AT: Kardiologie-Kongress diskutiert „Herzen unter Druck“

5. Juni 2018 | News Österreich | 0 Kommentare

Wien (OTS) – Vom 6. bis 9. Juni 2018 findet in Salzburg die Jahrestagung der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft statt – unter dem Motto „Under Pressure – das Herz im gesellschaftlichen Wandel“. Neue Herausforderungen durch die herzschädigenden Auswirkungen von Stress, ungesunden Lebensstil und zu wenige Kontrolluntersuchungen werden auf dem Kongress diskutiert – diese drohen viele Fortschritte der modernen Kardiologie wie zum Beispiel die abnehmende Sterblichkeit zu neutralisieren. Weitere thematische Highlights sind die enormen Potenziale der digitalen Kardiologie für eine individualisierte Medizin und die beeindruckenden Fortschritte der interventionellen Kardiologie bei der schonenden Behandlung von Herzklappen.

Die Fortschritte der modernen Herz-Medizin verlängern unser Leben deutlich, der Rückgang der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit beträgt seit 1970 über 60 Prozent. Doch zuletzt nahmen Häufigkeit und Sterblichkeit wieder zu. Fehlernährung, Übergewicht, Bewegungsarmut, Rauchen, zu wenige Untersuchungen von Blutdruck, Blutfetten und Blutzucker neutralisieren viele Fortschritte der Herz-Medizin. Das gilt ganz besonders für das Zeitphänomen Stress, der ein eigenständiger Risikofaktor für Herzerkrankungen ist. Die Jahrestagung der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft steht deshalb heuer unter dem Motto „Under Pressure – das Herz im gesellschaftlichen Wandel“. Kardiologen empfehlen, der psychosozialen Situation von Patientinnen und Patienten mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Wien, Dienstag 5. Juni 2108 – „Auch dieses Jahr können wir eine Leistungsschau der modernen Herz-Medizin bieten, die maßgeblich dazu beiträgt, dass wir immer älter werden“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Andrea Podczeck-Schweighofer, Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (SMZ Süd – Kaiser Franz-Josef-Spital) bei der Vorab-Pressekonferenz der Jahrestagung der ÖKG (6. bis 9. Juni im Salzburg Congress), die unter dem Motto „Under Pressure – das Herz im gesellschaftlichen Wandel“ steht.

Heute beträgt die Lebenserwartung bei Männern 79,1 Jahre, bei Frauen 84 Jahre, vor 4 Jahrzehnten waren es noch 66,8 und 73,5 Jahre. Damals verstarben in Österreich rund 47.000 Personen pro Jahr an einer Herz-Kreislauferkrankung, heute etwa ein Viertel weniger, obwohl die Bevölkerung massiv gewachsen und deutlich älter geworden ist. „Altersstandardisiert beträgt der Rückgang der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit seit 1970 über 60 Prozent“, so die ÖKG-Präsidentin. „Allerdings, und das ist die Schattenseite der kardiologischen Erfolgs-Story, sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch immer die häufigste Todesursache.“

Der aktuelle „Deutsche Herzbericht“, verzeichnet bei der Häufigkeit der verbreitetsten Herzkrankheiten teils deutliche Anstiege gegenüber 2015. Auch die Sterbeziffer ist 2015 bei diesen Krankheiten im Vergleich zu 2014 etwas gestiegen.1) „Die Herausforderungen an die moderne Herz-Medizin bestehen also weiterhin, möglicher Weise stehen wir sogar vor einer Trendwende“, so Prof. Podczeck-Schweighofer. Ein Grund dafür ist, dass Fehlernährung, Übergewicht, Bewegungsarmut und Rauchen viele Fortschritte der Herz-Medizin wieder neutralisieren. Ein zweiter ist, dass Risikofaktoren wie erhöhter Blutdruck, ungünstige Cholesterinwerte und hohe Blutzuckerspiegel unerkannt bleiben, weil viele Menschen nicht zu Untersuchungen gehen.

„Under pressure“: Wie Stress den Herzen schadet

„Eine weitere Ursache ist zweifellos der Stress, deshalb unser Kongress-Motto ‚Under pressure‘. Die psychische Belastung vieler Menschen ist unübersehbar“, sagt die ÖKG-Präsidentin. Eine aktuelle Umfrage einer deutschen Krankenkasse zeigt, dass sich jeder 2. Befragte von Burn-out bedroht fühlt, jeder 7. sehr stark. Als Hauptgründe für das Gefühl völliger Erschöpfung wurden ständiger Termindruck, emotionaler Stress durch Kunden oder Patienten, Überstunden und schlechtes Arbeitsklima genannt.

Stress ist eigenständiger Risikofaktor für Herzerkrankungen – Das Broken Heart Syndrom

„Stress ist ein eigenständiger Risikofaktor für Herzerkrankungen“, erklärt Prof. Podczeck-Schweighofer. „Bei Stress-Tests zeigte sich, dass Stressgefährdete auch körperlich anders auf Belastung reagierten als andere Menschen: Bei ihnen stieg der Blutdruck und die Zahl blutverklumpender Leukozyten deutlich höher an.“ 2)

Schlimmsten Falls kann die Stress-Belastung tödlich enden, zum Beispiel durch plötzlichen Herztod. „In nur etwas mehr als zehn Prozent der Fälle sind davon Risikopatienten betroffen, die nach einem Herzinfarkt bereits an einer Herzmuskelschwäche litten oder eine andere Herzerkrankung hatten. Dem plötzlichen Herztod geht meistens eine längere Phase mit chronisch depressiver Stimmungslage voraus“, sagt Prof. Podczeck-Schweighofer. „Solche Menschen sind dann in einer akuten Stresssituation besonders gefährdet. Wer mit Stress besser umgehen kann, hat ein niedrigeres Risiko für plötzlichen Herztod.“

Physiologisch gesehen sind die direkten Auslöser des plötzlichen Herztodes meistens Herzrhythmusstörungen oder das Broken Heart Syndrom (Stress-Kardiomyopathie), bei dem es zu einer krampfartigen Verengung der Herzkranzgefäße kommt. Bei Männern ist körperlicher Stress der häufigste Auslöser für das Broken Heart-Syndrom, bei Frauen emotionaler Stress. Neu ist die Erkenntnis, dass der Auslöser körperlicher Stress die Prognose sowohl bei Frauen und Männern erheblich verschlechtert. Patienten mit einem Broken Heart Syndrom erleiden außerdem innerhalb von fünf Jahren deutlich häufiger einen Schlaganfall als Infarkt-Patienten.3)

Wie Stress und Diabetes können zusammen hängen können

Das Protein FKBP51 ist an der Regulierung des Stress-Systems beteiligt. Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie hat jetzt nachgewiesen, dass dieses Stressprotein als molekulares Bindeglied zwischen dem Stress-Regulationssystem und Stoffwechsel-Vorgängen im Körper agiert. FKBP51 beeinflusst im Muskelgewebe eine Signalkaskade, die bei zu großer Kalorienzufuhr zur Entstehung von Glukoseintoleranz führt, dem Kernsymptom von Typ-II-Diabetes. Fettreiche, ungesunde Ernährung bedeute Stress für den Körper. FKBP51 werde daraufhin vermehrt im Muskel gebildet und führe dazu, dass Glukose vermindert aufgenommen wird – so können Diabetes und Fettleibigkeit entstehen.4)

Lärm am Arbeitsplatz erhöht das Herz-Kreislauf-Risiko

„Wir wissen heute, dass Lärm im Beruf das KHK-Risiko erhöhen, besonders hoch ist die Gefahr bei Menschen unter hohem psychischem Druck“, so Prof. Podczeck-Schweighofer. Wissenschaftler haben die Daten von 5.753 Männern ausgewertet. Probanden, die in ihrem Berufsleben Geräuschpegeln mittlerer Stärke (75–85 Dezibel) ausgesetzt waren, hatten im Vergleich zu jenen mit einer Lärmbelastung unter 75 Dezibel ein um 15 Prozent höheres KHK-Risiko. Bei hohem Lärmpegel (> 85 Dezibel) war das Risiko um 27 Prozent höher.5)

Straßenlärm schadet dem Herz – Mobilität kann krank machen

„Auch Straßenlärm schadet dem Herz. Lärm durch Straßen-, Schienen- und Flugverkehr begünstigt die Entstehung von Bluthochdruck, Herzinfarkten und Schlaganfällen“, so die ÖKG-Präsidentin.Eine Gesundheitsgefährdung stellt laut WHO ein Schalldruckpegel oberhalb von 65 Dezibel dar. (Eine normale Unterhaltung verursacht einen Lärmpegel von etwa 60 Dezibel) In einer Metaanalyse ging jede durch Straßen- oder Flugverkehr verursachte Schalldruckpegel-Änderung von 10 Dezibel (ab 50 Dezibel) mit einem 6 Prozent signifikant erhöhtem KHK-Risiko einher.

Ein unter Lärmbelastungen beobachteter Anstieg des Blutdrucks, der Blutzuckerwerte und der Herzfrequenz kann ebenfalls das Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen. Studien gehen davon aus, dass Lärm eine Stressreaktion hervorruft, mit Aktivierung des sympathischen Nervensystems, einer verstärkten Ausschüttung von Katecholaminen, Kortison und Angiotensin-II, die letztlich zu einer Störung der Gefäßfunktion führt.6)

Auch Mobilität kann krank machen. Nach einer Umfrage einer deutschen Versicherung sind Verkehrsstaus für 63 Prozent derer, die sich als Pendler belastet fühlen, der Hauptgrund für Stress. 29 Prozent stresst der Zeitaufwand für den Arbeitsweg, jeweils zehn Prozent ärgern sich über Verspätung oder Ausfall von Bussen und Bahnen oder deren Überfüllung. Die Belastung der Pendler korreliert mit der Dauer des Arbeitswegs.7)

Mehr Aufmerksamkeit für die psychosoziale Situation

„Aus all dem sollte die Konsequenz gezogen werden, der psychosozialen Situation von Patientinnen und Patienten mehr Aufmerksamkeit zu widmen: Schon das gezielte Ansprechen der Lebenssituation und des psychischen Befindens kann einen therapeutischen Wert haben. Bei Verdacht auf psychische Probleme sollten Kardiologen die Betroffenen an Spezialisten überweisen“, sagt Prof. Podczeck-Schweighofer. „Zumindest sollten bei Patientinnen und Patienten, die über chronischen Stress klagen, andere kardiovaskuläre Risikofaktoren besonders sorgfältig abgeklärt und wenn nötig angemessene Behandlungen eingeleitet werden. In den meisten Fällen sind mehr körperliche Bewegung, ein gezieltes Stressmanagement oder Entspannungstechniken ausreichend und können das Herz-Kreislauf-Risiko senken.“

1)    Deutscher Herzbericht 2017
2)    https://dgk.org/pressemitteilungen/2017-jahrestagung/2017-jt-aktuelle-pm/2017-jt-aktuelle-pm-tag2/stress-ist-eigenstaendiger-risikofaktor-fuer-ploetzlichen-herztod/
3)    El-Bettrawy et al. Short- and long-term incidence of stroke in Takotsubo syndrome. Clin Res Cardiol 107, Suppl 1, April 2018
4)    Ärzte Zeitung online, 12.12.2017; Balsevich et al.: Stress-responsive FKBP51 regulates AKT2-AS160 signaling and metabolic function; Nature communications, DOI: 10.1038/s41467-017-01783-y
5)    Erikson et al.: Longitudinal study of occupational noise exposure and joint effects with job strain and risk for coronary heart disease and stroke in Swedish men; BMJ Open 2018;8:e019160
6)    Am Coll Cardiol 2018; 71: 688–97; Ärzte Zeitung online, 29.03.2018
7)    Ärzte Zeitung online, 11.01.2018; Ärzte Zeitung online 21.04.2018

 

Immer mehr schonende Katheter-Interventionen bei defekten Herzklappen

Die interventionelle Kardiologie ermöglicht die schonende Behandlung eines zunehmenden Anteils der Eingriffe bei Mitral- und Aortenklappen-Schäden. Die Patientenzahlen werden auch in der Zukunft steigen. Aufgrund aktueller Daten ist anzunehmen, dass minimalinvasive – ohne offene Operation mit Herz-Lungen-Maschine – Therapieoptionen für immer mehr Patienten in Frage kommen werden. 

Wien, Dienstag 5. Juni 2018 – „Herzklappen-Erkrankungen werden immer häufiger, und in den vergangenen Jahren hat sich deren Behandlung radikal weiterentwickelt. Es steigt die Anzahl der Betroffenen, die mittels schonenden, Katheter-basierten Eingriffen ohne offene Operation mit Herz-Lungen-Maschine versorgt werden können“, sagt Univ.-Prof. Dr. Christian Hengstenberg (Leiter der Universitätsklinik für Kardiologie der MedUni Wien/AKH Wien) anlässlich der Jahrestagung der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG).

Die häufigste Herzklappen-Erkrankung ist die Mitralklappen-Insuffizienz, der Anteil von Personen mit per Herz-Ultraschall festgestellter, zumindest leicht undichter Mitralklappe wird mit rund 20 Prozent angegeben. Knapp ein Drittel der Herzklappenoperationen in den westlichen Industrienationen betreffen Patienten mit Mitralklappen-Insuffizienz. „Immer mehr Patienten werden über Kathetereingriffe durch die Leistenvene gemeinsam von der interventionellen Kardiologie mit der Herzchirurgie behandelt“, sagte der Klinikchef. In Frage kommen solche Eingriffe vor allem für Patienten im Alter über 75 Jahren und mit erhöhtem Operationsrisiko, das durch teilweise schwere Begleiterkrankungen verursacht ist.

Mitralklappen-Clipping setzt sich durch

Bei der Behandlung der Mitralklappen-Undichtigkeit hat sich das Mitralklappen-Clipping als Technik weitgehend durchgesetzt. Bei dieser Methode wird unter Vollnarkose über die Leistenvene ein Katheter in das rechte Herz und mittels Punktion der Herzscheidewand in das linke Herz vorgeschoben. An der Spitze des Katheters befindet sich der Clip, der dann unter Ultraschallkontrolle an der richtigen Stelle zwischen den Segeln der Mitralklappe platziert wird und die „Segel“ der Klappe zusammen­heftet. „Während die Technik des Mitralklappen-Clipping seit 2012/2013 immer breiter angewendet wird, sind die Ergebnisse beim Totalersatz der Mitralklappe bisher nicht überzeugend“, betont der Experte. Es müsse sich in der Zukunft herausstellen, welcher Anteil von Patienten durch interventionelle Verfahren gut behandelt werden kann.

Aortenklappe: TAVI ist Therapieoption für immer mehr Patienten

Völlig anders ist die Situation bei der Aortenklappen-Stenose. „Etwa vier Prozent der Menschen über 75 Jahre leiden an einer Aortenklappen-Stenose. Die Zahl der Betroffenen steigt, weil die Menschen älter werden“, sagt Prof. Hengstenberg. Auch hier setzen sich interventionelle Ansätze immer mehr durch. „Ich schätze, dass in der Zukunft etwa die Hälfte der notwendigen Eingriffe per Operation, die andere Hälfte per Katheter-Intervention erfolgen wird“, so der Spezialist. Wie auch bei der Mitralklappen-Insuffizienz werden jüngere Patienten in besserem Gesundheitszustand eher chirurgisch versorgt, aber die interventionellen Eingriffe machen einen immer größeren Anteil aus. Bei diesen TAVI-Interventionen (Transcatheter Aortic Valve Implantation; perkutaner Aortenklappen­ersatz) wird über einen Katheter eine zusammengefaltete „neue“ Herzklappe bis in Herz geschoben, wo sie aufgefaltet und verankert wird. „Dieser Ersatz ist deutlich einfacher als bei der Mitralklappe“, sagt Prof. Hengstenberg.

Aktuelle Zahlen belegen den wachsenden Stellenwert der TAVI-Interventionen. In den großen Studien (PARTNER 2 und SurTAVI) zeigte sich auch bei Patienten mit mittlerem Operationsrisiko mindestens eine Gleichwertigkeit zwischen dem Katheter-gestützten, minimalinvasiven Eingriff und der herkömmlichen Herzklappenoperation. Auf der Basis dieser Daten wurde in den aktuellen europäischen Leitlinien die Indikation für TAVI auf größere Patientengruppen erweitert.

Rückläufige Sterblichkeit, gute Haltbarkeit der Prothesen

Deutsche Qualitätssicherungsdaten zeigen, dass die Krankenhaus-Sterblichkeit bei TAVI-Patienten, ohne Berücksichtigung von Risikokategorien und Schweregraden, geringer oder gleich ist wie bei Chirurgie-Klappenpatienten. Die Krankenhaus-Sterblichkeit war bei Patienten mit hohem und mittlerem Risiko nach TAVI signifikant niedriger als bei einem chirurgischen Eingriff (11,3% versus 23,6% bzw. 4,1% versus 9,2%). Sogar bei Niedrigrisiko-Patienten war die Sterblichkeit im Spital nach den beiden Eingriffen vergleichbar (1,6% versus 1,4%). „Derzeit liegt die Sterblichkeit der Patienten innerhalb des ersten Jahres nach TAVI-Eingriff bei drei bis vier Prozent. Das ist eine sehr positive Entwicklung, vor einigen Jahren waren es noch etwa zehn Prozent“, sagt Prof. Hengstenberg.

Ebenso mehren sich die Langzeit-Daten für die Haltbarkeit der Prothesen. Prof. Hengstenberg: „Aufgrund der bereits vorliegenden Daten ist anzunehmen, dass die TAVI bald eine Therapieoption für die meisten Patienten mit einer Aortenklappen-Stenose sein wird.“

Entscheidungen werden im Heart Team getroffen

Die Entscheidung, ob bei Herzklappenschäden die Patienten chirurgisch oder interventionell versorgt werden, erfolgt im Heart Team. Spezialisierte Chirurgen, Kardiologen und Röntgenologen diskutieren das in jedem einzelnen Fall. Prof. Hengstenberg: „Am AKH Wien werden solche Eingriffe auch in einem neuen Hybrid-Operationssaal durchgeführt, der sowohl interventionelle Eingriffe als auch das sofortige Wechseln zur Chirurgie ermöglicht. Gleichzeitig stehen alle Möglichkeiten der Herz-Bildgebung zur Verfügung.“

Quelle: L. Gaede et al.Transvascular transcatheter aortic valve implantation in 2016 in Germany:In-hospital mortality numerically lower than for isolated surgical valve replacement. Clin Res Cardiol 107, Suppl 1, April 2018

Kardiologie im digitalen Zeitalter: Genauere Diagnosen, präzisere Prognosen, gezieltere Therapien

Wien, Dienstag 5. Juni 2018 – „Die Digitalisierung der Kardiologie entwickelt sich rasant weiter. Selbstlernende Analysesysteme für „Big Data“ dürften eine Revolution einläuten, und diese Entwicklung ist bereits voll im Anrollen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Julia Mascherbauer (Leiterin des MRT-Labors der Universitätsklinik für Kardiologie, Oberärztin des Herzkatheterlabors, des Hybrid-OP und der Herzinsuffizienzambulanz, MedUni/AKH Wien)auf einer Pressekonferenz anlässlich der Jahrestagung der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft.

Nicht das Sammeln von Informationen, sondern die sinnvolle Auswertung dieser enormen Informationsfülle wird das Problem der Zukunft sein. Prof. Mascherbauer: „Wenn das gut gelingt, werden die Therapien präziser und besser auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden können. Das ist unser Ziel. Die Tätigkeit des Arztes wird sich dadurch natürlich verändern, man wird unter anderem verstärkt als Berater des Patienten bei Entscheidungen fungieren müssen.“

Eine Entwicklung in einem kleinen Teilbereich: Nach wie vor wird das EKG oft auf Papier ausgedruckt und nicht digital abgespeichert. Das bedeutet, dass, wenn dieser Streifen Papier verloren geht, die Information weg ist. Das wird es in Zukunft in Spitälern nicht mehr geben. Das bedeutet aber auch, dass diese Daten automatisiert ausgewertet werden können, nicht nur von Fall zu Fall, sondern dass auch Veränderungen im Vergleich zu den Vor-EKGs automatisch detektierbar sein werden. „Da wird es selbst lernende Systeme geben, welche die Auswertungen selbstständig immer weiter verbessern und verfeinern“, sagt Prof. Mascherbauer. „Wir werden in Zukunft den quasi-papierlosen Krankenakt haben. Der Unterschied liegt aber nicht so sehr darin, dass wir plötzlich viele neue Daten sammeln, sondern dass diese Daten überall und zu jeder Zeit verfügbar sein werden. Deshalb brauchen wir in Zukunft Algorithmen, also Software-Lösungen, die uns auf das Wichtige hinweisen.“

Konkretere Vorhersagen zur Prävention und Prophylaxe

Auf diese Weise wird die Kardiologie der Zukunft auch in die Big Data-Szene hineinwachsen. Durch Speicherung und Auswertung großer Datenmengen, einschließlich genetischer Informationen und anderen Biomarkern, wird man wohl in Zukunft deutlich besser vorhersagen können, wie und wann eine Krankheit entsteht, und was dagegen prophylaktisch und später therapeutisch getan werden könnte.

„Da wird es beispielsweise darum gehen, zu bestimmen, welcher Mensch bezüglich seiner Herz-Gesundheit schon frühzeitig eine aufwendige Prävention oder sogar eine prophylaktische Therapie benötigt, und welcher nicht“, sagt die Kardiologin. „Bisher werden solche Interventionen vor allem über Kriterien wie Alter, Geschlecht, Familiengeschichte und Laborwerten wie dem LDL-Cholesterin gesteuert. Diese Kriterien sind aber noch relativ grob. In Zukunft wird eine zunehmende Personalisierung erfolgen – auf der Basis von für jeden Einzelnen vorliegenden Daten und auf der Basis der Auswertung riesiger Informationspools.“

Komplexitätsforscher der MedUni Wien (Complexity Science Hub Vienna) haben bereits wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt, in denen sie aus anonymisierten Daten der Sozialversicherung „Krankheitskarrieren“ vorausberechnen. Tritt im Laufe des Lebens eine Ersterkrankung auf, kann ziemlich genau prognostiziert werden, an welchen Krankheiten der Betroffene danach noch zusätzlich erkranken wird. Prof. Mascherbauer: „Das könnte eine gezieltere Prävention ermöglichen. Auch die Frage, ob ein Medikament aller Wahrscheinlichkeit nach bei einem bestimmten Patienten wirken wird oder nicht, könnte in Zukunft via Algorithmen geklärt werden.“

Ärzte werden verstärkt zu Beratern der Patienten bei kritischen Entscheidungen 

Das wird auch zu problematischen Situationen führen. Nicht alle wollen gern im Voraus wissen, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie wann eine schwere Erkrankung entwickeln werden. „Aber möglicherweise werden wir Ärztinnen und Ärzte durch diese Entwicklung wieder näher an die Patienten herankommen, wenn wir die vorhandene Zeit nicht mehr dafür verwenden müssen, buchstäbliche ‚Zettel‘ mit Informationen über die Kranken zusammenzusuchen. Wir werden wohl wieder mehr Berater der Patienten bei kritischen Entscheidungen sein“, sagt Prof. Mascherbauer. Ein völlig anderes Feld sei natürlich die interventionelle Kardiologie, bei der weiterhin Ausbildung, Erfahrung und Praxis der Tätigen entscheidend sein werden.

Umbruch durch die Digitalisierung der bildgebenden Untersuchungen 

„Einen Umbruch sehe ich auch durch die Digitalisierung der bildgebenden Untersuchungen in der Kardiologie – und nicht nur dort – kommen. Es gibt bereits Algorithmen, die Lungenröntgen vollautomatisch befunden können, in Studien wurde eine mindestens gleich gute Befundungsqualität des Computers im Vergleich mit Fachärzten für Radiologie beschrieben“, so Prof. Mascherbauer. „In Wien arbeiten wir derzeit gemeinsam mit Fachleuten für künstliche Intelligenz der MedUni Wien an einem System, mit dem MRT-Daten ausgewertet werden. Dabei geht es um die Herz-Amyloidose. Diese gilt als ‚Seltene Erkrankung‘, ist aber gar nicht so selten, sie wird nur oft nicht diagnostiziert.“ Die Symptome ähneln jenen einer Herzschwäche, und es besteht bei der Diagnose Verwechslungsgefahr. Bei der kardialen Amyloidose handelt es sich um eine Speicherkrankheit, bei der sich in ihrer Form veränderte, körpereigene Eiweiße (Amyloid) im Herzmuskel ablagern. Es kommt zu einer Verdickung des Herzmuskels und zu einer Versteifung des Herzens, was Dehnbarkeit und Pumpfunktion beeinträchtigt.

„Bei unserer Studie gemeinsam mit Frau Professor Bonderman, die die Amyloidose-Patienten klinisch betreut, geht es um einen Algorithmus, mit dem man anhand der MR-Bildgebung Zeichen für diese Erkrankung automatisiert erkennen kann. So könnten beispielsweise auch Krankenhäuser ohne Spezialisierung auf diesem Gebiet Hinweise erhalten, dass bei einem Patienten eine kardiale Amyloidose vorliegt“, sagt Prof. Mascherbauer. „Aber diese Reise hat erst begonnen, und ich erwarte mir von der Digitalisierung noch viele Revolutionen in der modernen Kardiologie.“

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)