AT: Lust & Seuche: Geschlechtskrankheiten (wieder) auf dem Vormarsch

(C) anaumenko

Über sexuell übertragbare Erkrankungen wird (zu) wenig gesprochen – vor allem in der alles überschattenden Corona-Pandemie. Doch: Weltweit stecken sich jeden Tag mehr als 1 Million Menschen mit einer Geschlechtskrankheit an – oftmals unbemerkt. Die WHO spricht daher von einer „stillen Epidemie“. Auch in Österreich wird seit einigen Jahren ein deutlicher Anstieg an Syphilis, Tripper & Co verzeichnet. Anlässlich des 480. Todestages von Paracelsus, der bereits im 16. Jahrhundert die Syphilis-Seuche mit Quecksilber-Kuren behandelte und dessen Schriften unter anderem in der geschichtsträchtigen Bibliothek des Billrothhauses aufbewahrt werden, veranstaltete die Gesellschaft der Ärzte gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Sexually Transmitted Diseases und dermatologische Mikrobiologie (ÖGSTD) im Vorfeld eines Fachsymposiums ein Pressegespräch, um neue Aufmerksamkeit auf diese tabuisierten Erkrankungen zu lenken und über den aktuellen Stand der Wissenschaft zu spannenden STD-Impfstoff-Konzepten zu informieren.  

Es gibt über 30 verschiedene sexuell übertragbare Bakterien, Viren und Parasiten, wobei die vier häufigsten Erkrankungen Chlamydien-Infektionen, Tripper (Gonorrhoe), Syphilis und eine Ansteckung durch Trichomonaden sind.1,2 Geschlechtskrankheiten zählen global zu den fünf häufigsten Erkrankungen, weswegen Erwachsene eine ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen.3 Wenn man bedenkt, dass sexuell übertragbare Erkrankungen (Sexually Transmitted Diseases, kurz STDs) mit Scham behaftet sind und viele Betroffene daher nicht zum Arzt gehen und zudem ein großer Anteil an STDs ohne Symptome verläuft, wird die Dimension noch größer. In Europa werden jährlich mehr als 500.000 sexuell übertragene Infektionen verzeichnet – Tendenz stark steigend. Zwischen 2012 und 2018 nahmen etwa die Fälle von Tripper um dramatische 93 Prozent, die von Syphilis um 58 Prozent zu.4

Zunahme auch in Österreich

„Auch in Österreich wird ein deutlicher Anstieg an klassischen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper registriert“, informiert Univ.-Prof. Dr. Georg Stingl, emeritierter Vorstand der Klinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien. So wurden im Jahr 2019 rund 1.600 Tripper- und 580 Syphilis-Fälle gemeldet – die Dunkelziffer nicht mit eingerechnet. Drei Jahre zuvor waren es noch 1.211 beziehungsweise 431 gemeldete Fälle.5 „Mindestens 1 von 10 Jugendlichen infiziert sich pro Jahr mit Chlamydien und 1-2 Menschen pro Tag mit HIV“, so Stingl. „Einige weitere wichtige Krankheiten werden zwar nicht ausschließlich, aber doch sehr häufig durch den Geschlechtsverkehr übertragen: Hepatitis B, Skabies (Krätze) – eine Krankheit, die in den letzten Jahren neue Aufmerksamkeit erregte – und Filzläuse.“

Mit Beginn der Corona-Pandemie gab es zwar einen Rückgang an STDs – vermutlich aufgrund der verringerten Sozialkontakte und durch die reduzierten Arztbesuche. Die Daten aus dem heurigen Jahr lassen aber schon wieder einen Aufwärtstrend erkennen.

Problem steigende Antibiotika-Resistenzen

Viele Geschlechtskrankheiten verlaufen beschwerdelos und bleiben dadurch (lange) unbemerkt. „Unbehandelt können STDs allerdings zu Komplikationen und auch zu schwerwiegenden Folgen wie Unfruchtbarkeit oder bei HPV zu Krebs führen“, warnt Univ.-Prof. Dr. Georg Stary, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Sexually Transmitted Diseases und dermatologische Mikrobiologie (ÖGSTD). Bakterielle Infektionen sind – früh erkannt – meist gut mit Antibiotika behandelbar. Der weltweite Anstieg an STDs ist neben einem erhöhten sexuellen Risikoverhalten (ungeschützter Geschlechtsverkehr, häufigerer Partnerwechsel, geringere Angst, sich mit HIV zu infizieren) allerdings auf die zunehmende Antibiotika-Resistenz zurückzuführen.6 So galten Gonorrhoe-Infektionen (Tripper) über viele Jahre als relativ einfach zu behandeln. Sukzessiv sind jedoch Resistenzen gegen alle zur Behandlung eingesetzten Therapeutika entstanden.7 „Um einen Rückgang an sexuell übertragbaren Infektionen zu bewirken, sind Impfungen von großer Bedeutung“, betont Stary.

Erfolgsgeschichten, die auch Österreich schrieb

Die sicherste Vorbeugung ist die konsequente Verwendung von Kondomen. Aber auch wirksame Impfstoffe zum Schutz vor HPV und Hepatitis B (HBV) stehen zur Verfügung – Ergebnisse bahnbrechender Forschungen. Auch österreichische Wissenschaftler befinden sich an der Weltspitze der STD-Forschung und waren an Entwicklungen beteiligt, die einen Durchbruch in der Prophylaxe und Therapie von sexuell übertragbaren Erkrankungen bedeuten. So war an der Entwicklung des Impfstoffes, der gegen die wichtigsten HPV-Typen schützt, der Wiener Dermatologe Reinhard Kirnbauer maßgeblich involviert.

Trotz der immensen Erfolge in der Prävention und Behandlung von Geschlechtskrankheiten gibt es viele Krankheitserreger, gegen die – trotz modernster Techniken – noch keine schützende Impfung entwickelt werden konnte. Daher braucht es weiterhin immer wieder neue Konzepte, um der stillen Epidemie Herr zu werden. So ein vielversprechendes neues Konzept entwickelte ein Forscherteam der Harvard-Universität unter der Leitung von Georg Stary. Ihnen gelang es erstmals, das Immunsystem so anzuregen, dass es sich effektiv gegen Chlamydien-Bakterien zur Wehr setzt.8 Und zwar direkt an der Eintrittspforte der Bakterien, wo auch die Entzündung entsteht – nämlich an der Schleimhaut. Dazu werden Chlamydien-Bakterien per UV-Licht abgetötet. Diese inaktiven Chlamydien binden mit Hilfe von speziellen Nanopartikeln an einen Hilfsstoff (Adjuvans) und werden über eine Schleimhautoberfläche (z.B. der Nase) verabreicht. Dadurch werden Gedächtniszellen über die Art und den Ort der vermeintlichen Infektion informiert. Zusätzlich zu den Gedächtniszellen werden auch Abwehrzellen gebildet, die direkt in die Schleimhaut einwandern und dort ebenfalls Gedächtniszellen bilden. Das Konzept erzeugt somit eine doppelte Immunantwort und wirkt wie ein Turbo für das Immunsystem. Diese Erkenntnis könnte künftig auch den Weg für Impfungen anderer Typen von Schleimhaut-Infektionen ebnen. Weitere Anwendungen, inklusive Vakzine zum Schutz vor Krebserkrankungen, werden bereits erforscht.9

Schützt Meningokokken-B-Impfung auch vor Tripper? mRNA-Technologie „game changer“ bei HIV?

Generell ist auf dem Gebiet der Impfstoff-Forschung zurzeit viel in Bewegung. So liefert die Auswertung von australischen Patientendaten einen ersten Hinweis, dass Impfstoffe gegen Meningokokken der Gruppe B auch vor Tripper schützen könnten. Der Grund könnten die genetischen Ähnlichkeiten der beiden auslösenden Bakterien Neisseria meningitidis und Neisseria gonorrhoeae sein.10 Weiters wurde begonnen, mithilfe der neuen mRNA-Technologie einen HIV-Impfstoff zu entwickeln. „Im Gegensatz zur COVID-19-Erkrankung, gegen die innerhalb eines Jahres nach Identifizierung des Virus ein effektiver Impfstoff Marktreife erlangte, gibt es 28 Jahre nach Entdeckung von HIV-1 noch immer keine schützende Impfung“, berichtet Univ.-Prof. Dr. Erwin Tschachler, Editor-Elect Journal of Investigative Dermatology und an der Universitätsklinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien. Ein wichtiger Unterschied zwischen COVID-19 und HIV-1 sei, dass bei ersterem die Infektion in erster Linie durch freies Virus in Aerosolen erfolgt, während die Übertragung von HIV-1 im Rahmen des Geschlechtsverkehrs passiert. Dadurch kommt es auch zur Übertragung von HIV-1-infizierten Immunzellen, die als „trojanische Pferde“ durch die Schleimhaut in den Empfänger-Organismus eindringen und dort beginnen, ungehindert Virus zu produzieren. „Die neue Technologie mittels mRNA-Impfung könnte eine Option sein, die auch bei HIV funktionieren könnte, da man damit relativ gefahrlos mRNA für verschieden Virusproteine in den Organismus einbringen könnte“, sagt Tschachler. Im August wurde mit der Erprobung eines mRNA-basierten HIV-Impfstoffs begonnen.11 „Es ist zu hoffen, dass die neue Klasse von mRNA-Impfstoffen das Potenzial hat, auch bei HIV-1 ein „game changer“ zu sein.“

Gesellschaft der Ärzte: Medizingeschichte trifft Moderne

Die Gesellschaft der Ärzte (GDÄ) ist die traditionsreichste medizinische Gesellschaft Österreichs. Ihre historische Bibliothek im „Billrothhaus“, dem Sitz der Gesellschaft, beherbergt einen unermesslichen Schatz an medizinischer Literatur im Herzen von Wien. So besitzt die Gesellschaft auch Schriften von Paracelsus, der sich bereits sich im 16. Jahrhundert intensiv mit der Behandlung der „Lustseuche“ Syphilis beschäftigte, die damals in Europa wütete. „Unsere Bibliothek zählt zu den ältesten medizinischen Fachbibliotheken im deutschsprachigen Raum und gilt mit rund 70.000 Schriften bis heute als die größte private Sammlung medizinischer Literatur in Europa“, so GDÄ-Präsidentin Univ.-Prof. Dr. Beatrix Volc-Platzer. „Diese spannenden medizinhistorischen Überlieferungen und die aktuelle Relevanz von Infektionskrankheiten in epidemischem bis pandemischem Ausmaß waren für unsere Gesellschaft Anlass, diesem Thema neues Gehör zu verschaffen.“ Im Frühjahr 2022 folgt auch eine Bücherausstellung zum Thema Lust & Seuche, die für die breite Bevölkerung zugänglich sein wird.

Auch die Moderne kommt nicht zu kurz: Die Gesellschaft war Vorreiter der Digitalisierung im medizinischen Bereich. Die Türen des „Billrothhauses“ stehen aber nicht allein ihren Mitgliedern offen. Auch die interessierte Bevölkerung kann im Rahmen einer geführten „Medical History Tour“ in die Geschichte der „Zweiten Wiener Medizin“ eintauchen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts Weltruhm erlangte, oder die imposante Location mieten.

1 Rowley J et al.: WHO Bulletin. June 2019.

2 Report on global sexually transmitted infection surveillance, 2018. Geneva: World Health Organization; 2018.

3 Unemo M et al., Lancet Infect Dis 2017; 17(8):e235–e279.

4 ECDC, 2021. Technical Report. Technologies, strategies and approaches for testing populations at risk of sexually transmitted infections in the EU/EEA.

5 Jahrbuch der Gesundheitsstatistik 2016 und 2019, Statistik Austria

6 Buder et al. Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft 17:287-315, 2019.

7 Mlynarczyk-Bonikowska B et al. Med Microbiol Immunol 209:95-108, 2020.

8 Stary G et al. Science. 2015 Jun 19;348(6241):aaa8205.

9 Ferber S et al. Adv Mater. 2020 Apr;32(13):e1903847.

10 Petousis-Harris H et al. Lancet. 2017 Sep 30;390(10102):1603-1610.

11 https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT05001373

 

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)