend ist, sondern auch entscheidend die Krankheitsaktivität mitprägt. Der Juckreiz bei Neurodermitis unterscheidet sich in seinen Mechanismen von dem in anderen Situationen, wie z.B. nach Insektenstichen. Die heute verfügbaren Präparate (Antihistaminika) sind bei Neurodermitis oft nur unzureichend wirksam. Als Folge des verbesserten Verständnisses für die zugrundeliegenden Mechanismen haben sich neue Wirkstoffe in klinischen Studien bereits als hervorragend wirksam erwiesen.

Linktipps:

Mehr über die World-Allergie-Woche: https://www.worldallergy.org/resources/world-allergy/world-allergy-week-2018

Mehr über die Arbeitsgruppe Allergologie: www.allergologie.at 

Über die AG Allgergologie

Die Arbeitsgruppe Allergologie ist ein eigenständiger Verein der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV) und hat ihren Sitz derzeit in Innsbruck. Sie fördert die Ausbildung, den Informationsaustausch und die Forschung auf dem Gebiet der Allergien und Intoleranzreaktionen. Weitere Aktivitäten sind die Organisation von Fortbildungsveranstaltungen (Tiroler Allergietagung, Wörthersee-Symposium „What’s new in allergy“, Grazer Allergietag, Allergie in Wien) und das Verfassen von Stellungnahmen zu aktuellen Themen, wie z.B. Risiko von Birkenpollenallergikern bei Verabreichung von sojaölhaltigen Medikamenten oder ein Leitfaden für Urtikaria. Die Webseite ist ein Informationsportal für allergologisch interessiertes und versiertes Fachpublikum. Mehr Information unter www.allergologie.at

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)