AT: Neue Studie: Keine Evidenz für Nutzen von Chloroquin oder Hydroxychloroquin bei an COVID-19 Erkrankten

Forderung nach randomisierten Studien

Eine soeben im Lancet publizierte Studie zeigt erhöhte Mortalitätsraten und ein vermehrtes Auftreten von Arrhythmien unter einer Therapie mit Chloroquin oder Hydroxychloroquin bei Patientinnen und Patienten mit COVID-19. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, die Substanzen zur Behandlung von COVID-19 nur im Rahmen von klinischen Studien einzusetzen, und fordern eine Bestätigung der Daten durch randomisierte Studien.

Eine große Beobachtungsstudie legt nahe, dass die Behandlung mit Chloroquin oder seinem Analogon Hydroxychloroquin – mit oder ohne die antibiotischen Substanzen Azithromycin oder Clarithromycin – für Patientinnen und Patienten mit COVID-19 keinen Nutzen bringt. Für die Studie wurden Daten von fast 15.000 COVID-19-Patientinnen und Patienten unter einem Therapieregime mit den genannten Substanzen analysiert und mit einer aus 81.000 Personen bestehenden Kontrollgruppe verglichen.

Unter Chloroquin oder Hydroxychloroquin – jeweils als Monotherapie oder in Kombination mit einem Makrolidantibiotikum – war ein erhöhtes Risiko für scherwiegende Herzrhythmusstörungen zu beobachten.

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Substanzen nicht außerhalb klinischer Studien eingesetzt werden sollen, bevor randomisierte klinische Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit bei COVID-19 vorliegen.

Prof. Dr. Mandeep R. Mehra, Hauptautor der Arbeit und Executive Director des Brigham and Women’s Hospital Center for Advanced Heart Disease in Boston: „Das ist die erste große Studie, die robuste statistische Evidenz für den fehlenden Nutzen von Chloroquin oder Hydroxychloroquin bei Patientinnen und Patienten mit COVID-19 liefert. Zugleich liefern unsere Ergebnisse einen Hinweis auf ein erhöhtes kardiales Risiko und eine erhöhte Sterblichkeit. Jetzt ist es entscheidend, dass randomisierte klinische Studien Nutzen oder Risiken dieser Substanzen zeigen.“1

Insgesamt wurden die Daten von 96.032 SARS-Cov-2-positiven Patientinnen und Patienten analysiert, die zwischen dem 20. Dezember 2019 und 14. April 2020 in 671 Spitälern stationär behandelt wurden und am 21. April entweder entlassen oder verstorben waren.

1.868 Erkrankte wurden mit Choloroquin als Monotherapie behandelt, 3.016 nur mit Hydroxychloroquin, 3.783 mit Cholorquin kombiniert mit einem Makrolid und 6.221 mit Hydroxychloroquin mit einem Makrolid. Personen dieser vier Gruppen wurden mit der verbleibenden Kontrollgruppe verglichen, die 81.144 Erkrankte umfasste.

Am Ende des Beobachtungszeitraums war in der Kontrollgruppe etwa 1 von 11 Patienten verstorben (9,3 Prozent, 7.530/81.144). In den Gruppen, die mit einer Chloroquin- oder Hydroxychloroquin-Monotherapie behandelt wurden, starb 1 von 6 Patienten (16,4 Prozent, 307/1.868 Chloroquin und 18,0 Prozent 543/3.016 Hydroxychloroquin). Bei Kombination mit einem Makrolid-Antibiotikum steig die Rate auf 1 von 5 für Chloroquin (22,2 Prozent, 839/3.783) und fast 1 von 4 für Hydroxychloroquin (23,8 Prozent, 1.479/6.221).

Einige der Mortalitätsunterschiede ließen sich mit Vorerkrankungen und anderen Patientencharakteristika erklären. Auch nach Adjustierung für Alter, ethnische Herkunft, BMI und kardiovaskuläre oder pulmonale Vorerkrankungen oder Diabetes war die Sterblichkeit unter Chloroquin oder Hydroxychloroquin mit oder ohne Makrolid-Antibiotika erhöht. Dies galt auch für die Häufigkeit von schwerwiegenden Arrhythmien.

In einem Kommentar zur Publikation schreibt Prof. Christian Funck-Brentano von der Pariser Sorbonne, der nicht Teil des Forscherteams war: „Diese gut durchgeführte Beobachtungsstudie ergänzt vorangegangene Berichte, denen zufolge Chloroquin und Hydroxychloroquin, allein oder mit Azithromycin verabreicht, keinen Nutzen für hospitalisierte COVID-19-Patientinnen und -Patienten bringt und sogar schädlich sein könnte.“

Quelle: Mehra MR, Desai SS, Ruschitzka F, Patel AN. Hydroxychloroquine or chloroquine with or without a macrolide for treatment of COVID-19: a multinational registry analysis.
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31180-6/fulltext

Markus Golla
Über Markus Golla 6847 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Lehrer für Gesundheit- und Krankenpflege (Studium Umit/Wien)

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