AT: Korosec: „Angehörige müssen wieder Angehörige sein dürfen!“

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Belastende Angehörigenpflege zerrüttet das Verhältnis zwischen Angehörigen und zu Pflegenden. Seniorenbund-Präsidentin erhöht Druck für Entlastung bei Pflegereform.

Wien (OTS) – Sie sind eine „unsichtbare Armee“: 900.000 Angehörige, davon beinahe zwei Drittel Frauen, pflegen in Österreich 80 Prozent der Pflegebedürftigen. „Unbemerkt, in der Regel unbezahlt – aber jedenfalls unbezahlbar! Sogar das Sozialministerium gibt zu, dass unser Pflegesystem ohne die Arbeit Angehöriger zusammenbrechen würde“, betont Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec anlässlich des Tags der pflegenden Angehörigen am 13. September.

Korosec warnt, dass diese scheinbare Freiwilligkeit aber systemischer Zwang sei: „Wer pflegebedürftige Familienmitglieder nicht in ein Heim geben möchte oder sich den Heimplatz nicht leisten kann, dem wird gar keine andere Wahl gelassen, als selbst zu pflegen. Der Lohn für diesen aufgezwungenen Fulltime-Job sind chronische Überlastung und Selbstausbeutung sowie drohende Altersarmut bei Frauen, die ihr Berufsleben hintanstellen müssen.“ Außerdem weist sie darauf hin, dass die anhaltende Belastung „die mehrheitlich über 60 Jahre alten Angehörigen zu den Pflegebedürftigen von morgen macht“.

Sich mehr als Pfleger denn als Angehöriger fühlen – das kann nicht gutgehen!

Das Schlimmste: Angehörigen werden ihre Rolle und ihr Recht genommen, Angehörige zu sein. „Im aktuellen System können sie gar nicht anders, als sich früher oder später mehr als Pflegekräfte, denn als Angehörige zu fühlen“, erklärt Korosec. „Damit wird ihnen die unbeschwerte gemeinsame Zeit mit ihren Liebsten und damit eines der höchsten Güter genommen, die sie in dieser belastenden Situation noch haben! Das zerrüttet langfristig auch die sozialen Beziehungen zwischen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Das ist unfair und geschieht rein aus dem mangelnden Willen der Verantwortlichen, Alternativen zu fördern – das kann und wird nicht mehr gutgehen!“, so die Seniorenbund-Präsidentin.

Angehörige brauchen Freizeit, Hilfe und Entlastung. Das bedeutet für die Pflegereform:

  • Breiter Ausbau mobiler und teilstationärer Pflegedienste und stärkere Förderungen für leistbare professionelle Pflege.
  • Zentrale Anlaufstelle für Pflege und Betreuung mit Unterstützung in Finanzierungs- und Organisationsfragen.
  • Ausbau der Betreuung und Unterstützung pflegender Angehöriger durch Case- und Care-Management sowie Community Nurses.

„Töchter und Ehefrauen haben es verdient, wieder Töchter und Ehefrauen sein zu dürfen, genauso wie das bei Söhnen und Ehemännern der Fall ist! Nur dann ist eine Pflegereform eine echte Reform“, betont Korosec abschließend.

Über Markus Golla 10105 Artikel
Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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